Selbstversuch bei der NRA Wie mich Amerikas Waffenlobby umerziehen wollte

Die NRA ist eine der mächtigsten Lobbygruppen der USA. Wie versuchen die Waffenfreunde, jemanden zu überzeugen, der noch nie eine Knarre in der Hand hatte? Der Selbstversuch mit Pistole, Flinte und AR-15.

Fabian Reinbold

Alles begann damit, dass mitten in Amerika jemand "Schweinfurt!" rief. Das war auf einer Konferenz von Trump-Gegnern, die selbst einen Präsidentschaftskandidaten, der eine Mauer vor Mexiko bauen will, noch nicht konservativ genug finden.

Gerade hatte ich mich als Reporter aus Deutschland zu erkennen gegeben, da schnellte ein Mann im dunklen Anzug aus seinem Stuhl hoch, fragte "Wie gayt es Ihnen?" und erklärte, dass er als Soldat Ende der Achtzigerjahre Dienst geschoben hatte in eben jener fränkischen Stadt. Dann sagte der Mann einen Satz, der sich im Nachhinein als folgenschwer entpuppte: "Let me take you shooting."

Herr Schweinfurt reichte mir seine Visitenkarte, die ihn als Jerry Kraus auswies, örtlicher Vertreter des NRA-ILA. Dahinter verbirgt sich das Institute of Legislative Action der National Rifle Association, also der Lobbyarm der Waffenlobby. Kraus versprach: Wir können schießen, was du willst. Pistole, Gewehr, halbautomatisches Gewehr. "Du wirst sehen, wie sicher und spaßig das Ganze in Wahrheit ist."

Was folgte, waren ein paar Wochen, in denen Waffenfans im US-Bundesstaat Colorado den "Reporter from Germany" herumreichten und mir an Schießständen und auf Schießpartys Amerikas gun culture erklären wollten. Jene Kultur, über die wir im alten Europa so oft mit dem Kopf schütteln. Und ich, der noch nie im Leben eine Waffe in der Hand hatte, wollte schießen und verstehen.

1. DIE WAFFENBOTSCHAFTERIN

Kimberly Corban traf unser Autor in einer Hightech-Schießanlage in Johnstown, Colorado
Fabian Reinbold

Kimberly Corban traf unser Autor in einer Hightech-Schießanlage in Johnstown, Colorado

Ein heißer Freitag im August, zwölf Uhr mittags. Ich treffe eine Bekannte von Kraus in einer Hightech-Schießanlage. Kimberly Corban ist 31 Jahre alt, zweifache Mutter und vielleicht eine der besten Waffenbotschafterinnen in dieser Ecke des Landes.

Sie passt nicht zum NRA-Klischee vom alten weißen Mann in Tarnfleckhose - aber dafür umso besser zur neuen Strategie, Frauen als verantwortungsbewusste Waffenbesitzerinnen ins Rampenlicht zu rücken.

Und sie hat eine mächtige Geschichte zu erzählen: Als sie 21 war, brach ein Mann nachts in ihre WG ein, überfiel und vergewaltigte sie. Der Mann sitzt jetzt für 24 Jahre im Knast und Corban hat sich geschworen, "nie wieder hilflos" zu sein. Sie geht nicht mehr ohne Pistole aus dem Haus.

Corban hat mich nach Johnstown bestellt, eine knappe Stunde nördlich von Denver. Hier steht am Ronald Reagan Boulevard eine moderne Halle, im Erdgeschoss 4600 Quadratmeter für ein Waffengeschäft, Konferenzräume und ein kleines Café; im Keller 4600 Quadratmeter für 60 Schießstände.

Zusammen mit dem Manager der Anlage gehen wir durch die Flure unter der Erde: gefilterte Luft, Schleusen vor den Schießständen. "Siehst du, wie sicher hier alles ist", wird Corban noch öfter sagen.

