Protest in Minneapolis Mit Judensternen gegen die Nazi-Party

Geschmacklos in Minneapolis: Im "Gasthof zur Gemütlichkeit" feiern einmal im Jahr Männer in Nazi-Montur eine "Weltkriegs-Party". Bürger der Stadt entschieden sich zu einem bemerkenswerten Protest gegen das Treiben: Sie verkleideten sich als Juden.

Von Sophia Münder

AP/ Star Tribune

Minneapolis - Ganz still, ohne etwas zu sagen, reihten sie sich vor dem "Gasthof zur Gemütlichkeit" in Minneapolis auf. An ihren Mänteln befestigten sie Judensterne, in ihren Händen hielten sie Wäschebeutel, als würden sie deportiert werden. Wenn sie jemand fragte, was sie mit der Aktion erreichen wollten, reichten sie leise einen Zettel mit ihrer Botschaft:

"Als Antwort auf die 'World War II Party' sprechen wir lautlos im Namen derer, die das nicht mehr können. Wir glauben, dass diese Veranstaltung nicht komplett ist, ohne die Opfer anzuerkennen."

Susan Schwaidelson Siegfried ist eine der beiden Organisatorinnen des Flashmobs. "Wir wollten eine Juden-Deportation nachstellen, um an die Opfer des Zweiten Weltkriegs zu erinnern", sagt sie. Zusammen mit Margie Newman, einer Tochter von Holocaust-Überlebenden, rief sie mit Blog-und Facebook- Einträgen zu dem Flashmob auf. Am Mittwoch fand er schließlich statt.

Seit sechs Jahren wird in dem Restaurant mit dem deutschen Namen die sogenannte "World War II Party" gefeiert. Was dort vor sich ging, erfuhr die Öffentlichkeit erst jetzt: Einer der Mitarbeiter des Restaurants, der der Veranstaltung offenbar kritisch gegenüberstand, veröffentlichte Aufnahmen der Party auf Facebook, auch eine Lokalzeitung zeigte sie.

Zu sehen sind Gäste in SS-Uniformen vor riesigen Hakenkreuz-Bannern. Außerdem fotografierte er ein T-Shirt mit einem Hakenkreuz, das ihm einer der Gäste überreicht hatte. Nach der Veröffentlichung wurde der Mitarbeiter vom Restaurant-Besitzer gefeuert, doch der Protest begann sich zu formieren.

"Wir haben das Recht, an die Opfer zu erinnern"

Flashmob-Organisatorin Siegfried sagt, man habe keine Gegendemonstration abhalten wollen. Deshalb hätten sie erst kurz vor der Aktion die örtliche Presse informiert. "Die Leute sollten uns einfach wahrnehmen. Wenn die das Recht haben, ihre Nazi-Partys zu feiern, dann haben wir auch das Recht, an die Opfer zu erinnern." Ihr Vater ging als US-Soldat in den Zweiten Weltkrieg, er war an der Befreiung von Bergen-Belsen beteiligt.

Um Konfrontationen mit den Gästen des Restaurants zu vermeiden, verzichteten sie darauf, den Eingang zu blockieren oder die Gäste direkt anzusprechen. "Der beste Weg, einen Eindruck zu hinterlassen, war Stille", sagt Siegfried. Und die Aktion bekam Aufmerksamkeit. Die Leute, die die Hauptstraße vor dem Gasthof passierten, hätten angehalten, um sich die Aktion anzuschauen und die Zettel mit der Botschaft zu lesen.

Der Besitzer des Restaurants, Mario Pierzchalski, habe die Aktion bemerkt, sei aber zu beschäftigt gewesen, um aus seinem Restaurant rauszukommen, ließ er seine Security-Kräfte an dem Abend mitteilen, die er aus Angst vor der Aktion extra angeheuert hatte.

Vergleich mit Star-Trek-Fans

Der Veranstalter des makabren Events, Scott Steben, sagte einem Stadtmagazin, mit der Party hätten sie nicht das Dritte Reich verherrlichen wollen. Sie sei eine Übung für Schauspieler gewesen, die historische Rollen spielen. Er selbst habe ein paar Mal einen deutschen Soldaten dargestellt. Er verstehe zwar die Empfindlichkeit des Themas, aber der Krieg habe stattgefunden und sei Geschichte. Auf Facebook kursieren Bilder von Steben, auf denen er mit SS-Tattoos zu sehen ist. Außerdem postete er eine Hitler-Karikatur mit Präsident Obamas Wahlkampf-Slogan auf Facebook.

Jon Boorom, der an der diesjährigen Party teilgenommen hatte und Mitglied einer Reenactment-Gruppe ist, die sich mit dem Zweiten Weltkrieg befasst, verteidigte die Partys ebenfalls. Er verglich die Feier mit Veranstaltungen von Star-Trek-Fans. "Wenn man eine Nazi-Uniform trägt, heißt das nicht, dass man Hitler cool findet oder Juden oder Schwule oder Demokraten hasst", sagte er "City Pages". Man tue das, um den Leuten Geschichte näher zu bringen, damit sie nicht in Vergessenheit gerate.

Alle Mitglieder seiner Reenactment-Gruppe würden umfangreich überprüft, Neonazis oder Rassisten dürften nicht mitmachen.

Auch Restaurant-Besitzer Pierzchalski wehrte sich gegen Kritik. Seine Gäste seien friedliche Leute und nur Schauspieler. Jetzt wolle er die Veranstaltung aber nicht wieder ausrichten. Flashmob-Organisatorin Siegfried glaubt nicht daran. Die Feier zu stoppen, sei aber auch nicht ihr Ziel gewesen. "Sie können so viele Nazi-Partys feiern, wie sie wollen. Wir wollen an die Opfer erinnern. Und nicht nur an die jüdischen, an alle."

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