Vergewaltigungen in Nairobis Slums Oma wehrt sich

Betagt, aber stark: Ein Projekt hilft älteren Frauen aus den Slums Nairobis, sich gegen potentielle Vergewaltiger zu verteidigen. Seniorinnen werden wegen eines absurden Aberglaubens häufig Opfer sexueller Gewalt.

Nadja Wohlleben

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Helen Wairimu ist 106 Jahre alt, trägt eine große Brille und hat kaum noch Zähne im Mund. Mit ihrer rechten Faust boxt sie in die Luft und schreit dabei laut auf - nie wieder soll ihr so etwas wie vor zwei Jahren passieren. Damals drang ein junger Mann in ihre Hütte im Slum Korogocho in Nairobi ein und vergewaltigte sie. Nun gehört die alte Frau zur Gruppe "Shosho Jikinge" - "Großmutter verteidige dich selbst" - und hat gelernt, wie sie sich gegen erneute Angriffe wehren kann.

Laut des Kenya Violence Against Children Survey von 2010 erfahren 31 Prozent der kenianischen Kinder sexuelle Gewalt. Doch nicht nur Minderjährige, auch Frauen jenseits der 60 werden in dem Land häufig zu Opfern. Ein weit verbreiteter Aberglaube besagt, dass Sex mit Jungfrauen HIV kurieren und von Sünden reinwaschen könne. Manche Täter schreiben dem Verkehr mit älteren Frauen, die sexuell kaum oder gar nicht mehr aktiv sind, dieselbe Eigenschaft zu.

Lange waren die älteren Frauen in den Slums Nairobis den Angriffen wehrlos ausgesetzt. Doch 2012 gründete die internationale NGO "No Means No Worldwide" in Zusammenarbeit mit einer lokalen Organisation Gruppen namens "Shosho Jikinge", um Seniorinnen in Kursen vorbeugende Maßnahmen beizubringen.

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15  Bilder
Seniorinnen gegen Vergewaltiger: "Die Männer fürchten mich jetzt!"

Nadja Wohlleben hat Teilnehmerinnen in den Slums Korogocho und Kibera in Nairobi fotografiert. Sie selbst beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Kampfsport und unterrichtet Frauen in Selbstverteidigung: "Daher interessiere ich mich dafür, wie Frauen um ihre Rechte kämpfen und sich nicht unterdrücken lassen."

Ein YouTube-Video über das Projekt "Shosho Jikinge" brachte Wohlleben auf die Idee für ihre Fotoserie. Zwei Wochen lang ging sie in ständiger Begleitung von Sicherheitskräften durch die Slums. Ihre Bilder zeigen die alten Frauen in ihren Wellblechhütten und beim Training: Die rund 50 Seniorinnen zwischen 55 und 106 Jahren treffen sich einmal die Woche und lernen, wie sie potenzielle Angreifer schon aus der Ferne erkennen, aus gefährlichen Situationen entkommen und zurückschlagen können.

Wie sollen sich alte Frauen gegen junge, starke Männer wehren? "Es geht nicht um Kraft, sondern um Präzision. Wir zielen auf besonders schmerzempfindliche Punkte: die Nase, Augen, Kehle, Schlüsselbeine, den Solarplexus oder die Genitalien des Angreifers", sagt Trainerin Elizabeth Mutimba. So haben die Frauen eine Chance zu fliehen.

Großes Interesse, begrenzte Mittel

Aber vor allem auch die verbale Verteidigung ist wichtig: Deshalb üben die Teilnehmerinnen immer wieder laut "Nein!" zu schreien. Auf diese Weise können sie die Aufmerksamkeit anderer auf sich ziehen und deutlich machen, dass sie Hilfe brauchen.

Die Täter kämen meist ungeschoren davon, da Vergewaltigung in Kenia eher als Kavaliersdelikt abgetan werde, sagt Wohlleben. Viele Frauen würden die Tat über sich ergehen lassen und nie mit irgendwem darüber sprechen. Bei "Shosho Jikinge" soll den Frauen Mut gemacht werden, sich mit anderen über ihre Erfahrungen auszutauschen.

Die Teilnehmerinnen erzählten Wohlleben schnell ihre persönliche Geschichte. Sie hoffen, dass so mehr Menschen von dem Projekt erfahren und dafür spenden. Denn es gibt viel mehr Interessierte als Plätze, es fehlt jedoch an finanziellen Mitteln, um weitere Teilnehmerinnen aufzunehmen.

Für viele Frauen hat sich der Kurs bereits bezahlt gemacht - sie wehrten sich erfolgreich gegen Angriffe. Für Kinder und jüngere Frauen in den Slums seien die starken Großmütter oft ein Vorbild, sagt Wohlleben.



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