Facebook-Bilder aus Pflegeheim Das Ekel-Essen des Jürgen E.

Frührentner Jürgen E. lebt im Pflegeheim und veröffentlicht Fotos seiner Mahlzeiten im Netz. Für die Satirikerin einer bekannten Spaßpartei ein gefundenes Fressen.

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Hirschgulasch mit Preiselbeeren: Mahlzeit für Jürgen E.
Jürgen E.

Hirschgulasch mit Preiselbeeren: Mahlzeit für Jürgen E.


Es ist einige Wochen her, da kam Jürgen E. die Idee, seine täglichen Mahlzeiten zu fotografieren. Der 63-Jährige ist Frührentner, pflegebedürftig, seit dem 12. Mai lebt er in einem Altenheim in Nürnberg. Er leidet unter der Lungenkrankheit COPD, wegen Problemen mit dem Kiefer fehlt ihm die obere Gebissleiste. Bevor er Hühnchen isst oder Gulasch, quetschen Pfleger das Fleisch zu Brei - nur dann ist es für den früheren DJ bekömmlich.

Passiertes Hühnchen ist optisch kein Genuss. Geschmacklich vermutlich auch nicht. Jürgen E. lädt die Bilder der Gerichte, die ihm da aufgetischt werden, bei Facebook hoch. Er hat Köche im Bekanntenkreis, die ihre ansehnlichen Kreationen posten. Da sieht der Frührentner seine eigenen Bilder "als halbspaßige Aktion unter Freunden", erzählt er am Telefon.

"Jürgen fotografiert sein Essen"

Er ahnt nicht, dass seine Bilder zu Beginn dieser Woche im Netz eine Welle auslösen. Eva Patricia Rußegger, Vize-Chefin der Spaßpartei "Die Partei" in Österreich, bestückt mit den Fotos des Rentners eine neue Facebook-Seite. Sie trägt den Namen "Jürgen fotografiert sein Essen" und erweckt den falschen Eindruck, E. schreibe hier selbst. "Die Partei" wurde gegründet von Martin Sonneborn, Ex-Chefredakteur des Satiremagazins "Titanic". Er hat über seinen Alltag als Abgeordneter im EU-Parlament für SPIEGEL TV berichtet.

Rußegger spitzt die launischen Bemerkungen noch ein bisschen zu, die Jürgen E. auf seiner eigenen Seite neben die Bilder geschrieben hat. "Zahntechnisch betrachtet wird es für einige heute nicht so einfach werden, die Schenkel 'artgerecht' zu verspeisen", heißt es unter dem Foto eines Hühnerschenkels, der noch unzerkleinert neben Röstis in einer glibberigen Paprikasauce schwimmt.

Die Geschichte nimmt Fahrt auf und wächst Jürgen E. über den Kopf. Für viele Medien sind die Bilder ein gefundenes Fressen, TV-Teams wollen im Altenheim drehen, neue Details werden veröffentlicht und wieder dementiert.

Geht es hier noch um Essensfotos oder um viel mehr, um den Umgang der Gesellschaft mit den Alten? Was hinter der Facebook-Aktion steckt und wer hier wessen Interessen vertritt, lässt sich schließlich nur schwer durchschauen.

"Püriertes Essen sieht grundsätzlich nicht appetitlich aus"

Die Genuss-Redakteurin von "stern.de" fragt besorgt einen Experten, warum "wir unseren Großmüttern und Großvätern" Gerichte vorsetzen, die "fast schon menschenunwürdig sind". Es herrscht Betroffenheit.

Wer Eva Patricia Rußegger anruft, wird von einem Redeschwall erfasst. Sie habe "eine Seite erstellt mit lustigen Bildern aus einem Pflegeheim", sagt sie. "Schreiben Sie, dass ich privat Schweine züchte." Sie kenne Jürgen E. schon länger als ein Jahr, er bekomme von ihr Essenspakete. "Ich wollte ihm eine Freude machen." Es gebe einen "Pflegenotstand" in Deutschland, darauf wolle sie aufmerksam machen. "Es ist kein Gag, wir sind keine Satirepartei", sagt Rußegger. Und es gehe nicht um Jürgen E.

Sonneborn teilt mit: "Es handelt sich um eine Warnung der Partei. Angehende Politrentner wie Merkel, Seehofer und Gabriel sollten sich schleunigst um die Zustände in Altenheimen kümmern - wir werden sie nach der Machtübernahme dorthin abschieben."

Jürgen E. sagt, es schlügen "zwei Seelen" in seiner Brust. Er findet es einerseits gut, mit den Bildern "Kritik am Gesamtzustand" im Pflegesystem zu artikulieren. Es gefällt ihm nicht im Heim, er muss mit einem Fremden das Zimmer teilen. Wegen Personalmangel werde er im Rollstuhl zu selten vor die Tür geschoben.

Das Heim ist von dem ganzen Trubel genervt. Es hieß auch, man wolle E. rauswerfen. Der Betreiber dementiert. Und auch Jürgen E. sagt, das stimme nicht. Er überlege, von sich aus zu gehen. Im Übrigen räumt er ein: "Püriertes Essen sieht grundsätzlich nicht appetitlich aus."

Der Frührentner sagt, er habe von der Webseite nicht gewusst. Er sei zwar seit einem Jahr mit Rußegger auf Facebook befreundet, kenne sie aber nicht persönlich. "Ich habe erst zweimal mit ihr telefoniert", sagt er. Und das, um sich über die Aktion zu beschweren.

Andererseits wird Jürgen E. der Rummel zu viel. Er will jetzt einen Anwalt engagieren. Und die Facebook-Seite verbieten.



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Seite 1
baladin 01.07.2015
1. Keine
Mal abgesehen von der Optik - warum sollte Pürieren den Geschmack verändern?
frenchie3 01.07.2015
2. So schnell kommt man in Mißkredit
Da willl die Spaßpartei den Pflegenotstand prophylaktisch anprangern und haut voll daneben. Und der alte Herr darfs auslöffeln.
sponschaffdichab 01.07.2015
3.
Tatsächlich wird das Essen in Pflegeheimen oftmals nur deshalb püriert, weil das Pflegepersonal nicht die Zeit hat, den Bewohnern das Essen anzureichen. Man kann nämlich sehr auch ohne Zähne kauen, das dauert halt nur länger. Guten Appetit.
licorne 01.07.2015
4.
Machen Sie mal Photos von pürriertem Babyessen. Sobals Fleisch dabei ist, sieht es unappetitlich aus. Man darf eben nicht alles mixen - wenn man Karottenpürree, Kartoffelpürree und durchgenudeltes Fleisch getrennt anrichtet, sieht es besser aus und behält den Eigengeschmack. Steak vom Grill geht eben nicht.
Horst Derrick 01.07.2015
5. kenn ich!
ich arbeite selber in einem Altenheim als betreuer-Fachkraft für demenzkranke.die leute die aus bestimmten gründen nur noch pürriertes essen bekommen tun mir leid-es sieht echt alles andere als schmackhaft aus.
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