Niedergang eines Multimillionärs Der Mann, der sein Leben verzockte

Klaus F. Schmidt verdiente mit einer Sprudelmaschine ein Millionenvermögen, besaß Yacht, Luxus-Sportwagen, ein Haus am See. Dann verzockte er alles am Roulette-Tisch - und wurde zum Hartz-IV-Empfänger, der Flaschen sammeln musste. Ein Leben wie eine Achterbahnfahrt.

Von , Delmenhorst

Klaus F. Schmidt

Delmenhorst - Es ist ein grauer Tag im Oktober 2000, an dem nichts mehr geht. Klaus F. Schmidt sitzt am Roulette-Tisch der Spielbank Bremen, er denkt an die Gitarre, die er seinem jüngeren Sohn zu Weihnachten versprochen hat, an die Mietnachzahlung, die er für den älteren übernehmen will.

Klaus F. Schmidt schaut auf die Roulettescheibe, die sich dreht "wie der Kessel in der Waschmaschine", und setzt seinen letzten Jeton auf die Eins. Die Eins soll ihm die fast fünf Millionen zurückbringen, die er in den vergangenen 24 Monaten in der Spielbank gelassen hat.

"Rien ne va plus. Nichts geht mehr."

Die Zahlen sind gesetzt. Doch Schmidt zweifelt, seine Gedanken sind wirr: Seine Großmutter, bei der er aufgewachsen ist, hatte am 1. Geburtstag, aber seine Glückszahl ist eigentlich die 17. Doch die Kugel rollt. Er bittet den Croupier, noch einmal umsetzen zu dürfen. Eigentlich verletzt das die Regeln, das weiß Schmidt. Doch er ist ein guter Kunde, ein sehr guter Kunde. "Die Eins spielt die 17", es hat geklappt.

Die Kugel rollt, wird langsamer - und fällt in die Eins.

Schmidt hat verloren. Erst, mit dem Rückzug aus dem Job, seine Aufgabe, dann seine Kontrolle, irgendwann seine Selbstachtung, schließlich sein Vermögen. Fünf Millionen D-Mark sind futsch, verzockt. Es war das definitiv letzte Spiel, nichts geht mehr.

Schmidt holt den Mantel, verlässt das Casino durch die Drehtür, in seinem Kopf rotieren die Gedanken wie die Kugel im Kessel. Neben dem Eingang steht ein Straßenmusiker, Schmidt schaut ihn an, denkt "Ich kann dir nichts mehr geben". Die Blicke der beiden treffen sich, Schmidt greift in seine Manteltasche, um wenigstens seinen guten Willen zu zeigen - und findet einen 50-Mark-Schein.

Es zieht ihn zurück in den Saal, mit den 50 Mark könnte er die Kugel besiegen, gewiss. Er könnte es noch einmal versuchen, die fünf Millionen zurückholen, die Schmach wettmachen, das Haus, die Yacht, den Sportwagen zurückkaufen, die Gitarre besorgen und die Mietrückzahlung übernehmen. Die Kugel rollt schon wieder in Schmidts Kopf.

Doch plötzlich ist der Rausch vorbei. "Schmidt, hör auf zu spinnen", denkt er, greift nach dem Schein - und gibt ihn dem Straßenmusiker.

"Guten Tag gehabt, was?", fragt der. Zum Dank spielt er Schmidt ein Lied, als der langsam auf der Bremer Böttcherstraße davongeht. "It's all over now, baby blue", Bob Dylan. Es ist der Soundtrack zu Schmidts Leben.

Schmidt muss liquidieren, Schmidt fängt wieder von vorn an

"Manchmal denke ich, irgendwer führt Regie in meinem Leben", sagt Schmidt. Er sitzt vor einem Glas Mineralwasser in einem Hotel in Delmenhorst, am selben Ort, wo er einst Verträge für Sodastream aushandelte. Die Decke ist holzvertäfelt, die Theke verspiegelt, die Sitzbänke sind mit schwerem, braun-grünem Stoff bezogen. In den Saal nebenan bringt die Kellnerin auf einem silbernen Tablett Kännchen für den Beerdigungskaffee.

Schmidt ist nach Delmenhorst zurückgekehrt, wo 1993 in drei abgewrackten Räumen die Erfolgsgeschichte von Sodastream begann. Von hier ging es für Schmidt zunächst steil bergauf - in eine Wohnung nach Luxemburg und ein Haus am IJsselmeer. Nach dem tiefen Fall kehrte er hierher zurück, heute lebt der 59-Jährige in einem 16-Quadratmeter-Zimmer unter dem Dach. "So wie Spitzwegs armer Poet. Nur, dass es bei mir nicht reinregnet."

