"New York Times" fordert Cannabis-Legalisierung Auf den Keks gegangen

Soll Cannabis in den USA legalisiert werden? Ausgerechnet die sonst so bürgerliche "New York Times" fährt eine große Kampagne pro Marihuana. Vorausgegangen waren Selbstversuche der Redakteure.

Von , New York

Kampagne der "New York Times": Marihuana für alle, auch für uns

Kampagne der "New York Times": Marihuana für alle, auch für uns


Natürlich hat Andrew Rosenthal gekifft. "Ich habe früher Marihuana geraucht", beichtete der Kommentarchef der "New York Times" am Sonntag im TV-Network ABC News. "Ich bin in den siebziger Jahren in Colorado aufs College gegangen. Den Rest können Sie sich denken."

Die "Marihuana-Frage" gehört zum Standardrepertoire des politischen Journalismus in den USA. Normalerweise soll sie Kandidaten fürs höchste Staatsamt in Verlegenheit bringen. Etwa Bill Clinton ("Ich inhalierte nicht"), Barack Obama ("Als Kind inhalierte ich häufig") oder Mitt Romney, der seinen bekifften Nachbarn die Cops auf den Hals hetzte ("Das ist eklig").

Dass diesmal ein Journalist - Jonathan Karl von ABC - einen Kollegen live über seinen Drogenkonsum verhört, hat guten Grund. Denn unter Rosenthals Führung ist die "New York Times" selbst unter die Kiffer gegangen: Mit einer massiven Medienkampagne, wie sie sie eigentlich nur staatstragenden Politfragen zubilligt, hat sich die betuliche "Grey Lady" an die Spitze der Legalisierungsdebatte gesetzt- und fordert die komplette Dekriminalisierung von Marihuana: Gras für alle, auch für uns!

Diese Kampagne begann am Sonntag mit einem für "Times"-Verhältnisse schockierend zeitgemäßen Leitartikel, der das Thema mit dem Alkoholverbot der zwanziger Jahre gleichstellt: "Beendet die Prohibition noch einmal." Die Online-Version gibt einem das Gefühl, selbst benebelt zu sein: Die Sterne in der US-Flagge mutieren zu Cannabis-Blättern.

Marihuana-Party in Colorado: Nun auch fürs Bürgertum
AP/dpa

Marihuana-Party in Colorado: Nun auch fürs Bürgertum

Das Mitteilungsblatt des Bürgertums propagiert seinen Kiffer-Kommentar so aggressiv wie nie: Es gab eine eigene Pressemitteilung, und in einer sechsteiligen Serie von Artikeln widmen sich die Leitartikler den Vorzügen von Cannabis. Das Ganze wird prominent auf der Homepage verkauft, mit "interaktivem Zeugs, Grafiken und Tabellen" (Rosenthal) und unter dem zweideutigen Motto "High Time". Was "höchste Zeit" heißen kann - aber auch: "Es ist Zeit, sich zu berauschen."

"Zweifellos ein Meilenstein", amüsiert sich die progressive Newssite "Huffington Post". Springt die "Times" doch wieder mal auf einen Zug auf, der den Bahnhof längst verlassen hat: 23 der 50 US-Bundesstaaten haben Cannabis inzwischen für medizinische Zwecke freigegeben. Zwei erlauben Anbau, Verkauf und Konsum sogar für "gelegentliche Freizeitnutzung" - darunter Rosenthals Studienheimat Colorado.

Trotzdem: Der Ritterschlag der "Times" adelt die Debatte zur seriösen Diskussion. Bis dahin war es ein weiter Weg für das Traditionsblatt.

Noch im Juni dieses Jahres dokumentierte Starkolumnistin Maureen Dowd konsterniert einen Selbstversuch mit Cannabis-Keksen: "Ich konnte mich kaum mehr erinnern, wo ich war oder was ich anhatte", schrieb sie. "Ich kam zur Überzeugung, dass ich tot war und mir das keiner gesagt hatte."

Der missglückte Ausflug der 62-jährigen Dowd in die Kiffer-Szene löste einen Shitstorm des Spotts aus. Selbst das Millionärsmagazin "Forbes" amüsierte sich, Dowds Cookies seien wohl "ohne Dosierhinweis" gekommen. Spätestens da muss die "Times" geahnt haben, dass sie hinter dem Zeitgeist hinterherhinkt.

