Dorfbewohner sanieren Straße selbst "Wir wollten nicht warten, bis die Löcher noch tiefer werden"

Die Straßen einer friesischen Gemeinde sind in einem schlechten Zustand, Geld für die Sanierung fehlt. Also legen die Bürger selbst Hand an - am Ende war nicht nur die Fahrbahn ein bisschen besser.

Tim Ahmels

Ein Interview von


Wenn es viel regnet, steht in den Schlaglöchern der Wüppelser Straße das Wasser. Gut eineinhalb Kilometer ist sie lang. An ihrem Ende liegt Wüppels, ein 30-Einwohner-Dorf im Landkreis Friesland in Niedersachsen.

Peter Ahmels, promovierter Landwirt, aufgewachsen im Ort, ertrug die Buckelpiste irgendwann nicht mehr. Er kontaktierte die Gemeinde Wangerland im Frühjahr, bat um Reparatur der Hauptzufahrtsstraße - ohne Erfolg.

Die Gemeinde ist klamm, vor einigen Jahren hat sie Entschuldungshilfe beim Land Niedersachen beantragt. Seitdem ist der Sparzwang groß. Für Straßenerneuerung reicht das Geld kaum noch: "Bei uns finden großflächig Flickereien statt", sagt Bürgermeister Björn Mühlena. Die Wüppelser Straße stehe auf der Prioritätenliste eher hinten.

Bis zu ihrer Sanierung hätte es wohl viele Jahre gedauert. So lange wollte Ahmels nicht waren. Im Interview erzählt er, wie er die Leute überzeugt hat, selbst Straßenbauer zu werden - und wie das Projekt das Dorf verändert hat.

Zur Person
  • Heidi Scherm
    Peter Ahmels, 62, ist in Wüppels aufgewachsen. Die Familie des promovierten Landwirts hat ihre Felder verpachtet, lebt aber noch auf dem Hof im Ort. Ahmels ist Abteilungsleiter bei der Deutschen Umwelthilfe und befasst sich mit Energie, Klimaschutz und bürgerschaftlichem Engagement. Er pendelt zwischen seiner Heimat und Berlin.

SPIEGEL ONLINE: Herr Ahmels, wie kamen Sie auf die Idee, selbst zu sanieren?

Ahmels: Die Wüppelser Straße ist in einem sehr schlechten Zustand. An manchen Stellen bleibt das Regenwasser stehen. Der Untergrund ist weich, das beschleunigt den Verfall. Ich habe die Gemeinde kontaktiert, wollte, dass die das reparieren.

SPIEGEL ONLINE: Wie war die Antwort?

Ahmels: Die haben sich das angeguckt und gesagt: Ja, da muss was passieren, wir machen 'nen Plan. Ich habe aber nie wieder etwas gehört. Das bisschen Straße pflastern können wir auch, dachte ich. Viele im Dorf machen zu Hause ja ähnliche Arbeiten. Dann habe ich einen Termin organisiert, mit langem Vorlauf, damit alle teilnehmen können. Wir trafen uns draußen, an der Straße.

SPIEGEL ONLINE: Wie war das Echo?

Ahmels: Die meisten Leute waren dafür. Aber es gab auch einen kritischen Zeitgenossen. Der sagte, dass das doch Aufgabe der Gemeinde sei.

SPIEGEL ONLINE: Stimmt ja auch.

Ahmels: Dem habe ich gesagt, wie die Gemeinde reagiert hat. Im Wangerland braucht man 100 Millionen Euro, um alle Straßen zu sanieren. Das Jahresbudget dafür beträgt jedoch lediglich 200.000 Euro. Wenn wir so weiter machen, dauert es 500 Jahre, bis man durch ist.

Fotostrecke

5  Bilder
Kaputte Fahrbahn repariert: Die Straßenbauer von Wüppels

SPIEGEL ONLINE: Ist das die Lösung - die Bürger legen selbst Hand an?

Ahmels: Diese Diskussion kam auch beim Ortstermin auf. Da wurde auf die Politik geschimpft, die das Geld angeblich für sinnlose Radwege oder Brücken in Touristenregionen ausgibt. Da habe ich gesagt: Wer das ändern will, muss sich in den entsprechenden Gremien engagieren. Aber wir haben hier ein konkretes Problem: Wir wollen unsere Straße erhalten.

