Geschichte eines Straßenjungen "Obdachlose sind eine Zielscheibe"

Als Minderjähriger flog Dominik Bloh zu Hause raus und lebte jahrelang immer wieder auf der Straße. Dann kam die Flüchtlingskrise und änderte sein Leben. Hier erzählt er seine Geschichte.

Dominik Bloh
Axel Martens/ Ankerherz/ Agentur Focus

Dominik Bloh

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Dominik Bloh will sich gerade setzen, er hat den Stuhl schon zurechtgerückt und soll Fragen zu seinem Buch beantworten. Da entdeckt er in dem Café ein bekanntes Gesicht und verschwindet. Er setzt sich an den Nebentisch zu einem jungen Mann, der gerade ein paar Beats mischt. Bloh greift zum Kopfhörer und rappt los. "Auf der Straße geht viel verloren, aber Hip-Hop hat mich schon immer begleitet und ist auch heute noch da", sagt er später entschuldigend.

Dominik Bloh ist 29 Jahre alt und war in den vergangenen Jahren immer wieder obdachlos. Seit April 2016 hat er eine kleine Einzimmerwohnung, er arbeitet in einer Schule und hat ein Buch geschrieben. In "Unter Palmen aus Stahl" erzählt Bloh, wie er mit 16 Jahren obdachlos wurde, vom Überleben auf der Straße, von Wegbegleitern, die ihm halfen - und welchen, die ihn fallen ließen. Poetisch, ehrlich und hart arbeitet er auf, was ihm passiert ist.

Blohs Kindheit und Jugend waren geprägt von Gewalt, so erzählt er es. Der Stiefvater schlug oft zu, nahm den Jungen mit zu seinen Frauenbekanntschaften und drohte mit noch mehr Schlägen, sollte die Mutter von den Affären erfahren. Die Mutter wiederum war überfordert, litt unter anderem an Depressionen. Nur die Großeltern waren für Bloh und seinen jüngeren Bruder da - sie versuchten den Enkeln eine normale Kindheit zu ermöglichen. Dann zog die Familie nach Norddeutschland, die Großeltern blieben in Baden-Württemberg zurück. Die glückliche Parallelwelt bei Oma und Opa existierte nicht mehr, für Bloh blieben vor allem Verbote, Strafen und die Gewalt.

Mit 16 auf der Straße

Als Teenager in Hamburg eckte er dann oft an und wollte eigentlich immer nur eins: kein Außenseiter mehr sein. Um seinen Schulfreunden zu imponieren, wurde er zum Kleinkriminellen. Schlägereien, Einbrüche, Dealen. "Ich wollte dazugehören und habe versucht, den falschen Leuten zu gefallen", sagt er heute. Irgendwann eskalierte die Situation zu Hause. Die psychisch kranke Mutter setzte den damals 16-Jährigen eines Abends vor die Tür und machte sie danach nie wieder für ihren Sohn auf.

Von einem Tag auf den anderen war er obdachlos. Doch Bloh ging weiter zur Schule, machte später sogar Abitur. Seine Lehrer hätten nie bemerkt, dass sie einen Minderjährigen unterrichteten, der aus zwei Koffern lebte und nachts im Park schlafe, so Bloh. Ab und zu bekam er bei Freunden etwas zu essen, seltener durfte er auch dort übernachten. Von seiner Situation habe er den Freunden aber nichts erzählt. Aus Scham, wie er sagt. Beim Jugendamt habe er vergeblich Hilfe gesucht.

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Dominik Bloh:
Unter Palmen aus Stahl

Die Geschichte eines Straßenjungen

Ankerherz Verlag; 230 Seiten; 20 Euro

"Die konnten mir lange nicht helfen. Ich war fast volljährig und es war wohl einfach nicht klar, wer für einen Fall wie mich zuständig ist. Ich verstehe das auch heute noch nicht", sagt er. Während Bloh erzählt, spielt er mit einer selbst gedrehten Zigarette. Bis zum Ende des Gesprächs wird er sie immer wieder von einer Hand zur anderen und zurück auf den Tisch legen.

Irgendwann brachte man den Schüler in einer betreuten WG unter. Doch als er 18 Jahre alt wurde, konnte er auch dort nicht bleiben. Seine Betreuer suchten ihm eine Wohnung, setzten ihn und seine Habseligkeiten vor der Haustür ab - und wieder war er auf sich gestellt. "Die Wohnung war eine Baustelle. Ich verstehe nicht, warum kein Betreuer mal mit reingegangen ist", sagt Bloh. Schon nach kurzer Zeit landete er wieder auf der Straße.

Bücher und Flüchtlingskrise

Es dauerte etwa elf Jahre, bis Bloh wieder in die Spur fand. Davor machte er viel durch: gescheitertes WG-Leben, Schuldenberg, Alkoholexzesse, Jobben auf dem Kiez, Stundenhotels und schließlich zwei Jahre "so richtig Platte machen", wie Bloh sagt. Aus den zwei Koffern, die er in seiner ersten Nacht auf der Straße bei sich hatte, wurde im Laufe der Jahre eine Sporttasche. Darin verstaute er seinen ganzen Besitz. Ein paar Klamotten, Nahrung, Papier und Stift - denn schon immer hat er seine Gedanken aufgeschrieben. Einige Notizen hat er noch heute. Irgendwann begann Bloh dann zu lesen.

"Wenn man hinschaut, findet man überall in der Stadt Bücher. Es gibt in manchen Bussen ein Tauschregal, oft liegen sie aber auch auf der Straße", sagt er. Bloh fand in den vergangenen Jahren als Obdachloser zu sich selbst. "Mir wurde irgendwann klar, wer ich bin. Ich habe verstanden, dass ich nichts mehr machen muss, was ich eigentlich nicht will, nur um anderen zu gefallen."

