Aus Heppenheim berichtet Christoph Ruf
Durch unzählige Kurven schlängelt sich der Weg von der südhessischen Kleinstadt Heppenheim nach Ober-Hambach. Unten im Tal führt die Straße vorbei an rebbewachsenen Hängen. Oben liegt eine harsche Schneedecke über der Landschaft. Hier, wo man nur in seltenen Glücksmomenten Handy-Empfang hat, warten an diesem sonnigen Montagnachmittag Hunderte Journalisten auf Neuigkeiten aus der Odenwaldschule.
Von 24 Missbrauchsfällen berichtet Schulleiterin Margarita Kaufmann wenig später, erst am Morgen hätten sich erneut zwei ehemalige Schüler gemeldet, die "Opfer sexualisierter Gewalt" geworden seien. "Viele getrauen sich jetzt erst zu berichten, was ihnen geschehen ist", so Kaufmann. Das sei vor allem ein Erfolg des "offenen und offensiven Umgangs", zu dem man sich entschlossen habe.
Vom traditionell engen Kontakt zwischen Lehrern und Schülern ist in der Folge die Rede, und so manche Frage zielt nach dem Klima, in dem die Gewalttaten geschehen konnten. "Schon sehr liberal" sei es zugegangen, berichtet die Schulleiterin. Einen Zusammenhang zu den Übergriffen sehe sie da aber nicht: "Die katholische Kirche ist nicht liberal, und da ist das auch passiert."
Sensibler Punkt
Margarita Kaufmann weiß, dass hier ein verwundbarer Punkt ihrer Schule liegt. Denn das enge Vertrauensverhältnis zwischen Lehrkräften und Schülern ist auch heute noch Teil des pädagogischen Konzepts: Schüler und Lehrer leben weiterhin in sogenannten Familien zusammen. Alle schließen aber mittlerweile ihre Türen ab und signalisieren durch ein Stopp-Schild am Türgriff, dass sie nicht gestört werden wollen. Nicht nur das war früher ganz anders.
Überall in der Odenwaldschule ist an diesem sonnigen Nachmittag die Angst zu spüren: die, dass konservative Politiker und Pädagogen die Existenz des Internats grundsätzlich in Frage stellen könnten.
Volker Weiß, Oberstufenleiter und seit 18 Jahren Angestellter der Schule, ist ein nachdenklicher Mann. Warum es ein Jahr gedauert hat, bis die Schule nach ersten Hinweisen auf Missbrauchsfälle an die Öffentlichkeit gegangen ist und andere Ehemalige befragt hat? Obwohl eine Arbeitsgruppe aus ehemaligen Schülern schon früh signalisierte, dass es viel mehr Betroffene geben könnte?
"Eine schwache Entschuldigung"
Weiß hat sich diese Frage in den letzten Wochen ganz offensichtlich häufiger gestellt, jedenfalls antwortet er schnell: "Das Tagesgeschäft" habe vieles überlagert, sagt er. Und dass das "eine schwache Entschuldigung" sei. "Die Lehrerschaft hätte das sicher befürwortet", so Weiß. Mehr will er dazu nicht sagen, aber das "Familienprinzip auf den Prüfstand stellen". Das schaffe eine "Nähe, die ungesund sein kann".
Am grundsätzlichen Erziehungsmodell - kleine Klassen, ein Vertrauensverhältnis zwischen Lehrern und Schülern, will er nicht rühren. Das habe "über all die Jahre viel mehr Schülern genützt, als es geschadet hat", sagt Weiß.
Franziska P. kann sich dem nur anschließen. Die 16-Jährige war zuvor auf einer staatlichen Schule und lobt das "vertrauensvolle, aber dennoch respektvolle Klima hier". Man werde an der Odenwaldschule als Gesamtpersönlichkeit angesehen, "nicht rein nach der Leistung" beurteilt, sagt sie. 2000 Euro Schulgeld pro Monat koste das Internat. Viel Geld, wie auch Franziska findet.
Voll des Lobes
Auch der 19-Jährige, der seinen Namen lieber für sich behalten will, ist voll des Lobes über Schule und Schulleiterin, die in den vergangenen zwei Jahren viele alte Zöpfe abgeschnitten habe. Auf dem Bremer Gymnasium, das er vorher besuchte, sei der "Lehrer noch das unantastbare Alphatier" gewesen, sagt er, es sei ein "herrischer Umgangston" gepflegt worden. In der Odenwaldschule lerne man, andere Menschen zu respektieren, weil man selbst respektiert werde.
"Bevor ich hierher kam, habe ich mir einen ganzen Sommer lang zehn andere Internate angeschaut und mich dann für die Odenwaldschule entschieden." Bereut habe er das noch nicht eine Sekunde lang, sagt er.
Überhaupt sei das liberale Klima an der Schule nicht das Problem, sondern eher der Umstand, dass das nicht in allen Gremien herrsche. Im Vorstand, sagt ein Schüler, habe der ein oder andere den ehemaligen Direktor und mutmaßlichen Missbrauchstäter B. bis zuletzt schützen wollen. Und so verhindert, dass Schulleiterin Kaufmann und die Lehrer früher die Flucht nach vorne hätten ergreifen können.
Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE entschloss man sich nämlich erst zum Gang in die Öffentlichkeit, als ehemalige Schüler unverhohlen ankündigten, dass sie, sollte bis dahin nichts passiert sein, im Sommer aus eigenem Antrieb die Presse kontaktieren würden. Und zwar kurz vor der 100-Jahr-Feier.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Panorama | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Gesellschaft | RSS |
| alles zum Thema Sexueller Missbrauch von Kindern | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH