Niederlande: Vorreiter in Sachen Aufklärung

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In den Niederlanden hat es besonders gravierende Fälle von Missbrauch in katholischen Organisationen gegeben. Nun hat sich die Kirche einen harten Aufklärungskurs verordnet: So offensiv wie in kaum einem anderen Land bemüht sich der Klerus um die Aufarbeitung.

Hoffnungsträger: Wim Deetman, Protestant und ehemaliger Bürgermeister von Den Haag Zur Großansicht
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Hoffnungsträger: Wim Deetman, Protestant und ehemaliger Bürgermeister von Den Haag

Hamburg - Was sich am Blindeninstitut Sint Henricus in der südniederländischen Ortschaft Grave in den sechziger Jahren ereignet haben soll, ist so perfide, dass es kaum vorstellbar scheint: Sechs Mitglieder der Männerordens Fraters van Tilburg sollen jahrelang Kinder sexuell missbraucht und misshandelt haben. Vier ehemalige Schüler haben sich als Zeugen gemeldet. Mehrmals in der Woche sollen sich die Geistlichen an den Jungen vergangen haben - in der Schulklasse.

Aus zwei anderen Internaten sind in den vergangenen Wochen ebenfalls Missbrauchsfälle bekannt geworden. Wie in Deutschland sind auch hier Schulen betroffen, die als Eliteschmieden galten. Das Internat in Eikenburg in der Nähe von Eindhoven zum Beispiel. Das Institut zählt zu den teuersten Bildungsstätten der Niederlande. Viele Schüler stammten aus wohlhabenden Familien, auch viele Diplomaten schickten ihre Kinder in die Einrichtung, die von einem Orden geführt wurde.

In den vergangenen Tagen kamen immer mehr Fälle ans Licht, bei der kirchlichen Organisation "Hulp en Recht" ("Hilfe und Recht") meldeten sich Hunderte Opfer, rund 600 sind es alleine seit Ende Februar. "Hulp en Recht" wurde bereits 1995 gegründet, die niederländischen Bischöfe haben die Organisation gemeinsam mit den Oberen der Männer- und Frauenorden ins Leben gerufen. Außerhalb der Strukturen der Diözesen und der Bischofskonferenz geht die Einrichtung allen Fällen mutmaßlichen sexuellen Missbrauchs nach. Es wurde eine Anlaufstelle eingerichtet, die Anschrift und die landesweit identische Rufnummer machte man über die Medien publik.

Kritik an den Strukturen

"Hulp en Recht" nimmt die Hinweise entgegen, leitet sie weiter an eine Vertrauensperson, die sich mit dem Opfer in Verbindung setzt - dann wird geprüft, ob Klage eingereicht werden kann. Neben Juristen stehen auch Seelsorger bereit, die sich um das Leid der Betroffenen kümmern. Eine Anzeige und die umgehende Suspendierung der mutmaßlichen Täter sind die Regel.

Anfang März hat sich die katholische Bischofskonferenz der Niederlande zusätzlich dafür entschieden, eine unabhängige Untersuchungskommission einzurichten. Dem Expertengremium sollen ein Historiker, ein Soziologe, ein Psychologe und ein Jurist angehören. Die Bischöfe wollen laut einer Erklärung auch die historischen und soziologischen Bedingungen aufarbeiten, unter denen sich die Missbrauchsfälle in der Vergangenheit ereigneten. "Wir möchten als Kirche begreifen, was sich damals abgespielt hat", sagte der zuständige Bischof Gerard de Korte.

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Katholische Kirche in Europa: Ringen mit der Schuld
Den Vorsitz der Kommission hat ein Protestant inne: der frühere Den Haager Bürgermeister Willem Deetman. Das Gremium soll eine "externe und unabhängige Untersuchung" der jüngsten Vorfälle gewährleisten, heißt es.

Bei der Laienorganisation "Kerk Hardop" (etwa: "Die laute Kirche") würdigt man das Engagement zur Aufklärung des Missbrauchsskandals. "Wir sind sehr froh, dass sich die Kirche in den Niederlanden von Anfang an für eine unabhängige Untersuchung der Vorfälle eingesetzt hat", sagte Isaac Wüst SPIEGEL ONLINE. "Das Vertrauen in Willem Deetman ist groß, er ist ein sehr anerkannter Mann."

Entscheidend sei aber, sagt Wüst, dass der Papst sein Schweigen breche, das Problem als universellen Missstand ansehe und auch angehe. Er kritisierte den Umgang der Kleriker mit dem Thema Sexualität: "Die Kirche bewegt sich noch immer im Mittelalter."

Die Bischöfe in den Niederlanden seien sehr konservativ, ergänzt Wüst. "Sie haben nur so früh reagiert, weil sie durch die Vorgänge in den USA und in Irland schon vorgewarnt waren und wussten, was auf sie zukommen würde. Die Welle ist zu uns übergeschwappt und auch die anderen Länder, in denen es derzeit noch kein Thema ist, werden sie zu spüren bekommen. So lange die Kirche nichts an den problematischen Strukturen und Hierarchien ändert, wird es auch keinen Fortschritt geben."

