Ökumenischer Kirchentag "Die Sexualmoral der Kirche ist schuld"

Er provozierte den Vatikan, wurde bestraft - nur weil er mit Protestanten das Abendmahl feierte. Theologe Gotthold Hasenhüttl spricht mit SPIEGEL ONLINE über die Verbohrtheit der katholischen Kirche, die Vertuschung von Skandalen - und wieso er jetzt beim Kirchentag trotzdem keinen Aufstand erwartet.

Gotthold Hasenhüttl (2003 beim umstrittenen Gottesdienst): "Ein Exempel statuiert"
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Gotthold Hasenhüttl (2003 beim umstrittenen Gottesdienst): "Ein Exempel statuiert"


SPIEGEL ONLINE: Herr Hasenhüttl, beim ersten Ökumenischen Kirchentag 2003 haben Sie mit evangelischen Christen das Abendmahl zelebriert. Der heutige Erzbischof von München und Freising, Reinhard Marx, suspendierte Sie dafür vom Dienst. Was glauben Sie - warum damals diese harte Strafe?

Hasenhüttl: Die Veranstaltung stand im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit. Die katholische Hierarchie hat das als Provokation empfunden, sah ihren Alleinvertretungsanspruch gefährdet - obwohl wir nur ein Zeichen der Versöhnung setzen wollten. Man hat ein Exempel statuiert, sozusagen, um das Monopol der religiösen Produktionsmittel aufrechtzuerhalten.

SPIEGEL ONLINE: Sie wurden nicht nur suspendiert, Ihnen wurde auch untersagt, weiter als Theologieprofessor an katholischen Bildungseinrichtungen zu lehren. Werden Sie sich beim diesjährigen Kirchentag zurückhalten?

Hasenhüttl: Nein, wir werden auch dieses Mal einen inoffiziellen ökumenischen Gottesdienst abhalten und eine große Podiumsdiskussion führen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben Erzbischof Marx als absolutistischen Monarchen und Diktator bezeichnet, den Sie sich als "Wächter von Alcatraz" gut vorstellen könnten. Haben Sie ihrem Widersacher inzwischen verziehen?

Hasenhüttl: Ich habe ihm nichts zu verzeihen. Was er mir angetan hat, war Unrecht und bleibt Unrecht. Die katholische Kirche ist eine absolutistische Monarchie mit linientreuen, gefügigen Bischöfen. Marx hat nach der Suspendierung meine Reue zur Bedingung für eine Auseinandersetzung gemacht. So kann man nicht diskutieren, deshalb habe ich ihm vorgeworfen, dass er seinen Beruf verfehlt hat.

SPIEGEL ONLINE: Ihre umstrittene Bemerkung, die Bischöfe der katholischen Kirche verlangten von ihren Priestern einen blinden "Eichmann-Gehorsam", war aber auch nicht eben diplomatisch.

Hasenhüttl: Ich habe damals die Tragweite des Ausdrucks nicht erkannt, mich lediglich an den Wahlspruch meines ehemaligen geistlichen Lehrers in Rom erinnert, der uns stets ermahnt hat, niemals einem "Eichmann-Gehorsam" zu folgen, also einem blinden Kadavergehorsam, sondern immer auch das Gewissen zu befragen. Das war unbedacht gesprochen, aber in der Sache richtig - gerade vor dem Hintergrund, dass Papst Benedikt XVI. in seiner Regensburger Rede 2006 behauptet hat, das subjektive Gewissen könne keine letzte ethische Instanz sein.

SPIEGEL ONLINE: Viele Würdenträger in der katholischen Kirche halten die Zeit für eine gemeinsame Eucharistie noch nicht für gekommen. Warum scheiden sich gerade am Ritual des Abendmahls die Geister? Ist die Ökumene letztlich nur eine Chimäre?

Hasenhüttl: Sie ist eine Simulation, weil sie vollkommen unterschiedlich verstanden wird. Die katholische Kirche strebt nach der Wiedereingliederung der anderen Glaubensgemeinschaften. Wer in den Schoß der Kirche zurückkehrt, den Papst als oberste Autorität anerkennt, darf wie zum Beispiel die Anglikaner seine eigenen Riten zelebrieren. Unter dieser Prämisse umwirbt Benedikt XVI. selbst die reaktionäre Pius-Bruderschaft.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, der Bekehrungsgedanke ist größer als der Wille zur konstruktiven Zusammenarbeit?

Hasenhüttl: Sicher. Wirkliche Ökumene muss dem anderen auf Augenhöhe begegnen. Benedikts Dialog ist aber immer ein Dialog zwischen Ungleichen. Um das zu ändern, müsste erst einmal die Exkommunikation von Martin Luther aufgehoben werden.

SPIEGEL ONLINE: Sie wurden 1959 in Rom zum Priester geweiht. Hatten Sie damals eine Ahnung wie es um die Sexualmoral in der katholischen Kirche bestellt war?

Hasenhüttl: Ich habe die damaligen Missbrauchsfälle als Einzelfälle wahrgenommen, nicht wie heute, da man weiß, dass sie leider keine Ausnahme sind.

SPIEGEL ONLINE: Wer ist aus Ihrer Sicht schuld am innerkirchlichen Missbrauch?