Gewehre für Kinder, mit scharfer Munition

Es gibt auch einen virtuellen Schießstand, bei dem man aus 15.000 Szenarien auswählen kann, darunter auch einige für Kinder, wo auf Ballon-Krokodile und -Elefanten zu feuern ist. "Alles ganz behutsam", sagt Corban. Ich nicke - sind ja nur Laserwaffen, oder? "Nein, auch mit scharfer Munition", mischt sich der Manager ein. "Wir empfehlen ein Mindestalter von zehn Jahren, machen aber auch Ausnahmen." Später sehe ich die Gewehre für Kinder, es gibt sie in blau und rosa mit kleinem 22er-Kaliber, aber auch solche, die den militärischen Stil von Sturmgewehren imitieren.

Corban sagt, man werde stigmatisiert, wenn man als Mutter junger Kinder eine Waffe trage. Es sei aber wichtig, die Kinder verantwortungsvoll heranzuführen.

Jetzt werde aber erst einmal ich herangeführt: Ein kurzer background check, ob ich beim FBI oder bei der örtlichen Polizei als Straftäter gelte, fällt negativ aus. Wir steigen hinab, wählen Pappkameraden, Pistole, Munition und gehen durch die Schleuse, zehn Schießstände nebeneinander. Es knallt. Irgendwo, ein paar Meter weiter, schießt irgendjemand irgendwas, den Schützen selbst sieht man nicht, aber hört ihn doch so laut, dass man trotz Ohrenschützer zusammenzuckt.

Ein Gedanke blitzt auf: Wenn jemand von diesen Unsichtbaren aus dem Stand tritt und statt auf die Pappkameraden einfach auf dich schießt, dann bist du tot. Ich schiebe ihn schnell beiseite, denn schon erklärt mir der Manager die Heckler&Koch VP9, die jetzt vor mir liegt. Magazin reinschieben, Patrone in den Lauf. Abdrücken und dabei müssen beide Daumen nach vorne zeigen.

"Sicherer als da draußen"

Alles ganz sicher? Nach dem ersten Schießversuch im Liberty Firearms Institute ist unser Autor noch nicht überzeugt
Fabian Reinbold

Alles ganz sicher? Nach dem ersten Schießversuch im Liberty Firearms Institute ist unser Autor noch nicht überzeugt

Klingt simpel, aber ich bin nervös. Zum ersten Mal halte ich eine Pistole in der Hand. Meine dringendste Frage: Wie lege ich die Waffe nach dem Schuss wieder sicher ab, ohne mir selbst ins Bein zu schießen? Den ersten Teil frage ich wirklich, den zweiten denke ich mir nur.

Dann drücke ich ab.

Alles geht zeitlich ein bisschen durcheinander. Das Abdrücken, der Rückschlag, der Knall, der Blick auf das Loch im Pappkameraden. Treffer knapp neben das Herz - eine Neun. Corban streckt den Daumen hoch. Auch der nächste Schuss landet in der Neun. Naturtalent höre ich jemanden sagen, dumpf durch die Ohrenschützer.

Doch die Wahrheit ist, dass meine Waffe bei jedem Schuss nach oben kippt und ich keine Kontrolle über dieses Ding spüre. Ich feuere noch dreimal, jedesmal ein bisschen ungenauer. Dann reicht es mir.

Corban selbst schießt auch noch ein paar Runden, hier wackelt nichts. Sie betont jetzt noch einmal, wie wohl sie sich hier unten fühle. "Sicherer als da draußen", ruft sie durch das Geknalle. Ich bekenne, dass es mir unter Fremden, die eine tödliche Waffe in der Hand haben, anders geht. "Es gibt doch keinen schlechteren Ort, jemanden zu töten, als hier, wo sofort zurückgefeuert würde", sagt sie.

Ein salopper Spruch über Trump - kommt nicht gut an

Mehr Waffen gleich mehr Sicherheit, so lautet ihre Sicht auf die Dinge. Gefährlich werde es dort, wo Waffen verboten sind (etwa in Schulen) oder verboten werden sollen (etwa durch Hillary Clinton). Da wird Corban grundsätzlich: Die Regierung könnte machen, was sie will, wenn die Bürger nicht bewaffnet wären.

