Verdrängung von Obdachlosen Von Stinkbomben und Wasserdüsen

Metall-Spikes in einem Londoner Hauseingang haben nicht nur in Großbritannien eine Debatte über den Umgang mit Obdachlosen ausgelöst. Dabei ist die Verdrängung von Wohnungslosen aus Stadtgebieten auch in Deutschland allgegenwärtig.

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Hamburg - Der Hamburger Hauptbahnhof, morgens um halb acht. Vor dem Eingang gegenüber dem Schauspielhaus drängen sich hektisch Menschen aneinander vorbei, stocken kurz vor der Anzeigetafel und hasten weiter. Unter dem Vordach ist klassische Musik zu hören, Sicherheitsleute der Deutschen Bahn patrouillieren. Auf der anderen Straßenseite stehen in den Bushäuschen abgerundete Sitzbänke und unweit davon einer der neuen Solar-Abfalleimer der Hansestadt.

Klingt nach einer nichtssagenden Ortsbeschreibung? Das kommt auf die Perspektive an: Die Musik dudelt nicht nur vor sich hin - sie soll Obdachlose und Trinker vertreiben. Die privaten Sicherheitskräfte, die das Hausrecht für das Gelände von der Stadt übernommen haben, können Platzverweise gegen Menschen aussprechen, die einfach nur auf dem Boden sitzen. Die Bänke in den windgeschützten Bushäuschen sind so gestaltet, dass sie ein längeres Verweilen quasi unmöglich machen. Bei den insgesamt 160 neuen Mülleimern verhindert eine Klappe, dass Pfandsammler hineingreifen können.

Versuche, Wohnungslose aus dem Stadtbild zu verdrängen, gebe es genügend, sagt Werena Rosenke von der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW). Nun hat aber ein Fall in London unlängst für Aufregung gesorgt: Dort hatten Hausbesitzer kleine Metallspitzen auf dem Betonboden im regengeschützten Eingangsbereich angebracht, damit sich dort niemand hinlegen kann. Per Twitter wurden die Bilder der Boden-Spikes verbreitet - und damit eine Debatte über den Umgang mit Obdachlosen angestoßen. Sie könnte auch in Deutschland geführt werden. Auch hier versuchen Hauseigentümer und Gemeinden, Obdachlosen das Leben schwer zu machen. Ein Überblick:

  • Das wohl bekannteste Beispiel für bauliche Maßnahmen, die sich offenbar gegen Obdachlose richten, stammt aus Hamburg. Das Bezirksamt Hamburg-Mitte hatte im Herbst 2011 einen fast drei Meter hohen Stahlzaun unter der Kersten-Miles-Brücke aufgebaut. Auf der "Platte" zwischen Landungsbrücken und Reeperbahn hatten Obdachlose geschlafen, doch die Anwohner beschwerten sich, und es kam unter den Übernachtenden zu Übergriffen. Das Vorgehen der Stadt führte jedoch zu Protesten. Schließlich wurde die Barrikade wieder abgebaut. Die vorher bereits in den Boden eingelassenen, mehr als 100.000 Euro teuren Wackersteine blieben.
  • In Dresden haben im vergangenen Jahr zwei Sandsteinriegel Schlagzeilen gemacht. Das Sächsische Immobilien- und Baumanagement (SIB) brachte sie an dem denkmalgeschützten Blockhaus neben der Augustusbrücke im Eingangsbereich für rund 900 Euro an - an einer Stelle, an der zuvor ein Obdachloser geschlafen hatte. Die Klötze machten das Ausrollen etwa einer Isomatte an dem witterungsgeschützten Ort unmöglich. Eine SIB-Sprecherin begründete die Maßnahmen mit der notwendigen "Verkehrssicherung" für Fußgänger.
  • In Berlin berichten Streetworker davon, dass ein Tunnel unweit des Hackeschen Marktes, in dem Wohnungslose geschlafen hatten, im vergangenen Jahr geräumt worden sein soll. Bilder zeigen, dass der Eingang mittlerweile von Metallplatten verschlossen ist. Ein S-Bahnsprecher gab auf Nachfrage keine Auskunft darüber, ob die Stadt oder die Bahn für die Maßnahme verantwortlich ist - und was dahintersteckt. Die Hilfseinrichtungen berichten ebenso von Metallplatten über Fensterbänken an privaten Häusern, die das Sitzen dort unmöglich machten. In einigen U-Bahnhöfen, die im Winter zum Aufwärmen geöffnet bleiben, seien die Sitze so zweigeteilt, dass sich niemand hinlegen könne.

