Coming-out im American Football Talentiert, ehrgeizig - und schwul

Footballspieler Michael Sam von der Universität von Missouri gilt als Kandidat für die US-Profiliga. Nun hat er sich als erster Spieler geoutet, der seine Karriere noch vor sich hat. Das Coming-out bricht ein Tabu - und dürfte Sam den Sprung zu den Profis erschweren.

AP

New York - Thomas Hitzlsperger ist schwul! Die Aufregung war groß, als diese Nachricht vor wenigen Wochen bekannt wurde. Erstmals hatte ein ehemaliger Fußball-Nationalspieler sich offen zu seiner Homosexualität bekannt. Hitzlsperger wartete mit seinem Coming-out bis nach dem Karriereende - und berichtete unter anderem auch davon, wie homophob es in manchen Umkleiden zuging.

Umso mehr Respekt muss man vor Michael Sam haben. Er ist Footballspieler, hat gerade seine College-Karriere an der Universität von Missouri abgeschlossen - und sich nun geoutet. "Ich bin ein offener, stolzer schwuler Mann", sagte er mehreren Medien, unter anderem der "New York Times" und ESPN. "Es ist eine große Sache. Niemand hat dies vorher getan."

Seinen Trainern und Mitspielern an der Universität von Missouri habe er im August von seiner sexuellen Orientierung erzählt. "Die Trainer wollten ein bisschen über uns wissen, unsere Hauptfächer, woher wir kommen, und etwas, das niemand über uns weiß", sagte er. "Und ich habe diese Gelegenheit genutzt, um ihnen zu sagen, dass ich schwul bin." Die Trainer und Mitspieler hätten entspannt reagiert und die Nachricht während der Saison für sich behalten.

"Wir bewundern Michael Sams Ehrlichkeit und Mut"

Beim Senior Bowl Ende Januar, einer Art Schaulaufen für die besten Nachwuchsspieler, hätten allerdings viele Personen offenbar gewusst, dass er schwul sei. Er habe Angst gehabt, jemand anderes würde die Geschichte an die Öffentlichkeit bringen. "Niemand außer mir soll meine Geschichte erzählen."

Die Nachricht wäre nur halb so interessant, gälte Sam - 116 Kilo, fast zwei Meter groß - nicht als sicherer Kandidat für eine Profikarriere. Er ist ein All-American, einer der besten Nachwuchsspieler der USA auf seiner Position. Und er könnte der erste offen schwule Spieler in der National Football League (NFL) werden.

"Wir bewundern Michael Sams Ehrlichkeit und Mut", teilte die Liga mit. Man freue sich darauf, Sam 2014 in der Liga willkommen zu heißen und zu unterstützen. Unterstützung dürfte Sam gut gebrauchen können.

Angesichts der machohaften und teilweise offen homophoben Stimmung in vielen Teams und Stadien wäre seine Anwesenheit ein echter Gradmesser dafür, wie sehr Clubs und Fans in der Gegenwart angekommen sind. So gab es in den vergangenen Jahren Berichte, Talentscouts hätten College-Spieler gefragt, ob sie eine Freundin hätten - eine Chiffre für: Bist du heterosexuell?

Manche Profis wollen keine schwulen Teamkollegen

Es gab zwar schon eine Reihe von Spielern, die sich nach ihrem Karriereende zu ihrer Homosexualität bekannten. Aber Sam ist der erste, der seine Karriere noch vor sich hat - und sie sich durch seine Ankündigung möglicherweise verbaut.

Denn US-Medien zitieren schon anonym Trainer und Offizielle von NFL-Teams, die sagen, ein Spieler von Sams Fähigkeiten rechtfertige nicht, dass es im restlichen Kader Unruhe gebe. Grundlos sind diese Vermutungen nicht.

Chris Culliver von den San Francisco 49ers löste etwa vor dem Super Bowl 2013 eine Kontroverse aus, als er sagte, er wolle keinen schwulen Teamkameraden. Erst vergangene Woche sagte dies auch Jonathan Vilma von den New Orleans Saints. Und der NFL-Profi Chris Kluwe beschuldigte seinen früheren Trainer, gesagt zu haben, man solle alle Schwulen auf eine Insel bringen und dort eine Atombombe zünden.