Corban sagt, sie ergreife nicht Partei. Und doch spielt sie die Hauptrolle in einem Werbeclip der NRA, in dem davor gewarnt wird, dass Clinton den Bürgern die Waffen wegnehmen wolle. Also Trump? "Der ist, aus dem Ausland gesehen, ja wirklich ein seltsamer Kandidat", sage ich, vielleicht etwas zu salopp. Corbans Lächeln verschwindet. "Ich glaube, das sieht man nur im Ausland so." Dann muss sie los, die Kinder abholen.

Nach unserem Termin twittert sie ein Foto vom Schießstand, sie schreibt: Ich liebe es zuzusehen, wie Leute "es" endlich kapieren. 4 Retweets, 24 Herzchen am Abend. Aber in Wahrheit habe ich, bis aufs Ablegen der Waffe ohne Selbstverletzung, noch nichts kapiert.

2. DIE ALKOHOL-WAFFEN-UND-TABAK-PARTY

Steve Schreier ist dekorierter Vietnamveteran, Trump-Fan. Hier erklärt er das Schießen mit der Flinte
Fabian Reinbold

Steve Schreier ist dekorierter Vietnamveteran, Trump-Fan. Hier erklärt er das Schießen mit der Flinte

Als ich nach Hause komme, liegt schon die nächste Einladung bereit - Samstag steigt eine "Alcohol, Firearms and Tobacco Party", interessanterweise schon frühmorgens. Als ich um 9 Uhr ankomme auf der Anlage des Kiowa Creek Shooting Club, hält gerade ein gemütlicher Mann mit Bart und kurzen Hosen die Begrüßungsrede im Festzelt.

Es ist Jon Caldara, Präsident des gastgebenden Independence Institute, eines libertären Think Tanks. "Lasst uns einen fröhlichen Protest gegen den Nanny-Staat feiern", ruft er. Schließlich ärgere nichts einen Linken so sehr, wie ein Konservativer, der Spaß habe.

Bevor es an die Waffen geht, macht er noch einen Witz auf meine Kosten: Auch wenn die Versuchung groß sei, bitte nicht den Reporter aus Deutschland erschießen. Er erklärt mir noch die Basics ("Schrotflinte für die Vögel, Gewehr für den Hirsch"), dann lässt er mich von seinem Pressesprecher im Golfcart von Schießstand zu Schießstand kutschieren.

Es ist nicht so wild wie gedacht, niemand feuert betrunken durch die Gegend. Geschossen wird nur auf Tontauben, die Light-Bier-Dosen zischen erst, als gegen Mittag die letzte Patrone abgefeuert ist. Die Teilnehmer haben gute Laune, es sind vor allem konservative Politiker, Geschäftsleute.

Wenn ich sie an den Schießständen anspreche, vergeht keine Unterhaltung ohne Hitler. "Eines der ersten Dinge, die Adolf Hitler gemacht hat, war, die Bürger zu entwaffnen", so sagt es etwa John Cooke, der für die Republikaner im Senat von Colorado sitzt. Wahrscheinlich ist das die Brücke zu den Ahnungslosen in Deutschland.

Auf der Party posieren die republikanischen Politiker John Cooke (links) und Paul Lundeen mit den Westernhelden John Arness und John Wayne
Fabian Reinbold

Auf der Party posieren die republikanischen Politiker John Cooke (links) und Paul Lundeen mit den Westernhelden John Arness und John Wayne

Mit dem Satz erwischt er mich kalt. Wenn es in Deutschland um die Errichtung der Diktatur im Jahr 1933 geht, fehlt diese Maßnahme oft. Aber es stimmt ja, dass schon 1933 mit der Entwaffnung der Juden begonnen wurde. Ich merke auch, dass ich viele Details des Waffenrechts in Deutschland nicht kenne: Was ist mit Schalldämpfern, wer darf wohin eine Waffe tragen? Punkt für die Waffenfans.

