Porträts von Objektsexuellen "Valentina war lange in einen Kran verliebt"

Sehnsucht nach Kränen, Liebesurlaub mit einer Boeing: Objektsexuelle Menschen lieben Gegenstände - und leben ihre Neigung meist heimlich aus. Die Fotografin Kathrin Ahäuser hat mehrere von ihnen begleitet.

Kathrin Ahäuser

Ein Interview von


Zur Person
  • Marcus Heine
    Kathrin Ahäuser, Jahrgang 1986, ist Fotografin und lebt in Dortmund. Sie lichtet vor allem Menschen ab. Für das Projekt "Du liebes Ding!" begleitet sie seit 2012 objektsexuelle Menschen.

SPIEGEL ONLINE: Frau Ahäuser, Sie fotografieren Menschen, die Gegenstände lieben - wer hat den größten Eindruck auf Sie hinterlassen?

Ahäuser: Eindeutig Sonnili, eine Greifswalderin, die eigentlich anders heißt. Sie ist schon über 50 und hat erst vor vier Jahren im Internet festgestellt, dass andere genau so empfinden wie sie. Sonnili hat in ihrem ganzen Leben nur einen einzigen Gegenstand geliebt, ein Notenpult namens Sonni. Mit dem lebt sie schon seit zehn Jahren zusammen.

SPIEGEL ONLINE: Warum erst seit so Kurzem, wenn sie es schon so lange kennt?

Ahäuser: Sonnili hat das Pult als Sechsjährige zum ersten Mal gesehen und sich verliebt. Dann verlor sie es aber aus den Augen und begegnete ihm erst nach mehr als 40 Jahren wieder, in einer Musikschule in Greifswald.

SPIEGEL ONLINE: Ist das Pult so einmalig, dass sie es wiedererkennen konnte?

Ahäuser: Im Gegenteil, es wird in Serie hergestellt. Aber Sonnili ist sich vollkommen sicher, dass es das Pult aus ihrer Kindheit ist. Sie hat dann mit der Schulleitung gesprochen und durfte es austauschen - so kam ihr ersehntes Pult zu ihr nach Hause.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben außer Sonnili auch Bilder von Michèle und Valentina gemacht. Gibt es keine objektsexuellen Männer?

Ahäuser: Könnte man meinen, stimmt aber offenbar nicht. Ich bin mit genau so vielen Männern wie Frauen in Kontakt. Es ist halt ein delikates Thema.

SPIEGEL ONLINE: Weil die Beziehungen zu Gegenständen so anders sind als die zwischen Menschen?

Ahäuser: So große Unterschiede habe ich gar nicht wahrgenommen. Auch Objektsexuelle verlieben und entlieben sich, haben Gefühlsschwankungen und Liebeskummer. Keiner geht einfach ins Kaufhaus und sucht sich seinen Partner aus. Das ist vergleichbar mit Liebe zwischen Menschen - und Michèle hatte zum Beispiel auch mal eine Beziehung zu einem Mann, Sonnili ist sogar Mutter und Oma.

SPIEGEL ONLINE: Warum nimmt man dann so selten Objektsexuelle in der Öffentlichkeit wahr?

Ahäuser: Weil die meisten sich vor allem im Internet austauschen, sie brauchen einen geschützten Raum. Andererseits wollen diejenigen, mit denen ich gesprochen habe, das Thema endlich bekannter machen - und nehmen dafür in Kauf, dass sie kritisch beäugt oder nicht ernst genommen werden. Sie wollen einfach nur akzeptiert werden mit ihrer Liebe.

SPIEGEL ONLINE: Sie fühlen sich also ausgegrenzt?

Ahäuser: So kann man das nicht sagen, weil unsere Gesellschaft diese Form der Liebe ja noch fast gar nicht kennt. Das muss erst mal bekannt werden, und bis dahin ist es noch ein weiter Weg.

SPIEGEL ONLINE: Welche Einblicke in den Beziehungsalltag von Objektsexuellen haben Sie bekommen?

Ahäuser: Jedem ist klar, dass er ein Ding liebt, niemand vermenschlicht einen Laptop. Manchmal reden Objektsexuelle mit den Gegenständen, aber meistens findet die Kommunikation auf gedanklicher Ebene statt. Manche reden dabei von einer "feinstofflichen Ebene" und haben das Gefühl, dass dabei emotionale Wärme übertragen wird. Sexualität kann eine Rolle spielen, aber hat keine vordergründige Relevanz. Wie Intimität ausgelebt wird, ist ja ganz individuell.

SPIEGEL ONLINE: Man könnte also von glücklichen Beziehungen sprechen?

Ahäuser: Zumindest bei denjenigen, die den geliebten Gegenstand bei sich zu Hause haben. Anders sieht es zum Beispiel bei Michèle aus, die Flugzeuge liebt.

SPIEGEL ONLINE: Mehrere?

Ahäuser: Genau genommen alle Maschinen vom Typ Boeing 737-800. Michèle geht es nicht um einen konkreten Gegenstand wie Valentina oder Sonnili, sondern um dieses Modell. Das macht es allerdings nicht einfacher, weil sie mit einem Flugzeug eigentlich nie Zweisamkeit erleben kann.

SPIEGEL ONLINE: Eine frustrierende Fernbeziehung.

Ahäuser: Genau. Da geht es um Eifersucht, sie kann ihre Liebe nie wirklich ausleben, Intimität nur eingeschränkt erfahren. Michèle hat zwar Flugzeugmodelle und ein Boeing-Teil zu Hause, aber eigentlich will sie natürlich mit dem Original zusammen sein.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht sie damit um?

Ahäuser: Sie ist mehrmals pro Woche auf der Besucherterrasse des Airports. Bis zu 15 Mal im Jahr fliegt sie auch mit solchen Flugzeugen, meistens eher kurze Strecken. Barcelona, Mailand, aber da bleibt sie dann eh nur wenige Tage, weil sie ja für die Maschine dorthin reist. Und dann sind ja immer noch andere Menschen an Bord, weshalb sie die Zweisamkeit nicht richtig genießen kann.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie mehrere solcher Fälle kennengelernt?

Ahäuser: Ja, Valentina war zum Beispiel lange in einen Kran verliebt, den sie Tristan nennt. 2003 hat sie ihn in ihrer Straße entdeckt, konnte wegen eines Bauzauns aber nicht näher an ihn heran. Bis 2007 stand Tristan dann an verschiedenen Orten am Niederrhein, bis seine Baufirma ihn verkaufte - und Valentina seine Spur verlor.

SPIEGEL ONLINE: Hatte sie danach Liebeskummer?

Ahäuser: Total. Sie weiß ja noch nicht mal, was mit ihm in der Zwischenzeit passiert ist. Inzwischen hat sie sich aber einen kleinen Modellkran so umbauen lassen, dass er wie das Original aussieht. Das ersetzt Tristan natürlich nicht, ist für Valentina aber eine schöne Erinnerung: So wie für Leute, die sich das Foto eines geliebten Menschen auf den Schreibtisch stellen.



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