Aufregung um angeblichen Fund Das Rätsel um den gepanzerten Nazi-Zug in Polen

Offiziell ist der Fund gar nicht bestätigt, doch die Aufregung ist groß: Ist in Niederschlesien wirklich ein gepanzerter Zug aus der NS-Zeit entdeckt worden? Und was steckt hinter dem "Projekt Riese"? Die wichtigsten Antworten.

AFP

Schatzsucher sind elektrisiert: Seit vielen Jahren wird in Polen über einen verschollenen Nazi-Zug voller Gold spekuliert, nun erhalten die Gerüchte neue Nahrung. Ein Pole und ein Deutscher wollen im Gebiet um Walbrzych (Waldenburg) einen gepanzerten Zug unter der Erde entdeckt haben - und ihre Hinweise sind offenbar so konkret, dass die Regierung handelt.

Was steckt hinter dem Mythos vom "Goldzug", und wie geht es jetzt weiter? Der Überblick:

Was wird behauptet?

Über einen Anwalt hatten der deutsche und der polnische Schatzsucher mitteilen lassen, sie hätten in Niederschlesien einen von den Nationalsozialisten versteckten Zug entdeckt. Er sei 120 bis 150 Meter lang und gepanzert. Als Beweis legten sie ein Georadarbild vor, das bisher nicht öffentlich gezeigt wurde.

Was ist offiziell?

Polens oberster Denkmalschützer Piotr Zuchowski sagte nach Ansicht des Georadarbildes, er sei "zu 99 Prozent sicher", dass in der Gegend um Walbrzych (Waldenburg) tatsächlich ein gepanzerter Nazi-Zug gefunden wurde. Um alle Zweifel auszuräumen, müsse der Zug zutage gefördert werden, erste Schritte seien eingeleitet. Die polnische Kulturministerin Malgorzata Omilanowska sagte: "Die Wahrscheinlichkeit, dass da etwas ist, ist groß."

In den vergangenen Jahrzehnten gab es immer wieder Meldungen über angebliche Funde in der Gegend. Den aktuellen Fall nehmen die Behörden ernst - wohl auch, weil die Meldung der Schatzsucher gut vorbereitet und mit Beschreibungen belegt war.

Woher stammt der Mythos der verschwundenen NS-Züge?

Schon unmittelbar nach dem Krieg gab es Gerüchte, die Nazis hätten zwei Sonderzüge voller Gold, Raubkunst oder wichtiger Dokumente in Stollen der Region Walbrzych versteckt. Nur: Gefunden wurde bisher nichts. Erst suchte die Rote Armee, dann kamen Schatzjäger und Touristenführer wie Andrzej Gaik, der schon seit 15 Jahren nach dem Nazi-Zug fahndet. Er ist wie viele andere aus der Region überzeugt, dass es auf der Bahnstrecke Breslau-Waldenburg eine geheime Weiche gab, durch die Panzerzüge in Tunnel geleitet wurden. Die Eingänge seien dann gesprengt worden.

Gründe für die langlebigen Gerüchte gibt es viele: Niederschlesien war kein umkämpfter Kriegsschauplatz mit einer recht intakten Infrastruktur - und bot sich daher theoretisch als Versteck an. Hinzu kommt, dass das "Projekt Riese" historisch noch nicht gut erforscht ist und es sehr unterschiedliche Meinungen zu seinem Umfang und seiner Funktion gibt.

Was ist das "Projekt Riese"?

Ende 1943 plante Rüstungsminister Albert Speer, das niederschlesische Schloss Fürstenstein bei Waldenburg zu einem neuen Führerhauptquartier umzubauen - als Ausweichquartier fern der Front für die Wolfsschanze in Ostpreußen. Schloss Fürstenstein (polnisch Zamek Ksiaz) war mit seinen fast 500 Räumen das größte und prächtigste Schloss in der Region, bekannt als Perle Schlesiens. Die Schlossbesitzer wurden 1944 enteignet, Speer beauftragte die Organisation Todt (OT) mit den Bauarbeiten.

Schon bald entstand unter dem Schloss und in dem umliegenden Eulengebirge der Region Walbrzych ein umfangreiches Tunnelsystem, das den Tarnnamen "Projekt Riese" trug. Bis heute ist nicht bekannt, wie lang dieses System insgesamt ist - auch weil bei Kriegsende die meisten Baupläne vernichtet wurden. Polnische Behörden vermuten, dass erst etwa ein Drittel der Stollen bekannt sind. Ein kleiner Teil dieser Unterwelt ist schon seit Jahren von Schloss Fürstenstein aus zu begehen - dort werden Relikte der Nazis geschickt vermarktet.

Die genaue Funktion der Anlage ist jedoch nicht eindeutig geklärt. Neben einer neuen Schaltzentrale, die auch dem Oberkommando der Wehrmacht und der Luftwaffe Platz bieten sollte, waren womöglich - ähnlich wie im KZ Mittelbau-Dora - unterirdische Waffenfabriken geplant. Fest steht, dass Speer eine gewaltige Summe für die Anlage veranschlagte, die bis August 1945 fertiggestellt werden sollte: 130 Millionen Reichsmark - das Vierfache dessen, was der Bau der Wolfsschanze gekostet hatte.

Umsetzen mussten die Arbeiten Tausende Zwangsarbeiter aus dem Außenlager "Riese" des Konzentrationslagers Groß-Rosen. Das Außenlager im heutigen Polen setzte sich aus vier großen und zwölf kleineren Lagern zusammen; insgesamt geht man von mindestens 13.000 Häftlingen aus, die dort zwischen 1943 und 1945 interniert waren. "Häufig kam es zu tödlichen Unfällen", erinnerte sich Zwangsarbeiter Norbert Szeinowicz nach dem Krieg an die unwürdigen Zustände.

Wie geht es jetzt weiter?

Bei der Bezirksverwaltung in Breslau tagte ein Krisenstab, um über das weitere Vorgehen zu beraten. Die Behörden wollen prüfen, ob tatsächlich ein Zug gefunden wurde. Das Verteidigungsministerium wurde um Hilfe gebeten, die Armee soll das Gebiet mit einem Georadar untersuchen.

Egal, ob der Zug existiert oder nicht: Für die Tourismusbranche haben sich die Meldungen schon gelohnt. In polnischen Medien ist von einem touristischen Boom die Rede. In Walbrzych seien extra Touren für ausländische Gäste angeboten worden. Es sei "wie ein Loch-Ness-Effekt", sagt der Vorsitzende der Schlossgesellschaft Fürstenstein, Krzysztof Urbanski. "Niemand hat das Monster gesehen, aber es zieht die Leute an."

cgu/aar/dpa/AFP

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