Senator Cooke nimmt es mir nicht übel. Ganz freundlich sagt er mir, dem Europäer: "Ihr hattet tausend Jahre Monarchie, aber wir haben hier etwas Neues aufgemacht und unserer Regierung eben nur ein paar Rechte zugestanden."

Am Anfängerstand drückt man mir eine besonders schöne, holzverzierte Flinte in die Hand. Steve Schreier, dekorierter Vietnamveteran und NRA-Verwaltungsrat, zeigt mir, wie ich sie anlege. Nach vier, fünf Schüssen läuft alles wie von selbst. Ich treffe die Tontauben gar nicht so selten, die Waffenbrüder links und rechts klatschen, immer wieder ruft jemand: "Naturtalent!".

Ich habe Spaß. Das Schießen gefällt mir, die Leute sind freundlich, Verrückte laufen mir - zumindest auf den ersten Blick - nicht über den Weg. Hier zeigt sich die harmlose Variante von Amerikas gun culture.

Die Lizenz stellte er sich selber aus

Beim Mittagessen zeigt mir Cooke seine Lizenz, die ihn berechtigt, seine Pistole stets verdeckt zu tragen, auch im Parlament. Praktischerweise hat er sie sich selbst ausgestellt, denn vor seiner Zeit im Senat war er Sheriff in Weld County. 24 Einwohner pro Quadratkilometer - manchmal haben seine Leute zwei Stunden gebraucht, wenn sie zum Einsatz gerufen wurden. "Da ist es sinnvoll, wenn sich der Bürger selbst bewaffnet", sagt Cooke.

Wie geht es ihm damit, dass Tausende Amerikaner Jahr für Jahr durch Waffengewalt sterben? Cooke nimmt einen Zug an der Zigarre, dann sagt er: "Wir haben 63 Millionen Waffenbesitzer in den USA, aber wer bitte schön hat denn gestern jemanden erschossen?" Ich nenne die groben Zahlen. "Ja, aber das seien "vor allem Suizide, Chicago und Washington."

Vielleicht muss man sich das so zurechtlegen, auf einer Waffenparty. Jetzt wird ja auch getrunken. An der Bar entdecke ich Kimberly Corban wieder, sie schenkt die Drinks aus. Ich wollte mit ihr ja auch noch über Waffen und Kinder reden. Doch sie lächelt nur und sagt, sie müsse gleich wieder los. Ein anderes Mal.

Corban werde ich nur noch einmal wiedersehen - auf dem Titelbild der NRA-Mitgliederzeitschrift. Clay Turner, der Creative Director des Magazins, den ich auf der Party treffe, lässt mir später ein paar Exemplare schicken. Blättert man "America's First Freedom" durch, springt einen alle paar Seiten Hillary Clinton an, meist mit unvorteilhafter Mimik. Auf der Umschlagseite werden gegen Spenden Waffen verlost, "die Hillary verbieten will". Turner erzählt mir, dass er seiner Tochter gerade erst zum Uniabschluss ein Sturmgewehr mit Glitzer geschenkt habe.

Auf dem Parkplatz treffe ich kurz Jerry Kraus wieder (Schweinfurt), der mich nach wie vor die Vorzüge des halbautomatischen Gewehrs erleben lassen möchte, wir verabreden uns für Ende September.

3. DAS AR-15

Mit den Waffenlehrern Isaac Chase (links) und Edgar Antillon geht es an die schweren, halbautomatischen Geschütze
Terry A. Ratzlaff

Mit den Waffenlehrern Isaac Chase (links) und Edgar Antillon geht es an die schweren, halbautomatischen Geschütze

Wir haben Sonntagfrüh, 9 Uhr, ausgemacht: mit dem halbautomatischen Gewehr schießen, Mittagessen und noch ein paar Anekdoten aus Schweinfurt. Doch zwei Stunden vorher sagt Kraus ab, Erkältung. Obwohl ich es noch mehrfach per Anruf und SMS versuche: Ich höre nie wieder von ihm. Hat mich die NRA aufgegeben?

