Tödliche Gewalt gegen Obdachlose "Menschenverachtende und rechtsextreme Motive"

17 Obdachlose starben 2017 nach brutalen Übergriffen. Rechtsextreme versuchen, das für ihre Stimmungsmache zu instrumentalisieren. Tatsächlich sind Migranten als Täter die große Ausnahme.

Zelt von Obdachlosen in Berlin
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Zelt von Obdachlosen in Berlin

Von Timo Reuter und Benjamin Laufer


Obdachlose werden nicht nur beschimpft, getreten und bespuckt - immer wieder enden Angriffe auf sie tödlich. 2017 sind mindestens 17 wohnungslose Menschen umgebracht worden, zeigen aktuelle Zahlen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW), die dem SPIEGEL vorliegen. Damit starben seit der Wiedervereinigung insgesamt 505 Obdachlose durch gewalttätige Übergriffe.

Besonders die Zahl der Körperverletzungen gegen Menschen, die auf der Straße leben, ist in den vergangenen Jahren angestiegen: Registrierte die BAGW 1997 noch 47 Körperverletzungen, waren es im vergangenen Jahr 141. Die Dunkelziffern dürften jeweils um ein Vielfaches höher liegen, denn gezählt werden nur Medienberichte über solche Attacken.

Eine Statistik des Bundeskriminalamtes, die seit 2014 auch Obdachlose als Opfer erfasst, geht von einer deutlich höheren Zahl an Körperverletzungen aus. Demnach gab es 2014 insgesamt 363 solcher Delikte, 2016 waren es 475 obdachlose Opfer. (Lesen Sie hier die Geschichte eines früheren Obdachlosen, der über solche Angriffe berichtet.)

Besondere Aufmerksamkeit bekamen zuletzt Übergriffe, bei denen die Täter Migranten waren. Etwa der Fall der zum Teil noch minderjährigen Flüchtlinge, die an Weihnachten 2016 in Berlin versuchten, einen - übrigens polnischen - Obdachlosen anzuzünden. Der Mann blieb unverletzt, die Täter wurden teils zu Haftstrafen verurteilt. Nachdem in einem U-Bahnhof in Berlin-Schöneberg ein bislang unbekannter Täter einem 50-jährigen Obdachlosen gegen den Kopf trat, einem anderen mit der Faust ins Gesicht schlug und einen dritten mit einem Messer verletzte, sucht die Polizei nach einem Mann mit "arabischem Aussehen".

BAGW-Geschäftsführerin Werena Rosenke verneint jedoch, dass Gewalt gegen Obdachlose eine Sache nichtdeutscher Täter sei. "Bislang sind Migranten als Täter die große Ausnahme", sagt sie. Bei Übergriffen von Tätern, die selbst nicht wohnungslos sind, handele es sich in der Regel um jüngere Männer, die zum Teil als Gruppe oder aus Gruppen heraus gewalttätig werden. "Bei diesen Übergriffen auf Obdachlose spielen menschenverachtende und rechtsextreme Motive häufig eine zentrale Rolle."

Viele Gewalttaten innerhalb des Obdachlosenmilieus

Die Amadeu-Antonio-Stiftung erfasst die Zahl der Opfer rechter Gewalt. Der Erhebung zufolge wurden seit 1990 mindestens 26 Obdachlose von Rechtsextremisten umgebracht. Es sei davon auszugehen, dass die Dunkelziffer weitaus höher liege, sagt der Sprecher der Stiftung, Robert Lüdecke. "Trotz der besonderen Brutalität und der menschenverachtenden Begründungen bekommen die Mordtaten von Rechtsextremen an Wohnungslosen leider wenig Aufmerksamkeit."

Ungeachtet dessen versuchen Rechte, aus einzelnen Angriffen gegen Obdachlose politisches Kapital für ihre Sache zu schlagen. "'Araber' greift Obdachlose an", heißt es etwa auf einem rechten Internetblog zu den jüngsten Übergriffen in Berlin. Als Beleg, dass dieses "kulturtypische" Delikt kein Einzelfall sei, führt das Portal zudem zwei Taten an, die sich im vergangenen Jahr in Hamburg ereigneten. Beide Male steckten die Täter die Schlafplätze von Obdachlosen in Brand. Zwei Männer verletzten sich dabei gefährlich.

Doch "Deutsche die von Migranten angegriffen werden", wie das Portal behauptet, waren das nicht. Vielmehr handelt es sich bei den betroffenen Obdachlosen um Polen und Rumänen, die Opfer einer ganz anderen Tätergruppe geworden sind, nämlich von Obdachlosen selbst. Ein Großteil der Übergriffe, die die BAGW registrierte, ereignete sich innerhalb des Obdachlosenmilieus. So waren bei 68 von 141 gezählten Körperverletzungsdelikten im Jahr 2017 nicht nur die Opfer, sondern auch die Täter ohne Wohnung. Bei den Tötungsdelikten war das bei 13 von 17 Taten der Fall.

Zahl der Obdachlosen steigt rasant

Im ersten der vom rechten Internetportal angeführten Fälle urteilten die Richter am Hamburger Landgericht im vergangenen September, der obdachlose Brandstifter habe aus Neid auf den geschützten "Premium-Schlafplatz" in einem Parkhaus gehandelt. Wegen versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung soll der 29-Jährige für sechs Jahre in Haft. Der Mann bestreitet die Tat, das Verfahren liegt nun beim Bundesgerichtshof.

Im zweiten Fall räumte der Angeklagte ein, einen brennenden Gegenstand auf sein schlafendes Opfer geworfen zu haben, um ihm eine Lektion zu erteilen. Der Angegriffene sei selbst oft aggressiv und dafür bekannt, andere Obdachlose von ihren Schlafplätzen zu vertreiben. Das Verfahren gegen den 32-Jährigen vor dem Landgericht läuft noch.

Die Hemmschwelle, sich gegenseitig Gewalt anzutun, sei bei Obdachlosen zuletzt merklich gesunken, sagt der Hamburger Straßensozialarbeiter Johan Graßhof. Obdachlose, besonders Zuwanderer aus der EU, würden immer häufiger von den Behörden von ihren Schlafplätzen vertrieben. Das setze sie unter Druck. Außerdem steige die Zahl der Menschen auf der Straße rasant an. So lebten in der Bundesrepublik laut Schätzungen der BAGW zuletzt etwa 52.000 Menschen ohne Dach über dem Kopf - vor zehn Jahren waren es noch rund 20.000.

"Konkurrenz auf der Straße hat es schon immer gegeben, aber sie hat in den letzten Jahren zugenommen", sagt Graßhof. Schon kleine Streitereien wären dann oft Anlass genug für körperliche Auseinandersetzungen: "Das meiste davon bekommt die Öffentlichkeit gar nicht mit."

Mission Mittendrin: Drei Tage obdachlos

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