Odenwaldschule in der Kritik: Lahme Flucht nach vorne

Aus Heppenheim berichtet

Liberal, weltoffen, leicht elitär: Die Odenwaldschule gilt als bundesdeutsches Vorzeigeinternat und ist stolz auf ihre freigeistigen Traditionen. Jetzt wird das Institut von einem Missbrauchsskandal eingeholt - die Führung ließ sich lange Zeit für den Schritt in die Öffentlichkeit.

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REUTERS

Odenwaldschule in Ober-Hambach: "Schon sehr liberal"

Durch unzählige Kurven schlängelt sich der Weg von der südhessischen Kleinstadt Heppenheim nach Ober-Hambach. Unten im Tal führt die Straße vorbei an rebbewachsenen Hängen. Oben liegt eine harsche Schneedecke über der Landschaft. Hier, wo man nur in seltenen Glücksmomenten Handy-Empfang hat, warten an diesem sonnigen Montagnachmittag Hunderte Journalisten auf Neuigkeiten aus der Odenwaldschule.

Von 24 Missbrauchsfällen berichtet Schulleiterin Margarita Kaufmann wenig später, erst am Morgen hätten sich erneut zwei ehemalige Schüler gemeldet, die "Opfer sexualisierter Gewalt" geworden seien. "Viele getrauen sich jetzt erst zu berichten, was ihnen geschehen ist", so Kaufmann. Das sei vor allem ein Erfolg des "offenen und offensiven Umgangs", zu dem man sich entschlossen habe.

Vom traditionell engen Kontakt zwischen Lehrern und Schülern ist in der Folge die Rede, und so manche Frage zielt nach dem Klima, in dem die Gewalttaten geschehen konnten. "Schon sehr liberal" sei es zugegangen, berichtet die Schulleiterin. Einen Zusammenhang zu den Übergriffen sehe sie da aber nicht: "Die katholische Kirche ist nicht liberal, und da ist das auch passiert."

Sensibler Punkt

Margarita Kaufmann weiß, dass hier ein verwundbarer Punkt ihrer Schule liegt. Denn das enge Vertrauensverhältnis zwischen Lehrkräften und Schülern ist auch heute noch Teil des pädagogischen Konzepts: Schüler und Lehrer leben weiterhin in sogenannten Familien zusammen. Alle schließen aber mittlerweile ihre Türen ab und signalisieren durch ein Stopp-Schild am Türgriff, dass sie nicht gestört werden wollen. Nicht nur das war früher ganz anders.

Überall in der Odenwaldschule ist an diesem sonnigen Nachmittag die Angst zu spüren: die, dass konservative Politiker und Pädagogen die Existenz des Internats grundsätzlich in Frage stellen könnten.

Volker Weiß, Oberstufenleiter und seit 18 Jahren Angestellter der Schule, ist ein nachdenklicher Mann. Warum es ein Jahr gedauert hat, bis die Schule nach ersten Hinweisen auf Missbrauchsfälle an die Öffentlichkeit gegangen ist und andere Ehemalige befragt hat? Obwohl eine Arbeitsgruppe aus ehemaligen Schülern schon früh signalisierte, dass es viel mehr Betroffene geben könnte?

"Eine schwache Entschuldigung"

Weiß hat sich diese Frage in den letzten Wochen ganz offensichtlich häufiger gestellt, jedenfalls antwortet er schnell: "Das Tagesgeschäft" habe vieles überlagert, sagt er. Und dass das "eine schwache Entschuldigung" sei. "Die Lehrerschaft hätte das sicher befürwortet", so Weiß. Mehr will er dazu nicht sagen, aber das "Familienprinzip auf den Prüfstand stellen". Das schaffe eine "Nähe, die ungesund sein kann".

Am grundsätzlichen Erziehungsmodell - kleine Klassen, ein Vertrauensverhältnis zwischen Lehrern und Schülern, will er nicht rühren. Das habe "über all die Jahre viel mehr Schülern genützt, als es geschadet hat", sagt Weiß.

Franziska P. kann sich dem nur anschließen. Die 16-Jährige war zuvor auf einer staatlichen Schule und lobt das "vertrauensvolle, aber dennoch respektvolle Klima hier". Man werde an der Odenwaldschule als Gesamtpersönlichkeit angesehen, "nicht rein nach der Leistung" beurteilt, sagt sie. 2000 Euro Schulgeld pro Monat koste das Internat. Viel Geld, wie auch Franziska findet.