Zum Glück bringt mich mein Fotograf noch mit zwei Männern zusammen, die den Verein "Guns for everyone" betreiben. Sie geben dort Gratiskurse zum verdeckten Tragen von Pistolen, aber für den Deutschen holen sie gern die schweren Geschütze aus dem Waffenschrank.

Ich treffe die Freunde Edgar Antillon und Isaac Chase an einer Raststätte im Süden Colorados. Von dort aus rattern wir zehn Meilen auf Schotterpisten über Präriehügel, bis zu einem Stück Land, wo Chase im Busch Metallplatten aufgestellt hat, unsere Zielscheiben.

Chase trägt eine Brille mit schwarzer Front und weißen Bügeln, eine Sicherheitsnadel als Ohrring und ein T-Shirt, auf dem "AK-47" steht, seine Lieblingswaffe. Die hat der 34-Jährige auch dabei. Er holt sie aus dem Koffer, dann die pakistanische Halbautomatikpistole und schließlich das AR-15, jene Waffe, die im Zentrum der amerikanischen Waffendebatte steht.

Einen Rückstoß gibt es nicht

Mit den halbautomatischen Gewehren ist das Schießen kinderleicht
Terry A. Ratzlaff

Mit den halbautomatischen Gewehren ist das Schießen kinderleicht

Ein solches halbautomatisches Gewehr hat etwa der Attentäter von Newtown benutzt, als er im Dezember 2012 binnen fünf Minuten 20 Grundschüler und sechs Erwachsene erschoss. Es gehörte, ganz legal, seiner Mutter. Es sind solche Waffen, die Hillary Clinton meint, wenn sie sagt, sie wolle militärähnliche Waffen nicht auf Amerikas Straßen sehen. Chase sagt, eine halbautomatische sei eine Waffe wie jede andere. Er hat auf das AR-15 Schalldämpfer aufgeschraubt, zum einen, damit wir keinen Hörschaden davontragen. Zum anderen will er grundsätzlich etwas klarmachen: Schalldämpfer seien in den USA schwer zu bekommen. "Siehst du", sagt er, "manches ist hier sogar stärker reguliert als bei euch in Europa."

Dann lassen sie mich die Gewehre und halbautomatischen Waffen schießen. Ich ziele schlecht, viele Schüsse landen im Staub statt an den kleinen Metallplatten. Ich ärgere mich darüber. Und ich denke keine Sekunde mehr daran, dass ich mir womöglich aus Versehen ins eigene Bein schießen könnte - der Respekt vor den tödlichen Waffen ist gewichen.

Zum Schluss kommt das AR-15 an die Reihe. Mit dem Gewehr ist das Schießen besonders einfach. Im Zielrohr weist ein elektrischer Rotpunkt den Weg, mit nur leichtem Fingerzug kann man sehr schnell hintereinander feuern und das Zielen korrigieren, bis das Magazin leer geschossen ist. Einen Rückstoß gibt es nicht. Es ist kinderleicht.

Im Video: Schießtraining in der Prärie

Terry A. Ratzlaff

Ist es richtig, dass fast jeder diese Waffe kaufen kann? Chase sagt Ja. Er nennt praktische Argumente ("hervorragend zum Schießen von Kojoten") und grundsätzliche. "Da die Polizei solche Waffen trägt, will ich als Bürger dasselbe Recht haben." Er will Waffengleichheit mit dem Staat. Sein Freund Antillon bemüht den früheren Präsidenten Thomas Jefferson: Er wolle "lieber in gefährlicher Freiheit leben als in friedlicher Sklaverei".

