Bürokratie-Irrsinn in Indien Ihre voraussichtliche Wartezeit beträgt 14 Stunden 

Als Student in Indien erfuhr Ole Witt, wie absurd die Bürokratie des Landes ist. In einem Fotoprojekt gibt er Einblicke in Amtsstuben, in denen jeder geschäftig tut, aber kaum etwas vorangeht.

Ole Witt

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Undurchsichtige Dienstwege, Berge von Papier und stundenlange Wartezeiten: Als Ole Witt in seinem Fotografie-Studium für sechs Monate in das westindische Ahmedabad ging, erlebte er, welch groteske Züge die Bürokratie in dem Land annimmt.

Die Hochschule sagte ihm kurz nach seiner Ankunft, er müsse sich bei der Polizei registrieren. Es folgte eine einwöchige Odyssee: Jeden Tag wurde Witt von Büro zu Büro geschickt, um immer wieder das gleiche dreiseitige Formular auszufüllen. Als er endlich mit dem richtigen Exemplar bei der Polizei vorsprach, sagt man ihm, er müsse sich gar nicht anmelden - dafür sei sein Aufenthalt drei Tage zu kurz.

"Jeder, der in Indien lebt, hat eine Geschichte über Erlebnisse mit der Verwaltung zu erzählen", sagt Witt. "Es ist ein großer Teil des täglichen Lebens." Er beschloss, diesem Phänomen nachzugehen und erforschte die Bürokratie an verschiedenen Stellen - von der Krankenhausverwaltung über die Kfz-Meldestelle bis zum Zollamt.

Die indische Bürokratie gilt als eine der schlimmsten in Asien. Premierminister Narendra Modi versprach bei seinem Amtsantritt 2014, sie zu vereinfachen und zu digitalisieren. "In großen Städten ist es auch nicht mehr so schlimm, aber auf dem Land schon, hier wird eigentlich nur Papier verwendet", sagt Witt.

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15  Bilder
In Indiens Ämtern: Aktenberge und Warteschlangen

Eigentlich herrscht in den meisten Ämtern ein striktes Fotografie-Verbot, doch als eingeschriebener Student kam Witt einfacher an Genehmigungen - aber nicht immer schnell. Als er in einem Amt in Jaipur anfragte, sagte ihm ein Beamter, er solle sich nur kurz hinsetzen und einen Tee trinken. Letztlich wartete Witt 14 Stunden.

Egal ob sie ein Auto anmelden oder den Wohnort gewechselt haben: Antragssteller müssen durch die Büros tingeln, unzählige Formulare ausfüllen, teils sinnlose Regeln befolgen - und beispielsweise Vordrucke per Hand ausfüllen, die später von einem Mitarbeiter digitalisiert werden müssen. "Reden bringt nichts, man muss einfach akzeptieren, dass es so lange dauert, wie es dauert", sagt Witt.

Vor Ort bekam der Fotograf Führungen durch die Amtsräume. Was dort jeweils gearbeitet wurde, war ihm selten klar. "Die Leute wirkten sehr beschäftigt - zumindest damit, so zu tun, als ob sie viel arbeiten müssen", sagt Witt. "Ich habe mir ihre Aufgaben auch mehrmals erklären lassen, aber ich habe es einfach nicht verstanden." Seine Fotos zeigen Aktenberge, die sich in Büros bis unter die Decke türmen, Ventilatoren, deren Kabel sich wirr durch das Büro schlängeln, improvisierte Schreibtische mit unzähligen Formularen.

"Dort funktioniert alles etwas anders"

In einem Kfz-Meldeamt stapelten sich unsortiert meterweise Fahrzeugakten, manche noch aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren - ohne erkennbares System. Witt fragte einen Mitarbeiter, was passiere, wenn jemand eine bestimmte Akten brauche. Die Antwort: "Dann stellen wir einfach jemanden ein, der ein paar Tage oder Wochen nach dem Dokument sucht." Ob das ein Witz sein sollte, weiß der Student bis heute nicht.

"Aus deutscher Sicht ist das nicht nachvollziehbar", sagt Witt. In Deutschland würden die Mitarbeiter effizienter arbeiten, die Abläufe seien viel nachvollziehbarer. Struktur und Ordnung seien allgegenwärtig. "Die Inder aber machen keinen Hehl aus ihrem Chaos."

Sie haben ihre eigenen Wege gefunden mit dem Behördenwahnsinn umzugehen: Laut dem Fotografen gibt es beispielsweise Leute, die direkt vor den Büros in Ämtern sitzen und gegen Geld bei Angelegenheiten helfen oder juristische Ratschläge geben. Was Witt während seiner Recherche in Indien gelernt hat? "Auf jeden Fall, geduldig zu sein."

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insgesamt 27 Beiträge
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jkleinmann 23.07.2018
1. Be Berlin.
Ich kenne die Bürokratie in Indien. Es fängt schon in der Drogerie an: Bei einem. Verkäufer auswählen, von dem zweiten einen Bon ausstellen lassen, bei dem dritten bezahlen. Und das in einem zehn Quadratmeter kleinen Laden mit einem großen Tresen. Aber was die (In-)Effizienz der Verwaltung angeht: Wer die langsamen Mühlen der Berliner Administration kennt, kann sich eigentlich nicht über Indien mokieren...
Georg_Alexander 24.07.2018
2. Ohne Bakschisch
ist die Wartezeit unendlich. Das ist die Lektion, die man in Indien lernt. Und nicht nur dort...
hisch88 24.07.2018
3.
Hierzu empfehle ich die von Indern erstellte "Dokumentation": https://www.youtube.com/watch?v=NuTsuzpjaWs
marcusf 24.07.2018
4. Indien Bashing
Es ist schon auffällig das sämtliche Artikel über Indien einen negativen Grundton haben. Ich lebe und arbeite seit einiger Zeit in Indien... und ja Bürokratie ist mitunter ein Problem, einiges in dem Artikel entspricht gewiss der Wahrheit. Es wäre aber ebenso fair und angemessen zu berichten dass zum Beispiel die Registrierung und Visa Verlängerung seit einigen Monaten vollständig online abläuft und ein Besuch im Amt oder Austausch von Papier nicht mehr notwendig ist. Es ist zum Beispiel auch erwähnenswert das Importe nicht mehr mehrere Tage oder gar Wochen im Zoll hängen sondern in der Regel innerhalb eines Tages bis maximal zwei Tagen den Zoll passieren. Und vieles mehr... Entsprechend hat sich Indien im letzten Ease of Doing Business Ranking um 30 Punkte verbessert. Leider passt das alles nicht in das Bild das so gerne vermittelt wird oder ist eben keine Schlagzeile wert ... doch wäre eine positivere oder ausgewogene Berichterstattung durchaus wünschenswert.
glissando 24.07.2018
5. Warum in die Ferne schweifen,
... wenn das Schlechte liegt so nah? In Hamburg wird man von der zuständigen Behörde belehrt: Ein KFZ sei unverzüglich umzumelden. Deshalb bekommt man dann den nächsten Termin in 10 Tagen. Humor hat man dort. Tagesterminr gibt wenige gegen geduldiges Anstellen. Gestern reichten bei mit 45 min vor Öffnung nicht: Kein Termin, dafür spät beim Job. Nun verdient ein Dienstleister an mir und dieser Misere. Lieber vor der eigenen Haustür kehren!
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