Betreiber von Untreueplattform: Der Seitensprung-Agent

Von Wlada Kolosowa

Niemand spricht gern über Untreue. Außer Noel Biderman, denn er lebt davon: Der 40-Jährige betreibt die Seitensprung-Plattform Ashley Madison. Er selbst ist seit neun Jahren verheiratet - und seiner Frau treu. Sagt er.

"Liebe ist nichts Exklusives", sagt Noel Biderman, Geschäftsführer einer Seitensprung-Site Zur Großansicht
Corbis

"Liebe ist nichts Exklusives", sagt Noel Biderman, Geschäftsführer einer Seitensprung-Site

Zahlen sind sein stärkstes Argument. Also hat sich Noel Biderman für unser Skype-Interview unter eine Anzeigetafel gesetzt, auf der alle paar Sekunden neue Statistiken und Kurven aufflackern - die Nutzerdaten von Ashley Madison, in Echtzeit.

Knapp 14 Millionen Mitglieder hat die Seite weltweit, 9,4 Millionen davon haben sich in den vergangenen 365 Tagen mindestens einmal eingeloggt. Alle neun Sekunden meldet sich im Schnitt ein neues Mitglied im Seitensprung-Netzwerk an. "Nur Facebook wächst schneller", sagt Biderman, 40 Jahre alt, Kanadier. Die meisten Neuanmeldungen gibt es montags und nach Feiertagen: "Wenn die Erwartungen an die Freizeit mit dem Partner an der Realität zerschellen."

Biderman spricht oft mit Journalisten, er ist häufig zu Gast in Talkshows. Oft kommt er nicht zu Wort, weil andere Gäste ihn anschreien. Wenn doch, sagt er das Immergleiche: dass er kein Seitensprung-Dealer sei, sondern jemand, der ihre negativen Konsequenzen minimiere. Er wird nicht müde zu sagen, dass Puffs in Amerika mehr Besucher haben als der Broadway, Ballett und Oper zusammen.

Fast scheint es, als sei er der Pressesprecher der Untreue, über die kaum jemand gerne spricht - obwohl Seitensprünge laut Statistik keine Seltenheit sind (siehe Infokasten).

SPIEGEL ONLINE: Was ist Liebe, Herr Biderman?

Biderman: Ich weiß, was Liebe nicht ist. Liebe ist nichts Exklusives. Ich bin Vater von zwei Söhnen, und niemand sagt mir, dass ich nur einen davon lieben kann. Liebe ist nicht besitzergreifend, sie ist das Gegenteil davon. Liebe ist nicht gleich Sex: Manche Paare haben eine tiefe emotionale Verbindung, begehren aber jemand anderen. Liebe ist nicht gleich Monogamie...

SPIEGEL ONLINE: ...Sie sagen nur, was Liebe nicht ist.

Biderman: Ich kann Liebe nicht definieren. Sie hat Millionen Facetten, sie verändert sich ständig. Bei mir und meiner Frau war es zuerst Anziehung, dann Sex und Intimität, dann Familiengründung, dann Kinderaufziehen und ein Haus bauen. Eines Tages wird Liebe für uns bedeuten, dass wir Großeltern sind. Es geht darum, dass du eine andere Person in dein Innerstes lässt, dass du dein Leben mit ihr teilst.

SPIEGEL ONLINE: Was würden Sie tun, wenn Ihre Frau Sie betrügen würde?

Biderman: Ich würde es wissen wollen. Und ich würde nicht eine Internetseite dafür beschuldigen, oder ihren Handybetreiber, oder den Hotelbesitzer, der ihr und dem anderen ein Zimmer vermietet hat. Ich würde die Schuld auch nicht bei ihrem Liebhaber suchen oder bei ihr, sondern wissen wollen: Habe ich meine Frau vernachlässigt? Hat sie Sehnsüchte, die ich nicht befriedigen kann? Man muss die Gründe des Problems verstehen, um es zu lösen. Eine Affäre kann auch ein Katalysator sein, um die festgefahrene Beziehung zu verändern.

SPIEGEL ONLINE: Das alles setzt das Wissen um die Affäre voraus. Ihre Seite rühmt sich damit, dass die Partner nie von den Seitensprüngen erfahren.