Hier ist sie wieder, die Idee, dass sich an den Regeln zu einem Gewehr das Schicksal der Freiheit im Land entscheidet. Chase klingt kompromisslos: "Ich will diesen Vorteil für den Fall, dass ich in einen Kampf mit einem Bösen gerate. Und niemand sollte mir diesen Vorteil nehmen."

Ein Waffenfreund kommt ins Grübeln

"Ihr Europäer", sagt Chase, "wollt immer nur über die Waffe reden. Aber die Waffe an sich tötet keine Menschen." Einverstanden, reden wir also über die Menschen: Wer soll denn kein Recht darauf haben, eine halbautomatische Waffe zu kaufen? Ein Soldat, der unter posttraumatischen Belastungsstörungen leidet? Ein Mann, der seine Ex-Frau mit dem Tode bedroht hat? Chase überlegt eine Weile und sagt: "Das ist wirklich schwierig."

Isaac Chase ist der Erste, den man auch ins Grübeln bringen kann, wenn man nach dem Preis dieser Freiheit fragt. Ein nachdenklicher Typ, mit dem man gern ein Bier trinken würde.

Gut, dass er später dazu noch auf seine Veranda in Colorado Springs einlädt. Ein schöner Spätsommerabend, die Kinder springen umher, die Hündin jagt über den Rasen. Chase zeigt auf seinen Keller und sagt, er habe "15 bis 20 Waffen da unten".

Er ist damit typisch für den amerikanischen Waffenfreund. Laut einer neuen Studie besitzen nur drei Prozent der erwachsenen Amerikaner die Hälfte der Waffen im Land, im Durchschnitt hortet jeder von ihnen 17 Waffen. Chase bastelt sich in seinem Keller auch noch selbst die Munition zusammen. Er fragt: "Hast du etwa keine Hobbys?"

Manche Waffen verkauft er auch in einer geschlossenen Facebook-Gruppe. Obwohl Facebook gelobt hat, das zu unterbinden, sei das ganz einfach, sagt er. Er kauft auch nach wie vor große Magazine mit 30 Schuss für seine Halbautomatikwaffen, obwohl Colorado die nach dem Grundschulmassaker von Sandy Hook verboten hat (damit man, ohne nachzuladen, nur noch 10 statt 30 Menschen erschießen kann). Kontrolliert aber niemand, sagt Chase.

Es ist eine von wenigen Regeln, die irgendwo in den USA zuletzt überhaupt verschärft worden sind. Jetzt merke ich: Selbst ein so kleines Gesetz scheitert allzu leicht an der Realität, in die sich die gun culture so tief eingefressen hat. Stattdessen schnellen nach jedem Amoklauf die Waffenkäufe in die Höhe.

4. DER PREIS

Meine Wochen unter Waffenfreunden haben mich tatsächlich verändert. Meine Angst davor, selbst eine Schusswaffe in der Hand zu halten, ist irgendwann verschwunden. Und ich habe mich daran gewöhnt, unter Bewaffneten zu sein.

Es gab aber nur einen Augenblick, in dem ich mir gewünscht hätte, selbst eine Waffe zu tragen. Das war auf einer Wanderung in den Rocky Mountains, als ein Schild am Wegesrand vor Pumas und Bären warnte und einen mit dem Rat alleinließ, wenn man angegriffen werde, solle man sich wehren. Kurz darauf raschelte es ein paar Meter hinter mir und da hätte ich wirklich gern nach einer Heckler&Koch am Gürtel gegriffen. Waren dann nur zwei Rehe.

Unser Autor mit Gewehr - zumindest die Angst vor Waffen ist verschwunden
Terry A. Ratzlaff

Unser Autor mit Gewehr - zumindest die Angst vor Waffen ist verschwunden

Aber habe ich "es kapiert", wie Kimberly Corban sagen würde, das mit Amerika und den Waffen? Zumindest ist mir klar, dass jeder Versuch der Regulierung als Angriff einer Regierung verstanden würde, die ohnehin mit Argwohn gesehen wird. Das sagen Corban, Senator Cooke oder Isaac Chase fast wortgleich - und das, obwohl sie alle selbst für den Staat gearbeitet haben: Corban für den Bezirksstaatsanwalt, Cooke als Parlamentarier, Chase als IT-Administrator für die Sozialbehörde von Colorado.