Trotzdem ging der jetzigen Kampagne hinter den Kulissen eine heftige Diskussion voraus. "Keiner hielt den Status Quo für haltbar", sagt Rosenthal. Dennoch habe man das Vorpreschen akribisch "geplant und entworfen" - mit wohlwollender Unterstützung des Verlegers Arthur Sulzberger, ebenfalls 62, der das Erbe seines Familienclans hütet.

Für Rosenthal ist dies auch ein persönliches Anliegen. Unter ihm ist das Meinungsressort der "Times" - das Dutzende Kolumnisten und Leitartikler beschäftigt - scharf in die Kritik gerasselt: Es sei beliebig, einflusslos und irrelevant geworden. Die Cannabis-Kampagne soll das nun ändern.

Manch etablierte Medienkollegen dagegen reagieren weiter konsterniert. "Kifft ihr da alle?", fragte der biedere ABC-Mann Jonathan Karl, ganz so, als hänge über dem gesamten "Times"-Hochhaus an der 43rd Street eine Marihuana-Wolke. Sende die "Times" nicht ein Signal, "dass nichts falsch daran ist"? Führe das nicht "zu verstärktem Drogenkonsum"?

Keks gefällig, Mr. Karl?

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Seite 1
Tron2002 28.07.2014
1. Wann endlich bei uns?
Das bewundere ich an Amerika. In wenigen westlichen Ländern wurde der Konsum so hart bestraft wie in den USA aber die USA sind noch eine richtige Demokratie. Die Menschen dort konnten mit stetigem Einsatz für und Argumenten die unschlagbar sind erreichen dass es ernsthaft auf dem Weg zur totalen Legalisierung ist, das hat am Ende alle polemischen Schreier und Hardcore-Konservativen besiegt. Sowohl mit medizinischen (Auswirkungen von Konsum auf den Körper verglichen mit den legalen Drogen Nikotin und Alkohol) als auch mit sozialen Argumenten (völlig normale und unbescholtene Bürger werden in die Illigalität getrieben, dem Staat gehen Millionen an Steuergeldern verloren die stattdessen mafiöse Strukturen einnehmen, in den USA wurden zudem vor allem Arme und Minderheiten für den Konsum ins Gefängnis geworfen). Ich halte die Holländer zudem für ein äusserst tüchtiges Völkchen dem die jahrzehntelange Legalität von Cannabis absolut nicht geschadet hat. Ein Verbot was im Vergleich zu den legalen Betäubungsmitteln nicht verhältnismässig ist und kaum begründet wird kann auch kein demokratisches Verbot sein, das hat man in den USA erkannt. Ich habe aber die Befürchtung dass die deutsche Gesellschaft viel dogmatischer und in einigen Dingen auch polemischer ist was ich noch vor 20 Jahren für völlig unmöglich gehalten hätte. Ich habe die Befürchtung dass man hier auch in Zukunft von konservativer Seite alle Legalisierungsbestrebungen niederschreien wird bzw. eine Atmosphäre erzeugt indem nichtmal darüber geredet werden darf ohne dass man in die Chaotenecke geschoben wird. Man kann sich ja mal informieren wie vor allem die CSU in der Vergangenheit eine sachliche Diskussion fast unmöglich gemacht hat, in Bayern gibts auch die härtesten Strafen für den Konsum und die Alkohol-Lobby kämpft aus finanziellen Motiven auch stark dagegen an weil sie keinen "Konkurrenten" will.
cyberkarl 28.07.2014
2. Definitiv nicht problemlos
Ob legal oder nicht interressiert mich wenig, von mir aus können alle Drogen legalisiert werden. Allerdings halte ich THC (Wirkstoff von Marihuana, Haschich etc.) für ganz und gar nicht harmlos. Hier einige Punkte bei häufigem Konsum: - Das photographische Gedächtnis wird anhaltend deutlich gestört. Das ist vor allem bei Jugendlichen bzw. jungen Erwachsenen katastrophal: - Es fördert Depressionen/Schizophrenien. Wer es nicht wahr haben will, kann ja mal in die Schweizer Psychiatrien gehen, wo ein großer Teil der jungen Insassen (Ex-)Kiffer sind. - Lungenfibrosen sind deutlich häufiger als bei "normalen" Rauchern - Die Infektabwehr leidet ebenfalls erheblich. - Die sozialen Kompetenzen erfahren ebenfalls nicht unbedingt einen Höhenflug. Wer das alles erleben will, soll eifrig kiffen. Verbieten würde ich es wie gesagt nicht, da jeder selbst wissen muß was er tut, solange er ander nicht beeinträchtigt. Aber er sollte schon wissen, welche Risiken er eingeht.
