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Wirtschaftsmisere in Frankreich: 3,6 Millionen Menschen ohne vernünftige Wohnung

Von , Paris

Obdachlose in Frankreich: Die steigende Not Fotos
AFP

Wirtschaftskrise und Wohnungsnot in Frankreich haben 140.000 Menschen in die Obdachlosigkeit getrieben. Hilfsorganisationen sind überfordert, die Behörden reagieren mit bisweilen bedenklichen Entgleisungen.

Jean-Jacques steht frierend am Seine-Kai "Saint Bernard", unweit vom Pariser Botanischen Garten. Der 52-Jährige, struppiger Bart, kleiner Rucksack und eine Plastiktüte in der Hand, hat einen Schlafplatz an Bord der "Péniche du Coeur" ergattert. Den umgebauten Prahm, propere Kabinen, helle Kantine, saubere Sanitäranlagen, lobt Jean-Jacques als "echtes Fünf-Sterne-Hotel für Obdachlose".

Das Schiff bietet Übernachtungsmöglichkeiten für 70 Männer, erklärt Élodie Crumois, die die schwimmende Herberge verwaltet. "Die Menschen werden uns vom Sozialamt zugewiesen, sie bekommen hier Abendessen und Frühstück", so die freiwillige Helferin, "selbst eine Waschmaschine ist an Bord."

Die Gratis-Unterbringung auf der "Péniche" ist ein Glücksfall - aber nur für eine Handvoll von Hilfsbedürftigen. Denn gerade jetzt, mit dem Einbruch des Winters, ist der Bedarf dramatisch - nicht nur in Paris und den großen Metropolen Frankreichs. Die Wirtschaftskrise hat viele Menschen in die Armut getrieben: "Die Zahl der Obdachlosen ist während der vergangenen zehn Jahre explodiert", klagt das Magazin "L'Express".

Hilfsappell vor 60 Jahren

Neu ist die Wohnungsnot nicht, sie existiert seit mehr als einem halben Jahrhundert. "Meine Freunde, helft. Eine Frau ist heute Nacht um drei Uhr auf dem Bürgersteig des Boulevard Sewastopol erfroren." Mit diesem Appell wandte sich der Ordensgeistliche Henri Grouès am 1. Februar 1954 über Radio Luxemburg an seine Landsleute. Der katholische Priester, in Frankreich bekannt unter seinem Widerstandsnamen Abbé Pierre, bat um Hilfe für Frankreichs Obdachlose.

Der Gründer der "Emmaus-Bruderschaft" sorgte mit seinem dramatischen Aufruf für eine landesweite Welle der Solidarität. Binnen Wochen kamen 400.000 Francs zusammen, der Staat machte Kredite locker, die Regierung versprach den Bau von jährlich 240.000 Wohnungen.

Der historische Hilfeschrei hat das Bewusstsein für das Los der Obdachlosen geschärft, ihre Lage bleibt jedoch weiter besorgniserregend: Zwar ist der Anteil der Menschen, die in Frankreich unter unwürdigen Bedingungen untergebracht sind, innerhalb der vergangenen 60 Jahre von 54 Prozent auf unter zehn Prozent gesunken.

Doch die absoluten Zahlen bleiben auch heute erschreckend: 3,6 Millionen Menschen haben, so der Jahresbericht der Stiftung Abbé-Pierre für die Unterbringung der Sozial Schwachen keine ordentliche Wohnung, sie sind untergebracht in Notunterkünften, leben in Kellergeschossen oder Wohnwagen. Obdachlos, laut Nationaler Statistikbehörde Insee, waren 2012 mehr als 140.000 Menschen, darunter 30.000 Kinder. Seit 2001 stieg die Zahl um 50 Prozent.

Entgleisung in Marseille

Die Behelfsunterkünfte im Großraum Paris sind überfüllt, Hilfsbedürftige, die über den Notruf "115" um eine Unterkunft bitten, werden immer öfter abgewiesen. Die bittere Folge: 2013 kamen 15 obdachlose Kinder um; bis Anfang dieses Monats, meldete das Kollektiv "Tod auf der Straße", starben in diesem Jahr 391 Menschen.

Die Not trifft Familien, arbeitslose Jugendliche, Rentner, aber auch Bürger mit Billigjobs - jene unter den fast zwei Millionen Franzosen, die ihr Leben von weniger als 800 Euro monatlich bestreiten müssen. Karitative Organisationen wie die "Resto du Coeur" erleben einen Ansturm auf Notunterkünfte, bei der Verteilung von Mahlzeiten und Lebensmitteln. In diesem Jahr betreut der Verein eine Million Menschen.

Auch staatliche Stellen bemühen sich um die Linderung der Armut, mit bisweilen merkwürdigen Entgleisungen. So verteilte Marseille an die örtlichen Obdachlosen einen Lichtbildausweis mit Angaben zum Alter, Familienstand und Blutgruppe. Die "Karte der Hilfe", die von den Betroffenen sichtbar getragen werden soll, könnte "im Notfall Leben retten", erklärte Xavier Mery, stellvertretender Bürgermeister der Hafenstadt.

Übersehen hatten die Behörden dabei, dass der rechteckige Ausweis, bedruckt mit einem gelben Dreieck, an den sogenannten Judenstern der Besatzungszeit erinnert - eine Übereinstimmung, auf die die Stadtväter erst durch Bürgerrechtsaktivisten aufmerksam gemacht wurden. "Wir haben nicht an die historische Parallele gedacht", zitiert das Lokalblatt "La Provence" René Giancarli, Direktor der Sozialen Dienste.

