Scheidender EKD-Vorsitzender Schneider würde krebskranker Ehefrau bei Selbsttötung beistehen

Als EKD-Vorsitzender setzt sich Nikolaus Schneider gegen organisierte Sterbehilfe ein. Nun sagte er, er würde seine an Krebs erkrankte Frau Anne zum assistierten Suizid begleiten - aus Liebe, gegen seine Überzeugung.

Nikolaus Schneider: "Für Anne würde auch etwas gegen meine Überzeugung tun"
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Nikolaus Schneider: "Für Anne würde auch etwas gegen meine Überzeugung tun"


Berlin - Der scheidende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider, will seine an Krebs erkrankte Frau Anne in jeder Situation begleiten. Er würde ihr, "wenn es aufs Sterben zuginge", auch dann zur Seite stehen, wenn sie das "Geschenk des Lebens an Gott zurückgeben" wollte, sagte Schneider dem "Stern" in einem Interview. Und in der "Zeit" sagte er, das "wäre zwar völlig gegen meine Überzeugung, und ich würde es sicher noch mit Anne diskutieren. Aber am Ende würde ich sie wohl gegen meine Überzeugung aus Liebe begleiten."

Dem "Stern" sagte Schneider auf die Frage, ob er seine Frau auch in die Schweiz zur Sterbehilfe begleiten würde: "Für Anne würde ich auch etwas gegen meine Überzeugung tun." Jedoch würde er alles versuchen, seine Frau "für einen anderen Weg zu gewinnen".

Diese Aussage Schneiders birgt kirchenpolitisches Konfliktpotenzial. Die EKD und Schneider hatten sich stets gegen Sterbehilfe ausgesprochen. Nicht nur gegen Anbieter, die damit Gewinn machen wollen, sondern gegen jede Form organisierter Selbsttötung.

Aus christlicher Sicht sei eine Selbsttötung grundsätzlich abzulehnen, hatte Schneider Ende Januar gesagt. Das Leben sei eine Gabe, über die der Mensch nicht selber verfügen sollte. Insbesondere in Grenzsituationen sei die Kirche dem Schutz des menschlichen Lebens verpflichtet. Menschen in ausweglosen Situationen müsse die Kirche seelsorgerische Begleitung und Trost bieten.

Rücktritt für November vorgesehen

Aktive Sterbehilfe ist in Deutschland verboten. Indirekte Sterbehilfe, bei der Beihilfe zum Suizid geleistet wird und der Betroffene beispielsweise eine tödliche Medikamentendosis einnimmt, ist in Deutschland straffrei.

Im Parlament wird an einem Entwurf zu einem neuen Gesetz gearbeitet, das der Sterbehilfe noch engere Grenzen setzen soll - so spricht sich Gesundheitsminister Hermann Gröhe für ein Verbot jeder Form der organisierten Selbsttötung aus. Davon wären vermutlich auch umstrittene Vereine wie "Sterbehilfe Deutschland" mit dem Vorsitzenden Roger Kusch betroffen. Der Verein ist Menschen beim Suizid behilflich und geriet im Mai erneut in die Schlagzeilen, weil die Staatsanwaltschaft Hamburg Anklage wegen Totschlags erhoben hat. Ob es zum Prozess kommt, ist noch unklar.

In der Schweiz ist organisierte assistierte Sterbehilfe erlaubt. Es stellt sich die Frage, wie überzeugend Schneider und die EKD ein Verbot in Deutschland fordern könnten, wenn seine Frau mit seiner Unterstützung entsprechende Angebote in der Schweiz in Anspruch nehmen würde.

Schneider hatte Ende Juni angekündigt, wegen der Krebserkrankung seiner Frau vorzeitig aus dem Amt zu scheiden. Er will im November und damit ein Jahr vor Ablauf seiner Wahlperiode zurücktreten. Schneider ist seit 2010 oberster Repräsentant von 23,4 Millionen evangelischen Christen in Deutschland.

Mit seiner Frau Anne ist Schneider seit 1970 verheiratet. Bei ihr wurde Schneider zufolge Brustkrebs diagnostiziert, auch das Lymphsystem ist demnach befallen. Die jüngste der drei Töchter des Ehepaars starb 2005 an Leukämie.

"Der Tod meiner Tochter Meike hat meinem Glauben Risse gegeben", sagte Schneider dem "Stern". Von Erklärungen wie "Gott prüft uns durch solche Schicksalsschläge" hält der EKD-Vorsitzende nicht viel: "Mit dieser Art göttlicher Pädagogik kann ich nichts anfangen."

ulz/hut/AFP/dpa

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