Voll des Lobes

Auch der 19-Jährige, der seinen Namen lieber für sich behalten will, ist voll des Lobes über Schule und Schulleiterin, die in den vergangenen zwei Jahren viele alte Zöpfe abgeschnitten habe. Auf dem Bremer Gymnasium, das er vorher besuchte, sei der "Lehrer noch das unantastbare Alphatier" gewesen, sagt er, es sei ein "herrischer Umgangston" gepflegt worden. In der Odenwaldschule lerne man, andere Menschen zu respektieren, weil man selbst respektiert werde.

"Bevor ich hierher kam, habe ich mir einen ganzen Sommer lang zehn andere Internate angeschaut und mich dann für die Odenwaldschule entschieden." Bereut habe er das noch nicht eine Sekunde lang, sagt er.

Überhaupt sei das liberale Klima an der Schule nicht das Problem, sondern eher der Umstand, dass das nicht in allen Gremien herrsche. Im Vorstand, sagt ein Schüler, habe der ein oder andere den ehemaligen Direktor und mutmaßlichen Missbrauchstäter B. bis zuletzt schützen wollen. Und so verhindert, dass Schulleiterin Kaufmann und die Lehrer früher die Flucht nach vorne hätten ergreifen können.

Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE entschloss man sich nämlich erst zum Gang in die Öffentlichkeit, als ehemalige Schüler unverhohlen ankündigten, dass sie, sollte bis dahin nichts passiert sein, im Sommer aus eigenem Antrieb die Presse kontaktieren würden. Und zwar kurz vor der 100-Jahr-Feier.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 73 Beiträge
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1. Ergänzende Informationen zum Artikel
KiKri 08.03.2010
Ich möchte ergänzen, was in den Berichten bisher noch nicht erwähnt worden ist: Gerold Becker ist ein bekannter evangelischer Theologe, der vor seinem Wüten in Heppenheim nach eigenen Angaben zunächst "mehrere Jahre im kirchlichen Dienst tätig" war. So schrieb er bereits 1963 für die Kirchenzeitschrift Amt und Gemeinde den Aufsatz „Gottesdienst und liturgische Erneuerung“ (Nr. 5/1963). Und nach seiner Zeit in Heppenheim-Ober-Hambach machte er bundesweit kirchliche Karriere, indem er u. a. in die Kammer der Evangelischen Kirche in Deutschland für Bildung und Erziehung berufen wurde, der er viele Jahre lang angehörte. Und in seiner Funktion als Vertreter der evangelischen Kirche nahm Becker z. B. 1991 auch an der Tagung Schule in Hessen teil, wo es darum ging, gemeinsam mit dem Kultusminister "Grundfragen der Gestaltung von Schule" zu "reflektieren". Wörtlich referierte der Theologe damals: "Aufwachsen geschieht heute im Bewusstsein der ständig möglichen oder schon eintretenden Katastrophen". Und: Dass es für die Kinder "immer schwieriger wird, jeweils altersangemessene Formen von ´Urvertrauen` in die Verlässlichkeit der Welt zu entwickeln". Und, so wörtlich: "Hier können die Kirchen ihre Stärken einbringen". Da lagen seine eigenen Vergehen und Verbrechen an Kindern in Heppenheim-Ober-Hambach erst wenige Jahre zurück. Quellen und weitere Informationen: http://www.theologe.de/sexuelle_vergehen.htm#Evangelischer_Direktor
2. Lahmer Journalismus
tystie 08.03.2010
Zitat von KiKriIch möchte ergänzen, was in den Berichten bisher noch nicht erwähnt worden ist: Gerold Becker ist ein bekannter evangelischer Theologe, der vor seinem Wüten in Heppenheim nach eigenen Angaben zunächst "mehrere Jahre im kirchlichen Dienst tätig" war....
Diese Information ist durchaus belangreich und belegt nebenbei, wie schlampig der Spiegelredakteur recherchierte, bevor er seinen Artikel schrieb. Im Wesentlichen also ein weiterer Kirchen-, 'Spezialisten'- und 'Helfer'fall.
3. Salami-Taktik - Nur solange für Aufklärung sorgen, wenn es nicht mehr anders geht !
boam2001 08.03.2010