Auf den öffentlichen Protest vor dem Rathaus reagierte Giancarli prompt: "Nach einem Treffen mit Medizinern werden wir auf einen Ausweis zurückkommen, der nur Namen und die Blutgruppe zeigt."

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1. +++++++
brux 05.12.2014
Viele Franzosen neiden den Deutschen ihre starke Wirtschaft, vor allem bei den Sozialisten gibt es einen profunden Hass auf die Deutschen, der sich allerdings gerne intellektuell als Kritik an der Marktwirtschaft und der Globalisierung verbrämt. Letztere ist wohl vor allem deshalb so böse, weil die Deutschen mit ihr besser zurecht kommen. Zwei Argumente, warum Frankreich Deutschland doch überlegen ist, werden immer wieder angeführt: 1. Die bessere Demographie (die sich aber leider nur qualitativ zeigt, die vielen jungen Menschen in den Vororten sind wegen ihrer mangelnden Ausbildung und Motivation eher ein Problem); und 2. Die etwas höheren (offiziellen) Armutszahlen in Deutschland. Offenbar ist es aber mit der besseren Wohlstandsverteilung in Frankreich dann doch nicht soweit her. Der Staat geht zwar gerade an seinem exzessiven Wohlfahrtssystem zugrunde, aber offenbar erreichen die üppigen Zahlungen wohl eher die falschen.
2. In Deutschland gibt es ebenfalls Probleme bei der Versorgung obdachloser Menschen
shooop 05.12.2014
Gerade jetzt werden in den Obdachlosenstationen Handschuhe, Mützen, Schals, warme Klamotten, Schuhe und Schlafsäcke, Unterwäsche etc. benötigt. Deswegen, wenn Ihr etwas drüber habt oder den Kleiderschrank aussortiert, fragt bei den örtlichen Anlaufstationen nach, ob die noch Klamotten brauchen. Ich selbst hab gestern erst aussortierte Wintersachen in Berlin in die Jebenstraße in die Ambulanz für Obdachlose gebracht und weiß daher, dass die tatsächlich diese Spenden brauchen. Obdachlose haben keinen Kleiderschrank, in dem sie im Winter die Sommersachen und im Sommer die Wintersachen lagern. Deswegen ist JETZT der Bedarf an diesen Dingen da.
3.
syracusa 05.12.2014
Zitat von bruxViele Franzosen neiden den Deutschen ihre starke Wirtschaft, vor allem bei den Sozialisten gibt es einen profunden Hass auf die Deutschen, der sich allerdings gerne intellektuell als Kritik an der Marktwirtschaft und der Globalisierung verbrämt. Letztere ist wohl vor allem deshalb so böse, weil die Deutschen mit ihr besser zurecht kommen. Zwei Argumente, warum Frankreich Deutschland doch überlegen ist, werden immer wieder angeführt: 1. Die bessere Demographie (die sich aber leider nur qualitativ zeigt, die vielen jungen Menschen in den Vororten sind wegen ihrer mangelnden Ausbildung und Motivation eher ein Problem); und 2. Die etwas höheren (offiziellen) Armutszahlen in Deutschland. Offenbar ist es aber mit der besseren Wohlstandsverteilung in Frankreich dann doch nicht soweit her. Der Staat geht zwar gerade an seinem exzessiven Wohlfahrtssystem zugrunde, aber offenbar erreichen die üppigen Zahlungen wohl eher die falschen.
Wobei die Kritik an der deutschen Wirtschaftspolitik oft überaus berechtigt ist. In der Bretagne gingen in den letzten beiden Jahren über 8000 Arbeitsplätze alleine in Schlacht- und Zerlegebetrieben verloren, weil diese gegen die unfaire deutsche Konkurrenz nicht bestehen konnten. Die Deutschen arbeiten mit rumänischen und bulgarischen Werksvertrag-Arbeitern und unterbieten mit deren Lohndumping jeden Preis. Nachdem so die einstmals starke dänische Fleischindustrie vollständig vernichtet wurde, sind jetzt die Franzosen dran.
4. 800 Euro im Monat
DaLanXiong 05.12.2014
Also mit unter 800 Euro im Monat ist man in Frankreich von Obdachlosigkeit und Kältetod bedroht? Verstehe ich nicht. Ich war auch mal auf Hartz4 und konnte von 725 Euro warm und trocken leben und mich gesund ernähren. Also die Basisbedürfnisse waren abgedeckt. Für Vergnügungen hat das natürlich nicht gereicht. Aber soll es das? Wäre ja unfair gegenüber der arbeiten Bevölkerung.
5. Ihr rede alle am Thema vorbei....
Sal.Paradies 05.12.2014
wie kann man nur auf solch blödsinnige Weise über Französisch / Deutsche Probleme schwadronieren, wärend Menschen in "beiden" Ländern den Winter nicht überleben werden. Es geht einfach nur darum, Menschen, die am unteren Ende der Skala angekommen sind, vor Hunger + Kälte zu schützen !!!! Eure abstrusen Sprechbalsen helfen "niemanden". Hilfeich wäre, wenn Ihr ein paar Euro an eine Euch bekannte Hilfsorganisation überweisen würdet.........
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