Deshalb wird nun auch debattiert, ob sich Sam mit dem Zeitpunkt seines Coming-out einen Gefallen getan habe. Ja, meinen manche - schließlich kann ihm so kein Profiteam später vorwerfen, er habe nicht mit offenen Karten gespielt. Nein, sagen andere - weil seine Karriere nun womöglich gar nicht erst richtig beginnt.

ulz/AP

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insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
seduro34 10.02.2014
1. optional
Ich verstehe die ganze Diskussion einfach nicht. Der Mann ist schwul, na und? Er hat keine ansteckende Krankheit und will höchstwahrscheinlich auch keine Männer in der Umkleide oder auf dem Spielfeld begatten. Was er privat macht, kann anderen doch egal sein.
javaan 10.02.2014
2. Ein..
Zitat von seduro34Ich verstehe die ganze Diskussion einfach nicht. Der Mann ist schwul, na und? Er hat keine ansteckende Krankheit und will höchstwahrscheinlich auch keine Männer in der Umkleide oder auf dem Spielfeld begatten. Was er privat macht, kann anderen doch egal sein.
.. coming out ist dann relevant, wenn das dahinterliegende Verhalten schwierig akzeptiert wird, oder zumindest dieses unterstellt wird. Wowereit's "Ich bin Schwul und das ist gut so" war nur für die Bühne, es interessiert das allgemeine Publikum reichlich wenig. Hitzlsperger's coming out war gut, weil die Fussballszene nicht wirklich echt offen dafür ist. Mutiger wär's gewesen, wenn er es während der Karriere geoutet hat. Als seine Teamkameraden es ohne Zweifel eh schon vermutet hatten. Der Coming-Out von dem American Football Spieler ist daher auch relevant, weil auch dort vermutet wird, dass es nicht passt. Die ersten Reaktionen sind positiv, hoffentöich bleibt's so, und ist es auch hinter den Kulissen auch so. Sehr mutig!
MartinB. 10.02.2014
3. Die Diskussion...
Zitat von seduro34Ich verstehe die ganze Diskussion einfach nicht. Der Mann ist schwul, na und? Er hat keine ansteckende Krankheit und will höchstwahrscheinlich auch keine Männer in der Umkleide oder auf dem Spielfeld begatten. Was er privat macht, kann anderen doch egal sein.
Die Diskussion dreht sich darum, dass es breiten Teilen der Bevölkerung eben NICHT egal ist, und sich das eigentlich langsam mal ändern sollte. Wenn ein solches Coming Out keine Meldung, keine Diskussion mehr wert *wäre*, dann gäbe es auch keine. Vielleicht bringt dieser mutige Schritt das Ziel näher. Wohlgemerkt das ERSTE Coming Out eines Athleten, der seine Karriere noch VOR sich hat, und auch weiterhin betreiben möchte. Nicht nur im Football, sondern auch im Fußball, Eishockey, Handball, ... wenn das alles so egal wäre, müsste es auch hier einen erklecklichen Anteil offen homosexuell lebender Sportler geben, wie in der allgemeinen Bevölkerung auch. Deshalb ist die Meldung und Diskussion gut und wichtig.
DorianH 10.02.2014
4.
Zitat von MartinB.Die Diskussion dreht sich darum, dass es breiten Teilen der Bevölkerung eben NICHT egal ist, und sich das eigentlich langsam mal ändern sollte. Wenn ein solches Coming Out keine Meldung, keine Diskussion mehr wert *wäre*, dann gäbe es auch keine. Vielleicht bringt dieser mutige Schritt das Ziel näher. Wohlgemerkt das ERSTE Coming Out eines Athleten, der seine Karriere noch VOR sich hat, und auch weiterhin betreiben möchte. Nicht nur im Football, sondern auch im Fußball, Eishockey, Handball, ... wenn das alles so egal wäre, müsste es auch hier einen erklecklichen Anteil offen homosexuell lebender Sportler geben, wie in der allgemeinen Bevölkerung auch. Deshalb ist die Meldung und Diskussion gut und wichtig.
Den Leuten wärs ja auch ziemlich egal. Es sind die Medien, die deshalb immer ein Riesentheater veranstalten. Dann wird natürlich drüber geredet, und schon heißt es dann, es ist den leuten nicht egal. Selbst erfüllende Prophezeiung nennt man das. Wenn das nicht dauernd bei jeder Gelegenheit aufgebauscht würde, wäre es schon längst kein Thema mehr. Bei Martina Navratilova war das schon vor Jahrzehnten bekannt, daß sie lesbisch ist, und was ist passiert in der Öffentlichkeit? Gar nichts.
tyskie 10.02.2014
5.
Warum besteht denn der Zwang, dass sich Homosexuelle in aller Öffentlichkeit "outen" müssen? Man verlangt doch auch von niemandem, dass er sich als heterosexuell "outen" soll. Diese ganze "wir brauchen mehr Outings von aktiven Sportlern"-Schwachsinn unterstreicht doch erst die Andersartigkeit, die die Zwanzigers dieser Welt in den Homosexuellen sehen.
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