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Namensabstimmung in Slowakei: Chuck Norris kann eine Brücke sein

Die Stadt Bratislava sucht einen Namensgeber für eine neue Brücke. Im Scherz schlug man bei einer Online-Abstimmung Chuck Norris vor - prompt votierten die meisten Teilnehmer für den US-Actionhelden. Verkommt Bürgerbeteiligung zur Show? Ein Interview mit dem Psychologen Peter Kruse.

Chuck Norris: Der Texas Ranger und die Brücke Fotos
ddp images

SPIEGEL ONLINE: Eine Behörde in der Slowakei versucht, mit der Zeit zu gehen und schlägt scherzhaft bei einer Abstimmung Chuck Norris als Namenspatron für eine Fahrradbrücke zwischen Bratislava und Niederösterreich vor. Zwischenstand: 10.000 Stimmen für den Texas Ranger, 600 für Kaiserin Maria Theresia. Ist das Basisdemokratie oder Schwachsinn?

Kruse: Die Mehrheit für Chuck Norris ist eine Ohrfeige für die Initiatoren des Votings. Einen scherzhaften Vorschlag in die Favoritenposition zu pushen, ist ein probates Mittel, das ganze Vorgehen der Lächerlichkeit preiszugeben. Die Abstimmung wird zu dem, was sie bereits von Anfang an war, nämlich entweder ein Witz oder eine Realsatire.

SPIEGEL ONLINE: Aber die Regionalverwaltung in Bratislava wollte vielleicht einfach ein bürgernahes Signal senden? Ähnlich wie die Schwäbisch Gmünder, die jetzt ein Bud-Spencer-Freibad haben.

Kruse: Umso schlimmer. Wenn Politiker die Abstimmung über den Namen einer Fahrradbrücke wirklich als einen sinnvollen Akt der Partizipation betrachten, dann haben sie die Zeichen der Zeit nicht verstanden. Möglicherweise lautet der Subtext sogar: Wir können die Bürger allenfalls über Belangloses abstimmen lassen - und nicht mal das wirklich. So wird das Internet als Partizipationsmedium ausgehöhlt. Bürgerbeteiligung ist keine Unterhaltungsshow.

SPIEGEL ONLINE: Was ist nur los mit der Schwarmintelligenz?

Kruse: Die sozialen Netzwerke im Internet laufen auf eine Entzauberung zu. Die Menschen beginnen verstärkt, nach dem tatsächlichen Mehrwert zu fragen. Facebook-Nutzer unterscheiden wieder klar zwischen Freunden erster, zweiter oder dritter Ordnung, und das Abschalten des Datenstroms beginnt so schick zu werden wie ehedem die Handy-Abstinenz. Im Netz macht sich unterschwellig Enttäuschung breit.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat der vernetze Bürger die Politik verändert?

Kruse: Politiker stecken heute in einer Komplexitätsfalle. Entscheidungen werden immer unübersichtlicher, gleichzeitig fordert der Bürger immer mehr Beteiligung und will bei Entscheidungen mitwirken, die früher ausschließlich in Expertengremien gefällt wurden. Stuttgart 21 ist ein gutes Beispiel dafür. Im Entscheidungsprozess über das Für und Wider eines Großprojekts ist der Bürger zum nicht zu ignorierenden Machtfaktor geworden.

SPIEGEL ONLINE: Im Fernsehen verkörperte Chuck Norris die Rolle des etwas einfältigen Patrioten, der das Herz am rechten Fleck hatte und Gewalt für ein probates Mittel zur Durchsetzung seiner Interessen hielt. Im echten Leben ist Norris ein rechter, evangelikaler Christ, der die Evolutionslehre bekämpft und für den homophoben Republikaner Mike Huckabee Wahlkampf gemacht hat. Sind die Netzaktivisten unkritisch?

Kruse: Ich glaube, es ist den Leuten bei solchen Abstimmungen egal, wen sie anstelle der ernsthafteren Figuren wählen. Die Netzgemeinde hat halt eine gewisse subversive Lust an der satirischen Kommentierung. Da wird das Absurde schnell zum gezielten Ausdrucksmittel. Bei der Chuck-Norris-Brücke ist das hoffentlich der Fall gewesen.

SPIEGEL ONLINE: Kann das Netz auch ernst sein?

Kruse: Die Arabellion hat gezeigt, wie mächtig die sozialen Netze werden können. Es wurde aber auch deutlich, dass sich die sozialen Netzwerke besser für die Störung des Bestehenden als für das Aushandeln und Aufbauen des Neuen nutzen lassen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle wird Partizipation künftig spielen?

Kruse: Es ist keine gewagte These zu behaupten, dass die Politik nicht umhin kann, die Bürger künftig vor allem bei der Entscheidung über regionale Projekte immer selbstverständlicher in ernst gemeinte und gut strukturierte Partizipationsprozesse einzubinden. Bei Fragen, die das Leben vor Ort betreffen, ist der Bürger der eigentliche Experte. Hier besteht die Chance, Interessenkonflikte frühzeitig auszugleichen, bevor der Protest auf die Straße geht. Die Gesellschaft wird es sich schlicht nicht mehr leisten können, die Frage nach dem Mehrwert der Netzwerke für die politische Willensbildung auf dem Niveau einer Chuck-Norris-Brücke abzuhandeln.

