Obdachlosigkeit in Deutschland "Wir haben ein Riesenproblem"

Hunderttausende Menschen haben in Deutschland keine Wohnung, viele leben auf der Straße - Tendenz steigend. Woran liegt das?

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Kein eigenes Bett, keine Küche, keine Toilette: Obdachlose in Deutschland müssen auf das verzichten, was für andere Menschen selbstverständlich ist. Die Not der Betroffenen ist riesig, verbirgt sich jedoch meist in Parks, unter Brücken oder hinter Gebüsch. Es ist ein Schatten-Dasein - in jeder Hinsicht.

Wie viele Menschen in Deutschland keine Wohnung haben und woher sie kommen, erfasst keine offizielle Statistik. Es gibt nur Schätzungen, etwa aufgrund von Erfahrungen in Hilfeeinrichtungen. Danach hat sich das Problem in den vergangenen Jahren drastisch verschärft und wird künftig noch viel größere Ausmaße annehmen. Eine Annäherung.

DIE ZAHLEN

52.000 Menschen waren im vergangenen Jahr obdachlos, schätzt die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW). Sie übernachteten regelmäßig im Freien. Im Vergleich zum Jahr 2014 ist das ein deutlicher Anstieg. Damals gab es 39.000 Betroffene.

Nach Schätzungen der BAGW stammt in Deutschlands Großstädten rund die Hälfte der Obdachlosen aus Osteuropa. Viele Städte würden sich vor der Verantwortung drücken und auch im Winter keine Notquartiere anbieten, sagt Rosenke. Aber selbst wenn es solche Angebote gebe, müssten die Menschen im Frühjahr wieder auf die Straße. "Sie verwahrlosen und verelenden dort. Das ist unmoralisch."

Noch drastischer sind die Zahlen, wenn man auch Wohnungsnot berücksichtigt: Die BAG unterscheidet Obdachlose, die auf der Straße leben, und Wohnungslose, die sich akut mit Notlösungen behelfen. Sie schlafen bei Freunden oder Bekannten, finden immer wieder irgendwo anders Unterschlupf, auch in staatlich finanzierten Wohnheimen.

Zählt man diese Wohnungslosen dazu, kommt die BAGW insgesamt auf rund 440.000 Betroffene, 73 Prozent davon Männer. Unter akuter Wohnungsnot leiden aber auch Kinder und Jugendliche - rund 32.000.

Zwölf Prozent der Wohnungslosen stammen den Angaben zufolge aus anderen Ländern der Europäischen Union, vor allem aus Osteuropa. In ihrer jüngsten Schätzung berücksichtigt die BAGW zusätzlich anerkannte, wohnungslose Flüchtlinge. Addiert man diese Menschen zu den übrigen Wohnungslosen hinzu, kommt die BAGW insgesamt auf 860.000 Betroffene.

"Unsere Schätzung basiert auf diversen statistischen Quellen und qualitativen Einschätzungen und auch auf den Erfahrungen in unseren Anlaufstellen", sagt die Sprecherin der BAG W, Werena Rosenke. Die Tendenz sei jedoch eindeutig: "Die Wohnungsnot wird immer schlimmer. Wir haben hier ein Riesenproblem."

NDR-Reportage"Die Gestrandeten" über Obdachlose in Bremen

DIE URSACHEN

Manchmal sind es individuelle Probleme, die zum Verlust der Wohnung führen: Scheidung, Jobverlust, Überschuldung. Ausschlaggebend sind jedoch allgemeine, strukturelle Ursachen: "Das Hauptproblem ist: Es fehlt bezahlbarer Wohnraum", sagt Werena Rosenke, Sprecherin der BAGW.