Vor allem Veränderungen an Bänken, die ein Übernachten unmöglich machten, seien "Dauerbrenner" in fast jeder deutschen Stadt, sagt Rosenke von der BAGW. Ebenfalls vielerorts zu finden sind Sprinkleranlagen an Kaufhäusern, Geschäften und öffentlichen Plätzen. Wo die Klimaanlagen nachts warme Abluft durch Gitter in die Fußgängerzonen blasen, schlafen häufig Wohnungslose - durch die Wasserdüsen werden sie aber regelmäßig nass. Beispiel Spielbudenplatz an der Hamburger Reeperbahn: Hier wurden zwei nachts leerstehende Bühnen als Schlafplätze genutzt, bis auch dort die Betreibergesellschaft zeitweise Wasserdüsen anbrachte - um die Bühnen zu säubern, wie es hieß.

Stinkbomben gegen Obdachlose

Häufig laufe die Verdrängung der Obdachlosen weniger drastisch und offensichtlich ab, sagt die BAGW-Sprecherin. Das meiste werde durch das Ordnungsamt durchgesetzt, wenn es etwa um Platzverweise gehe. Gleichzeitig steige die Zahl der Wohnungslosen in Deutschland. Die BAGW schätzt, dass es 2012 etwa 300.000 Wohnungslose gab, 24.000 von ihnen lebten auf der Straße. Der Prognose zufolge haben diese Zahlen 2013 noch zugenommen. "Wir gehen tendenziell von einer Steigerung aus", sagt Rosenke.

In Hamburg hat der Protest gegen die neuen Mülleimer zumindest Wirkung gezeigt. So wurden an einigen Solar-Behältern nun außen Vorrichtungen angebracht, in denen Pfandflaschen abgestellt werden können.

