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Abreise von Nadja Drygalla: Sport und Doppelmoral

Aus London berichtet

Nadja Drygalla hat das olympische Dorf verlassen - sie soll Kontakt zur rechten Szene haben. Der Mann, mit dem ihr eine Beziehung nachgesagt wird, ist für den Ruderverband kein Unbekannter: Er selbst fuhr früher im deutschen Achter.

DPA

Der Eklat von London hat eine Vorgeschichte: Amsterdam, im August 2006. Bei der Weltmeisterschaft der Junioren rudert Nadja Drygalla aus Rostock im deutschen Achter und wird Dritte. Michael Fischer aus Rostock wird Zweiter mit dem deutschen Achter. Sechs Jahre später macht die angebliche Beziehung zwischen Nadja Drygalla und Michael Fischer Schlagzeilen.

Denn Fischer ist mittlerweile ein weit über die Rostocker Szene hinaus bekannter Neonazi, der für die NPD bei der Landtagswahl antrat. Nadja Drygalla rudert immer noch und schied mit dem Achter bei diesen Olympischen Spielen im Hoffnungslauf aus. Ein "Ruder-Star", wie es nun in manchen Medien heißt, war sie nie - doch plötzlich macht sie mehr Schlagzeilen als der Olympiasieg des Deutschland-Achters der Männer.

Am Mittwoch erschien auf der Antifa-Internetseite "Kombinat Fortschritt" ein Beitrag, der die angebliche Verbindung zwischen Drygalla und Fischer thematisierte: "Mecklenburgische Neonazifreundin bei Olympischen Spielen". Einen Tag später wurde Nadja Drygalla, die in Eton im olympischen Dorf der Ruderer und Kanuten logierte, zur Teamleitung bestellt.

Etwa 90 Minuten hat sie sich mit Michael Vesper unterhalten, Chef de Mission und Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB). An dem Gespräch im Deutschen Haus nahm auch Mario Woldt teil, Sportdirektor des Deutschen Ruderverbandes (DRV). Danach war das olympische Abenteuer für Nadja Drygalla beendet.

Kurz vor Mitternacht verschickte der DOSB eine Pressemitteilung. Der DRV äußerte sich zwei Stunden später. Weder Fischer noch die NPD werden in den Texten erwähnt. DOSB und DRV erklärten, Nadja Drygalla habe das olympische Dorf verlassen, "um keine Belastung für die Olympiamannschaft entstehen zu lassen".

Trotzdem bleiben viele Fragen. Zum Beispiel behauptet der Ruderverband, erst am Donnerstag "Erkenntnisse zum privaten Umfeld" von Nadja Drygalla erhalten zu haben. Und das, obwohl Michael Fischer jahrelang in der Junioren-Nationalmannschaft ruderte und eine WM-Medaille holte? Was weiß der Ruderverband, der seine Sportler in wochenlangen Trainingslagern vorbereitet und über Tausende leistungsdiagnostische Daten seiner Athleten verfügt, wirklich über die Menschen, die er für Olympische Spiele auswählt? Warum hat Drygalla im vergangenen Jahr die Polizeischule Güstrow verlassen? Das Bundesinnenministerium, Hauptsponsor des olympischen Spitzensports, teilte mit: "Seit dem 30. September 2011 ist Frau Drygalla nicht mehr Polizeianwärterin."

Sport und Totalitarismus

DOSB-General Michael Vesper erklärte am Freitagmorgen eher beiläufig, er glaube "dass es vor einigen Monaten" im Ruderverband ein Gespräch mit Nadja Drygalla gegeben habe. Verantwortliche des DRV waren zur selben Zeit in Eton, beim zweiten Finaltag der Ruderer, der erneut Medaillen brachte. Vesper sagte, er wolle nicht über den DRV richten. Er wolle auch nicht über Nadja Drygalla richten, die im Gespräch am Vorabend überzeugend dargelegt habe, dass sie sich "auf dem Boden des Grundgesetzes und der Olympischen Charta bewege". Er wolle "eine Person danach bewerten, was sie selber denkt" und "nicht in ihre Privatsphäre eingreifen und persönliche Beziehungen bewerten".