Der Bestand an Sozialwohnungen sei in den vergangenen Jahren deutlich geschrumpft, staatlich geförderte Wohnungen habe der Staat an private Investoren verkauft, gleichzeitig hätten sich Mietpreise auf dem freien Markt rasant nach oben entwickelt. Wohnungen sind damit für viele Menschen schlicht zu teuer. Rosenke kritisiert eine "vollständig verfehlte Wohnungspolitik" in der Vergangenheit, die sich nun nicht kurzfristig korrigieren lasse.

Die Zahl der Arbeitslosen sei zwar vergleichsweise niedrig, sagte Rosenke, verweist aber auf die große Gruppe der "Working poor": Menschen, die arbeiten, aber so wenig verdienen, dass sie kaum ihren Lebensunterhalt bestreiten können, geschweige denn teure Mieten bezahlen.

Zudem kämen viele Menschen aus Osteuropa nach Deutschland, um hier Arbeit zu finden - manchmal ohne Erfolg, oder das Geld reiche trotz Job nicht für eine Wohnung. Zudem suchen vermehrt Flüchtlinge preiswerten Wohnraum.

Einige Städte haben zwar umfangreiche Wohnungsbauprogramme gestartet, aber insgesamt ist die Zahl der Baugenehmigungen für Wohnungen in Deutschland 2017 im Vergleich zum Vorjahr um 7,3 Prozent gesunken, wie das Statistische Bundesamt gerade mitgeteilt hat. Die Genehmigung von Wohnungen in Wohnheimen, zu denen auch Flüchtlingsunterkünfte zählen, sank um 43,6 Prozent.

Die Folge: Vor allem in Ballungsgebieten herrscht ein gnadenloser Konkurrenzkampf auf dem Wohnungsmarkt. "Da hat es die typische Mittelschichtfamilie schon schwer, eine Wohnung zu finden", sagt Rosenke. "Einerseits bekommt das Thema Wohnungsnot damit deutlich mehr Öffentlichkeit, andererseits haben Menschen, die arm oder arbeitslos sind, gegen solche Mitbewerber fast gar keine Chance mehr."

DAS BEISPIEL BERLIN

"Es gibt hier inzwischen einen dramatischen Mangel an bezahlbaren Wohnungen", sagt Regina Kneiding, Sprecherin der Berliner Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales. Gleichzeitig würden die sozialen Probleme größer, viele Menschen könnten trotz Arbeit wegen prekärer Beschäftigungsverhältnissen kaum ihren Lebensunterhalt bestreiten. "Aufstocker" und Hartz-IV-Empfänger hätten es besonders schwer.

Denn: Der Staat übernimmt Mietkosten nur bis zu einer bestimmten Höhe. Erhöht sich die Miete, muss der Mieter eine preiswertere Wohnung suchen oder die Differenz von seinem ohnehin knappen Budget selbst zahlen. "Viele Menschen verschulden sich deshalb und können ihre Miete irgendwann nicht mehr zahlen", sagt Kneiding. "Sie müssen ausziehen und finden dann oft keine neue, preiswertere Wohnung." Berlin werde den Mietkostenzuschuss deshalb im kommenden Jahr erhöhen.

Wer seine Wohnung dennoch nicht behalten kann, müsste eigentlich nicht auf der Straße leben. Menschen hätten einen gesetzlichen Anspruch auf Unterbringung, sagt Kneiding, etwa in einem staatlich finanzierten Wohnheim. Aber die Plätze sind begrenzt - und nicht jeder möchte dorthin.

Dass in Deutschland so viele Osteuropäer auf der Straße leben, liegt an den EU-Regeln zur Arbeitnehmerfreizügigkeit. Sie besagen: Unionsbürger dürfen zwar in Deutschland leben und arbeiten, haben aber nur unter bestimmten Bedingungen - in der Regel, wenn sie länger sozialversicherungspflichtig beschäftigt waren - Anspruch auf staatliche Unterstützung. So will man Armutszuwanderung verhindern.

Berlin allerdings macht zumindest im Winter keine Unterschiede, wenn es darum geht, Obdachlose vor dem Erfrieren zu retten. Die "Kältehilfe" biete 1100 Schlafplätze, "und da wird nicht gefragt, wo jemand herkommt", sagt Kneiding.

