Obdachlosigkeit Der Mann aus dem Wald

Paul H. war Familienvater, Ehemann, Koch. Dann scheiterte seine Ehe. Er verabschiedete sich von der Welt, ging in den Wald - und blieb. Zwei Jahre lang sprach H. mit niemandem. Nun hat er sich auf den Rückweg gemacht in die Gesellschaft.

Von Gesa Fritz


Bis zum Frühjahr wird das Holz nicht reichen. "Das ganze Unterholz ist weg. Ich habe schon fast alles verbrannt", sagt Paul H. Wenn der Frost bleibt, lassen sich die Tage ohne wärmendes Feuer nicht überstehen. Paul H., 52 Jahre alt, lebt seit mehr als zwei Jahren in einem Zelt in einem Wald bei Wiesbaden, auf sich gestellt und die meiste Zeit ohne Kontakt zur Außenwelt.

Eine Wohnung hat er nicht. Für das Gespräch ist er in die Teestube gekommen, eine Anlaufstelle der Diakonie für Wohnungslose. Paul H. ist ein schlanker Mann, der großen Wert auf sein Äußeres legt. Sein Gesicht ist glatt rasiert, das angegraute Haar kurz geschnitten. Im Wald besitzt er Rasierer, Schere und Spiegel. Seine Füße stecken in weißen Tennissocken, weiß sind auch die Turnschuhe, ist auch das T-Shirt, das er unter der Sweatshirtjacke trägt. "Mir sieht keiner an, wie ich lebe. Ich bin nicht abgesoffen", sagt er.

Drei Stunden lang redet Paul H. fast pausenlos. Er will seine Geschichte loswerden, fast zwei Jahre lang hat er mit niemandem gesprochen. Es ist, als wolle er etwas nachholen.

"Man wird nicht zum Penner geboren", sagt er. Früher, in seinem alten Leben, war er beruflich erfolgreich. Er arbeitete in einem renommierten Wiesbadener Ausflugslokal. "Ich war Chefkoch, habe ausgebildet."

Das Scheitern beginnt, als seine zweite Ehe zerbricht. Paul H. erzählt von einer Frau im Kaufrausch, die Rechnungen nicht bezahlt. Von einer Räumungsklage, dem drohenden Verlust der gemeinsamen Wohnung. Von langen Arbeitstagen und zwei Nebenjobs, mit deren Hilfe er die Wohnung zunächst halten und Schulden bezahlen kann.

Seiner Frau hinterlässt er einen Zettel: "Ich bin weg"

Die Belege seines bisherigen Lebens bewahrt er in einer gelben Mappe auf. Er verteilt die Papiere auf dem Tisch, sucht zuerst einen Lebenslauf heraus, dann noch einen Brief der Krankenkasse und ein Schreiben des Sozialamts. Papiere, die sein Leben im Wald dokumentieren. Er fühlt sich verpflichtet, seine Geschichte zu belegen. Paul H. will ernstgenommen werden.

Er berichtet von weiteren Schulden seiner Frau, einer zweiten Räumungsklage. "Als sie mich dann noch mit einem Jugendfreund betrogen hat, hat es mir den Boden unter den Füßen weggerissen." Er schmeißt alles hin, packt seine Campingausrüstung und geht. Seiner Frau hinterlässt er die Möbel, Bücher, Klamotten - und einen Zettel. "Ich bin weg" steht darauf.

"Ich wollte niemanden mehr sehen", sagt Paul H. "Dieser Frau wünsche ich eine Glatze."

Immer wieder ziehen sich Obdachlose aus Städten in Wälder zurück. "Ursache sind meist psychische Erkrankungen", sagt Matthias Röhrig, Leiter der Teestube. Die Menschen brechen den Kontakt zu der Gesellschaft ab, mit der sie nicht zurechtkommen. In Wiesbaden gibt es wohl eine Handvoll Obdachlose, die in Wäldern leben. Offizielle Zahlen für ganz Deutschland gibt es nicht.

"Paul H. war depressiv", glaubt Röhrig.

"Ich habe mit meinem Verhalten der Norm nicht entsprochen", sagt Paul H.

Paul H. sucht sich einen Platz in der Nähe eines Friedhofs, dort hat er Zugang zu Wasser. Er geht planvoll vor, schafft sich feste Strukturen, einen geregelten Tagesablauf. Mit einem Fünf-Liter-Kanister holt er sich jeden Morgen frisches Wasser und erhitzt es in einem Kessel über dem Lagerfeuer.