Türkis 28.07.2014
3. Video: Wie wunderbar Cannabis hilft
"Zwischen Mittelmeer und Jordan" - Cannabis gegen Arthritis. Rifka litt an massiver Arthritis. Die Schmerzen waren so stark, dass sie nicht mehr leben wollte. Doch dann begann die 85-Jährige, Cannabis zu nehmen - und seitdem ist das Leiden weg. Ein Einzelfall? Nein, in Israel gilt Cannabis als neue Wundermedizin. Hier ein sehenswertes Video (Dauer 10 Minuten), in dem dankbare Betroffene zu Wort kommen: http://www.tagesschau.de/videoblog/zwischen_mittelmeer_und_jordan/videoblogschneider314.html
Ghost_In_A_Shell 28.07.2014
4. Dagegen!
Hallo, um es gleich mal vorweg zu nehmen: ich hatte selbst Erfahrungen mit der Droge und solange es nur um mich, ginge könnte das Zeug gern legalisiert werden. Aber: Es geht nicht nur um mich, sondern um die ganze Gesellschaft und deswegen bin ich dagegen THC zu legalisieren! In diesem Forum wird THC oft mit Tabak und Alkohol verglichen (was ja legale Drogen sind) und dann daraus gefolgert, dass auch Cannabis legalisiert werden sollte. OK, also erstens ist Tabak bei weitem keine so starke psychoaktive Substanz wie Cannabis, zweitens muss man (bei den heutigen THC-Züchtungen) einiges an Alkohol trinken, damit man eine Wirkung von ähnlicher Stärke erreicht wie bei einem Joint und drittens werden selbst Tabak sowieso aber auch oft Alkohol mißbraucht. Von daher wäre eigentlich eher der Umkehrschluss, gleich alles zu verbieten, richtiger. Aber das ist eine andere Diskussion... Man sollte niemals die Wirkung von psychoaktiven Substanzen unterschätzen, selbst wenn sie so mild im Vergleich zu "echt harten" Drogen sind - härter geht sowieso immer. Es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen Alkohol und THC: Alkohol "stärkt" (vermeintlich) den Charakter und kann somit bei einmaliger Benutzung keine psychischen Folgeschäden (Psychosen) verursachen, bei THC ist sowas absolut möglich. Ich habe mehrere Leute gesehen, denen das so passiert ist. Allein der gesteigerte Puls verunsichert schon so einige (Erst-)nutzer. Jeder der Drogen nimmt, sollte wissen was er tut und nur gefestigte Charaktere sollten überhaupt darüber nachdenken. Die Illegalität von THC ist ein Mittel für die Polizei, gegen den Mißbrauch / Gebrauch dieser Droge bei nicht gefestigten Personen (die sowieso eher zum Drogenkonsum neigen) vorgehen zu können. Davon gibts allein schon bei den legalen Drogen (z.B. Alkohol) genug. Ich persönlich hatte nie Probleme bezüglich THC mit der Polizei und habe mich vorab auch bei der Drogenberatung offen und ehrlich informiert - Fazit: "Bei ihnen ist das kein Problem, sie können das ruhig in Maßen machen. Sorgen machen uns ganz andere Personenkreise." (Zitat offizielle Drogenberatung). Und ich kann nur jedem anraten, sich vorher zu informieren und diese oder ähnliche Drogen (wenn überhaupt) niemals alleine zu konsumieren bzw. zu mischen! Insgesamt wird sowieso die Wirkung nahezu aller Drogen in allen Kulturkreisen stark unterschätzt! Deswegen bin ich gegen die weitere Legalisierung dieser oder ähnlicher Drogen. Nehmt keine Drogen, das braucht man nicht! Viele Grüße
tinosaurus 28.07.2014
5. Wann
kommt es auch hier zu einem längst überfälligen Umdenken? Wieso müssen die deutschen Bedenkenträger immer hinterher hinken?
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