Die Flüchtlingskrise im Herbst 2015 ging auch an Bloh nicht spurlos vorbei. "Ich sah diese Menschen, die nichts mehr hatten und nicht wussten, wohin sie gehen sollten, und fühlte mich mit ihnen verbunden," sagt er. Bloh tat dann das, was viele andere Hamburger auch taten. Er half. Ging in die Messehallen, in denen Kleider- und Sachspenden von freiwilligen Helfern sortiert und verteilt wurden und engagierte sich, bis auch ihm geholfen wurde. Erst bekam er einen Schlafplatz, später vermittelte man ihm eine Wohnung. Heute arbeitet er an einer Schule mit schwererziehbaren Jugendlichen. "Die Schüler vertrauen mir und sie respektieren mich, auch wegen meiner Geschichte", so Bloh.

Aus der Kleiderkammer in den Hamburger Messehallen ist der Verein "Hanseatic Help" entstanden. Noch heute engagiert sich Bloh dort. Sein Ziel für 2018 ist ein Duschwagen für Obdachlose in Hamburg. Denn Hygiene ist ein großes Thema auf der Straße.

"Ich habe Blut und Zähne auf der Straße verloren"

Er habe als Obdachloser sehr darunter gelitten, dass er sich und seine Klamotten nicht regelmäßig waschen konnte, sagt Bloh. Er habe andere Menschen nicht mit seinem Geruch belästigen wollen. "Das Gefühl sauber zu sein, hat auch viel mit Würde zu tun." Würde sei ohnehin etwas, das auf der Straße schnell verloren gehen kann.

"Ich habe Blut und Zähne auf der Straße verloren", sagt Bloh. Immer wieder sei er Zeuge von Gewalt geworden, teilweise von anderen Obdachlosen, oft auch von Passanten. Er selbst sei mehrere Male grundlos angegriffen worden. Ernsthafte Verletzungen hat er dabei nie davongetragen. In seinem Buch schreibt er: "Obdachlose sind eine Zielscheibe." Für die Täter seien sie keine Menschen mehr.

Betrunken auf dem Weg vom Klub nach Hause würden junge Männer beispielweise ihre Wut abreagieren wollen oder würden versuchen, sich zu beweisen. "Habseligkeit anzünden, auf schlafende Obdachlose pissen oder einfach zutreten" sei Alltag und kaum ein Opfer wehre sich.

Die Straße bleibt im Kopf

Heute, in seiner eigenen Wohnung, greift ihn niemand mehr an und dennoch schlafe er in manchen Nächten noch in der gewohnten Schutzposition: zusammengekauert, die Kapuze bis ins Gesicht gezogen und die Hände um den Kopf gelegt.

"Die Straße bleibt im Kopf", sagt er. Mit seinem Buch will Bloh auf die Not Obdachloser aufmerksam machen. Das Winternotprogramm in Hamburg sei nicht mehr als ein Erfrierungsschutz und müsse verbessert werden. "Manchmal hilft es auch, wenn ihr Obdachlose wie Menschen behandelt", sagt Bloh. "Nehmt euch einen Moment Zeit und sprecht mit ihnen. Das kann der schönste Moment des Tages auf der Straße sein."

Der 29-Jährige ist dankbar für seine jetzige Situation, angekommen ist er allerdings noch nicht. Lebensmittel lagert er noch auf dem Balkon, Geschirr hat er nicht, sein Besitz passt nach wie vor in die kleine Sporttasche. Und immer wieder kehrt er auch selbst zurück auf die Straße - für ein paar Stunden oder Nächte.

"Es gibt eine Sache auf der Straße, die gut ist: Bevor man einschläft, sieht man den Mond und die Sterne, schaut seinem eigenen Atem hinterher. Man erkennt das ganze Weite und Große und alles andere kommt einem nicht mehr so bedeutend vor", sagt Bloh. Zuletzt habe er im September kurz vor der Abgabe seines Buches draußen geschlafen. In seiner Wohnung lasse er dann allerdings immer jemand anderen übernachten.

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insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
zynik 22.01.2018
1. Respekt an Dominik.
Trotz der Jahre auf der Straße hat er sich etwas bewahren können, was vielen Menschen mittlerweile verloren gegangen ist: Empathie. Viel Erfolg mit dem Buch.
berghamburg 22.01.2018
2. Hier kann man helfen
Das Hamburger Spendenparlament unterstütz Einrichtungen, die sich um Obdachlosigkeit, Armut und Isolation in Hamburg kümmern. Alle Mitarbeiter sind ehrenamtlich tätig - kein Cent verschwindet in der Bürokratie, alles geht an die Einrichtungen. Spenden und Mitglieder sind willkommen und helfen, etwas gegen diese Schicksale zu unternehmen. Mehr unter www.spendenparlament.de
Tadeuz2 22.01.2018
3. Beeindruckend
Habe ihn neulich im Fernsehen gesehen und es war beeindruckend, wie fesselnd und authentisch er vom Leben auf der Straße berichtet hat.
mwroer 22.01.2018
4.
Zitat von zynikTrotz der Jahre auf der Straße hat er sich etwas bewahren können, was vielen Menschen mittlerweile verloren gegangen ist: Empathie. Viel Erfolg mit dem Buch.
Nicht trotz sondern genau dadurch. Ohne Hilfe geht man unter und die kriegt man nur wenn man selber hilft.
mirage122 22.01.2018
5. Toll!
Ein wirklich interessanter Typ, der sich nicht unterbuttern ließ. Immer kämpfen und an sich selbst arbeiten ... Ganz viel Erfolg für sein Buch und seine Projekte.
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