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Neuer Schwulenhass in den USA: Die sexuelle Restauration

Von , New York

Schüler werden gemobbt, Kneipengänger verprügelt, Politiker beschimpft, Gesetze verschleppt: Amerikas Schwulenszene spürt scharfen Gegenwind. Doch nach einer Serie von Teenager-Selbstmorden setzen sich Prominente und Normalbürger jetzt lautstark zur Wehr.

Anti-Gay in USA: "Haut ab, ihr Tunten" Fotos
REUTERS

Das Stonewall Inn ist die wohl berühmteste Schwulenbar der Welt. In der Kneipe an der New Yorker Christopher Street wurde 1969 die moderne US-Schwulenbewegung geboren, als eine Razzia zu Protestunruhen führte. Bis heute ist der einstige Mafia-Saloon ein Szenetreff, auch wenn die heroische Historie längst in Gay-Kommerz untergeht.

Verständlich, dass sich Ben Carver, 34, sicher fühlte, als er voriges Wochenende mit seinem Freund Craig im Stonewall einkehrte. Die beiden waren aus Washington zu Besuch.

Doch die Zechtour endete anders als geplant. Gegen halb drei Uhr nachts begegnete Carver auf der Toilette zwei Fremden. Der eine beschimpfte ihn, wie Carver später angab, als "Tunte", der andere verlangte Geld. Dann schlugen sie ihn zusammen. Er wehrte sich jedoch, schlug zurück und taumelte blutend in den Barraum. "Alles geschah sehr schnell", erinnert sich Carver. "Es war sehr brutal."

Nach kurzer Verfolgungsjagd wurden die zwei Männer - ein 17- und ein 21-Jähriger - gefasst und angeklagt: wegen Körperverletzung und Begehen eines hate crime, eines Hassverbrechens. Carvers Stirn musste genäht werden, die Klotür der Kneipe blieb demoliert zurück. "Ausgerechnet hier passiert das", kommentiert der Manager der Bar, Shawn Curran, das Geschehen. "Das Stonewall ist ein Eckpfeiler der Schwulenszene."

Genau das gibt diesem Fall einerseits eine fast anachronistische Note - und ist andererseits bezeichnend. Verbalinjurien und Prügel: US-Homosexuellenverbände klagen neuerdings über eine Welle offener Feindseligkeiten.

"Wir drehen die Zeit zurück"

So wurden am Abend vor der Stonewall-Tat ganz in der Nähe, im Schwulenmekka Chelsea, drei weitere Männer auf der Straße von einer größeren Gruppe angegriffen und verletzt: "Haut ab, ihr Tunten, das ist unser Viertel!"

Am schlimmsten ist jedoch, dass nun auch die wehrlosesten, da jüngsten Opfer ins Visier geraten - mit fatalen Folgen. Nach schwulenfeindlichen Pöbeleien in der Schule nahmen sich in den letzten vier Wochen mindestens zehn US-Teenager das Leben - eine schlagzeilenträchtige Entwicklung, die sogar Prominente wie Talk-Star Ellen DeGeneres auf den Plan gerufen hat.

Ob Medien-Hype oder tragischer Trend, die Fälle offenbaren ein aktuelles Paradox in der US-Gesellschaft. Zwar verbuchen Amerikas Schwule, Lesben und Transsexuelle bei ihrem zähen Kampf um Gleichberechtigung Erfolge - doch scheint der Gegenwind der Homophoben zugleich immer stärker zu werden. "Auf jeden Schritt nach vorn", seufzt der Brooklyner Eric Wilson, der diese Woche an einer Protestdemo am Stonewall teilnahm, "folgt Vergeltung."

Selbst der Demokrat Barney Frank, der Vorsitzende des Finanzausschusses im US-Repräsentantenhaus, geriet vorige Woche ins Fadenkreuz. Der konservative Radio-Polemiker Rush Limbaugh nannte ihn eine "Banken-Tunte", spielte den Song "My Boy Lollypop" und simulierte dazu mit Geräuschen Oralsex.

"Wir drehen die Zeit zurück", klagt der New Yorker Filmemacher Carlos Alvarez. "Schüler werden gehetzt, Schwule werden verprügelt, Kirchen predigen Hass und immer noch sterben Leute an Aids. Ich komme mir vor wie in den Reagan-Jahren."

Dass jetzt aber auch Kids und Jugendliche zu den Opfern gehören, erst das scheint viele Amerikaner plötzlich aufzurütteln.

DeGeneres - deren Coming-out 1997 noch für großen Medienaufruhr gesorgt hatte - nannte die Selbstmordserie unter schwulen US-Teenagern eine stille "Epidemie": "Und das sind nur die Geschichten, von denen wir erfahren."

