Niedergang eines Multimillionärs Der Mann, der sein Leben verzockte

Klaus F. Schmidt

Von , Delmenhorst

2. Teil: Schmidt verzockt ein Zweifamilienhaus - an nur einem Abend


Schmidt kauft sich einen Luxus-Sportwagen, eine Dodge Viper, eine Yacht, ein Haus am IJsselmeer in den Niederlanden, edle Anzüge. Junge Frauen bewundern ihn, er lädt Freunde zu Segeltörns ein. Doch die haben keine Zeit, müssen arbeiten. Schmidt ist reich, aber er hat niemanden, den er daran teilhaben lassen kann.

Er ist auf dem Weg zu seinem Sohn nach Bremen, als er wenige Wochen später an der Ausfahrt "Zwischenahner Meer" von der A28 abfährt. Schilder weisen den Weg zur Spielbank Bad Zwischenahn. Schmidt kehrt ein, isst im Restaurant. Das Casino zieht ihn an, er sei halt ein neugieriger Mensch, sagt Schmidt heute lapidar.

Er tritt ein, der dicke Teppich verschluckt die Stimmen, Schmidt hört gedämpftes Gemurmel, sieht gut gekleidete Menschen, höfliche Gesten. "Manierlich" nennt er das alles. Die Etikette, das viele Geld - Schmidt ist beeindruckt.

Für die richtige Zahl wird er in den kommenden rund 24 Monaten alles riskieren - und alles verlieren.

Seine Selbstkontrolle gibt er fortan ab, so, wie er den Mantel an der Casino-Garderobe abgibt. Schmidt, der Macher, verliert die Fäden, die er immer in der Hand gehalten hat, wird selbst zur Marionette.

Das Spiel ist wie ein Rausch, die Zeit zieht an ihm vorbei, mal bleibt er nur kurz, dann wieder viele Stunden, meist jedoch so lange, bis er kein Geld mehr hat. Geht er doch mit Scheinen in der Tasche nach Hause, dann nur, weil das Casino schließt, er gehen muss.

Schmidt, der Stratege, hat eine neue Aufgabe: Er will die Kugel besiegen. Er will vorhersagen, in welches Nummernfach sie fällt, will sich das verlorene Geld zurückholen. Es ist ein Spiel um Macht, Schmidt ringt mit der Spielbank, mit dem Roulette, er will sich nicht damit abfinden, dass er verliert. "Ich habe gedacht, wenn ich mich mehr mit der Materie beschäftige, würde ich auch nicht mehr verlieren, habe den Einsatz als Lehrgeld gesehen, das ich mir zurückhole, weil ich ja ein cleveres Kerlchen bin."

An einem Abend verspielt er ein Zweifamilienhaus, mit 364.000 Mark geht er rein, mit 7000 geht er raus.

Klaus J. Schmidt: "Multimillionär a.D."

"Ich fand mich bedauernswert. Aber wenn ich mich bedauert habe, musste das wenigstens kein anderer machen." Schmidt lässt sich sperren, und spielt schließlich doch wieder. Sein Wohnmobil parkt auf dem Gelände der Spielbank, so ist er näher am Glück.

An jenem Abend im Oktober 2000 hat Schmidt endgültig alles verspielt. Als er bei Bekannten um Unterschlupf bittet, wollen die im Gegenzug mit Schmidt auf dem IJsselmeer segeln. Sie ahnen nicht, dass er mittellos ist. Schmidt muss sich offenbaren: erst bei seinen Bekannten, später beim Sozialamt.

Hartz IV klagt er in zweiter Instanz beim Sozialgericht ein: Man glaubt ihm zunächst nicht, dass kein Geld mehr übrig ist. Das Jobcenter ist in die früheren Sodastream-Büroräume gezogen, Schmidts Beraterin sitzt auf dem Stuhl, auf dem einst seine Angestellte saß. Er sammelt Pfandflaschen, ist ganz unten.

"Diese Berg- und Talfahrt, dieses himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt, einmal gelingt alles wie im Schlaf, dann gelingt gar nichts und alles fällt in sich zusammen. Das macht auf Dauer müde, aber so verläuft ein Leben. Ich habe aufgehört, zu grübeln, wofür das gut sein soll. Und ich habe die Angst vorm Fallen verloren."

Doch Schmidt kämpft: nicht länger gegen die Kugel, nicht länger gegen sich selbst, sondern gegen die Spielbanken. Schmidt will aufklären, vor Spielsucht warnen, die Zusammenhänge zwischen Glücksspiel, den Interessen der Länder und Finanzämter aufdecken, ein Bewusstsein dafür schaffen, wie wenig es braucht, um die Kontrolle zu verlieren - und wie schnell es so weit ist, dass nichts mehr geht.

Er verliert einen Prozess, weil der Richter ihm keine Spielsucht attestiert. Wenn das Spielen pathologisch wäre, dann hätte er an jenem Abend im Oktober nicht einfach aufhören können, urteilt das Gericht.

"Multimillionär a.D." steht auf Schmidts Visitenkarte, inzwischen arbeitet er wieder als Berater für kleine Unternehmen, versucht sich an der Vermarktung einer russischen Sängerin, Hartz IV bezieht er nicht mehr. Er lebt allein. "Wenn man keinen Partner hat, kann man auch nicht verlassen werden", sagt er.

Wer nichts hat, kann auch nichts verlieren.

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