Münchener Bürgerinitiative Mauer soll vor Flüchtlingslärm schützen

In einem Münchner Stadtteil entsteht neben einer Flüchtlingsunterkunft eine vier Meter hohe Lärmschutzmauer. Sie ist das Ergebnis eines Kompromisses - wird nun aber wohl auf andere Art berühmt.

Blick auf die Mauer
film.neuperlach.de

Blick auf die Mauer

Von


Wer die Website Neuperlach.info ansteuert, fühlt sich an das Internet der Neunzigerjahre erinnert. Ein Pfeil blinkt, roter Text steht auf blauem Hintergrund. Doch hier, auf der seit vielen Jahren privat betriebenen Stadtteil-Website eines Münchner Lokalpolitikers, findet man ein Amateurvideo, das viel über das Deutschland des Jahres 2016 und seine Konflikte verrät. Darüber, wie Mauern als Problem und Lösung zugleich wahrgenommen werden können.

"Im Namen des Volkes - Refugees Wall" hat der Ex-Grüne und mittlerweile parteilose Guido Bucholtz seinen Clip getauft, der zeigt, wie imposant eine vier Meter hohe Lärmschutzmauer wirkt, wenn man sie neben dem Neubau einer Flüchtlingsunterkunft hochzieht. Bucholtz hat die Mauer an Allerheiligen aus der Luft gefilmt, mit seiner Drohne und ganz korrekt mit Aufstiegserlaubnis.

Drohnenaufnahme der Mauer
film.neuperlach.de

Drohnenaufnahme der Mauer

Zu Beginn seines Videoclips zeigt der stellvertretender Vorsitzende im Bezirksausschuss Ramersdorf-Perlach Bilder einer viel bekannteren Mauer. "Höhe circa 3 Meter 75, Berlin 1989", blendet er dazu ein. Es folgt "München Neuperlach-Süd 2016, Höhe: 4 Meter". Dann wird die Frage aufgeworfen: "Die Flüchtlingsmauer in München: zum Schutz der Nachbarn vor der Gemeinschaftsunterkunft? Oder zum Schutz der Flüchtlinge vor den Nachbarn?"

Bei einem Besuch an der Neuperlacher Mauer ließe sich problemlos ein Skandalvideo zusammenbasteln: Ein Boulevardreporter könnte per Zollstock bildwirksam die Mauer vermessen, man könnte sie extra von ganz unten filmen, von der Seite der Flüchtlingsunterkunft, von wo aus sie wegen des tiefer liegenden Geländes noch höher wirkt.

Bucholtz' Video dagegen, unterlegt mit skurrilen Ethno-Ambient-Klängen und einem "The Future is now"-Sprachsample, wirkt wie eines, das tatsächlich zum Nachdenken anregt: Ist diese Mauer, in dieser Höhe, an dieser Stelle wirklich nötig?

Ein Kompromiss aus dem Sommer

Ihr Bau ist das Ergebnis eines Kompromisses aus dem Sommer. Sieben Anwohner hatten dem "Münchner Merkur" zufolge gegen die Pläne für die Unterkunft geklagt, in die nach jetzigem Stand einmal 160 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge einziehen sollen.

"Die Kläger pochten vor allem auf ihr Erholungsbedürfnis abends und am Wochenende", hieß es Ende Juni im "Merkur". "Ihre Häuser liegen gut 25 Meter hinter der Grundstücksgrenze der Unterkunft, von dieser getrennt durch einen dicht mit Bäumen und Büschen bewachsenen Grünstreifen, einen Fuß- und Radweg sowie ihre eigenen Gärten."

In einem Artikel von Freitag schreibt der "Merkur", die Mauer sei nicht der Wunsch der Stadt gewesen. Der Einigung in dem Rechtsstreit vor dem Verwaltungsgericht München seien zweieinhalb Jahre mit Klagen vorausgegangen. Und das Urteil habe einige Bedingungen für die Lärmschutzlösung beinhaltet: etwa die, dass sich die Wand "nicht für Ballwurfspiele eignet". Zur Mauerhöhe von vier Metern schreibt die "Abendzeitung", sie habe sich aus einem Schallschutzgutachten ergeben.