Das olympische Grundgesetz wurde maßgeblich von einigen Nazis und bekennenden Sympathisanten faschistischen Ideenguts geprägt. Etwa von Carl Diem, Cheforganisator der Olympischen Spiele 1936 in Berlin, der den olympischen Fackellauf einführte, und von den ehemaligen IOC-Präsidenten Avery Brundage (USA) und Juan Antonio Samaranch (Spanien). Brundage hatte sich 1936 gegen Boykottaufrufe amerikanischer jüdischer Organisationen gewandt und damit Adolf Hitlers Propagandaspielen zugearbeitet. Samaranch war einst franquistischer Sportminister. Sport und Totalitarismus sind unheimliche Gefährten.

Hinweise auf Verbindungen ostdeutscher Sportler in die rechte Szene

Natürlich ist der Sport ein Spiegelbild der Gesellschaft. Natürlich gab es schon immer Hinweise auf Verbindungen vor allem ostdeutscher Kampfsportler in die rechte Szene. Neonazis rekrutieren ihren Nachwuchs gern unter Fußballfans - auch das ist seit langem bekannt. Sportverbände wie der DFB, der unlängst seine braune Funktionärsgeschichte aufgearbeitet hat, oder eben der DOSB versuchen, mit verschiedenen Projekten gegenzusteuern.

Ist Nadja Drygalla, die Olympiaruderin, eine Rechtsextreme? Michael Vesper, einst Mitbegründer der Grünen, sagt, er habe nicht den Eindruck. In der Hysterie der ersten Meldungen bittet er zu bedenken: "Wir reden über eine 23-jährige junge Frau. Ich habe mit ihr intensiv über ihre Entwicklung und ihre Haltungen gesprochen." Über Einzelfälle hinaus gebe es keine Hinweise, dass der Neofaschismus dem Leistungssport in Deutschland unheimlich nahe käme. "Diese These möchte ich entschieden zurückweisen", sagte Vesper.

"Ich glaube, der Sport ist schon ziemlich widerstandsfähig gegen die rechte Szene", sagte Martin Sauer, Steuermann des Deutschland-Achters. "Ich weiß, was im Grundgesetz steht", sagt Olympiasieger Sauer, der in Bochum Jura studiert, und referiert kurz über "Artikel 5 und die Meinungsfreiheit". Martin Sauer kennt Nadja Drygulla aus Trainingslagern und Wettkämpfen seit vielen Jahren. "Sie hat nirgendwo mal zum besten gegeben, dass sie überhaupt einen Freund hat."