SPIEGEL ONLINE: Und das hat die Leute überzeugt?

Ahmels: Wir wollten nicht warten, bis die Löcher noch tiefer werden. Oder darauf, dass die Bürger hohe Beiträge für Straßensanierung zahlen müssen, und dann doch nichts passiert, weil die Straße auf der Prioritätenliste hinten liegt.

SPIEGEL ONLINE: Wie ging es weiter?

Ahmels: Ich habe Material besorgt. Die Wüppelser Straße ist eine alte Pflasterstraße, das sollte auch so bleiben. Seit Jahrhunderten werden bei uns in der Region blaue Klinker gebrannt und in den Straßen verbaut.

Straßensanierung in Wüppels
Tim Ahmels

Straßensanierung in Wüppels

SPIEGEL ONLINE: Wo kriegt man solche Steine?

Ahmels: Ich hatte Glück, in der Gegend wurde gerade eine alte Straße geteert, die Pflastersteine wurden rausgerissen. Das habe ich zufällig entdeckt. Ich habe dem Kollegen die Steine abgekauft, für 60 Cent das Stück. Ich hab sie wagenweise weggeholt, mit einem Mitarbeiter meiner Landwirtschaft auf Paletten, und in unsere Scheune gepackt. Dann hatten wir schon mal das Wichtigste.

SPIEGEL ONLINE: Was fehlte noch?

Ahmels: Beim Baustoffhändler habe ich ein grobes Mineralgemisch gekauft, eine Art Schotter, für den Unterbau. Außerdem Brechsand zur Einbettung. Im Internet habe ich die DIN-Norm für die Verlegung von Pflasterklinker gelesen. Da steht ziemlich genau drin, wie man das machen muss.

SPIEGEL ONLINE: Was hat das alles gekostet?

Ahmels: Ich habe bisher fast 1600 Euro bezahlt. Wir verhandeln gerade mit der Gemeinde, ob die Kosten ersetzt werden. Ich bin zuversichtlich.

SPIEGEL ONLINE: Wann ging es los?

Ahmels: An einem Sonnabend im September, neun Uhr morgens. Das war ein sehr schönes Bild: Von der einen Seite kam ich mit meinem Trecker und dem ganzen Material. Von der anderen Seite kamen ein gutes Dutzend Dorfbewohner, mit Spitzhacken, Schaufel und Besen. Dann haben wir losgelegt: Mit Spitzhacken die Steine raus, Schotter einbringen, glattziehen und verdichten.

SPIEGEL ONLINE: Und Sie waren der Vorarbeiter.

Ahmels: So ähnlich, ich hab Maß genommen, die Richtung vorgegeben. Ich kannte ja die DIN-Norm. Ich wollte sicherstellen, dass das nicht dilettantisch ist, dass uns niemand was vorwerfen kann.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange hat die Reparatur gedauert?

Ahmels: Wir haben am ersten Tag etwa sieben Stunden gearbeitet, dazwischen gab es Suppe mit Fleischklößchen. Die Stimmung war so gut, dass noch während der Arbeit einer auf mich zukam und fragte: Du, wann sind wir denn das nächste Mal zugange? Dreimal haben wir uns getroffen und je etwa 15 Meter lange besonders schlimme Abschnitte ausgebessert.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel Arbeit liegt noch vor Ihnen?

Ahmels: Es gibt zehn Abschnitte, die dringend repariert werden müssen. Ich denke, wir werden bis zum Jahr 2020 beschäftigt sein.

SPIEGEL ONLINE: Konnten Sie den Skeptiker auch noch überzeugen?

Ahmels: Drei Wochen nach dem zweiten Termin war eine Silberhochzeit. Die Kritik war wie weggeblasen. Wir saßen zusammen und hatten ein richtig interessantes Gesprächsthema, das über den normalen Klatsch hinausging. Wir haben überlegt, wo wir weitere Steine herbekommen. Die Leute haben gelernt, dass man auch selbst was erreichen kann, nicht immer mit dem Finger auf Dritte zeigen muss. Darauf bin ich schon ein bisschen stolz.



TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.