Im Wald schrubbt er Wäsche und trocknet sie an Kleiderbügeln

Paul H. investiert viel Zeit, um den Schein zu wahren. Er ist bekannt in der Stadt, niemand soll sein Scheitern erahnen. Er erzählt, wie er im Wald seine Wäsche schrubbt, sie an Kleiderbügeln trocknet. "Nass aufgehängt, unten mit Gewichten beschwert, wird sogar mein lachsfarbenes Hemd glatt."

Er hat sich eingerichtet. Ein weißer Plastikstuhl stammt vom Sperrmüll. Bücher findet er in den öffentlichen Bücherschränken. Nachmittags liest er manchmal auf seinem Stuhl vor dem Zelt im Wald. Er hört im Radio die Nachrichten von der Welt, die so recht nicht mehr seine ist.

Und er denkt viel nach.

Geld verdient er mit dem Sammeln von Leergut, vier bis fünf Euro. Das reichte für das Leben im Wald. Er hat eine feste Tour, jeden Tag zehn Kilometer. Manchmal klingt es fast romantisch, wenn der 52-Jährige erzählt. "Nein", sagt er. "Das ist furchtbar. Du weinst zwar nicht. Aber es ist schrecklich einsam. Du vergisst, wie es ist, gemocht zu werden."

Paul H. wuchs als eines von sechs Kindern auf. Der Vater war Alkoholiker, wurde im Suff gewalttätig gegen die Mutter. "So wollte ich nie werden", sagt er. Er betrinkt sich nicht, niemals. Seinen Unterschlupf zeigt er niemandem: aus Scham. Nur zweimal hatte er dort Besuch von Menschen.

Sie zerstörten die Bilder seiner Töchter

Beim ersten Mal sind es Jugendliche. Als sie auf sein Heim stoßen, ist er Leergut sammeln. Bei seiner Rückkehr sind die Zeltstangen zerbrochen, die Schuhe durch die Gegend geworfen. Seine Papiere, der Sozialversicherungsausweis und vor allem die Bilder der beiden Töchter aus erster Ehe - alles ist zerstört.

"Wenn du so lebst, bist du nichts wert", sagt Paul H. Er sucht sich einen neuen Platz. Noch tiefer im Wald, noch entlegener.

Beim zweiten Mal stehen plötzlich Polizisten vor seiner Behausung. In der Nähe ist in ein Gartenhäuschen eingebrochen worden. Der 52-Jährige kann den Verdacht ausräumen, die Beamten werden trotzdem aktiv.

Sie fahren mit dem Obdachlosen zum Sozialamt. Sie reden für ihn mit den Sachbearbeitern, stehen neben ihm, bis alle Formulare ausgefüllt sind. Das war im Juli, seitdem bekommt er Hartz IV, 382 Euro im Monat. Dann fahren die Beamten ihn zur Obdachlosen-Einrichtung, wo der 52-Jährige auf Matthias Röhrig trifft.

Am Tag kocht er in einem Lokal, am Abend schläft er im Wald

"Der Besuch der Polizei - das hat mir den entscheidenden Schubser gegeben", sagt Paul H. Röhrig glaubt: "Die Polizei kam für Herrn H. genau zur richtigen Zeit. Er war mit sich so weit im Reinen."

Paul H. lebt zwar noch immer im Wald, doch seit Juli hat er sich auf den Rückweg in die Gesellschaft gemacht. "Ich will so nicht mehr leben", sagt er.

Er nimmt an einem Hauswirtschaftsprojekt der Diakonie teil, das Obdachlose wieder an Arbeit und feste Strukturen heranführen soll. Anfangs muss er nach kurzer Zeit wieder zurück in den Wald. "Ich hatte fast zwei Jahre mit niemandem geredet - da bricht zu viel über einen herein", sagt er. Aber er geht zum Arbeitsamt, lernt den Umgang mit dem Computer, setzt sich mit seiner Krankenkasse in Verbindung. Inzwischen steht er ganz oben auf der Warteliste für einen Platz in einer Wohngruppe. Als Übergang zu einer eigenen Wohnung.

Paul H. glaubt, dass es nur eine Frage von wenigen Wochen ist, bis er den Wald verlassen kann. Bald hat er seinen ersten Arbeitstag als Koch in einem Restaurant. Er hat eine Anzeige in der Zeitung gelesen, sich vorgestellt und den Job bekommen. Tagsüber wird er in der Küche stehen, abends zurück in den Wald gehen. Vorerst.

Wenn er seine eigene Wohnung hat, ist dann alles wieder gut? "Nein", sagt er entschieden. "Es wird wohl noch ein bis zwei Jahre dauern, bis ich wieder richtig in der Gesellschaft angekommen bin. Je länger man außerhalb lebt, desto schwieriger ist der Rückweg."

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