Vergewaltigungen in Neu-Delhi Stadt in Angst

Drei Mädchen im Vorschulalter sind in Neu-Delhi Opfer sexueller Gewalt geworden. Die Fälle befeuern die Angst vor Verbrechen gegen Frauen. In Medien ist von der "Hauptstadt der Schande" die Rede.

Von Ulrike Putz, Neu-Delhi

J.J. Colony im Stadtteil Anad Vihar in Neu-Delhi: In dem Slum sollen drei Männer eine Fünfjährige vergewaltigt haben
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J.J. Colony im Stadtteil Anad Vihar in Neu-Delhi: In dem Slum sollen drei Männer eine Fünfjährige vergewaltigt haben


Die Männer sind sich einig, was mit den Tätern hätte geschehen sollen: "Hier an Ort und Stelle hätte man sie töten sollen", ruft einer. "Aufhängen, so betrunken wie sie waren", fordert ein anderer. Das Dutzend Männer ruft seine zornigen Parolen vor einem kleinen Slum im Osten Neu-Delhis. In dem Gassengewirr ist vor zehn Tagen ein Verbrechen geschehen, das den Anwohnern keine Ruhe lässt: Drei Männer, alle alkoholisiert, sollen eine fünfjährige Nachbarstochter mit Schokolade in eine winzige Einzimmerwohnung gelockt haben und dort über sie hergefallen sein. Später fanden Anwohner das völlig verstörte und blutende Kind.

Das Mädchen liegt noch immer im Krankenhaus, wo es wegen schwerer innerer Verletzungen mehrfach operiert werden musste. Die Männer sitzen in Untersuchungshaft.

Der Fall in der J.J.Colony im Stadtteil Anand Vihar am 16. Oktober war der jüngste in einer Serie von Angriffen auf junge Mädchen im Vorschulalter in Neu-Delhi. Einen Tag zuvor hatten zwei Jugendliche eine Zweijährige von einer religiösen Feier im Stadtteil Nangloi entführt und sie mutmaßlich vergewaltigt. In der Woche zuvor sollen mindestens zwei Männer in Keshav Puram eine Vierjährige angefallen und schwer verletzt haben.

Kinder vor der winzigen Wohnung der Familie des Opfers in der J.J. Colony: Privatheit ist hier ein Luxus
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Kinder vor der winzigen Wohnung der Familie des Opfers in der J.J. Colony: Privatheit ist hier ein Luxus

Die Fälle von sexueller Gewalt gegen Kinder haben in Neu-Delhi Entsetzen ausgelöst. Seit dem Fall der tödlichen Gruppenvergewaltigung, bei der 2012 eine junge Studentin in einem fahrenden Bus im Beisein ihres Freundes angegriffen wurde, erschüttern immer neue Berichte über Vergewaltigungen die Öffentlichkeit. "Hauptstadt der Schande", titelte nun eine örtliche Zeitung.

Furchteinflößende Zahlen schüren die Angst in der Bevölkerung vor sexueller Gewalt:

  • Nach Angaben der Polizei verschwinden in Neu-Delhi im Schnitt täglich 18 Kinder, von denen vier nie wieder gefunden werden. Die Behörden fürchten, dass viele von ihnen in der Prostitution landen.
  • Eine von der Stadtverwaltung Neu-Delhi eingesetzte Kommission erhebt derzeit Daten an Schulen und hört, dass fast jede Schülerin der achten bis zwölften Klassen sexuell belästigt oder gar vergewaltigt wurde, wie der "Indian Express" berichtete.

Mütter und Väter in Delhi zerbrechen sich den Kopf, wie sie ihre Kinder schützen sollen. Oberste Regel: Wer immer es einrichten kann, lässt seinen Nachwuchs nie aus den Augen. "Wir sehen zu, dass Arvind immer von einem Familienmitglied beaufsichtigt wird", sagt der 18-jährige Ajit Kumar über seinen einjährigen Neffen.

"Wir haben alle Angst"

Ajit Kumar mit seinem Neffen Arvind: Der Junge soll keine Sekunde aus den Augen gelassen werden
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Ajit Kumar mit seinem Neffen Arvind: Der Junge soll keine Sekunde aus den Augen gelassen werden

Kumar lebt in der J.J. Colony, kennt das fünfjährige Mädchen, das angegriffen wurde. "Wir haben alle Angst. Das Problem ist doch, dass wir arm sind. Männer wie Frauen müssen arbeiten gehen. Wo sollen wir unsere Babys lassen?"

Staatliche Kinderbetreuung gibt es für die Unterschicht nicht, die Mittelschicht organisiert sie auf privater Basis. Es gibt kaum eine Mittelklasse-Familie in Delhi, die kein Kindermädchen beschäftigt. Deren Aufgabe ist es auch, Fremde fernzuhalten. "Wenn Handwerker im Haus sind, wenn ich mit den Kindern ein Taxi nehmen muss - ich lasse die Kleinen nie aus den Augen. Man kann den Männern nicht trauen", sagt Helen Gupta, die für eine ausländische Familie zwei Mädchen betreut.

Die brutalen Angriffe gegen kleine Mädchen befeuern die Ängste vor sexuellen Gewaltverbrechen in Delhi zusätzlich. Seit der berüchtigten Gruppenvergewaltigung von 2012 ist das Thema präsenter als je zuvor - und das frauenfeindliche Klima ändert sich so schnell nicht.

Viele indische Männer teilen die Ansicht von Mukesh Singh, einem der damaligen Täter, dass Frauen Attacken herausfordern, weil ja "kein schickliches Mädchen nach neun Uhr abends auf der Straße sein würde". Singh sagte dies im vergangenen Jahr in einer TV-Dokumentation über die Frau, die er zu Tode quälte.

Indische Soziologen weisen darauf hin, dass auch viele Mitglieder des Establishments denken, Frauen und Mädchen seien an den an ihnen begangenen Verbrechen mitschuldig. "Diese Mentalität ist auch in der Oberschicht weit verbreitet", sagt Sanjay Srivastava, der an der Jawaharlal Nehru Universität in Neu-Delhi lehrt.

Ein weiteres Problem sei, dass in der indischen Gesellschaft Vergewaltigung in erster Linie immer noch als Angriff auf die Ehre des Mannes verstanden würde, so der Soziologe. "Wir sehen oft, dass eine Frau angegriffen wird, weil man ihren Mann erniedrigen will, vor allem, wenn es sich um Kasten-Konflikte handelt."

Belastbare Statistiken zu sexuellen Angriffen sind kaum zu bekommen. Die Zahl der angezeigten Vergewaltigungen steigt in Neu-Delhi zwar an (von 1441 in 2013 auf 1813 im vergangenen Jahr). Doch die Dunkelziffer dürfte weitaus höher sein. Im internationalen Vergleich der registrierten Taten steht Indien gar nicht schlecht da.

Dass es in Indien zu mehr sexuellen Übergriffen käme als anderswo, sei vielleicht nur ein Gefühl, meint sogar Soziologe Srivastava. "Aber die Angst, die von diesem Gefühl ausgelöst wird, ist echt."

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