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Auf der Wiesn

Oktoberfest Zu Hause ist es doch am schönsten

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Wann immer ich das Gejammer höre, das Gäubodenfest, der Wasen und sonstige Hintertupfinger Volksfeste seien ja so viel gemütlicher als die Wiesn, kann ich nur sagen: Falsch, wir haben diese Stimmung auch. Wir nennen es "Oide Wiesn" und zahlen extra Eintritt, um uns die Sauftouristen vom Leib zu halten, die im restlichen Wiesn-Wahnsinn umhertorkeln.

Die "Oide" liegt gut versteckt und eingezäunt hinter dem Riesenrad. Sie ist der historische Teil des Oktoberfestes. Ursprünglich nur zur Jubiläumswiesn 2010 aufgebaut, stürzten sich die von dem Festzelt-Wahnsinn erschöpften Münchner dermaßen darauf, dass sie ein fester Bestandteil der Wiesn wurde. Nur wenn alle vier Jahre das Landwirtschaftsfest gleichzeitig mit dem Oktoberfest stattfindet, ist kein Platz für die "Oide": Die Bauern haben die älteren Standortrechte. Dann gibt's Traktor-Rennen statt Traditions-Hudelei. Die echten Traditionsbetriebe auf der Wiesn, wie die Krinoline, die seit 90 Jahren Angesäuselte bei Blasmusik durch die Gegend schaukelt, atmen dann auf. Die "Oide" wirbt ihnen Kundschaft ab.

Tagsüber steuern die "Oide Wiesn" vor allem Eltern mit Kindern an, weil die Fahrgeschäfte hier nur einen Euro kosten, das macht die drei Euro Eintritt wieder wett. Aber neben Museumszelt, historischen Wurfbuden, Schiffsschaukeln, Autoscooter und Wellenflug gibt es auch zwei Festzelte. In einem geht's, wie der Name "Festzelt Tradition" schon verspricht, geruhsamer zu; im anderen darf sich die junge Volksmusikszene auf der Bühne austoben. Genau richtig für eine "Atemlos"-Pause.

Das "Herzkasperl-Festzelt" warb auch als erstes mit veganen Speisen - auf einem bayerischen Bierfest revolutionär. Hipster und Hippies, die ums Oktoberfest sonst eher einen Bogen machen, fühlen sich im "Herzkasperl" aufgehoben. Der Wirt heißt Beppi und trägt Jeans.

Mittlerweile hat die "Oide" so viele Fans gewonnen, dass die Schlange vor der Absperrung manchmal so lang ist wie der Freifallturm "Sky Fall" hoch. Heute zum Beispiel. Da noch von Geheimtipp zu sprechen - schwierig. Anscheinend ist am Tag der deutschen Einheit die halbe Republik mal eben in einen Zug Richtung München gestiegen.

Besucher auf der "Oide Wiesn": Ruhiger als anderswo Zur Großansicht
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Besucher auf der "Oide Wiesn": Ruhiger als anderswo

Alles einen Schlag langsamer

Es ist trotzdem ruhiger auf der "Oidn" als anderswo, für einen Bummel reicht der Platz allemal. Meine beste Freundin, eine erklärte Wiesn-Gegnerin, hat sich zu einem Besuch hinreißen lassen - und das ist äußerst hilfreich, weil wir uns gegenseitig die Reste vom Schoko-Erdbeer-Spieß aus dem Gesicht wischen können. Spätestens als wir uns für einen Euro im "Calypso" durchschleudern lassen, fühlen wir uns wieder wie Kinder. Auch wenn die "Oide Wiesn" eher der Zeit nachempfunden ist, in der unsere Großeltern Kinder waren. Es ist, als wären wir durch die Absperrung auch durch eine Zeitmaschine gegangen, das Jahrmarkt-Flair hat etwas Bezauberndes.

Die Zahl der Kik-Dirndl und Kostüme ist hier bemerkenswert niedrig, der Biergarten vom "Festzelt Tradition" bemerkenswert voll. Mit Müh und Not finden wir einen Platz, ein Augustiner aus dem Steinkrug gehört zum Nostalgie-Trip dazu. So wie hier alles einen Schlag langsamer läuft als auf der anderen Seite der Absperrung, die Musik, die Karussells, so läuft auch das Bier einen Schlag langsamer die Kehlen hinunter. Hier steht niemand auf dem Tisch und trinkt unter Gejohle auf Ex.

Die "Oide Wiesn" schließt eine Stunde vor dem Rest des Oktoberfests. Sollte man am nächsten Tag arbeiten müssen und nur für ein gemütliches Hendl-Essen hergekommen sein, gilt es jetzt, schnurstracks durch den noch tobenden Wahnsinn zum Ausgang seiner Wahl zu laufen. Dann hätte man einen gemütlichen, griabigen Abend gehabt und wäre zeitig im Bett.

Die beste Freundin aber zieht, angefixt vom Calypso, in Richtung Fahrgeschäfte der Kategorie "höher, schneller, weiter" wie ein Pferd mit Stalltrieb, mir treibt es kalten Schweiß auf die Stirn. Bis ihr Freund noch auftaucht und ich mich als Handtaschen-Halter anbieten kann. Die beiden wirbeln durch die Luft, ich trage die Handtaschen ein paar Schritte weiter zum Stamperl-Stand und sehe, was ich vermisst hatte: Pink blinkende Hasenohren. Sie sitzen auf dem Kopf einer Frau im rotem Dirndl, die wie ein Huhn mit abgeschlagenem Kopf hin und her rennt und an ihrem Stöckelschuh eine Klopapier-Schleppe nach sich zieht.

Ich fühle mich wie eine Urlauberin, die wieder nach Hause kommt. Dahoam ist dahoam.

3 Leserkommentare Diskutieren Sie mit!
rekursiv 03.10.2014
matteo51 04.10.2014
jakam 04.10.2014

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Zur Autorin
  • Laura Kaufmann/SPIEGEL ONLINE
    Laura Kaufmann, Jahrgang 1984 und gebürtige Münchnerin, wurde schon im Kinderwagen über das Festgelände geschoben. Jedes Jahr nimmt sie sich vor, nur gelegentlich privat auf die Wiesn zu gehen. Und jedes Jahr scheitert sie wieder an diesem Vorsatz.



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