Russische Aktivistin Liana Klewtsowa Nackttanken in Irkutsk

Liana Klewtsowa ist empört. Die Benzinpreise in Russland steigen und steigen. Aus Protest tankte sie nackt. Mit anderen barbusigen Aktivistinnen wie denen von Femen will das sibirische Model aber nicht verglichen werden. Hier sagt sie, warum.

Ein Interview von

Nacktprotest an Tankstelle: "Wer soll Russland helfen, wenn nicht wir?"
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Eines späten Abends stand Liana Klewtsowa im sibirischen Irkutsk an einer Tankstelle. Nackt. Sie ließ sich gemeinsam mit einem ebenfalls nur wenig bekleideten Freund fotografieren. Die Straßenszene war ein Protest gegen den Ölgiganten Rosneft: Während im vergangenen Jahr der Ölpreis um 37 Prozent fiel, stiegen die Benzinpreise an russischen Tankstellen um mehr als 11 Prozent. Seit Jahresbeginn legten sie weitere acht Prozent zu.

So etwas macht Klewtsowa, 19, wütend. Mit Aktionen wie dem Nackttanken hat es das Model zu einiger Berühmtheit im russischen Internet gebracht.

SPIEGEL ONLINE: Frau Klewtsowa, Sie haben für streikende Busfahrer demonstriert, gegen steigende Lebenskosten und hohe Benzinpreise - immer nackt. Ist das nicht etwas plump?

Klewtsowa: Nacktheit ist eben effektiv. Bei uns in Irkutsk haben neulich 500 Menschen gegen Umweltschäden am Baikalsee demonstriert, und niemand hat etwas davon erfahren, von Aktivisten abgesehen. Und ich habe alleine die ganze Region wegen eines sozialen Problems auf den Kopf gestellt, bloß mit meinem nackten Körper.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie gleich mit solchen Reaktionen gerechnet?

Klewtsowa: Nein, meine erste Aktion gegen steigende Hypothekenzahlungen vor einer Bank war als Witz gemeint. Dann berichteten große Medien darüber, und ich dachte mir: Das funktioniert doch! Ich muss mich bloß von diesem ganzen Politikdreck fernhalten.

SPIEGEL ONLINE: Sie halten Ihre Aktionen also für unpolitisch?

Klewtsowa: Genau! Soziale Probleme berühren doch alle, unabhängig von ihren politischen Überzeugungen, egal ob man für die Regierung ist oder gegen sie. Solche Probleme stehen außerhalb der Politik.

SPIEGEL ONLINE: Aber der Staat bestimmt doch die Rahmenbedingungen. Stichwort Sozialpolitik.

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Klewtsowa: Natürlich, aber schauen Sie: in einer Region ist zum Beispiel ein Liberaler für Stadtwerke verantwortlich, in einer anderen ein Kommunist mit Parteibuch. Chaos herrscht überall. Sind also die politischen Überzeugungen dieser Herren das Problem? Wichtig ist doch, dass wir Fachleute haben, die richtig sind an ihrem Arbeitsplatz und für das Wohl der Gesellschaft arbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Frau Klewtsowa, Ihre Form des Protestes ist kontrovers, aber nicht neu. Warum sind Sie nicht bei Femen? Die ziehen sich auch für einen guten Zweck aus.

Klewtsowa: Ich würde niemals Dinge tun wie Femen oder Pussy Riot. Ich schmeiße mich nicht nackt auf Polizisten, und ich tanze nicht in einer Kirche, um mit den Gefühlen der Gläubigen zu spielen. Meine Eltern meinen, ich sei jetzt berüchtigt und tun so, als hätte ich in einem Porno mitgespielt. Dabei achte ich bei meinen Aktionen darauf, keine Gesetze zu verletzen. Ich arbeite nachts, wenn mich keine zufälligen Passanten sehen können, keine Kinder und keine alten Leute. Ich will niemandem auf den Schlips treten, ich will, dass unser Land seine Probleme löst. Wer soll denn Russland helfen, wieder groß zu werden, wenn nicht wir? Die Regierung kann ja jeder kritisieren.

SPIEGEL ONLINE: Das sind ziemlich patriotische Parolen. Was haben Sie mit ihren Aktionen für Ihr Land erreicht?

Klewtsowa: Ich habe nichts gegen Patriotismus. Ich liebe mein Land, es steht vor großen äußeren Bedrohungen. Ich will nicht so sein wie diese sogenannten Liberalen, die von ihren politischen Gönnern aus dem Ausland für ihre Proteste bezahlt werden. Mich hat niemand fürs Ausziehen bezahlt, und ich konnte immerhin Aufmerksamkeit auf einige Probleme lenken.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Kritiker sagen, Sie benutzten aktuelle Themen, um Ihre Modelkarriere voranzubringen oder einen reichen Mann zu finden.

Klewtsowa: Aber ich habe doch gar keine Modelkarriere! Ich bin mit 1,67 Meter zu klein für den Laufsteg. Mit meinem Ingenieurstudium habe ich gute Berufsaussichten, die Frage nach einem reichen Mann stellt sich gar nicht. Eine intelligente Frau findet immer einen würdigen Lebenspartner.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 49 Beiträge
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JerryLee 20.05.2015
1. Benzinpreise?
Wohne z.Zt. in Sochi und stelle fest, dass die Benzinpreise immer noch gleich sind wie voriges Jahr!
Airkraft 20.05.2015
2. Bei diesem...
Bei diesem "Hausfrauenpanzer" könnte sie sich bestimmt auch noch höhere Sprit preise leisten. Ich vermute aber, dass sie weder für die Tankfüllung, noch für ihr "Gefährt" etwas bezahlen muss :-(
torfrock 20.05.2015
3. Tanken
Ich war heute Vormittag tanken. Habe nur Rentner gesehen. Wo war die schöne Alexandra?
d.hauskrett 20.05.2015
4. vernünftiger als ich dachte
wird ihrer modelkarriere zwar sicher zugute kommen, aber ihre abgrenzung zu femen gefällt mir
Airkraft 20.05.2015
5. Das nenne ich...
Zitat von torfrockIch war heute Vormittag tanken. Habe nur Rentner gesehen. Wo war die schöne Alexandra?
Das nenne ich jetzt wahre Tragik. Vermutlich waren deswegen auch keine Fotografen anwesend ;-)
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