"Anlass zu höchster Besorgnis"

Es ist, als verlören die Kinder die Hoffnung. Immer mehr Namen werden bekannt - Schüler und Studenten aus allen Ecken der USA, die schwul waren oder als schwul verhöhnt wurden. Seth Walsh, 13, aus Kalifornien; Billy Lucas, 15, aus Indiana; Caleb Nolt, 14, aus Indiana; Ray Chase, 19, aus Rhode Island; Cody Barker, 17, aus Wisconsin; Harrison Chase Brown, 15, aus Colorado; Justin Aaberg, 15, aus Minnesota; Asher Brown, 13, aus Texas; Felix Sacco, 17, aus Massachussetts; Tyler Clementi, 18, aus New Jersey.

Clementis Fall berührte besonders: Zwei seiner Kommilitonen an der Rutgers University sollen ihn heimlich beim Sex mit einem Jungen gefilmt und das Video ins Internet gestellt haben - eine besonders perfide Variante des Cyber-Mobbings. Clementi hinterließ auf Facebook eine Abschiedsbotschaft und sprang von der George Washington Bridge bei Manhattan 65 Meter tief in den Hudson.

Die Häufung von Todesfällen sei "Anlass zu höchster Besorgnis", sagt Shane Windmeyer, der Gründer von Campus Pride. In einer Umfrage der Selbsthilfegruppe klagte ein Viertel der schwulen und lesbischen Studenten darüber, regelmäßig angepöbelt zu werden, und mehr als ein Drittel fürchteten um ihr "körperliches Wohl".

Homosexualität, die "unwürdige Sucht"

Schon 2001 dokumentierte die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) das schwere Los schwul-lesbischer Schüler in den USA. HRW warf der US-Regierung und der Gesellschaft damals "erbärmliches Versagen" vor: "Die fest verwurzelten Vorurteile basieren auf unbeugsamen Regeln, wie Mädchen und Jungen aussehen, laufen, reden, sich kleiden, sich benehmen, denken und fühlen müssen."

Die jüngsten Fälle und die Campus-Pride-Studie beweisen: Diese archaischen Stereotypen sind seither kaum aufgebrochen worden - obwohl viele Schulen mittlerweile Schwulen- und Lesbenvertretungen haben.

Manche machen für die jüngsten Vorfälle das aufgeheizte Polit-Klima verantwortlich, das Übergriffe zu sanktionieren scheint. So nimmt die konservative Tea Party, die in den letzten Monaten Auftrieb gewonnen hat und die Richtung der republikanischen Partei bestimmt, gerne auch Homosexuelle aufs Korn.

Der republikanische Senator Jim DeMin würde Schwulen am liebsten das Lehramt verbieten. Andrew Shirvell, der Vize-Justizminister von Michigan, machte sich jetzt dadurch einen Namen, dass er den 21-jährigen Studentenpräsidenten der University of Michigan, einen Schwulen, auf seinem Blog als "privilegierten Perversling" beschimpfte. Auf einem Kongress der Church of Jesus Christ of Latter-day Saints (LDS), die als viertgrößte christliche US-Religionsgemeinschaft gilt und im Bundesstaat Utah sogar die Bevölkerungsmehrheit stellt, bezeichnete unterdessen Boyd Packer, ein prominenter Mormonenführer, Homosexualität als "unwürdige Sucht" und "der Natur zuwider".

US-Präsident Barack Obama trat zwar als progressiver Hoffnungsträger der Gays insbesondere in den US-Streitkräften an. Doch seine Wahlkampfversprechen, die Diskriminierung abzuschaffen und den Hass legislativ zu bekämpfen, sind vorerst im Parteienzank gescheitert. Seit Monaten hadert Washington mit zwei Reizthemen, der Homo-Ehe und der Abschaffung des Schwulenverbots im US-Militär. Jetzt können Schwule und Lesben nur noch auf die buchstäblich letzte Instanz hoffen, den Obersten US-Gerichtshof.

Die Komikerin Sarah Silverman sieht einen direkten Zusammenhang zwischen dem kollabierten politischen Rückhalt und den Schüler-Selbstmorden. "Wenn ihr schwulen Amerikanern sagt, dass sie ihrem Land nicht offen dienen oder den Menschen, den sie lieben, nicht heiraten dürfen", schimpft sie in einem YouTube-Video, "dann sagt ihr das auch den Kindern."

"Ich weiß, wie sich das anfühlt, wenn man täglich gemobbt wird"

Immerhin haben die Teenager-Suizide zu einer landesweiten Gegenbewegung geführt. Überall gab es diese Woche Mahnwachen, an einer in Manhattan nahm auch New Yorks Gouverneur David Paterson teil. Die TV-Hitshow "Glee", die in einer High School spielt, kündigte an, eine Folge dem Selbstmordproblem zu widmen. "Ich weiß, wie sich das anfühlt, wenn man täglich gemobbt wird", so "Glee"-Star Chris Colfer, 20.

