Fotoprojekt über die USA und Europa Transatlantische Rollenspiele

Wildwestfans in Europa und Dirndl-Begeisterung in den USA: Die Fotografin Naomi Harris untersucht, woher die Begeisterung für die Kultur jenseits des Atlantiks kommt.

Naomi Harris

Von


Zur Person
  • Jeff Harris
    Naomi Harris, geboren in Toronto, studierte am International Center of Photography in New York. Zu ihren Arbeiten gehören unter anderem eine Serie über Bewohner eines Seniorenheims, Swinger Partys in den USA und das Projekt "Oh Canada", in dem sie ihr Heimatland porträtiert. "EUSA" ist ihr dritter Bildband. Harris lebt abwechselnd in Los Angeles und Toronto.
    http://naomiharris.com/

Warum spielen Europäer gerne Cowboy? Warum tragen Amerikanerinnen Dirndl? Die Fotografin Naomi Harris hat dieses Phänomen erforscht: Fünf Jahre lang besuchte sie amerikanische Städte und Veranstaltungen, die europäische Traditionen aufgreifen -und Orte in Europa, die sich mit dem Thema Amerika beschäftigen. Sie gab dem Projekt den Namen "E.U.S.A.".

Auf die Idee kam die Fotografin, als sie durch Zufall den Ort Helen im US-Bundesstaat Georgia besuchte. Harris war fasziniert: Dort sieht aus wie in einem bayerischen Alpendorf. "Das hat mich zum Nachdenken gebracht: Wenn dieses Städtchen existiert, wie viele andere würde es in den USA geben? Und würde es Orte in Europa geben, die Amerika nachahmen?" Sie recherchierte im Internet und fand heraus - es existieren eine Menge.

Vom bayerischen Maifest in Leavenworth im US-Bundesstaat Washington, bei dem Besucher traditionelle Trachten tragen, über eine nachgestellte historische Schlacht zwischen US-Soldaten und Ureinwohnern in Tschechien bis hin zum Wurstfest in New Braunfels, Texas: Harris' Fotos erzählen von einer großen Begeisterung für die jeweils andere Kultur.

Man sieht Europäer, die Sheriff spielen, sich im Lassowerfen üben oder sich als Bürgerkriegssoldaten verkleiden und miteinander kämpfen; Europäerinnen, die in Rockabilly-Kleidern Rock'n'Roll tanzen.

Auf der anderen Seite US-Amerikaner, die europäische Traditionen aufgreifen - oder zumindest das, was sie dafür halten: Sie verkleiden sich mit Käppchen und Holzschuhen bei einem Tulpenfest à la Niederlande, singen deutsche Lieder auf einem bayerisch angehauchten Wurstfest oder fahren - vermeintlich wie in Schweden - in Tracht gekleidet auf Wagen bei einer Parade mit.

Fotostrecke

12  Bilder
Europa oder USA?: Wurstfest und Westernstädte

Auf den ersten Blick ist es manchmal schwer zu sagen, wo die Fotos aufgenommen wurden. Sind wir in den USA oder irgendwo in Europa? Auf anderen Bildern ist es schon offensichtlicher: Die Rekonstruktionen sind wenig authentisch, wie beispielsweise in nachgebauten Westernstädten.

In den USA ähneln die Schauplätze oft einem Fantasieland, einer Märchenwelt, magisch und skurril zugleich. Häufig feiern Nachkommen von Einwanderern dort ihr kulturelles Erbe - wie das ihrer holländischen Vorfahren in Orange City, Iowa. In Europa zeigen die Freizeitparks oder Reenactments eine Faszination für das Amerika der Vergangenheit, einem Land der Freiheit und Möglichkeiten, stellen aber auch oft nur eine touristische Vermarktung der fremden Kultur dar.

"Das andere Land oder die Lebensweise wird nicht immer realistisch wiedergegeben. Vielmehr handelt es sich meist um eine sentimentale und idealisierte Darstellung, eine Hommage an die andere Kultur", sagt Harris. Die Orte entsprächen einer Wunschvorstellung, oft werde die Vergangenheit beschönigt: "Auf einer Veranstaltung in Europa habe ich beispielsweise die Konföderierten-Flagge gesehen. Die Menschen verstehen aber nicht die Bedeutung und die Spannungen, die es darum gibt." Die Flagge ist seit Jahrzehnten umstritten - Gegner kritisieren, sie stehe für Sklaverei und Unterdrückung, bei Rassisten und Nationalisten gilt sie als beliebtes Symbol.

Mit ihrem Projekt will Harris darauf aufmerksam machen, wie sich die europäische und die amerikanische Kultur angleichen: "Wir kleiden uns alle gleich, essen dieselben Lebensmittel, kaufen die gleichen Marken." Darunter leide die Einzigartigkeit der Länder.

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Naomi Harris:
E.U.S.A.

Kehrer Verlag; 240 Seiten; 45 Euro

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