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Forum - Missbrauchskandal - findet die Kirche die richtigen Antworten?
insgesamt 2552 Beiträge
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1.
Klo 26.03.2010
Zitat von sysopEuropaweit wird die katholische Kirche mit Missbrauchsvorwürfen konfrontiert. Geht der Klerus richtig mit dem Problem um?
Geht er denn überhaupt mit dem Problem um? Erkennt er überhaupt ein "Problem"? Schießlich gibt es das Problem schon sehr lange, aber angegangen wrude es noch nie. Dass jetzt selbst im Klerus irgendetwas in Gang kommt, ist doch keiner tieferen Einsicht, oder gar Selbsterkenntnis zu verdanken, sondern das ist der Aufmerksamkeit der Medien geschuldet, nachdem sich hunderte von Opfern gemeldet haben. Freiwillig ist im Klerus noch gar nie Aufklärungsarbeit geleistet worden, schon gar nicht über eigenes Versagen.
2.
Klo 26.03.2010
Na also, es geht doch. Bravo!
3.
Fred Heine 26.03.2010
Was Sie da fordern, treibt 80 Prozent der Sportvereine in Deutschland in den finanziellen Ruin. Wollen Sie das wirklich?
4.
Willie 26.03.2010
Zitat von sysopEuropaweit wird die katholische Kirche mit Missbrauchsvorwürfen konfrontiert. Geht der Klerus richtig mit dem Problem um?
Bislang mal noch nicht.
5. Und hier auch nochmal der neueste Skandal aus dem Vatikan
oliver twist aka maga 26.03.2010
Neuer Skandal im Vatikan Skandal im Vatikan aufgedeckt. Was sind die Motive für die neuerlichen Entgleisungen des Papstes? Papst Benedikt XVI. hat im Anschluss an ein Treffen mit Journalisten aus dem Fenster seines Arbeitszimmers gezeigt und gesagt: „Es ist schönes Wetter heute.“ Dieser Satz des Papstes hat für Empörung und Entrüstung vor allem in Deutschland gesorgt. Ein Sprecher der kirchenkritischen Organisation „Kirche von unten“ erklärte, mit seiner Aussage wolle der Papst nur verdecken, dass bis heute weder der Zwangszölibat abgeschafft noch das Frauenpriestertum eingeführt sei. Er verurteilte die Aussage des Papstes als „weiteres Zeugnis für das reaktionäre Denken, das in Rom vor allem seit der Amtsführung Ratzingers“ vorherrscht. Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger forderte den Papst auf, sich nicht weiter um das Wetter zu kümmern, sondern den Vertuschungsaktionen seiner Bischöfe ein Ende zu bereiten. Sabine Leutheusser-Schnarrenberger: „Der Papst muss endlich Klarheit schaffen statt die römische Sonne zu genießen.“ Sie kündigte an, ihrem neu gekauften Mops den Namen Ratzi zu geben. Die mutige Kirchenkritikerin und Theologie Uta Ranke-Heinemann verurteilte das Verhalten des Papstes als „heuchlerisch und unverfroren“. Es müsse wohl an seiner zölibatären Einstellung liegen, dass er den grauen Himmel der ewigen Stadt als „schönes Wetter“ bezeichne. Eugen Drewermann wies in einer Stellungnahme darauf hin, dass Papst Benedikt in seiner früheren Tätigkeit als Präfekt der Glaubenskongregation auch Meteorologen einen Maulkorb hätte umhängen wollen. Claudia Roth äußerte sich in Bodrum (Türkei) enttäuscht über die Worte des Papstes: „Während in Deutschland die Ausländerfeindlichkeit wächst, genießt der Papst in den Vatikanischen Gärten die Sonne. Er sollte ein klares Bekenntnis zur Aufnahme der Türkei in die EU und zu türkischen Gymnasien in Deutschland liefern.“ Auch in der Zeitschrift Emma wurde der Papst kritisiert. „Warum sagt er: „Es ist schönes Wetter heute.“ Und nicht „Sie ist schönes Wetter heute.“ Die Aussagen des Papstes zeigen einmal mehr die Frauenfeindlichkeit der Gerontokraten im Vatikan.“ Für die Humanistische Union stellt der Satz des Papstes eine Beleidigung aller Opfer der Klimaerwärmung dar. Der Vatikan sei neben den USA und China einer der Hauptverantwortlichen für die drohende Klimakatastrophe, so ein Sprecher der HU. Die Giordano-Bruno-Stiftung (GBS) nannte die Behauptungen des Papstes „groben und geschichtsverfälschenden Unfug“. Giordano Bruno sei verbrannt worden, weil er eine andere Meinung über das Wetter in Rom als der Papst vertreten habe. Außerdem, so der Philosoph und Vorsitzende der GBS, Michael Schmidt-Salomon, sei das angeblich schöne Wetter ein klarer Beweis für die Nichtexistenz Gottes. Ein Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz meinte, die Worte des Papstes seien aus dem Kontext gerissen worden. Er verwies auf das „hohe Alter des Heiligen Vaters“.
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