SPIEGEL ONLINE: Wie wird Liu Xiaobo den Tag verbringen, an dem ihm der Nobelpreis verliehen wird?
Bei Ling: Wie jeden anderen Tag auch - im Gefängnis, in totaler Isolation. Seine Frau Xia ist die einzige Person, über die er Kontakt zur Außenwelt hat. Bisher durfte sie ihn einmal im Monat sehen. Doch seit ihr Hausarrest verschärft wurde, nicht mehr. Das heißt, Liu Xiaobo lebt seit Anfang Oktober in einem Informationsvakuum. Das ist ein Skandal - und für ihn und seine Familie eine sehr belastende Situation. Aber das Regime will um jeden Preis vermeiden, dass auch nur ein Wort von Liu nach außen dringt.
SPIEGEL ONLINE: Die chinesische Regierung kritisierte die Verleihung des Nobelpreises an Liu aufs Schärfste, verbot zahlreichen Regimekritikern die Ausreise und erhöhte den diplomatischen Druck. Viele Länder bleiben nun der Zeremonie fern.
Bei Ling: Das zeigt nur, wie groß die Angst der chinesischen Führung ist, die Kontrolle zu verlieren.
SPIEGEL ONLINE: Ist denn der Unmut in der Bevölkerung so groß, dass es zu massiven Protesten wie beispielsweise 1989 kommen könnte?
Bei Ling: Wir sind jetzt erstmals seit den Studentenunruhen auf dem Tiananmen wieder an einem Scheidepunkt angelangt: Nach außen präsentiert sich das System unerschütterlich, die Wirtschaft ist stark und die Regierung scheint alles im Griff zu haben. Aber es gibt Intellektuelle und Angehörige der städtischen Mittelschicht, die Vieles hinterfragen und jemanden suchen, der für sie spricht. Es wird sich etwas ändern, das ist spürbar. Vielleicht erst in ein paar Jahren, aber es ist etwas im Gange.
SPIEGEL ONLINE: Meinen Sie, Ihr Blick aus dem Exil ist ungetrübt?
Bei Ling: Zumindest habe ich heute dank Internet und moderner Kommunikationstechnologie sehr viel mehr Zugang zu Informationen aus China als noch vor zehn Jahren.
SPIEGEL ONLINE: Wie gut ist die Opposition gerüstet für einen möglichen Wandel?
Bei Ling: Ich bin bereit, auch viele meiner Freunde, die wie ich im Exil leben. Wir würden sofort in die Heimat zurückkehren. In China aber muss die bürgerliche Gesellschaft erst noch wachsen. Das braucht Zeit.
SPIEGEL ONLINE: Wäre Liu Xiaobo eine passende Führungsfigur für einen Neuanfang?
Bei Ling: Liu ist eine wichtige Stimme, aber vermutlich nicht die richtige Person für eine führende politische Rolle.
SPIEGEL ONLINE: Regierungssprecher haben Lius Unterstützer als "Clowns" bezeichnet, den Dissidenten selbst als "gemeinen Kriminellen mit verrückten Ideen". Glauben die Menschen im Land an diese Form der Propaganda?
Bei Ling: Ja, viele Menschen glauben das tatsächlich. Aber es erfüllt mich mit Genugtuung, zu sehen, dass vor der Bekanntgabe der Nobelpreis-Gewinner gerade mal zwei Prozent der Chinesen Liu Xiaobos Namen kannten - heute sind es Schätzungen zufolge immerhin 20 Prozent.
SPIEGEL ONLINE: Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass der zu elf Jahren Haft verurteilte Liu frühzeitig entlassen wird?
Bei Ling: Im Moment nicht sehr groß. Er müsste mit den Behörden kooperieren, vermutlich unter der Bedingung, dass er seine Schuld eingesteht und nach seiner Freilassung ins Exil geht.
SPIEGEL ONLINE: Wird er das tun?
Bei Ling: Das weiß ich nicht, ich glaube er ist unentschlossen. Ich habe ihm aus eigener bitterer Erfahrung dringend davon abgeraten, ins Exil zu gehen. Einen öffentlichen Kniefall wird es ohnehin nicht geben - Xiaobo hat während seines ersten Gefängnisaufenthalts ein Geständnis geschrieben und es hinterher bitter bereut, weil er es als Verrat an seinen Mitstreitern empfunden hat.
SPIEGEL ONLINE: Warum? Jeder weiß doch, dass solche Geständnisse erzwungen sind.
Bei Ling: Liu Xiaobo ist anders als andere Menschen. Er hat sein Einknicken als Schande verstanden und sich offen dazu bekannt. Er war lange Zeit vollkommen niedergeschlagen deswegen. Er schämte sich angesichts der Opfer des Aufstandes, auch weil andere länger als er eingekerkert waren. Auslöser für sein Geständnis war damals der Besuch seines Vaters im Gefängnis, der ihn unter Tränen bat, vernünftig zu sein und die Familie nicht in Gefahr zu bringen.
SPIEGEL ONLINE: In ihrer Biographie "Der Freiheit geopfert", die an diesem Freitag erscheint, kommt Xiaobo nicht immer gut weg: Sie beschreiben ihn als eitel und verkopft, sprunghaft, unentschlossen und gequält von Selbstzweifeln. Ein Frauenheld noch dazu.
Bei Ling: Ich wollte zeigen, wie er wirklich ist. Er ist wie viele Vertreter unserer Generation, die in den Achtzigern auf der Suche nach Identität war, vor allem eine literarische Person. Er hatte immer auch eine düstere, nachdenkliche Seite. Als er jung war träumte er davon, berühmt zu sein. Er wollte anders sein, kritischer und wacher. Während seiner Zeit in der Demokratiebewegung ist er dann von einem intellektuellen, unabhängigen Geist zu einem politischen Führer geworden.
SPIEGEL ONLINE: Hat ihn diese neue Rolle überfordert?
Bei Ling: Nein, er ist da hineingewachsen. Die Verleihung des Nobelpreises allerdings hat ihn vollkommen überrascht, damit hätte er nie gerechnet.
SPIEGEL ONLINE: Hat er ihn verdient?
Bei Ling: Ja. Liu Xiaobo hatte ein außergewöhnliches Leben, und er hat mit seinem Einsatz für einen friedlichen Abzug der Demonstranten vom Tiananmen bestimmt Tausende Menschenleben gerettet - mit Hilfe seiner Weggenossen.
Das Interview führte Annette Langer
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