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, Carl Diem sei NSDAP-Mitglied gewesen. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten, ihn zu entschuldigen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 24 Beiträge
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1.
mauskeu 03.08.2012
Zitat von sysopimago Nadja Drygalla hat das olympische Dorf verlassen. Sie soll Kontakte zur rechten Szene haben. Der Mann, mit dem ihr eine Beziehung nachgesagt wird, ist dem Ruderverband seit langem bekannt: Er selbst fuhr früher im deutschen Achter. Nadja Drygalla: Von der Doppelmoral im Sport - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,848100,00.html)
Ich halte die Aktion für falsch. Ich gehe davon aus, dass Drygalla ihre Position als Sportlerin nicht für "Propaganda" ausgenutzt hat. Unter dieser Voraussetzung hätte man sie unter dem Grundrecht der Meinungsfreiheit in Ruhe lassen sollen.
2. Na ja..
vincent1958 03.08.2012
...sie war auch noch Polizeianwärterin.Den gesellschaftlichen "Schaden"als Ruderin halte ich eher für begrenzt,aber als mögliche Polizistin.....?Versuchen Sie mal als KPD Mitglied Polizeibeamter zu werden:-)
3.
rakatak 03.08.2012
Ich stimme Ihnen zu. Allerdings, es gibt auch rechtes Gedankengut, das weder 'Bodensatz' noch 'Neo-Nazi' ist. Das möchte ich doch auch gerne mal zum Besten geben. In der deutschen Öffentlichkeit wird ja manchmal eine Hysterie entfacht, dass man meinen könnte, die Machtergreifung zum 'Vierten Reich' stünde kurz bevor. Danke für den Artikel, der etwas von der Aufregung nimmt, die dieses Thema aufkommen lässt.
4. Meinungsfreiheit
bigboley 03.08.2012
Wer entscheidet eigentlich, welcher Umgang angemessen ist und welcher nicht? Weder hat (soweit bekannt) Fischer etwas illegales getan (die NPD ist legal und wird sogar von uns Steuerzahlen finanziert! (Das ist viel schlimmer)) noch hat Drygalla Olympia für politische Zwecke genutzt, noch ist überhaupt nachgewiesen, wie ihre politische Einstellung hierzu ist. Was ist Meinungsfreihet eigentlich noch wert, wenn man angegangen wird, nicht für das was man privat sagt, nichtmal was man privat denkt, sondern nur dafür, dass man mit Menschen Umgang hat die das tun. Und selbst Fischers Meinung ist, solange nichts anderes in einem rechtstaatlichen Verfahren bewiesen ist, von der Meinungsfreiheit gedeckt! Ich finde es sehr befremdlich, dass unsere Prinzipien immer nur hochgehalten werden, wenn sie uns gerade passen!
5.
RoMa 03.08.2012
Zitat von sysopimago Nadja Drygalla hat das olympische Dorf verlassen. Sie soll Kontakte zur rechten Szene haben. Der Mann, mit dem ihr eine Beziehung nachgesagt wird, ist dem Ruderverband seit langem bekannt: Er selbst fuhr früher im deutschen Achter. Nadja Drygalla: Von der Doppelmoral im Sport - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,848100,00.html)
Ohjemine eine Rechte bei der Deutschen Polizei, das wäre ja ganz was Neues; ich lach mich schief! Die Propaganda für die rechte Szene übernimmt die Presse von alleine. Kein Mensch wäre auf die Idee gekommen, das der Onkel einer Grosstante, des Sohnes eines Neffen eines Sportlers Verbindungen zur rechten Szene hat, wenn die linke Presse es nicht ausgegraben hätte :D
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Nadja Drygalla - Biografie
Nadja Drygalla wurde am 31. März 1989 in Rostock geboren und lebt auch heute in der Hansestadt. Drygalla ist Mitglied im Olympischen Ruderclub Rostock von 1956. Sie rudert seit ihrer Kindheit.
Ausbildung
Sie erlangte die mittlere Reife und absolvierte in einem Hotel erfolgreich eine Ausbildung zur Sport- und Fitnesskauffrau.

2008 begann sie eine weitere Ausbildung zur Polizistin. Sie gehörte der Sportfördergruppe der Landespolizei Mecklenburg-Vorpommern an und konnte weiterhin im Olympischen Ruderclub Rostock trainieren.
Polizeidienst
Ende September 2011 beendete sie vorzeitig und auf eigenen Wunsch ihren Vorbereitungsdienst an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung, Polizei und Rechtspflege in Güstrow. Sie ist damit keine Polizistin mehr.
Sportliche Erfolge
Bei den Weltmeisterschaften der unter 19-Jährigen holte Drygalla im Jahr 2006 eine Bronzemedaille und im Jahr 2007 eine Silbermedaille.

Bei den deutschen Meisterschaften 2011 kam sie im Vierer ohne und im Achter auf den ersten Platz.

Drygalla gehörte in diesem Jahr zum deutschen Team für Olympia. Damit erfüllte sich ein großer Wunsch der Ruderin. Vor rund vier Jahren sagte sie in einem Interview: "Die Teilnahme an den Olympischen Spielen in London 2012 wäre wahrlich ein Traum."
Nazi-Verdacht
Am 2. August 2012 reiste Drygalla vorzeitig aus dem Olympischen Dorf ab. Grund sind Gerüchte, dass sie mit Michael Fischer liiert sein soll - der 24-Jährige wird der rechtsextremen Szene zugeordnet, bei der Landtagswahl 2011 war er im Wahlkreis Rostock IV Direktkandidat der NPD. Nach Angaben der Partei ist Fischer im Mai 2012 ausgetreten.

dapd (Quellen: Weltruderverband, Rüsselsheimer Ruder-Klub 08, Innenministerium Mecklenburg-Vorpommern, Polizei-Journal der Landespolizei Mecklenburg-Vorpommern)

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