Die Fragen stellte Jochen Brenner

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1.
Cotti 02.03.2012
Immerhin würde sie dadurch unkaputtbar - und das ist doch Mehrwert genug.
2. Eigentlich ganz einfach ...
Wulflam 02.03.2012
... ich verstehe das ganze Problem nicht. Die Einbindung kann einfach nicht so aussehen, dass man etwas zur Abstimmung stellt und die Mehrheit entscheidet. Da kommt dann eben solcher Blödsinn raus. Besser funktioniert es doch, wenn man die finale Entscheidung in die Händen einiger weniger legt: Expertengremium, gewählte Abgeordnete, ein einzelner Projektverantwortlicher - was auch immer. Dieser sollte aber verpflichtend alle Betroffenen einbinden und anhöreen - und nach der Anhörung unter Berücksichtigung aller Meinungen seine Entscheidung treffen. Entscheidet dieses Gremium dann gegen die Allgemeinheit, muss das andere Verhalten begründet werden. Bei der Chuck-Norris-Brücke dürfte das leicht fallen. Für alle, die jetzt gleich aufschreien, dass das wieder nur wenigen die Macht gibt und alles wie früher ist, wo es ja auch schon öffentliche Beteiligung bspw. durch Auslegung der Planungsunterlagen gab: hier ist der Unterschied die Transparenz. Über das Netz sind die Informationen einschl. des Entscheidungsverhaltens einfach und für (nahezu) jeden abrufbar und das eigentlich auch über einen langen Zeitraum, während früher der Gang in den Gemeindesaal notwendig war (erster stark limitierender Faktor) und zweitens nach Abschluss des Verfahrens kein Zugriff mehr bestand. Ganz nett finde ich in diesem Zusammenhang die Regeln des heiligen Benedikt: Benediktiner.de (http://www.kloster-ettal.de/BenediktvonNursia/sites/regula/vitabenedicti_rb_kap03.html)
3.
Olaf 02.03.2012
Zitat von sysopddp imagesDie Stadt Bratislava sucht einen Namensgeber für eine neue Brücke. Im Scherz schlug man bei einer Online-Abstimmung Chuck Norris vor - prompt votierten die meisten Teilnehmer für den US-Actionhelden. Verkommt Bürgerbeteiligung zur Show? Ein Interview mit dem Psychologen Peter Kruse. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,818643,00.html
Ein Online-Voting kann vielleicht ein Stimmungsbild wiedergeben, ersetzt aber keine demokratische Abstimmung. Eine ernsthafte Beteiligung an Entscheidungsprozessen ist nicht für ein paar Klicks im Internet zu haben.
4. oja
Shivon 02.03.2012
Warum sollte der Name eine Show sein? Warum ist denn Maria Theresia ein besserer Name als Chuck Norris? Chuck Norris ist quasi ein Running Gag. Wenn die "Netzgemeinde" über Chuck Norris spricht (also Witze raushaut), dann gehts nicht um den Schauspieler, auch weniger um den Texas Ranger, sondern einfach um die Figur Chuck Norris, die alles kann und jeden in die Tasche steckt. Ich hätte jetzt nicht für Chuck Norris gestimmt, aber wenn mich jemand fragt welchen dieser zwei Namen ich eher bevorzugen würde, dann ist es Chuck Norris. Selbst wenn die Brücke jetzt in Deutschland gebaut wird und mir wird die Wahl zwischen C. N. und ..ka meinetwegen Otto von Bismarck oder Konrad Adenauer gestellt, würd ich am ehesten noch C. N. nehmen. Es ist nur ein Name! Die Brücke soll keine moralische Wirkung haben (oh ich gehe jetzt über die Maria Theresia Brücke *staun*). Es ist nur eine Brücke. Und sowieso, bei einer ÖFFENTLICHEN Namensabstimmung entscheidet immer noch die Mehrheit. Wenn das Ego des Poltiikers es nicht akzeptieren will, dann soll er sich Autokrat nennen und nicht eine Abstimmung anfangen. Und wenn der Konflikt zwischen einer Mehrheit besteht, die einen Namen gewählt hat, der für die Stadtverwaltung falsch klingt, dann ist die Stadtverwaltung nicht mehr Zeitgemäß. Das Volk entscheidet. Und ja, ich schreib hier viel obwohl der Fall in einem anderen Land spielt, aber ich wette und das hat man ja bei dieser Bud-Spencer-Geschichte gesehn, dass viele Politiker bei uns auch so ticken. Um in der Politik erfolgreich zu sein muss man ein Egoist sein. Der Ellenbogen kann nicht stark genug sein, und wenn dann aufeinmal das Volk einen falschen Namen wählt, reagiert die Politkerkaste (nicht alle, ja, aber ich pauschalisiere jetzt mal "viele") verdutzt.
5.
themistokles 02.03.2012
Zitat von OlafEin Online-Voting kann vielleicht ein Stimmungsbild wiedergeben, ersetzt aber keine demokratische Abstimmung. Eine ernsthafte Beteiligung an Entscheidungsprozessen ist nicht für ein paar Klicks im Internet zu haben.
Zustimmung. Siehe auch den "Bud Spencer Tunnel". Aber für Bratislava nur ein Vorteil, denn: Wenn Chuck Norris ins Wasser fällt wird er nicht naß! Das Wasser wird zu Chuck Norris!
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Zur Person
  • Peter Kruse, 57, ist Psychologe, Unternehmensberater und lehrt an der Universität Bremen. In seiner wissenschaftlichen Arbeit beschäftigt er sich mit neuen Ansätzen der Partizipation in politischen Entscheidungsprozessen.


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