Biderman: Die zwei Sachen muss man trennen: Auf der einen Seite stehen ich und meine Beziehung, an die ich meine persönlichen Maßstäbe anlege. In meinem professionellen Leben möchte ich niemanden verurteilen. Natürlich wäre es besser, wenn Partner darüber sprechen würden. Aber es gibt auch Probleme, die man schlecht wegreden kann, sexuelle Unzufriedenheit zum Beispiel. Viele sind nicht so weit zuzugeben, dass sie jemand anderes begehren. Sie haben Angst vor den Konsequenzen, vor der Ablehnung des Partners oder ihres sozialen Umfelds - das nicht unbedingt offen ist für alternative Beziehungsentwürfe. Es wäre großartig, in einer Gesellschaft zu leben, in der niemand Ashley Madison braucht. Aber so weit sind wir noch nicht.

SPIEGEL ONLINE: Wie hoch stehen die Chancen, dass Ihr Job in nächster Zeit überflüssig wird?

Biderman: Noch vor ein paar Jahrzehnten galt außerehelicher Sex als skandalös. Auch die Idee der Liebesbeziehung ist relativ neu: So lange ist es nicht her, dass Eltern die Partner für ihre Kinder ausgesucht haben. Die Ehe wird ständig neu definiert, beschleunigt durch das Internet. Die Menschen suchen jetzt schon nach Alternativen, aber finden sie bisher nicht. Die meisten Anmeldungen haben wir nach Silvester. Als wäre der gute Vorsatz für das neue Jahr: So möchte ich nicht weiterleben.

SPIEGEL ONLINE: Wie stellen Sie sich die Zukunft der Beziehung vor?

Biderman: Unsere Gesellschaft sollte weniger Wert auf Monogamie legen. Studien zeigen, dass Scheidungsraten für offene Ehen viel niedriger sind. Wer freier atmet, sich weniger einsam fühlt, mehr lacht und mehr Sex hat, ist ein glücklicherer Mensch. Und nörgelt vielleicht weniger. Moderne Beziehungen haben so viele Ansprüche: Du musst vertraut und aufregend sein, durchgeknallt, romantisch und zuverlässig, ein guter Vater, bester Freund und weltbester Liebhaber. Es kann sehr befreiend sein, nicht alles gleichzeitig für seinen Partner sein zu müssen.

SPIEGEL ONLINE: Aber so lange offene Beziehungen die Ausnahme sind, gilt: Was mein Partner nicht weiß, macht ihn nicht heiß?

Biderman: Ich kann niemanden davon überzeugen, eine Affäre zu haben. Und ich kann niemanden davon abhalten. Aber bitte, wenn ihr fremdgeht - macht das schlau. Wer eine Affäre an seinem Arbeitsplatz sucht, oder im Freundeskreis, wird mit einer höheren Wahrscheinlichkeit auffliegen - und viel Unheil auch außerhalb der Beziehung anrichten. Wer sich auf Datingseiten als Single ausgibt und in Wahrheit liiert ist, wird Herzen Ahnungsloser brechen.

SPIEGEL ONLINE: Ist es nicht ironisch, dass Sie täglich über den Sinn des Seitensprungs sprechen und in Ihrer eigenen Beziehung zeigen, dass es auch ohne geht?

Biderman: Ein Scheidungsanwalt muss auch nicht unbedingt geschieden sein. Mir ist sehr bewusst, was für eine Herausforderung eine monogame Ehe ist. Und ich bin erst seit neun Jahren verheiratet. Rufen Sie in sieben Jahren an - mal schauen, ob ich nicht auch etwas nebenbei laufen habe.

