Österreich Skandalserie als Reformchance

Ebenso wie in Deutschland kamen in Österreich zuletzt fast täglich Missbrauchsfälle ans Licht. Die Politik lädt im April zu einem Runden Tisch, Vertreter der katholischen Kirche haben ihre Teilnahme zugesagt. Kritiker sehen in der Krise deshalb auch die Chance auf einen neuen Dialog.

Bischof Krenn (Archiv): 2004 musste er auf Wunsch des Papstes zurücktreten
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Bischof Krenn (Archiv): 2004 musste er auf Wunsch des Papstes zurücktreten

Von Jelena Pflocksch


"Die Menschen sind enttäuscht." So bringt Hans Peter Hurka vom Verein "Wir sind Kirche" die Stimmung in Österreich nach Bekanntwerden immer neuer Missbrauchsskandale auf den Punkt.

Ähnlich wie in Deutschland wurde auch im Nachbarland zuletzt fast täglich über neue Fälle berichtet. So soll es bis ins Jahr 2001 im Bregenzer Zisterzienserkloster Mehrerau über Jahrzehnte hinweg zu sexuellen Übergriffen auf Schüler und zu Misshandlungen gekommen sein. Ein Erzieher soll Kinder dazu angehalten haben, Drogen zu nehmen, soll ihnen anschließend pornografische Filme gezeigt und sich dann an ihnen vergangen haben.

Auch zwei der bekanntesten Institutionen Österreichs gerieten ins Zwielicht: Ehemalige Mitglieder der "Wiener Sängerknaben" meldeten sich mit beklemmenden Berichten über ein "Klima des Terrors" zu Wort. Und in Salzburg trat der Erzabt des ältesten noch bestehenden Klosters im deutschsprachigen Raum, des Stiftes St. Peter, zurück. Er hatte zuvor eingeräumt, vor vier Jahrzehnten einen Jungen missbraucht zu haben.

Nach Angaben der katholischen Kirche betreuen die Ombudsstellen der verschiedenen Diözesen des Landes derzeit 17 Missbrauchsfälle. Wie viele Opfer sich darüberhinaus gemeldet haben, ist unklar. Die österreichische Bischofskonferenz räumte ein, dass die Täter in der Vergangenheit oft mehr geschützt worden seien als die Opfer.

Berührende Worte statt Hinterfragen der Ursachen

Von Österreichs acht Millionen Einwohnern gehören rund 5,6 Millionen Menschen der katholischen Konfession an. Knapp 700.000 Gläubige besuchen regelmäßig den Gottesdienst. Die Politik sah sich zum Handeln gezwungen, auf Initiative von Familienstaatssekretärin Christine Marek (ÖVP) wurde am 13. April zu einem ersten Runden Tisch geladen. Bei den Beratungen soll die Prävention von Missbrauch im Mittelpunkt stehen.

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Katholische Kirche in Europa: Ringen mit der Schuld
Der Wiener Erzbischof Christoph Schönborn, der seine Teilnahme bereits zusagte, nahm erst vor wenigen Tagen auch den Zölibat nicht von den Themen aus, die nun zu diskutieren seien. Kurz darauf beeilte sich die Erzdiözese Wien jedoch zu versichern, Schönborn habe mit seinen Anmerkungen "den Zölibat in keiner Weise" in Frage gestellt.

Die Kirche, so scheint es, ist nervös.

Hans Peter Hurka von "Wir sind Kirche" moniert, dass der Klerus bislang vor allem "mit vielen berührenden Worten für die grausigen Taten" reagiert habe. Zwar würden Ombudsstellen und psychologische Beratungsstellen eingerichtet, es werde aber wenig getan, um die Hintergründe und die Ursachen des Missbrauchs zu hinterfragen, monierte Hurka. Er sieht deshalb in der Krise eine "ganz große Chance" zur Neuausrichtung. "Das Problem ist, dass es bislang keinen partnerschaftlichen Dialog zwischen der Kirche und den Gläubigen gab", sagte Hurka SPIEGEL ONLINE. "Wir müssen weg von einer Befehlsstruktur, hin zu einer Dialogstruktur."