1993 steigt er als Berater in die Firma eines Freundes ein. Der will eine Küchenmaschine aus Großbritannien auf dem deutschen Markt etablieren, die aus Leitungswasser Sprudel macht. Schmidt ist ohne Arbeit, er lässt sich auf das Projekt ein. Er hat nichts zu verlieren.

Aus Holzpaletten baut er sich einen Schreibtisch. Die Post stellt das Telefon mehrfach ab, die Vermieterin steht regelmäßig vor der Tür, weil die Miete nicht gezahlt ist, bei der Bank gibt man Schmidt und seinen Geschäftspartnern nicht einmal mehr 50 Mark für Briefmarken. Vor dem Gerichtsvollzieher verstecken sich Schmidt und seine Kollegen hinter einem schweren, speckigen Samtvorhang.

1993 kostet ein Sodastreamer 259 Mark, und es scheint nicht, als habe Deutschland auf diese Erfindung gewartet. Mit einer Tagesfahrkarte tingelt Schmidt nach Bremen, auf der Suche nach potentiellen Kunden, geht von Geschäft zu Geschäft. Vergeblich.

Doch Schmidt ist ein Macher, er lebt in Superlativen - in positiven wie in negativen. Sein Leben ist eine Achterbahnfahrt, nie Durchschnitt. An seiner Hauptschule ist er der schlechteste von 800 Schülern, sein Lehrer prophezeit ihm, er werde als "obdachloser Nichtsnutz" enden.

Doch Schmidt ist auch Autodidakt: Als junger Mann liest er juristische Loseblattsammlungen, vertritt dann Freunde vor dem Amtsgericht. Er leitet einen Handwerksbetrieb und eine Werbeagentur, gibt eine Zeitung heraus. Immer wieder gehen seine Projekte den Bach runter. Schmidt muss liquidieren, Schmidt fängt von vorne an. Es ist das ewig gleiche Spiel. Wenn scheinbar nichts mehr geht, beginnt Schmidt zu kämpfen.

Schmidt wird geschätzt, aber nicht mehr gebraucht

"Ich habe keine Angst vor Dingen, von denen ich nichts verstehe. Ich habe oft Sachen gemacht, von denen ich nichts verstanden habe. Und es hat immer ganz gut geklappt."

Schließlich stellt Jean Pütz den Sodastreamer in seiner WDR-Sendung "Hobbythek" vor. "Bevorraten Sie sich!", rät er Schmidt und seinen Kollegen vor der Ausstrahlung - und behält Recht.

1993 macht die Firma 100.000 Mark Umsatz, 1997 sind es 67,8 Millionen. Schmidt wird Geschäftsführer und zieht mit Ende 40 schließlich nach Luxemburg, um Sodastream in den Benelux-Ländern auf den Markt zu bringen.

Doch auf dem Höhepunkt seines Erfolges steigt Schmidt aus.

1998 steht der Sodastreamer in vielen deutschen Küchen. Schmidt hat damals einen Job, aber keine wirkliche Aufgabe mehr. Er hat die Firma aufgebaut, er hat sie groß gemacht, doch die Arbeit gibt ihm keinen "Kick" mehr, wie er heute rückblickend sagt. Er ist ausgelaugt, Stress und Anspannung der vergangenen Jahre machen sich bemerkbar.

Schmidt, der Kämpfer, muss im Krankenhaus behandelt werden, weil sein Kreislauf schlapp macht. Burn-Out, würde man heute sagen. Nichts geht mehr.

Schmidt ist ausgepowert. Er wird geschätzt in der Firma, aber nicht mehr gebraucht. Er ist 49, als er beschließt, seine Anteile zu verkaufen. Wenn er heute davon erzählt, was ihn damals dazu brachte, wird Schmidt, der Anekdotenerzähler, der Redner, ruhig, nachdenklich. Manchmal zuckt er in der Anspannung fast unmerklich mit dem Kopf, als wolle er eine Fliege verscheuchen.

Er bekommt mehr für seinen Anteil, als er erhofft hat: Fünf Millionen Mark zahlt sein Partner ihm aus. Schmidt ist noch keine 50, er hat Geld, aber keinen Lebensinhalt mehr. Er sucht die Freiheit, die ihm der Reichtum bietet - Arbeitslosenzahlen, Preissteigerungen, all das braucht ihn fortan nicht mehr zu interessieren - doch er findet sie nicht. Die Freizeit macht ihn einsam. Jetzt, da eigentlich alles geht, geht nichts mehr.



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