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insgesamt 28 Beiträge
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1. Rechercheresistenz oder Kritikangst?
privatsphaere 22.05.2012
Glaubt man den Seiten im Netz, die es sich zum Ziel gemacht haben, derartige Angebote zu testen und zu bewerten, so schneidet gerade dieser Anbieter maximal mit Schulnote 4 ab - besonders viele Nutzer bewerten diesen Service als reine Abzocke. Die Werbung, die mit einem solchen redaktionellen Artikel gemacht wird, hat der Anbieter offensichtlich überhaupt nicht verdient.
2.
mechtor 22.05.2012
Zitat von sysopNiemand spricht gern über Untreue. Außer Noel Biderman, denn er lebt von ihr: Der 40-Jährige betreibt die Seitensprung-Plattform Ashley Madison. Er selbst ist seit neun Jahren verheiratet - und seiner Frau treu. Wie passt das zusammen? Noel Biderman plant Seitensprünge und ist Chef von Ashley Madison - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,830225,00.html)
Bis eben kannte ich Ashley Madison garnicht und nach diesen Kommentaren werde ich es wohl auch nicht. Ashley Madison Deutschland: Test und Erfahrungen | Singlebörsen Vergleich (http://www.singleboersevergleich.com/erotik-dating/ashley-madison-test-erfahrungen) Kann man den Artikel nicht offiziell als Werbung kennzeichnen?
3. Liebe = Geld
robertll 22.05.2012
Ist es nicht immer das selbe? Moral, wozu? Wir beten das Geld an. Man sagt Freiheit, meint aber das uns Geld frei macht, die Sorgen nimmt. Das tolle an Moral und Werten ist, dass man viel Geld verdienen kann wen man sich nicht daran hält.
4. Betrug
TomFord8 22.05.2012
Meiner Meinung nach ist A. M. mit nicht geringer Wahrscheinlichkeit Betrug. Ich schreibe das aus eigener Erfahrung und infolge dieser Erfahrung auch aufgrund der anschliessenden Internet-Recherche, die ich gemacht hab. DAS wäre mal ein Thema, finde ich. Stattdessen einmal mehr ein Artikel über den angeblichen Erfolg von A. M..
5. Schuld? Ich? Woher denn!
DaRealFab 22.05.2012
Diese Welt ist nur noch krank. Wenn ich einen Waffenhersteller frage, wie er die moralische Frage beantwortet, die sich zwangsweise stellt, wird der auch sagen "Was denn, ich stelle die Waffen doch nur her. Warum werde ich verurteilt, ich bringe keinen um, das ist die Entscheidung derer, die meine Waffen kaufen". Die Frage ist eigentlich nie, ob es moralisch gerechtfertigte Einwände gibt, - weil es die einfach gibt - sondern ob einem seine eigene Gier und sein eigener Wohlstand wichtiger ist als eine edle Gesinnung und das gute Gewissen, keinen Dreck am Stecken zu haben. Die Nichtexistenz einer Seitensprungagentur verhindert keine Seitensprünge. Aber jemand, der sich vom Schreibtischstuhl aus ganz bequem jemand "aussuchen" kann von einer Platform, deren Betreiber aus lauter Geldgier auch noch behauptet, dass eine Affäre ein "Katalysator" sein kann für eine festgefahrene Affäre (ein Mord kann jemand dazu bringen, von seiner Meinung abzurücken... ist es deswegen einen Mord wert?) , der wird sich weniger Gedanken machen, wie man die eigene Beziehung festigen kann. Der wird sich eher bedienen. Genauso wie jemand, der gerade eben im Moment eine riesige Wut auf jemand anderen hat und nur die Knarre aus dem Schrank holen muss, um sich abzureagieren, anstatt sich eine Alternative zu überlegen.
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Erklär mir die Liebe
  • Moritz Vennemann
    Die Liebe ist unsere größte Gabe - und unsere größte Frage. Wlada Kolosowa, 25, hat sich auf die Suche nach den Antworten gemacht. Sie spricht mit Menschen, die einen besonderen Blick für Herzensangelegenheiten haben. Auch mit solchen, die man nicht für Gefühlsexperten hält.

Zur Person
  • Mark Blinch/ Ashley Madison
    Noel Biderman, 40, arbeitete als Anwalt für Sportrecht, bevor er Geschäftsführer der Seitensprung-Plattform "Ashley Madison" wurde. Von ihm erschien: "Cheaters Prosper: How Infidelity Will Save The Modern Marriage". Er lebt in Toronto, ist verheiratet und hat zwei Kinder.
Studie
Laut einer SPIEGEL-Studie haben 47 Prozent der deutschen Männer ihre Partnerin schon einmal betrogen, 38 Prozent der Frauen gingen fremd.

299.000 Mitglieder hat Ashley Madison in Deutschland, davon sind zwei Drittel Männer. Sie sind im Schnitt 41 Jahre alt, 180 cm groß und 80 kg schwer. 64 Prozent sind verheiratet mit Kindern, 43 Prozent sind auf der Suche nach einer Frau zwischen 30 und 35.

Als häufigsten Grund für die Anmeldung geben sie Routine an, Frauen fehlende Aufmerksamkeit des Partners. Sie sind im Schnitt 34 Jahre alt, blond, 168 cm groß, und 58 Kilo schwer. 20 Prozent haben Führungspositionen, 19 Prozent sind Hausfrauen.

Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 2/2012 Was Paare zusammenhält