Video zu #nichtschön Mehr als eine Beauty-Frau

Die Haare sitzen schlecht, der Lippenstift passt nicht: Solche Kommentare lesen viele YouTuberinnen unter ihren Videos - auch wenn es darin um etwas ganz anderes geht. Marie Meimberg erklärt, wie das ein Protestvideo ändern soll.

Standbild aus #nichtschön-Video: Ist das alles, was zählt? Quelle: YouTube

Standbild aus #nichtschön-Video: Ist das alles, was zählt? Quelle: YouTube

Ein Interview von


Zur Person
  • Svenson Linnert
    Marie Meimberg hat seit etwa einem Jahr einen eigenen YouTube-Channel, den schon mehr als 30.000 Menschen abonniert haben. Ihre Videos können als Poetry Slam mit schönen Bildern beschrieben werden. Vor Kurzem hat sie mit anderen bekannten YouTubern den Verein 301+ gegründet.
SPIEGEL ONLINE: Frau Meimberg, Sie haben zusammen mit anderen Frauen ein Video gedreht, in dem diese klarstellen, dass sie nicht einfach nur schön sind, sondern auch andere Attribute haben, zum Beispiel "selbstironisch" oder "klug". Ist das nicht selbstverständlich?

Marie Meimberg: Eigentlich sollte es das sein. Aber wenn ich die Kommentare unter den Videos von anderen YouTuberinnen lese, dann geht es ganz oft einfach darum, ob die Frauen darin schön sind oder nicht - auch wenn das mit dem Inhalt der Videos gar nichts zu tun hat. Wenn es beispielsweise um Nachrichten oder persönliche Dinge geht...

SPIEGEL ONLINE: ...wie etwa bei Mirella, die über das Erwachsenwerden oder die Frage, warum Mädchen weinen, bloggt.

Meimberg: Ja, unter solchen Videos stehen dann Kommentare wie: "Oh, dein Lippenstift ist schön" oder "Deine Haare sehen heute komisch aus". Es ist immer sehr fokussiert auf die Frage, was an der Frau jetzt schön ist und was nicht. Das finde ich schade.

SPIEGEL ONLINE: Es geht also nicht nur um sexistische Kommentare von Männern, sondern auch um unsachliche Kommentare von Frauen.

Meimberg: Das ist überhaupt kein Frauen-Männer-Ding. Zwar stehen unter einigen Facebook-Posts meines Videos jetzt auch sexistische Kommentare, in denen Männer sagen, wen sie am ehesten flachlegen würden. Aber es ist auf jeden Fall etwas, das auch Frauen betrifft, wenn es zum Beispiel um die Schminke geht. Das ist eine generelle Sache.

SPIEGEL ONLINE: Viele YouTuberinnen befassen sich in ihren Videos vor allem mit dem Thema Aussehen. Ist es da nicht naheliegend, dass sich auch die Kommentare darum drehen?

Meimberg: Ja, das ist so eine typische Reaktion: Man darf sich nicht mit Beauty beschäftigen, wenn man nicht auf sein Aussehen reduziert werden will. Das ist völliger Bullshit. Natürlich darf man auch als Beauty-Frau sagen: "Ich bin mehr als nur eine Beauty-Frau." Das gilt für jede Frau, egal wie sie aussieht, niemand möchte darauf reduziert werden.

SPIEGEL ONLINE: An dem Video haben sich fast 30 Frauen beteiligt. Wie konnten Sie die dafür gewinnen?

Meimberg: YouTube hat im November ein Wochenende für Bloggerinnen in Berlin organisiert, welches ich mit initiiert hatte. Der Grund dafür war, dass wir gemerkt haben, dass sich Frauen bei YouTube nicht so eng vernetzen, wie es die Männer dort machen. Bei dem Workshop habe ich gefragt, wer bei meinem Video mitmachen möchte, und es waren tatsächlich viele. Das zeigt schon, dass das Thema relevant ist.

SPIEGEL ONLINE: Wird sich das Problem mit dem Video lösen lassen?

Meimberg: Ich glaube nicht, dass es ein Problem ist. Wir sind jetzt nicht die betroffenen Opfer und liegen weinend in der Ecke. Es ist ja auch kein trauriges Video, bei dem ich Piano-Musik druntergelegt habe. Es ist ein positiver Moment, der zeigt, dass es noch so viel mehr gibt, was enorm spannend ist. Zum Beispiel würde ich mich freuen, wenn sich noch mehr YouTuberinnen trauen, Comedy zu machen, über gesellschaftlich relevante Themen zu sprechen oder einfach komplett neue Formate zu entwickeln.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst erzählen in Ihren Videos etwa von Kindheitserinnerungen, um Schminke oder Frisuren geht es dabei nicht. Haben Sie selbst gar keine Vorurteile gegenüber Beauty-Bloggerinnen?