DAS BEISPIEL HAMBURG

Auch in Hamburg soll das "Winternot-Programm" obdachlosen Menschen mit Schlafplätzen, Duschen, Schließfächern helfen - und einer Sozialberatung. Das Ziel: weg von der Straße, wie der Sprecher der Senatsverwaltung für Arbeit, Soziales und Integration Marcel Schweitzer sagt.

"Das Programm richtet sich an Menschen, die sich nicht selbst helfen können. Wer eine eigene Wohnung hat, etwa in seinem Heimatland, wird zur Rückreise aufgefordert - das Ticket zahlt die Stadt", sagt Schweitzer. Im vergangenen Winter habe man vor Ort sowie in speziellen Beratungsstellen für Unionsbürger mehr als 3000 Menschen beraten und schließlich für 521 Menschen eine staatlich finanzierte Rückreise organisiert.

Diese Praxis finden Obdachlosen-Organisationen in der Stadt empörend: "Nur weil Menschen eine Adresse in ihrem Pass haben, bedeutet das nicht, dass sie dort noch eine Wohnung haben. Viele leben seit Jahren in Deutschland und haben nichts, zu dem sie in ihrer Heimat zurückkehren könnten", sagt Uwe Martiny, Leiter der TAS, einer Tagesaufenthaltsstätte für Obdachlose in Hamburg. Er findet: "Es kann nicht sein, dass in Europa Freizügigkeit gilt und wir gerne von billigen Arbeitskräften aus Polen, Rumänien oder Bulgarien profitieren, aber alle anderen - und das ist nur ein kleiner Teil - wollen wir hier nicht haben."


Zusammengefasst: In Deutschland gibt es laut Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe mehr als 50.000 Obdachlose. Zählt man zu dieser Gruppe Wohnungslose sowie anerkannte Flüchtlinge ohne Wohnung hinzu, sind hierzulande rund 860.000 Menschen von dem Problem betroffen. Aufgrund steigender Mieten und akuten Wohnungsmangels wird befürchtet, dass sich die Situation weiter verschärfen könnte. Hilfsangebote im Winter, etwa in Berlin oder Hamburg, bringen nur kurzzeitig ein wenig Entlastung.



