Offener Brief von Franziskus: Der Papst und die "Ungläubigen"

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AP/dpa

Papst Franziskus: Fruchtbare Begegnung mit Nicht-Gläubigen

Franziskus überrascht erneut - diesmal mit einem offenen Brief an einen italienischen Journalisten. Darin äußert er sich zu kniffligen Gewissensfragen. Vergibt Gott auch jenen, die nicht an ihn glauben?

Rom - Eugenio Scalfari, Ex-Abgeordneter der Sozialistischen Partei Italiens und Ex-Chefredakteur von "L'Espresso" und "La Repubblica", hat sich im Alter dem Glauben zugewandt. Nicht aus Angst vor dem Tod, sondern mit gebotener Distanz und ganz in der Tradition des aufgeklärten Verstandesmenschen. In der "Repubblica" veröffentlichte Scalfari im Juli einen Brief, in dem er dem Pontifex einige tiefgründige Fragen zum Verhältnis von Verstand und Glauben stellte.

"Franziskus beschäftigt sich nicht mit Politik, das hat er nie gemacht, weder in Argentinien als Bischof noch im Vatikan als Papst", erklärte Scalfari. Umso interessanter scheinen für den Zeitungsmann die theologisch-philosophischen Grundpositionen des Papstes zu sein.

"Ich glaube nicht, dass er mir antworten wird", schrieb der 89-jährige Journalist, der Franziskus als "unschuldig wie ein Taube, aber auch schlau wie ein Fuchs" charakterisiert. Scalfari sei von jeher fasziniert von Jesus von Nazareth, aber auch davon überzeugt, dass "Gott eine trostspendende Erfindung des menschlichen Verstandes ist". Doch Franziskus, von dem bekannt ist, dass er gern mit dem Mann auf der Straße plaudert, aber so gut wie nie mit Journalisten, hat jetzt tatsächlich geantwortet.

"Hochgeschätzter Doktor Scalfari", schreibt Bergoglio in der "Repubblica". Er freue sich, dass der Journalist über den Glauben reden wolle, über die Person Jesu Christi. Es sei paradox, dass der christliche Glauben als "Symbol des Lichtes" in der Moderne so oft abgestempelt worden sei als "düsterer Aberglaube", der dem Licht des Verstandes entgegenstehe. Auf diese Weise sei die Kommunikation zwischen Kirche und der modernen Kultur der Aufklärung ins Stocken geraten: "Jetzt ist die Zeit eines offenen Dialoges ohne Vorurteile gekommen, der Tore öffnet für eine ernsthafte und fruchtbare Begegnung", kündigt Franziskus an.

Scalfaris erste Frage lautete: Erfährt ein Mensch, der nicht glaubt, den Glauben auch nicht sucht und im Sinne der Kirche sündigt, Vergebung durch Gott? Bergoglios Antwort ist subtil: Gottes Barmherzigkeit kenne keine Grenzen. All jene, die nicht glaubten, müssten einzig ihrem Gewissen gehorchen. "Sünde ist, wenn man gegen das Gewissen handelt, auch für die, die nicht glauben." Der Glaube erwachse für ihn aus der Begegnung mit Jesus", schreibt Bergoglio. Ohne die Kirche aber habe er Jesus nicht treffen können, betont der Pontifex.

"Wenn der Mensch von der Erde verschwindet, geht mit ihm dann auch Gott, weil niemand ihn mehr denken kann?", fragte Scalfari. "Gott ist keine Idee, keine Frucht des menschlichen Gedankens", stellt Bergoglio klar. Abgesehen davon, "selbst wenn das Leben des Menschen auf der Erde aufhörte, würde der Mensch doch nicht aufhören zu existieren und auch nicht die von ihm erschaffene Welt".

Franziskus hatte sich am Wochenende mit einem flammenden Appell für eine friedliche Lösung des Syrien-Konflikts eingesetzt. Er setzt weiter mit ungewöhnlichen Personalentscheidungen Akzente, ersetzte unlängst den heftig umstrittenen Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone durch Erzbischof Pietro Parolin. Vor Problemen wie innerkirchlichen Missbrauchsvorwürfen schützt ihn das freilich nicht. Erst vor wenigen Tagen wurde ein Gesandter aus der Dominikanischen Republik abberufen - wegen Pädophilieverdachts.

ala

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