Bei der YouTube-Aktion "It Gets Better" haben inzwischen Hunderte schwule und lesbische Amerikaner Solidaritätsappelle aufgezeichnet, darunter ein schwuler Cop, ein Bapistenpriester und ein Moslem.

Und an diesem Freitag wollen sich zahlreiche New Yorker zum demonstrativen "Die In" in der Grand Central Station auf den Boden legen - mitten in der Rush Hour.

Ben Carver hat derweil erst mal genug von der unfreiwilligen Publicity. Nach der Schlägerei im Stonewall hat er ein paar Interviews gegeben, einen langen Blog-Eintrag verfasst und sich dann zurückgezogen. "Mein ganzer Körper tut weh", schreibt er. "Ich würde lieber nicht mehr weiter über den Vorfall sprechen."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 137 Beiträge
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1. Nix Titel
SethSteiner 08.10.2010
Tja, diese Tea Party zeigt immer mehr wie gefährlich sie ist für die USA. Die USA braucht etwa smehr härte gegen die Gruppierungen und Menschen, die ihre Demokratie gefährden. Freie Meinungsäußerung ist ein teuer erkauftes Gut aber sie sollte auch in den USA ihre Grenzen kennen. In den eigenen Vier Wänden kann ja jeder sagen was er will aber Menschen die sich dermaßen weit Rechts bewegen sollten schnellstens aus dem Verkehr gezogen werden.
2. Titel
heiko1977 08.10.2010
Zitat von sysopSchüler werden gemobbt, Kneipengänger verprügelt, Politiker beschimpft, Gesetze verschleppt: Amerikas Schwulenszene spürt scharfen Gegenwind. Doch nach einer Serie von Teenager-Selbstmorden setzen sich Prominente und Normalbürger jetzt lautstark zur Wehr. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,722043,00.html
Ob da auch der Islam dran schuld ist? Für Wilders, Sarrazin und ihre Gläubigen bestimmt.
3. Der Schwulenhass ist alt
Gandhi, 08.10.2010
Zitat von sysopSchüler werden gemobbt, Kneipengänger verprügelt, Politiker beschimpft, Gesetze verschleppt: Amerikas Schwulenszene spürt scharfen Gegenwind. Doch nach einer Serie von Teenager-Selbstmorden setzen sich Prominente und Normalbürger jetzt lautstark zur Wehr. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,722043,00.html
doch hat der Fall des Studenten, der sich in NY von einer Bruecke stuerzte, nachdem dumme Mitstudenten (Die Idioten waren keine Homophoben) ihn beim Sex fotografierten und das ins Netz stellten, nun zu Reaktionen gefuehrt. Nicht nur Bullies auf dem Schulhof werfen mit 'fagot' um sich. Der Schwulenhass ist besonders unter den Christen zu Hause, die zwar gegen Bevormundungen durch den Staat revoltieren, aber meinen, der Staat solle gegen Schwule vorgehen. Die juengere Generation ist da weit weniger mit vorurteilen belastet, als die anderen Buerger, doch vor allem unter ignoranten Republikanern, die meinen, Schwulsein sei freie Wahl des Lebensstils und nicht angeboren, weit verbreitet. http://tpmmuckraker.talkingpointsmemo.com/2010/10/top_evangelical_david_barton_government_should_regulate_homosexuality.php
4. Ohne
hansevision 08.10.2010
Ist es nur mein Eindruck, dass wir (West-) Europäer deutlich gelassener mit dem Thema umgehen als die US-Amerikaner? Und warum sind die Kanadier, ja selbst die Brasilianer und Argentinier ähnlich gelassen wie wir? Liegt es vielleicht an der vielfalt der Medien in den USA wo jeder gegen jeden hetzen kann oder doch eher am kulturellen Erbe? Es spricht Bände, dass sich bei diesem Thema die fundamentalistischen Christen und die fundamentalistischen Moslems völlig einig sind. Kein Wunder, beide sind meilenweit von einem aufgeklärten Geist entfernt.
5. Ohne
hansevision 08.10.2010
Ist es nur mein Eindruck, dass wir (West-) Europäer deutlich gelassener mit dem Thema umgehen als die US-Amerikaner? Und warum sind die Kanadier, ja selbst die Brasilianer und Argentinier ähnlich gelassen wie wir? Liegt es vielleicht an der vielfalt der Medien in den USA wo jeder gegen jeden hetzen kann oder doch eher am kulturellen Erbe? Es spricht Bände, dass sich bei diesem Thema die fundamentalistischen Christen und die fundamentalistischen Moslems völlig einig sind. Kein Wunder, beide sind meilenweit von einem aufgeklärten Geist entfernt.
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