insgesamt 32 Beiträge
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hakim 21.12.2017
1. Erhellende Begegnungen...
Ausnahmslos alle verwahrlosten Obdachlosen, denen ich auf der Straße begegnet bin sind friedfertige, oft feinsinnige und interessante Menschen - ganz im Gegensatz zu vielen besonders erfolgreichen Menschen in unserer Gesellschaft, die oft in furchtbaren Rollen gefangen sind. Macht Euch mal bewusst auf, diesen Menschen zu persönlich zu begegnen. Ich meine beiden, dem Obdachlosen UND dem Obdachlosen! Wir müssen uns auf den Weg machen, eine Gemeinschaft zu schaffen, in der es BEIDEN besser geht. Die Weihnachtszeit ist dafür genau die richtige Zeit.
postatspiegel 21.12.2017
2. Jeden Tag eine Meldung
über zu hohe Mieten, Obdachlosigkeit, Altersarmut, Schere zwischen Arm und Reich. Und was passiert? Nichts. Gar nichts. Und wenn die SPD höhere Abgaben für die Superverdiener fordert, wird sie von der CDU/CSU als naive Träumer abgewatscht, die erst mal erwachsen werden sollen. Andererseits gewinnen spalterische Randparteien an Einfluss, die weder die Expertise noch die Erfahrung haben, um wirklich erfolgreich Politik machen zu können. Mann, das ist wirklich ernüchternd.
111ich111 21.12.2017
3. Thementag Obachlosigkeit
Es wäre schon, wenn auch in einem emotionalen Thema etwas mehr Sachlichkeit einkehren würde. Obdachlosigkeit und Wohnungslosigkeit sind nämlich zwei verschiedene Dinge. Deswegen sind auch Aussagen, die sich auf fehlende Wohnungen, bezahlbarer Wohnraum, hohes Mietniveau etc. total Fehl am Platz, wenn es um _Obdachlosigkeit_ geht. Obdachlosigkeit (gar keine Unterkunftsmöglichkeit) ist rechtlich ein (für den Staat) ordnungswidriger Zustand und ist umgehend zu beseitigen. Dies geschieht in der Regel durch Zuweisung einer Notunterkunft oder einer Gemeinschaftsunterkunft bis hin zur kurzfristigen Unterbringung in einem Beherbergungsbetrieb. Kein Mensch in Deutschland _muss_ unter einer Brücke schlafen. Zumindest die "Grundversorgung" wird durch die Behörden sicher gestellt. Ob diese Grundversorgung jetzt angemessen oder immer "menschenwürdig" ist, sei mal dahin gestellt (was auch manchmal der Grund ist, warum einige Betroffene die Brücke der Notunterkunft vorziehen). Die Wohnungslosigkeit (kein selbständiges Mietverhältnis) ist aber ein ganz anderes Thema und muss von der Obdachlosigkeit getrennt gesehen werden. Auch wenn sich die Ursachen dafür teilweise überschneiden.
karljosef 21.12.2017
4. In einem Land, in dem wir GUT und gerne leben,
so blökte doch jemand im Wahlkampf, wir erinnern uns doch an diesen hohlen Spruch, werden immer mehr - überschuldet und hieraus resultierend - wohnungslos. Wie gut ist es doch, dass die billigen Wohnungen, die im öffentlichen Eigentum waren, großenteils verkauft wurden. Da können höchstens die Renditejäger ein schlechtes Gewissen bekommen, oder? Als Schüler, es muss also sehr lange her sein, suchte ich auf einer längeren Fahrradtour eine billige Bleibe für eine Nacht, die Jugendherberge war voll. Auf diese Weise landete ich in Aachen in einem Heim für Obdachlose und konnte mich mit deinem der Betroffenen unterhalten, mit dem ich in einem Zimmer war. Er war Facharbeiter, geschieden und von seiner Ex finanziell ausgenommen worden, weshalb der zuerst die Wohnung, dann die Arbeitsstelle verloren hatte. Falls ich vorher Vorurteile gegen Obdachlose gehabt hätte, sie wären hier korrigiert worden.
ebmarzt 21.12.2017
5. Europas grösstes Problem.
Danke für den Artikel. Die Wohnungsnot ist ein gigantisches Problem nicht nur Deutschlands sondern ganz Europas. Ich kenne Ärzte in Madrid und Neapel , die sich die Miete nicht mehr leisten können, IT Spezialisten in Stockholm und München, die nie eine Wohnung gefunden haben und Ihre Jobs kündigen mussten und unzählige Familien mittlerer Einkommensschichten in Hamburg und Berlin, die Ihre luxussanierten Objekte verlassen müssen. Jede noch so mittelmäßig attraktive und prosperierende Kleinstadt schließt sich diesem Trend an. Es gibt leider eine einfache Wahrheit: Airbnb und Niedrigzinsen sind nur Nebenschauplätze des Geschehens. Das Problem ist eine vollkommen außer Kontrolle geratene Kombination aus Spekulationsgier von Investoren und Privatleuten sowie befeuerndem Maklertum. Es kann doch nicht der Wunsch der Städte sein, daß nur diese Bevölkerungsgruppen zu den Gewinnern zählen und der Rest vor einem Scherbenhaufen steht. Ich bin ein grosser Freund des freien Handels, auf den Immobilienmärkten und Mietmärkten Europas hat dieser allerdings so verheerende Auswirkungen, dass er letztendlich vollständig gestoppt und preislich reguliert werden muss.
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