Meimberg: Ich dachte, dass manche von ihnen eher leise sind - ganz im Gegenteil zu mir, ich rede viel und laut - aber das waren toughe, coole und witzige Mädels und wir haben wahnsinnig viel gelacht an dem Wochenende. Aber klar, jeder hat Vorurteile. Die Frage ist, wie man damit umgeht und ob man bereit ist, das vorgefertigte Bild von jemandem auch wieder zu revidieren, wenn man den Menschen näher kennengelernt hat. Letztlich haben die Beauty-Bloggerinnen mit dem Video viel mehr Mut bewiesen, weil die sich jetzt natürlich alle anhören müssen, wie scheinheilig das ist. Ich habe größten Respekt davor, dass sie es trotzdem gemacht haben.

SPIEGEL ONLINE: Um Netzwerken geht es auch bei Ihrem Verein 301+, dem sich 15 bekannte YouTuber angeschlossen haben, unter anderem LeFloid, der mehr als zwei Millionen Abonnenten hat.

Meimberg: Wir sind alle ein Freundeskreis aus Netzwerkern, kein YouTube-Netzwerk. Der Unterschied ist, dass wir uns mit anderen Leuten austauschen und YouTuber zusammenbringen, wenn wir glauben, dass da was spannendes entstehen kann. Wir halten aber hinterher nicht die Hand auf. YouTube ist in den vergangenen zwei Jahren zu einer richtigen Branche geworden. Es geht um viel Wachstum - und Klicks. Und Geld.

SPIEGEL ONLINE: Und worum geht es bei 301+?

Meimberg: Uns geht es darum, Projekte zu machen, die awesome sind, und bei denen wir unsere Reichweite sinnvoll einsetzen können. Zum Beispiel haben LeFloid und Frodo vor Kurzem eine Gaming-Aktion gestartet,die "Loot für die Welt" hieß. Dafür haben die beiden 30 Stunden lang zusammen mit Freunden aus dem Verein live gestreamt und dabei Spenden gesammelt - mehr als 31.000 Euro sind so für einen guten Zweck zusammengekommen.

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 12 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
twister-at 25.11.2014
1. Lauter junge, mehr oder minder gestylte Frauen
da is ja die Werbung für Dove noch kreativer, da werden wenigstens auch mal ältere Menschen, Menschen mit Falten usw. miteinbezogen.
twister-at 25.11.2014
2. Lauter junge, mehr oder minder gestylte Frauen
da is ja die Werbung für Dove noch kreativer, da werden wenigstens auch mal ältere Menschen, Menschen mit Falten usw. miteinbezogen.
BlakesWort 25.11.2014
3.
Frauen mit beauty-blogs, die ihre Zeit damit verbringen sich selbst zu maskieren, wollen als "nicht schön" sondern "awesome" (engl. toll, großartig, beeindruckend) genannt werden? Ich verstehe ja, warum es sie ein wenig nervt, wenn sich Kommentare nur über schlecht sitzende Haare drehen, aber wer solche blogs betreibt, erwartet sicher keine Genderdiskussion über Weltfrieden, oder? Scheinheilige PR-Maßnahme, ganz richtig. Trotzdem ein voller Erfolg. Einen breiteren Rahmen als SPON kann man im Internet nicht erhalten.
kumi-ori 25.11.2014
4. Es trifft nicht nur Frauen
Ich kann die Beauty-Frauen trösten, auch Männern kann das passieren. Als vor Jahrzehnten bei der Fernseh-Neujahrsansprache des Bundeskanzlers Kohl der Techniker aus Versehen die Videokassette vom vergangenen Jahr eingelegt hatte, haben das die Leute auch erst daran gemerkt, dass er zweimal nacheinander die selbe Krawatte getragen hatte.
mindphuk 25.11.2014
5.
Userin "Shoeonhead" postet seit einer Weile Videos, die sich kritisch mit Feminismus und insbesondere #gamergate auseinander setzen. Komischerweise wird sie in den Kommentaren nur sehr selten auf ihr Äußeres reduziert, obwohl sie auffälliges Makeup trägt. Sie trägt ihre Kritik selbstbewusst, mit Lockerheit, Witz und Ironie vor und bekommt dafür hauptsächlich positives Feedback http://www.youtube.com/channel/UC0aanx5rpr7D1M7KCFYzrLQ Warum wohl? Außerdem passiert soeine Reduzierung auch Männern. MundaneMatt ist selten in seinen Videos zu sehen, aber in einem wo er Anita Sarkeesian parodiert, kamen sofort Kommentare über sein Aussehen (er hat breite Schultern und einen breiten Nacken) und seine Haare usw. Das Problem ist, dass sowas immer auf ein Frauen-Problem reduziert und daraus Sexismus postuliert wird. Auch Männer werden verbal angegriffen, und zwar egal worüber es in dem Video geht.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.