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22. Mai 2012, 12:13 Uhr

Betreiber von Untreueplattform

Der Seitensprung-Agent

Von Wlada Kolosowa

Niemand spricht gern über Untreue. Außer Noel Biderman, denn er lebt davon: Der 40-Jährige betreibt die Seitensprung-Plattform Ashley Madison. Er selbst ist seit neun Jahren verheiratet - und seiner Frau treu. Sagt er.

Zahlen sind sein stärkstes Argument. Also hat sich Noel Biderman für unser Skype-Interview unter eine Anzeigetafel gesetzt, auf der alle paar Sekunden neue Statistiken und Kurven aufflackern - die Nutzerdaten von Ashley Madison, in Echtzeit.

Knapp 14 Millionen Mitglieder hat die Seite weltweit, 9,4 Millionen davon haben sich in den vergangenen 365 Tagen mindestens einmal eingeloggt. Alle neun Sekunden meldet sich im Schnitt ein neues Mitglied im Seitensprung-Netzwerk an. "Nur Facebook wächst schneller", sagt Biderman, 40 Jahre alt, Kanadier. Die meisten Neuanmeldungen gibt es montags und nach Feiertagen: "Wenn die Erwartungen an die Freizeit mit dem Partner an der Realität zerschellen."

Biderman spricht oft mit Journalisten, er ist häufig zu Gast in Talkshows. Oft kommt er nicht zu Wort, weil andere Gäste ihn anschreien. Wenn doch, sagt er das Immergleiche: dass er kein Seitensprung-Dealer sei, sondern jemand, der ihre negativen Konsequenzen minimiere. Er wird nicht müde zu sagen, dass Puffs in Amerika mehr Besucher haben als der Broadway, Ballett und Oper zusammen.

Fast scheint es, als sei er der Pressesprecher der Untreue, über die kaum jemand gerne spricht - obwohl Seitensprünge laut Statistik keine Seltenheit sind (siehe Infokasten).

SPIEGEL ONLINE: Was ist Liebe, Herr Biderman?

Biderman: Ich weiß, was Liebe nicht ist. Liebe ist nichts Exklusives. Ich bin Vater von zwei Söhnen, und niemand sagt mir, dass ich nur einen davon lieben kann. Liebe ist nicht besitzergreifend, sie ist das Gegenteil davon. Liebe ist nicht gleich Sex: Manche Paare haben eine tiefe emotionale Verbindung, begehren aber jemand anderen. Liebe ist nicht gleich Monogamie...

SPIEGEL ONLINE: ...Sie sagen nur, was Liebe nicht ist.

Biderman: Ich kann Liebe nicht definieren. Sie hat Millionen Facetten, sie verändert sich ständig. Bei mir und meiner Frau war es zuerst Anziehung, dann Sex und Intimität, dann Familiengründung, dann Kinderaufziehen und ein Haus bauen. Eines Tages wird Liebe für uns bedeuten, dass wir Großeltern sind. Es geht darum, dass du eine andere Person in dein Innerstes lässt, dass du dein Leben mit ihr teilst.

SPIEGEL ONLINE: Was würden Sie tun, wenn Ihre Frau Sie betrügen würde?

Biderman: Ich würde es wissen wollen. Und ich würde nicht eine Internetseite dafür beschuldigen, oder ihren Handybetreiber, oder den Hotelbesitzer, der ihr und dem anderen ein Zimmer vermietet hat. Ich würde die Schuld auch nicht bei ihrem Liebhaber suchen oder bei ihr, sondern wissen wollen: Habe ich meine Frau vernachlässigt? Hat sie Sehnsüchte, die ich nicht befriedigen kann? Man muss die Gründe des Problems verstehen, um es zu lösen. Eine Affäre kann auch ein Katalysator sein, um die festgefahrene Beziehung zu verändern.

SPIEGEL ONLINE: Das alles setzt das Wissen um die Affäre voraus. Ihre Seite rühmt sich damit, dass die Partner nie von den Seitensprüngen erfahren.

Biderman: Die zwei Sachen muss man trennen: Auf der einen Seite stehen ich und meine Beziehung, an die ich meine persönlichen Maßstäbe anlege. In meinem professionellen Leben möchte ich niemanden verurteilen. Natürlich wäre es besser, wenn Partner darüber sprechen würden. Aber es gibt auch Probleme, die man schlecht wegreden kann, sexuelle Unzufriedenheit zum Beispiel. Viele sind nicht so weit zuzugeben, dass sie jemand anderes begehren. Sie haben Angst vor den Konsequenzen, vor der Ablehnung des Partners oder ihres sozialen Umfelds - das nicht unbedingt offen ist für alternative Beziehungsentwürfe. Es wäre großartig, in einer Gesellschaft zu leben, in der niemand Ashley Madison braucht. Aber so weit sind wir noch nicht.

SPIEGEL ONLINE: Wie hoch stehen die Chancen, dass Ihr Job in nächster Zeit überflüssig wird?

Biderman: Noch vor ein paar Jahrzehnten galt außerehelicher Sex als skandalös. Auch die Idee der Liebesbeziehung ist relativ neu: So lange ist es nicht her, dass Eltern die Partner für ihre Kinder ausgesucht haben. Die Ehe wird ständig neu definiert, beschleunigt durch das Internet. Die Menschen suchen jetzt schon nach Alternativen, aber finden sie bisher nicht. Die meisten Anmeldungen haben wir nach Silvester. Als wäre der gute Vorsatz für das neue Jahr: So möchte ich nicht weiterleben.

SPIEGEL ONLINE: Wie stellen Sie sich die Zukunft der Beziehung vor?

Biderman: Unsere Gesellschaft sollte weniger Wert auf Monogamie legen. Studien zeigen, dass Scheidungsraten für offene Ehen viel niedriger sind. Wer freier atmet, sich weniger einsam fühlt, mehr lacht und mehr Sex hat, ist ein glücklicherer Mensch. Und nörgelt vielleicht weniger. Moderne Beziehungen haben so viele Ansprüche: Du musst vertraut und aufregend sein, durchgeknallt, romantisch und zuverlässig, ein guter Vater, bester Freund und weltbester Liebhaber. Es kann sehr befreiend sein, nicht alles gleichzeitig für seinen Partner sein zu müssen.

SPIEGEL ONLINE: Aber so lange offene Beziehungen die Ausnahme sind, gilt: Was mein Partner nicht weiß, macht ihn nicht heiß?

Biderman: Ich kann niemanden davon überzeugen, eine Affäre zu haben. Und ich kann niemanden davon abhalten. Aber bitte, wenn ihr fremdgeht - macht das schlau. Wer eine Affäre an seinem Arbeitsplatz sucht, oder im Freundeskreis, wird mit einer höheren Wahrscheinlichkeit auffliegen - und viel Unheil auch außerhalb der Beziehung anrichten. Wer sich auf Datingseiten als Single ausgibt und in Wahrheit liiert ist, wird Herzen Ahnungsloser brechen.

SPIEGEL ONLINE: Ist es nicht ironisch, dass Sie täglich über den Sinn des Seitensprungs sprechen und in Ihrer eigenen Beziehung zeigen, dass es auch ohne geht?

Biderman: Ein Scheidungsanwalt muss auch nicht unbedingt geschieden sein. Mir ist sehr bewusst, was für eine Herausforderung eine monogame Ehe ist. Und ich bin erst seit neun Jahren verheiratet. Rufen Sie in sieben Jahren an - mal schauen, ob ich nicht auch etwas nebenbei laufen habe.

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