Ein Zeichen gegen die Verdrängung von Obdachlosen setzten vor einigen Jahren städtische Angestellte in Frankreich. Dort plante der Bürgermeister der Pariser Vorstadt Argenteuil, mit Stinkbomben gegen Obdachlose vorzugehen. Seine Mitarbeiter weigerten sich aber, das übelriechende Gas unter Brücken und in Parks zu versprühen.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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vinod.heinzelmann 12.06.2014
1. Sauerei
Finds eigendlich schon ne Sauerei, wie man hier in München mit Obdachlosen umgeht und selbst mich persönlich (noch Wohnungsbesitzer) stören die Metallsitzplätze an den Bahnhöfen wo jeder Sitzplatz mit Metall Armlehnen abgetrennt ist und man sich aufrecht hineinsetzen muß um keine Rückenschmerzen zu bekommen. Überlege mir schon eine Strafanzeige gegen die Deutsche Bahn zu stellen, da ich immernoch Rückenschmerzen von meiner letzten Bahnfahrt habe, gerade in Zeiten von Bauarbeiten wo regelmässig Züge / Busse ausfallen ist das ein unding und eine schickane gegenüber den Kunden wie auch Obdachlosen.
enivid 12.06.2014
2. Auch auf die Gefahr hin
Sich unbeliebt zu machen. Zumindest in Deutschland muss man nicht obdachlos sein. Der Sozialstaat funktioniert so gut, dass sich jeder eine Wohnung leisten kann. Viele die obdachlos sind, sind es durch Eigenverschulden. Und eine Vielzahl derer sind Alkohol- und Drogenabhängige, die will ich nicht in der Stadt haben, aber auch sonst wo nicht.
koves 12.06.2014
3. Mülleimer gegen Pfandsammler?
was spricht nur dagegen, dass Obdachlose oder andere Menschen Pfandflaschen aus Mülleimern heraussortieren?!? Es ist doch eine gute Sache, erst recht, wenn wiederverwertbare und nicht brennbare Mehrweg-Glasflaschen nicht in die Müllverbrennung wandern!
GrinderFX 12.06.2014
4.
In Deutschland ist es sehr schwer Wohnungslos zu werden und meistens ist das eine freie Entscheidung. Auch gibt es genügend Einrichtungen, die den Betroffenen wieder aus der Situation hinaus hilft. Finanzielle Gründe sind es also nicht. Jeder kann sich seinen Lebensstil selber aussuchen, so frei sind wir ja. Was allerdings nicht in Ordnung ist, ist das Verhalten dieser Personen. Auch wenn viele Mitleid mit den Personen haben, zerstören sie doch fremdes Eigentum. In Berlin werden gerne Bushaltestellen als neues Zuhause eingerichtet und mit Müll vollgestellt, dass sich die Ratten tummeln. Dazu wird gleich daneben oder gar in der Bushaltestelle auf Klo gegangen, sodass man die Bushaltestelle nach der Räumung eigentlich nur noch niederbrennen kann und neubauen muss. Das unterscheidet sich nicht von denjenigen, die dort die Scheibe mutwillig eintreten oder die Sitze zerstören. Das Ergebnis ist das gleiche. Deswegen muss man auch die Anwohner verstehen, die es eben nicht gerne sehen, wenn Lumpenlui mit seinem geklauten Einkaufswagen und seinen stinkenden Alditüten in deren Hauseingang haust und dort ein Schlachtfeld hinterlässt. Wären die Betroffenen Perspektivlos, könnte ich das ja durchaus verstehen, da ihnen aber so viel Hilfe angeboten wird, müssen sie sich auch damit abfinden, wenn man sie eben nicht unter diesen bedingen haben möchte. Vor allem dann nicht, wenn sie anderes Eigentum zerstören oder beschädigen.
bmvjr 12.06.2014
5. Weg ja, aber anders
Auch ich bin fuer die Entfernung von Obdachlosen aus jeglichem Stadtbild - aber anders, als mit Zaeunen, Metallstacheln im Boden oder geteilten Sitzbaenken. Mit derlei Schikanen macht man Obdachlosen das Leben schwer, mehr nicht. Obdachlose duerfte es in einem Land wie Deutschland eigentlich gar nicht geben. Ein Land, dass sich eines unerwartet grossen Ueberschusses in Steuereinnahmen erfreut, duerfte keine Obdachlosen haben. Ein Land, in dem Managergehaelter und Boni in die Millionen pro Kopf (!) gehen, duerfte keine Obdachlosen haben. Ein Land, dass sich fuer fortschrittlich haelt, hochentwickelt ist und eine Fuehrungsrolle in Europa besetzt, durfte keine Obdachlosen haben. So ein Land wird daran gemessen, ob es und wie viele es an Obdachlosen hat und wie es mit dem Problem an sich sowie mit den Obdachlosen selbst umgeht. Da aber sieht unser Land nicht so glaenzend aus. Wir muessen zusehen, dass Menschen unter uns, die Gefahr laufen obdachlos zu werden, gar nicht erst in die Kategorie abrutschen sondern von uns aufgefangen werden. Wir wollen in Europa gross beitragen, Hungernden in der Welt helfen, Fluechtlinge aus Syrien und anderswo beherbergen und koennen nicht verhindern, dass wir selbst an die 300.000 Obdachlose haben? Da stimmt etwas nicht, es muss Abhilfe her und dazu muss jeder nach seinen Moeglichkeiten herangezogen werden. Ich bin bereit, eine meinen bescheidenen, persoenlichen Moeglichkeiten angemessene Summe fuer gezielt diesen Zweck regelmaessig beizutragen. Wuerde jeder Deutsche monatlich mit nur 1 Euro dafuer belastet, kaemen monatlich an die 80 Mio Euro zusammen - und dass ist nicht einmal den unterschiedlichen individuellen Einkommen angeglichen. Davon kann man doch Unterkuenfte mit Verpflegung, Versorgung, Behandlung und Beratung schaffen.
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