Kampf gegen Obdachlosigkeit Erst mal eine Wohnung

Hilfe für Obdachlose beginnt mit einer Wohnung: Was banal klingt, ist in Deutschland kaum verbreitet. Ein Blick nach Portugal zeigt, wie gut das Konzept Housing First funktionieren kann.

AFP

Von Timo Reuter


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Eine Küchenzeile, eine graue Couch, davor ein kleiner Fernseher, eine Nasszelle und das Bett - Marcos neues Zuhause ist bescheiden. "Aber es ist meins", sagt der 44-Jährige. Viele Jahre bestimmten Alkoholtherapien und der Aufenthalt in Notunterkünften für Obdachlose sein Leben. "Doch da wird viel gestohlen", sagt Marco. Zuletzt schlief der Portugiese monatelang in einer Metrostation im Nordosten der Hauptstadt Lissabon. Um sich zu betäuben, trank er.

Heute sitzt er stolz in seiner kleinen Wohnung. Statt sich zu betrinken besucht er Treffen der Anonymen Alkoholiker und macht eine Fortbildung zum Gesundheitsassistenten. Marco lächelt, wenn er davon erzählt. Endlich kann er sein Leben in Ruhe selbst organisieren.

Marco mit seinem Wohnungsschlüssel
Timo Reuter

Marco mit seinem Wohnungsschlüssel

Zu verdanken hat er das dem Sozialverein Crescer. Américo Nave gründete Crescer im Jahr 2001. Der Psychologe sagt: "Wohnungslose brauchen zuallererst eine Wohnung. Das gibt ihnen Sicherheit und ihre Würde zurück."

Was banal klingt, erweist sich in der Praxis als geradezu revolutionär. Ob in Portugal oder Deutschland, für Wohnungslose führt der Weg zur eigenen Wohnung meist über Massenunterkünfte und Übergangsheime. Dort sollen sie beweisen, dass sie fähig sind, in einer eigenen Bleibe zu leben.

"Doch dabei vergehen oft Jahre und Menschen sterben, bevor sie eine Wohnung kriegen", kritisiert Nave. Der 47-Jährige drehte das Prinzip um: Obdachlose sollen zuerst eine Wohnung bekommen - ohne Wenn und Aber. Erst dann folgen weitere Hilfen wie Suchtberatungen. "Housing First" heißt die Idee, die Anfang der Neunzigerjahre in New York bekannt wurde und erstaunliche Erfolge hat. Seit 2013 vermittelte Crescer mit Unterstützung der Stadt bereits 45 ehemals Obdachlosen eine Wohnung, 40 von ihnen leben noch dort.

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Hilfe für Obdachlose: Weg von der Straße

Mehrere Studien etwa aus Kanada bestätigen diese Erfolge: Durch Housing First behielten dort 72 Prozent der ehemals Obdachlosen auch nach zwei Jahren ihre Wohnung - im traditionellen System waren es nur 32 Prozent.

Dennoch finde das Konzept bisher kaum Verbreitung, sagt der Bremer Sozialwissenschaftler Volker Busch-Geertsema, der ein europaweites Wohnungslosenprogramm koordiniert. Einzig in Finnland und Dänemark gehöre das Konzept zum festen Repertoire. Finnland ist das einzige EU-Land, in dem die Zahl der Wohnungslosen in den vergangenen Jahren zurückging.

Von solch einem Trend ist Deutschland weit entfernt. Laut Schätzungen hat sich die Zahl der Wohnungslosen seit 2008 auf 420.000 fast verdoppelt (mehr zum Thema Obdachlosigkeit in Deutschland lesen Sie hier). 52.000 von ihnen leben auf der Straße, zudem waren 2016 rund 440.000 Geflüchtete wohnungslos. "Es fehlen vor allem bezahlbare Wohnungen. Und es fehlt eine politische Strategie", sagt Busch-Geertsema.

"Man würde auch keinem Hungernden sagen, er müsse erst lernen zu essen"

Zwar sei die Wohnungslosenhilfe "insgesamt besser" als in vielen anderen Ländern - doch Housing First habe sich kaum durchgesetzt. "Stattdessen werden Notunterkünfte errichtet und das Konzept des Probewohnens ausgebaut. Doch so wird die Wohnungslosigkeit nur verwaltet statt reduziert." Der Grund sei vor allem "die hartnäckige Mär", dass Wohnungslose das Wohnen angeblich erst lernen müssten.

Das bekommt auch Hubert Ostendorf oft zu hören. Dann entgegnet er: "Man würde auch keinem Hungernden sagen, er müsse erst lernen zu essen. Wohnen ist ein Menschenrecht."

Dieses Recht will Ostendorf durchsetzen - mit Hilfe von Housing First. Vor über 20 Jahren hat er in Düsseldorf die Obdachlosenzeitung FiftyFifty gegründet. Er beobachtete, dass gerade Langzeitwohnungslose ihrer Situation kaum entkommen können. "Sie kriegen maximal eine befristete Bleibe und landen wieder auf der Straße." Ostendorf nennt das den "Drehtüreffekt". Ein Grund sei, dass Vermieter oft nicht an Obdachlose vermieten wollten.

Dank vieler Spenden - der Künstler Gerhard Richter etwa überließ 30 seiner Bilder - konnte FiftyFifty in den vergangenen drei Jahren 31 Wohnungen kaufen und dort 48 Langzeitobdachlose unterbringen. Keiner von ihnen ist erneut wohnungslos geworden. Manche haben nach 20 Jahren wieder Kontakt zu ihrer Familie aufgebaut oder einen Job gefunden. Housing First funktioniert, auch in Düsseldorf, einer der teuersten deutschen Städte. "Trotz Wohnungsnot lässt sich das also verwirklichen. Und teurer als das traditionelle System ist es auch nicht, dafür aber effektiver", sagt Forscher Busch-Gertseema.

Portugal will Housing First ausweiten

Gemeinsam mit dem Paritätischen Wohlfahrtsverband NRW hat FiftyFifty nun einen Fonds gegründet, um die Idee zu verbreiten, die auch anderswo auf Interesse stößt: Die Stadt Berlin will noch dieses Jahr zwei Modellprojekte starten, auch Hannover plant ein Pilotprojekt.

In Lissabon sind sie schon einen Schritt weiter. Als der damalige Bürgermeister António Costa 2011 sein Büro in ein Problemviertel verlegte, wurde ihm das Ausmaß der Obdachlosigkeit vor Augen geführt. Kurze Zeit später lief ein EU-Projekt zu Housing First aus. Costa erfuhr davon und sicherte den Fortbestand.

In der Hauptstadt gibt es inzwischen mehrere solcher Projekte, die Zahl der Obdachlosen ist laut Schätzungen seither um etwa ein Drittel auf gut 300 gesunken. Costa ist heute portugiesischer Ministerpräsident - und Housing First soll nun auf andere Landesteile ausgeweitet werden.


Zusammengefasst: Um Obdachlosigkeit zu bekämpfen, setzt Lissabon verstärkt auf das Konzept Housing First: Obdachlose bekommen eine Wohnung, ohne Bedingungen erfüllen zu müssen. Danach gibt es weitere Hilfen. Das Konzept bringt Erfolge, wird in Deutschland aber kaum angewandt - obwohl es etwa in Düsseldorf gute Erfahrungen gibt. Immerhin sind in weiteren deutschen Städten Pilotprojekte geplant.

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