OECD-Zufriedenheitsindex: Volk der notorischen Nörgler

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Deutsche arbeiten weniger und verdienen mehr als Bürger anderer OECD-Länder. Wir haben bessere Luft, schönere Wohnungen und weniger Arbeitslosigkeit - nur zufrieden sind wir nicht. Im aktuellen OECD-Ranking liegen wir nur im Mittelmaß. D wie Durchschnitt?

Zufriedenheitsstudien: Arme reiche Miesepeter Fotos
Corbis

Wie erfasst man, wie lebenswert ein Land ist? Der klassische Ansatz fragt vor allem nach materiellen Eckpunkten: Lebensmittel- und Gesundheitsversorgung, Lebenserwartung. Bruttoinlandsprodukt, Kaufkraft, Beschäftigungszahlen. Nach dem Gefälle zwischen Arm und Reich, nach Alphabetisierungsraten und durchschnittlicher Qualifikation. Geht es nur nach solchen Zahlen, müsste Deutschland ein auch von seinen Bürgern gelobtes Land sein. Ist es aber nicht.

Denn all das ist zwar relevant, für das Zufriedenheitsgefühl der Menschen aber wenig aussagekräftig. "Geld allein macht nicht glücklich", sagt der Volksmund. Es gibt nicht viele Daten über die relative Zufriedenheit der Deutschen mit ihrem Leben. Diejenigen, die es gibt, deuten darauf hin, dass Zufriedenheit nicht unsere Stärke ist.

Im Gegenteil: Folgt man den Daten der World Database of Happiness, einer Metastudie, die Ergebnisse verschiedener Befragungen von 1946 bis 2006 zusammenführte und um Daten des World Values Survey 2005-2007 ergänzt wurde, dann hat unsere Zufriedenheit seit Ende des Zweiten Weltkriegs kontinuierlich abgenommen. Statistisch aber wächst die Zufriedenheit der Menschen weltweit. Katastrophen, Kriegen und Krisen zum Trotz.

Auf den Karten der " Map of Happiness", die Jaime Díez Medrano auf Basis der WVS-Daten, anderer öffentlich zugänglicher Quellen und der Datenbanken der Consulting-Unternehmen ASEP/JDS zusammentrug, erscheint Deutschland als Heimstatt der Skepsis auf einem ansonsten weitgehend glücklichen Kontinent.

Glück ist offensichtlich nicht an Wohlstand gebunden. Allerdings ist es auch nicht so, dass Wohlstand dem Glück entgegenstünde: Anhaltend zufrieden mit ihrem Leben sind die Skandinavier, die Schweizer, die Luxemburger, die Iren, auch Bürger aufstrebender Ökonomien wie Polen.

Dass in den periodisch durchgeführten World Value Surveys der University of Michigan regelmäßig aber auch Länder wie Nigeria, Kirgisien oder Ruanda in Sachen Zufriedenheit vor uns liegen, sollte uns durchaus irritieren. Im kumulierten Glücksindex aller bisher durchgeführten World Values Surveys liegt Deutschland hinter Mali und Ägypten und vor Algerien und Guatemala auf dem 47. Platz (siehe Bildergalerie). In Europa befinden wir uns in Gesellschaft von Ländern, die noch mit den Nachwirkungen des in den letzten zwei Jahrzehnten abgeschüttelten Sozialismus zu kämpfen haben.

Jammern auf hohem Niveau

Nichts gegen all diese sicher sehr schönen Länder. Aber eigentlich ist das für eine der reichsten, sichersten, bestversorgten Nationen der Welt die falsche Nachbarschaft. Eigentlich geht's uns doch gut. Aber vielleicht ist genau das unser Problem: eigentlich.

Wenn man uns Deutsche nach unserer Befindlichkeit fragt, ist "eigentlich" so gut wie immer eingebaut. Wir empfinden es als oberflächlich, dass Angelsachsen das "Wie geht's?" immer mit einem "Great!" beantworten, selbst wenn sie den Kopf unter dem Arm tragen. Wir sagen "Muss" oder "So weit, so gut" oder "Na ja" und meinen: Eigentlich haben wir gerade nichts zu meckern, aber das könnte sich ja ruckzuck ändern. Also lieber tief stapeln.

Dass diese als "Ehrlichkeit" verkaufte Rücksichtslosigkeit gegenüber dem Kommunikationspartner gut ist für das soziale Miteinander, ist eines der dümmsten hiesigen Vorurteile. Die ausgeprägteste Tendenz zu prosozialem Verhalten zeigen die Bürger angelsächsisch geprägter Länder. Sie haben den größten Spaß aneinander, was ihre Platzierung auch in der aktuellsten Zufriedenheitsstudie verbessert: Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat wieder einmal die Bürger ihrer 34 Mitgliedstaaten befragt. In den neuen "Better Life"-Index fließen erstmals auch Daten ein, die ganz explizit auf Selbsteinschätzungen in Bezug auf die Lebenszufriedenheit zielen. Aus teutonischer Sicht ist das gar nicht gut, denn es verbannt uns endgültig ins Mittelfeld.

Wir sind Mittelmaß. In Sachen Wohlstand über dem Durchschnitt, in Sachen Zufriedenheit darunter. Warum eigentlich?