Wichtig sei jetzt zudem zu zeigen, dass Kirche eine positive Funktion in der Gesellschaft habe. "Das ist nicht leicht, denn die Enttäuschungen sind verständlich."



insgesamt 2551 Beiträge
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Seite 1
Klo, 26.03.2010
1.
Zitat von sysopEuropaweit wird die katholische Kirche mit Missbrauchsvorwürfen konfrontiert. Geht der Klerus richtig mit dem Problem um?
Geht er denn überhaupt mit dem Problem um? Erkennt er überhaupt ein "Problem"? Schießlich gibt es das Problem schon sehr lange, aber angegangen wrude es noch nie. Dass jetzt selbst im Klerus irgendetwas in Gang kommt, ist doch keiner tieferen Einsicht, oder gar Selbsterkenntnis zu verdanken, sondern das ist der Aufmerksamkeit der Medien geschuldet, nachdem sich hunderte von Opfern gemeldet haben. Freiwillig ist im Klerus noch gar nie Aufklärungsarbeit geleistet worden, schon gar nicht über eigenes Versagen.
Klo, 26.03.2010
2.
Na also, es geht doch. Bravo!
Fred Heine 26.03.2010
3.
Was Sie da fordern, treibt 80 Prozent der Sportvereine in Deutschland in den finanziellen Ruin. Wollen Sie das wirklich?
Willie, 26.03.2010
4.
Zitat von sysopEuropaweit wird die katholische Kirche mit Missbrauchsvorwürfen konfrontiert. Geht der Klerus richtig mit dem Problem um?
Bislang mal noch nicht.
oliver twist aka maga 26.03.2010
5. Und hier auch nochmal der neueste Skandal aus dem Vatikan
Neuer Skandal im Vatikan Skandal im Vatikan aufgedeckt. Was sind die Motive für die neuerlichen Entgleisungen des Papstes? Papst Benedikt XVI. hat im Anschluss an ein Treffen mit Journalisten aus dem Fenster seines Arbeitszimmers gezeigt und gesagt: „Es ist schönes Wetter heute.“ Dieser Satz des Papstes hat für Empörung und Entrüstung vor allem in Deutschland gesorgt. Ein Sprecher der kirchenkritischen Organisation „Kirche von unten“ erklärte, mit seiner Aussage wolle der Papst nur verdecken, dass bis heute weder der Zwangszölibat abgeschafft noch das Frauenpriestertum eingeführt sei. Er verurteilte die Aussage des Papstes als „weiteres Zeugnis für das reaktionäre Denken, das in Rom vor allem seit der Amtsführung Ratzingers“ vorherrscht. Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger forderte den Papst auf, sich nicht weiter um das Wetter zu kümmern, sondern den Vertuschungsaktionen seiner Bischöfe ein Ende zu bereiten. Sabine Leutheusser-Schnarrenberger: „Der Papst muss endlich Klarheit schaffen statt die römische Sonne zu genießen.“ Sie kündigte an, ihrem neu gekauften Mops den Namen Ratzi zu geben. Die mutige Kirchenkritikerin und Theologie Uta Ranke-Heinemann verurteilte das Verhalten des Papstes als „heuchlerisch und unverfroren“. Es müsse wohl an seiner zölibatären Einstellung liegen, dass er den grauen Himmel der ewigen Stadt als „schönes Wetter“ bezeichne. Eugen Drewermann wies in einer Stellungnahme darauf hin, dass Papst Benedikt in seiner früheren Tätigkeit als Präfekt der Glaubenskongregation auch Meteorologen einen Maulkorb hätte umhängen wollen. Claudia Roth äußerte sich in Bodrum (Türkei) enttäuscht über die Worte des Papstes: „Während in Deutschland die Ausländerfeindlichkeit wächst, genießt der Papst in den Vatikanischen Gärten die Sonne. Er sollte ein klares Bekenntnis zur Aufnahme der Türkei in die EU und zu türkischen Gymnasien in Deutschland liefern.“ Auch in der Zeitschrift Emma wurde der Papst kritisiert. „Warum sagt er: „Es ist schönes Wetter heute.“ Und nicht „Sie ist schönes Wetter heute.“ Die Aussagen des Papstes zeigen einmal mehr die Frauenfeindlichkeit der Gerontokraten im Vatikan.“ Für die Humanistische Union stellt der Satz des Papstes eine Beleidigung aller Opfer der Klimaerwärmung dar. Der Vatikan sei neben den USA und China einer der Hauptverantwortlichen für die drohende Klimakatastrophe, so ein Sprecher der HU. Die Giordano-Bruno-Stiftung (GBS) nannte die Behauptungen des Papstes „groben und geschichtsverfälschenden Unfug“. Giordano Bruno sei verbrannt worden, weil er eine andere Meinung über das Wetter in Rom als der Papst vertreten habe. Außerdem, so der Philosoph und Vorsitzende der GBS, Michael Schmidt-Salomon, sei das angeblich schöne Wetter ein klarer Beweis für die Nichtexistenz Gottes. Ein Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz meinte, die Worte des Papstes seien aus dem Kontext gerissen worden. Er verwies auf das „hohe Alter des Heiligen Vaters“.
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