"Total erschrocken"

Drohnenpilot und Hobbyfilmer Bucholtz kannte die Details zum Mauerbau schon lange, erzählt er am Samstag SPIEGEL ONLINE. Als er die Mauer vergangenen Dienstag nun aber mit eigenen Augen sah, sei er erschrocken. "Das ist ein Symbol des Abschottens", findet er. Es gebe einen "Riesenabstand" zu den Häusern.

Flüchtlingsunterkunft im Bau
film.neuperlach.de

Flüchtlingsunterkunft im Bau

Nicht allzu weit entfernt gebe es außerdem eine weitere Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge, "50 Meter von der Autobahn weg" - und dort sei eine Lärmschutzmauer nur drei Meter hoch, klagt Bucholtz. Das könne er nicht hinnehmen. "Man sollte keinen Unterschied zwischen Menschen machen, seien es nun Flüchtlinge, Deutsche, Italiener oder sonst jemand anderes", sagt der Politiker. Nur weil jemand einen Anwalt beauftragt, sollte er keine Sonderrechte bekommen.

Er filmt den Stadtteil oft

Seit dem Hochladen seines Videos hat Bucholtz einige Medienanfragen bekommen, auch außerhalb Münchens interessiert man sich für sein Material. War dem 62-Jährigen bewusst, dass seine Aufnahmen bundesweit Schlagzeilen machen könnten? Weil es vermutlich schon reicht, "Flüchtlinge" und "Mauer" in einer Zeile zu erwähnen, um die Neugier verschiedenster Interessengruppen zu wecken?

Guido Bucholtz sagt, er hatte beim Filmen keine großen Hintergedanken. Der Clip sei eins von vielen Videos. Ein Stück weit habe er es sich zur Aufgabe gemacht hat, Veränderungen in Neuperlach mit Fotos und Videos festzuhalten. Er wolle für die Nachwelt dokumentieren, was sich im Münchner Südosten tut - und tatsächlich filmt er vieles, von der Kompostieranlage bis zum S-Bahnhof.

Mit dem neuen Clip wolle er aber natürlich auch Diskussionen anregen, sagt Bucholtz, in diesem Fall, in dem zumindest er "den Rechtsstaat nicht versteht", weil bei der Höhe der Mauern seiner Einschätzung nach mit mehrerlei Maß gemessen wird.

Sorge um den Stadtteil

Ob er das Video überhaupt hochladen sollte, habe er sich aber "reiflich überlegt", sagt Bucholtz, der seit 22 Jahren Stadtteilpolitik macht. Die Kehrseite der Veröffentlichung sei nämlich, dass das Video vielleicht ein falsches Signal sendet, dass ein schlechtes Licht auf Neuperlach fällt. Dort wohnten aber doch Menschen aus Hundert Nationen friedlich zusammen.

Und auch er selbst habe eine besondere Verbindung mit Neuperlach, sagt Bucholtz: "Ich habe 30 Jahre lang fast dort gewohnt, wo nun die Unterkunft entsteht, nur rund 200 Meter entfernt." Am Ende entschied er sich schließlich doch fürs Hochladen: "Über so etwas gehört genauso diskutiert wie über brennende Unterkünfte und andere Flüchtlingsthemen." Vielleicht ist es also kein Zufall, dass es im Video nur diesen einen Satzfetzen gibt: "The Future is now", die Zukunft ist jetzt.

Forum
    Liebe Leserinnen und Leser,
    im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf SPIEGEL ONLINE finden Sie unter diesem Text kein Forum. Leider erreichen uns zum Thema Flüchtlinge so viele unangemessene, beleidigende oder justiziable Forumsbeiträge, dass eine gewissenhafte Moderation nach den Regeln unserer Netiquette kaum mehr möglich ist. Deshalb gibt es nur unter ausgewählten Artikeln zu diesem Thema ein Forum. Wir bitten um Verständnis.
Anzeige
  • Jürgen Dahlkamp (Hrsg.):
    Die große Flucht

    Wie das Leid der Welt das Leben der Deutschen verändert.

    SPIEGEL E-Book; 2,99 Euro.

  • Bei Amazon bestellen.


© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.