Hasenhüttl: Die Sexualmoral der katholischen Kirche. Es ist allein der dort herrschenden Vertuschungsmentalität geschuldet, dass der Skandal überhaupt losgetreten wurde. Hätte man sich früher zu den Vergehen bekannt, wäre das anders gelaufen. Aber sobald der Sturm vorbei ist, wird man in genau dieselbe Kerbe wieder schlagen. Nicht die Sorge um die Opfer treibt die Verantwortlichen um, sondern die Frage, wie die Hierarchie möglichst unbeschadet aus dem Schlamassel rauskommt.

SPIEGEL ONLINE: Sie meinen, die katholische Kirche wird sich weiter jedem Wandel widersetzen?

Hasenhüttl: Ja, solange es geht. Der zurückgetretene Augsburger Bischof Walter Mixa ist ein typisches Beispiel: Er lügt und lügt, bis es nicht mehr geht. Selbst wenn er des sexuellen Missbrauchs überführt werden sollte, wird ihm nichts passieren - er wird seine üppige Pension beziehen und den Ruhestand genießen. Mixa liegt doch genau auf der vorgegebenen Linie: Joseph Ratzinger, der heutige Papst, hat als Chef der Glaubenskongregation die Missbrauchsfälle unter das päpstliche Geheimnis gestellt. Ein Bischof, der etwas in die Öffentlichkeit dringen ließ, machte sich strafbar.

SPIEGEL ONLINE: Aber gerade Mixas Rücktritt gibt doch Hoffnung, dass zumindest etwas in Bewegung geraten ist - er wurde von Marx und Robert Zollitsch, dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, forciert.

Hasenhüttl: Wenn man im Amt öffentlich lügt, ist das ein so großer moralischer Vertrauensverlust, dass mehrere Bischöfe offenbar der Meinung waren, ein Rücktritt Mixas sei das kleinere Übel. Frei nach dem Motto: Besser einer stirbt, als dass das ganze Volk draufgeht, das heißt in diesem Fall: die Institution.

SPIEGEL ONLINE: Auf dem jetzt beginnenden zweiten Ökumenischen Kirchentag in München werden Hunderttausende Besucher erwartet. Erwarten Sie einen öffentlichen Aufschrei der katholischen Christen gegen die Vertuschung der Missbrauchsskandale?

Hasenhüttl: Im Moment scheint alles auf einen friedlichen Ablauf angelegt. Man hat sich offenbar auf eine ruhige und sachliche Auseinandersetzung mit kirchenfernen Themen geeinigt. In Sachen Mitbestimmung hat Erzbischof Marx ja schon im Vorhinein klargestellt, dass es so etwas wie kirchliche Betriebsräte nicht geben wird. "Wir sind Herrscher von Gottes Gnaden" ist die Idee dahinter.

SPIEGEL ONLINE: Der Bamberger Bischof Ludwig Schick favorisiert eine Abschaffung des Zölibats. Wie realistisch ist es aus Ihrer Sicht, dass die katholische Kirche diesen historischen Schritt tut?

Hasenhüttl: Ein Papst könnte das mit einem Federstrich erledigen, aber nicht Benedikt XVI. Er wird keinen Zentimeter von der Linie abweichen. Schick wird vermutlich einen Ermahnungsbrief bekommen, denn noch immer ist Zivilcourage unter Bischöfen nicht hoch angesehen. Sie werden in der Regel danach ausgewählt, wie hörig sie Rom sind.

SPIEGEL ONLINE: Sie kennen Ratzinger von früher, haben ihm in der Vergangenheit Doppelzüngigkeit in Sachen Missbrauch und Holocaust vorgeworfen. Ist er ein ideologisch verblendeter Theoretiker oder einfach ignorant?

Hasenhüttl: Er weiß sehr viel, das steht außer Frage. Aber er war schon Mitte der sechziger Jahre, als er in Tübingen lehrte, stockreaktionär. Aus dieser Haltung heraus kann er sehr liebenswürdig und entgegenkommend sein, aber das ändert nichts an seiner Grundhaltung. Wenn er behauptet, die Indios seien nicht mit Gewalt missioniert worden, sondern hätten ihre Bekehrung ersehnt, dann ist das eine historische Lüge. Er selbst sieht das nicht so. Er schwebt in einer anderen Welt und meint, er sei unfehlbar.

SPIEGEL ONLINE: Gefährlich bei einem so mächtigen Mann.

Hasenhüttl: Es ist wie bei Georg Wilhelm Friedrich Hegel, dem man vorwarf, die Tatsachen entsprächen nicht seiner Philosophie. Umso schlimmer für die Tatsachen, soll er geantwortet haben.

SPIEGEL ONLINE: Was glauben Sie, wird der nächste Papst ein Erlöser sein, der den Wandel einleitet?

Hasenhüttl: Ich würde mir jemanden wünschen wie Gorbatschow. Aber mir ist niemand bekannt, der so eine Transformation in Gang bringen könnte. Derzeit ist die katholische Kirche wie ein Fluss, in den man schädliche Chemikalien eingeleitet hat. Wer daraus trinkt, vergiftet sich und stirbt. Nur eine Kläranlage kann das Wasser reinigen - und die wird angetrieben von Vernunft und Liebe, nicht Gehorsam.

Das Interview führte Annette Langer

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