Der eigentliche Skandal an diesem Fall ist, daß erst nach so langer Zeit das Thema "Sexueller Missbrauch an der Odenwaldschule" an die breite Öffentlichkeit gelangt. Ich gehe davon aus, daß die Schulleitung diese Öffentlichkeit und die Aufklärungsbereitschaft nicht gezeigt hätte, wenn es nicht die anderen Missbrauchsfälle an katholischen Schulen gegeben hätte, die gegenwärtig aufgedeckt werden. Der sexuelle Missbrauch von Schutzbefohlenen an der Odenwaldschule in den 70er und 80er Jahren war schon Ende der Neunziger ein Thema, als Betroffene an die Öffentlichkeit gingen. Dieses Thema ging wohl jedoch im medialen Tagesgeschäft unter, so daß die damalige Schulleitung es auch nicht für nötig befunden hat, hier eine Flucht nach vorne anzutreten und für Aufklärung zu sorgen. Beim pädagogischen Konzept, welches die Odenwaldschule verfolgt, sehe ich die große Gefahr der bedingungslosen Abhängigkeit der Schülerinnen und Schüler an ihre Lehrer mit einem großen Machtgefälle. Nicht in ihrer Persönlichkeit gefestigte Pädagoginnen und Pädagogen können dieses Machtgefälle zu ihrem persönlichen Vorteil ausnutzen, was wohl in den 70er und 80er Jahren zum Leidwesen vieler Schülerinnen und Schüler geschehen ist. Und wenn dann von seiten der Schulleitung bzw. der Schulgremien hier nicht eingegriffen wird und keine Sanktionen folgen, dann ist das für die Opfer wie ein Schlag ins Gesicht. Vor diesem aktuellen Hintergrund finde ich es geradezu beschämend und grotesk, daß eine Schule 2000 Euro Schulgeld pro Monat und Schüler verlangt und dann sieht, wie Kinder und Jugendliche dort in den 70er und 80er Jahren für ihr ganzes Leben geschädigt wurden. Ich würde meine Kinder nie auf ein Internat solchen Kalibers schicken, weder an der Odenwaldschule noch auf Schloß Salem (wo ein gewisser Herr Bernhard Bueb seine merkwürdigen Pädagogikkonzepte wohl dort an die Schüler ausprobiert) oder andere sog. "Elite-Internate".
4. Liberal ... seltsame Definition
donbernd 08.03.2010
"Sehr liberal sei es zugegangen" ...... also soll ich nun mal lachen ? Wenn sich Schüler und Lehrpersonal bei der Schulleitung über einen Missbrauch an Schutzbefohlenen oder Mitschülern beschweren , und diese dann als 'Spiesser' diffamiert werden, dann mag dies vieles sei , aber das Wort 'liberal' fällt mir da ganz sicher nicht zu ein. Dies ist schlicht und ergreifend KRIMINELL ....... alle die nicht auch ja alles mitmachten seien 'Spiesser' das ist doch typisch linkes 68er Geschwafel. Da wurden auch noch Kinder 'Gästen' und 'Besuchern' überlassen , und das genau von der Klientel die heute immer noch bei jeder sich bietenden Gelegenheit die moralische Keule schwingt ....... Es wird nun Zeit bei allen sogenannten 'liberalen' Schulen doppelt genau hinzusehen.
5. Nur einer von vielen Fällen?
lichtstärke 08.03.2010
Auch die Leitung und das Kollegium des Internats, in dem ich viele Jahre meiner Jugend verbracht, deckten jahrelang systematisch Kollegen und die Heimleitung. Der Heimleiter selbst war schwer pädophil: auf Wochenendausflügen mit Schülern, nachts in den Wohnbereichen der Unterstufe oder bei Schwimmbadbesuchen, sehr schnell hatte er sein Finger im Intimbereich einiger Jungen (eine Vorliebe hatte er für die Schwachen, die „Problemkinder“*aus einem kaputten Elternhaus). Sein Vertreter schrieb massenhaft „Liebesbriefe“ an viele Mädchen im Internat und näherte sich ihnen immer wieder. Obwohl die Erzieher und auch der Schulleiter regelmäßig von den Taten erfuhren, wurde lange Zeit geschwiegen. Auch wurden als Erzieher immer wieder Elektriker oder andere nicht-Pädagogen eingestellt, die - um die Nachtruhe oder andere Regeln durchzusetzen - prügelnd durch die Zimmer marschierten. Viele Fälle drangen sogar bis zum Träger des Internats durch, aber auch hier keine Reaktion. Erst als die Schülermitverwaltung ein Opfer zu einer Aussage gegenüber der regionalen Presse bewegen konnte, kam der Stein ins Rollen. Der Heimleiter wurde am selben Tag verhaftet, bei einer Fragestunde gegenüber den Eltern versicherte die Schulleitung, von den Taten nichts gewusst zu haben. Leider war das Interesse an der Aufarbeitung nur von kurzer Dauer (auch bei vielen Eltern) und so sind die meisten Vorfälle bis heute nie untersucht worden. Warum ich das alles erzähle? Ich denke, die jetzt bekannt gewordenen Fälle sind nur die Spitze des Eisberges. Ich habe in „meinem“ Internat gemerkt, wie wenig konsequent man gegenüber den Tätern ist, wie sehr versucht wird, alles zu vertuschen. Hauptsache der gute Ruf wird nicht ruiniert, auf Kosten der Kinder.
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