Uns geht's gut, wir fühlen uns nur schlecht

Obwohl wir in Kategorien wie Beschäftigungsquote, Sicherheit, Ausstattung von Wohnräumen mit zeitgemäßer Infrastruktur, Einkommen, Qualität von Umwelt und Versorgungsgütern recht weit oben rangieren; obwohl wir bei der Beschäftigungsquote von Frauen mit Kindern und bei der Lebenserwartung über dem Durchschnitt liegen; obwohl kaum jemand auf weniger wöchentliche Arbeitszeit kommt als wir und auf mehr verfügbare Freizeit, nörgeln wir, wenn man uns nach "Lebenszufriedenheit" und nach unserem körperlichen Wohlbefinden fragt.

Immerhin: Unsere generelle Zufriedenheit, merken die Autoren der aktuellen Studie an, sei im Verlauf des letzten Jahrzehnts gestiegen. Aber: "Im Vergleich mit anderen erfolgreichen Ökonomien in der OECD ist das ein niedrige Platzierung."

Was noch auffällt: Bei der Frage nach Erwartungen künftigen Wohlstands und Glücks ist kaum jemand pessimistischer als wir. Ist das Angst? Oder einfach Miesepetrigkeit? Was auch immer: Es ist kaum zu verstehen.

Vor allem, wenn man die Daten verschiedener Länder vergleichend ins Verhältnis setzt. Die neue OECD-Studie macht ihre Daten per Web erschließbar: Man kann sogar selbst festlegen, welche Aspekte besonders wichtig sein sollen und welche nicht. So erhält man Vergleichszahlen aller 34 OECD-Staaten in ungewöhnlicher Detailfülle - und sonst vielleicht nicht unbedingt angebotene Einblicke. So gibt es eine ganze Reihe von OECD-Staaten, in denen noch deutlich mehr genörgelt wird als hierzulande. Alle davon sind allerdings ökonomisch schwächer als Deutschland, die meisten gehören zur Gruppe der ärmeren Nationen in der OECD.

Das kann man von uns nicht sagen: Unser Vermögen mag nur durchschnittlich sein, unser verfügbares Haushaltseinkommen aber liegt deutlich im oberen Drittel. Wirklich spitze sind wir vielleicht auch darum nur in einer einzigen Disziplin: Niemand in der OECD verwendet mehr Zeit darauf, einkaufen zu gehen.

Wenn das eine Ersatzbefriedigung ist, muss man sich fragen: wofür eigentlich?

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insgesamt 403 Beiträge
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1. Nörgler ?
Harald E 26.05.2011
Zitat von sysopDeutsche arbeiten weniger und*verdienen mehr als Bürger anderer OECD-Länder. Wir haben bessere Luft, schönere Wohnungen und*weniger Arbeitslosigkeit - nur zufrieden sind wir nicht. Im aktuellen OECD-Ranking liegen wir nur im Mittelmaß. D wie unter Durchschnitt? http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,764779,00.html
Die einen nennen es nörgeln, andere nennen es die Fähigkeit zu erkennen, dass man es bei dem vorhandenen Potential, noch besser machen könnte und darauf hinzuweisen. Was stört die OECD....oder SpOn ? Dass der "Deutsche" sich den Nieten in Nadelstreifen nicht widerstandslos ergeben möchte ?
2. 3,60 als Friseuse ist deutlich über OECD Standard?
notebook20000 26.05.2011
Sorry, was soll sowas? Klar verdienen die Topetagen richtig viel Kohle und leben in Villen udn es geht ihnen super Aber sie ziehen auch den Shcnitt unnatürlich hoch. Von dem "weniegr Arbeiten" , das ist übelste Propaganda. Es gibt Statistiken, die auch alle zusätzliche unbezahlte oder bezahlte Arbeit erfasst und da liegen wir sehr weit oben. ANscheied versucht diese Organisation die Deutschen für dumm zu verkaufen um nicht noch einen Brandherd nach GRiechenland, Irland, Spanien udn Co zu kriegen.
3. -
semper fi 26.05.2011
Zitat von Harald EDie einen nennen es nörgeln, andere nennen es die Fähigkeit zu erkennen, dass man es bei dem vorhandenen Potential, noch besser machen könnte und darauf hinzuweisen.
Wer oder was hindert Sie daran, aus Ihrem Potential, von dem Sie ja angeben es zu besitzen, mehr zu machen?
4. Ich bin außerordentlich zufrieden...
GreatGreg 26.05.2011
...nörgle aber auch mal gerne rum. Es muss ausgeglichen sein. Wer weiß, vielleicht hat das ewige Nörgeln auch dazu geführt dass wir so gut dastehen. Also, fröhliches weitermörgeln und immer schön Augenmaß bewahren.
5. ...
exilostfriese 26.05.2011
Zitat von Harald EDie einen nennen es nörgeln, andere nennen es die Fähigkeit zu erkennen, dass man es bei dem vorhandenen Potential, noch besser machen könnte und darauf hinzuweisen. Was stört die OECD....oder SpOn ? Dass der "Deutsche" sich den Nieten in Nadelstreifen nicht widerstandslos ergeben möchte ?
Das Problem ist nur, das die Nörgler gerne auf Länder verweisen, wo die Nörgler mit 99,999% Wahrscheinlichkeit keinen Monat auch nur aushalten würden. Da pickt man sich kleine Punkte heraus, die bei uns nicht ganz so toll laufen, und vergisst das große Ganze drumherum. Die Nörgler sollten glücklich sein, denn hier dürfen sie überhaupt nörgeln ohne dass ihnen der Prozess gemacht wird.
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