Auf die Frage, ob ihm der Staat denn schon etwas angetan habe, erzählt Chase: Als er mal vergessen habe, Grundsteuer zu bezahlen, sei ihm mit dem Entzug des Zweitgrundstücks in der Prärie gedroht worden. Bei mir als Europäer hält sich die Empörung über diesen "übergriffigen Staat" dann doch in Grenzen.

Was bleibt am Ende der Wochen an der Waffe? Die Leute, die ich auf der Recherche kennengelernt habe, waren allesamt keine durchgeknallten Waffennarren. Corban nicht, die sich nach Vergewaltigung und Trauma das Recht zur Selbstverteidigung nicht beschneiden lassen will. Cooke nicht, für den ein bewaffneter Bürger die Sicherheit der Allgemeinheit erhöht. Und der nachdenkliche Isaac Chase, der vom Alarmismus der NRA manchmal genervt ist, sowieso nicht.

Sie sehen ihr Recht auf Waffenbesitz und können lange reden über dessen Zauber, Bedeutung und Gefährdung. Schwer ist es nur, mit ihnen über den Preis dieses Rechts zu reden - dass etwa in den USA die Gefahr, erschossen zu werden, so viel höher ist als in anderen Ländern. Dass man selbst schneller abdrückt, wenn man annehmen muss, auch der Gegenüber greift gerade irgendwo hin. Dass es Jahr für Jahr mehr als zehntausend Tote durch Waffengewalt gibt. Diese Toten fallen dann stets irgendwo anders an, nicht in der Welt der Waffenfreunde aus Colorado. Sie blenden sie einfach aus. Ich muss sie immer mitdenken.

Als ich mit Chase zusammensitze, machen gerade mal wieder zwei Videos die Runde, in denen Polizisten schwarze Männer erschießen. Wenige Stunden zuvor hat ein Anwalt in Houston auf Autofahrer geschossen, bis ihn die Polizei erschießt. Und in Wahrheit sterben auch in Colorado Menschen durch Schusswaffen, Monat für Monat.

Tja, die vielen Toten, sagt Isaac Chase, als die Sonne untergeht. Die Polizisten müssten vielleicht besser ausgebildet werden. Aber eines der Probleme sei doch: "Wenn du die bösen Jungs nur anschießt, dann entkommen sie meist, von daher…..." Er beendet den Satz nicht, stattdessen lächelt er und fragt: "Noch ein Bier?"

insgesamt 216 Beiträge
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Seite 1
sekundo 05.11.2016
1. Auch in einem so
wunderbaren Land wie Amerika gibt es hässliche Seiten. Der Waffenfetischismus und die NRA gehören leider dazu!!
fisschfreund 05.11.2016
2.
Versuchen Sie doch mal in Deutschland ein Tempolimit auf Autobahnen einzuführen. Klappt auch nicht.
tsuru 05.11.2016
3. Halbautomaten sind keine Sturmgewehre!
Ich protestiere energisch gegen die ständige falsche Verwendung dieses Begriffs. Es wird durch stetige Wiederholung nunmal nicht wahrer!
habenix 05.11.2016
4.
Warum sagt der Spiegel nicht das bei der Un Statistik über tote mit Schußwaffen auch die Selbstmorde mit eingerechnet sind? Nicht sauber recherchiert, oder passt das einfach nicht ins Konzept?
sonntag500 05.11.2016
5. Lieber Fabian, ...
... "Zwölf Uhr Mittags", wie schön die der hintersinnige Hinweis. Ansonsten ein doch eher ein tendenzieller Beitrag. Aber er liest sich gut - mehr aber nicht.
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