Lesbenrechte 92-Jährige protestiert - seit 30 Jahren mit demselben Schild

Eine Mutter, eine Botschaft. Seit mehr als 30 Jahren setzt sich Frances Goldin für die Rechte ihrer lesbischen Töchter ein, das Netz feiert sie dafür. Damit nicht genug - die Frau hat noch mehr drauf.

Frances Goldin bei der Pride Parade in New York
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Frances Goldin bei der Pride Parade in New York

Von Tim Pommerenke


Etwas an ihrem Outfit ist immer lila, ein Hut oder auch nur eine Haarsträhne. Wenn sie fotografiert wird, hält sie meist ein Schild in die Luft. "Ich liebe meine lesbischen Töchter - passt auf sie auf", steht darauf. Und auf der Rückseite: "Ein stolzes Elternteil von Lesben". Nachdem Beobachter anhand alter Bilder festgestellt haben, dass Frances Goldin bereits seit mehr als 30 Jahren bei der New York Pride Parade dasselbe Schild dabei hat, wurde das Foto der 92-Jährigen tausendfach in sozialen Netzwerken geteilt.

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92-jährige Aktivistin: 30 Jahre, ein Schild

Von Anfang habe sie an der Parade teilgenommen, verriet Goldin dem Portal "BuzzFeed". Ihre Töchter Sally und Reeni, denen die Liebesbekundung gewidmet ist, hatten sich kurz nach der ersten Pride Parade 1970 zu ihrer Homosexualität bekannt. Seitdem hat Mama Frances das Schild dabei. Den Zusatz "Passt auf sie auf" hat Goldin dem Schild 1993 hinzugefügt.

Goldins Botschaft zeigt Wirkung. Auf Paraden erhalte sie großen Zuspruch, verrät Frances Goldin. Regelmäßig würden andere Teilnehmer sie fragen, ob sie nicht mal mit ihren Eltern sprechen könne. Oder gleich ihre Mutter werden möchte. Im Geiste adoptiere sie die Fragenden, sagt die New Yorkerin, und spreche auch gern von ihnen als Töchter. Frances Goldin sei für sie die Art von Mutter, die sich die meisten auf einer Gay Pride Parade wünschen würden.

"Sie glaubt an Gleichheit, Fairness und das Gute", sagt Goldins Tochter Reeni über ihre Mutter. Das beschränkt sich keinesfalls auf ihren Einsatz für die LGBT-Gemeinde (Homo-, Bi- und Transsexuelle). Der mediale Wirbel um das Schild von Frances Goldin ist eigentlich nur eine Fußnote, wenn man es mit ihrem Engagement in New York vergleicht. Die Aktivistin aus der Lower East Side ist quasi die Mutter des Protests.

Bereits in jungen Jahren tritt Goldin der Kommunistischen Partei bei, kandidiert als Vertreterin der sozialistisch geprägten American Labor Party für den New Yorker Senat. Ab den Fünfzigerjahren führt sie einen langwierigen Kampf gegen Bauprojekte in der Lower East Side. Eine Geschichte, die in der Dokumentation "It Took 50 Years" erzählt wird.

Die von ihr gegründete Literaturagentur "Frances Goldin Literary Agency" veröffentlicht, das überrascht nicht, Bücher, die sich dem kulturellen Diskurs widmen. Seit 1977 verschafft sie meinungsstarken, mitunter politisch radikalen Autoren wie Barbara Kingsolver, Adrienne Rich oder Dorothy Allison Gehör. Auch den wegen eines Polizistenmordes inhaftierten Autor Mumia Abu-Jamal vertritt sie als Agentin und kämpft für seine Freilassung. Überhaupt streitet Goldin an vielen Fronten. "Sie unterstützt die Dinge, an die sie glaubt, mit vollem Einsatz", sagt ihre Tochter Reeni. "Das ist ihr Leben."

Leiser ist Frances Goldin trotz ihres fortgeschrittenen Alters nicht geworden. Noch 2011, bei den Occupy-Protesten, sah man sie mit einem Schild in der Hand, auf dem sie verkündete: "Ich bin 87 Jahre alt und fuchsteufelswild." Sogar verhaften lassen wollte sie sich. Die Polizei lehnte das ab, es hätte ein schlechtes Licht auf die Gesetzeshüter geworfen. Bei Demonstrationen sitzt Goldin heute lieber im Rollstuhl. Die Leute kommen aber weiterhin auf sie zu. Denn ihr Schild hat sie noch immer jedes Mal dabei.

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insgesamt 5 Beiträge
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epigone 17.09.2016
1. Großartig!
Und eine Errungenschaft, die die christlich-westliche Welt erst seit wenigen Jahrzehnten zusehends verwirklicht: Das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung. Und zwar gegen den z.T. menschenverachtenden Widerstand der christlichen Kirchen, die erst in den letzten 20 Jahren angabegemäß etwas dazugelernt haben (glauben wir's?). Ein Grund mehr, die Macht und Forderungen von allen Religionen, im öffentlichen Raum sich breit zu machen, entschieden zu bekämpfen. Schon die kath. Kirche ist im Kern homophob (aber selbst latent schwul), das Judentum hat noch klarere Worte bereit: „Wenn ein Mann mit einem Mann schläft wie mit einer Frau- ein Greuel haben beide verübt, sterben, ja sterben sollen sie, ihr Blut über sie!" (Wajjikra/Lev 20, 13). Getopt wird das Ganze vom Islam, der in 10 der 57 islamischen Staaten für Homosexualität die Todesstrafe per Gesetz vorsieht. Mehr solche mutigen Mütter und weniger Priester, die ihre Ismen über die Menschen stellen!
omanolika 17.09.2016
2. Eine Menge Mut
Diese Frau engagiert sich und hat ne Menge Mut, aber nicht nur deshalb zieht man vor ihr den Hut, denn mit 92 noch für eigene Ideale aufzustehen, ist bewundernswert denn das gibt`s sehr selten zu sehen. Frances Goldin hat den Drang zur Gerechtigkeit, und das mittlerweile schon seit sehr langer Zeit, aber nicht Alles, was sie will ist automatisch gut, doch sie tritt für schwächere Gruppen ein und hat echt viel Mut!!!
ericstrip 17.09.2016
3. Daumen hoch...
...für diese alte Dame.
walldemort 17.09.2016
4. Vorbildlich
Ich wünsche allen lesbischen und schwulen Kindern eine solche Mutter.
cullfrau 18.09.2016
5. Hut ab!
Der Anblick dieser starken Frau hat mich tief berührt ! Wie unerschütterlich sie in ihrer Liebe zu ihren Töchtern steht...
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