Hamburgs Bewerbung um die Sommerspiele "Olympia ist wie Bundesjugendspiele"

Hamburg soll sich für die Sommerspiele 2024 bewerben. Olympia-Veteran und Sportarzt Michael Tank sagt, warum die Hansestadt das jetzt einfach mal verdient hat.

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Michael Tank: "Hamburg verdient es einfach."
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Michael Tank: "Hamburg verdient es einfach."


"Olympia ist wie Bundesjugendspiele", sagt Michael Tank. "Du siehst die Leute aus den anderen Klassen, die du sonst nicht triffst." Tank, Mannschaftsarzt der Beachvolleyballer mit Praxis in Hamburgs Wohlfühl-Viertel Winterhude, sitzt in seiner Mittagspause beim Italiener um die Ecke, wo man satt aber nicht arm wird, wie er sagt. Er stippt Weißbrot in Aioli und sagt: "Hamburg verdient es einfach."

Michael Tank kennt die Spiele, war in Athen, Peking und London Teil des deutschen Olympia-Teams. Die Atmosphäre, der Zusammenhalt, die Spitzensportler - das alles würde er gerne in Hamburg erleben. Und zumindest dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) geht es genauso: Hamburg soll die Spiele 2024 nach Deutschland holen.

64 Prozent der Hamburger hätten Olympia gerne in ihrer Stadt. Es sind nicht die 70 Prozent plus X, die sich die Olympia-Befürworter so gewünscht hatten. Solides Interesse, für die Hanseaten Euphorie. Olympia an der Elbe ja, um jeden Preis nein. So sehen das hier viele, so sieht es auch Michael Tank. "Hamburg ist die kleine verkannte Metropole", sagt er. "Wir sind jetzt mal dran."

In Tanks Praxis hängt ein signiertes Foto der Goldmedaillengewinner von London im Beachvolleyball, Jonas Reckermann und Julius Brink. Tank, 54, graue Haare, rundes Gesicht, trägt bei der Arbeit Turnschuhe und weißes Poloshirt, auf den linken Ärmel ist die Deutschlandfahne genäht. Die Lesebrille baumelt an einem lila Band um seinen Hals.

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Tank ist einer, der oft "meine Jungs" und "wir" sagt, wenn er von Beachvolleyball-Profis und Olympiasiegern spricht. Seit 20 Jahren macht er das, Sportler bei Olympischen Spielen zusammenflicken. "Da haste alles", sagt er, blutige Blasenentzündungen, gebrochene Finger, Magen-Darm. "Keiner wusste, dass Jonas Reckermann zwei Tage vor dem Finale 39 Grad Fieber hatte."

Sein erstes Mal Olympia, das war 1992 in Barcelona. Da war er noch auf der Akkreditierung des ausgeschiedenen Hammerwerfers Claus Dethloff dabei, also nicht offiziell. "In der ganzen Stadt waren die Leute nett zueinander und für Olympia. Das hat mich nachhaltig beeindruckt." Das wünscht er sich für Hamburg.

Die Spiele am Wasser, der Schub für die Stadt

Tank ist ein fröhlicher Typ, der schnell ins Gespräch kommt, aus dem eine Geschichte nach der anderen sprudelt. Einmal, als er einen Kasten Bier für die Jungs organisiert hat. Damals, als sie ihn in Atlanta nicht durch die Sicherheitssperre ließen. 2012 in London, als er den Schiedsrichter verarztete, der im Beachvolleyball-Viertelfinale mit Kreislaufproblemen vom Hochstuhl geholt werden musste. Als Serena Williams in der Mensa des Olympischen Dorfs vom Nachbartisch herüberkam, um sich das Salz zu leihen.

Es sind Erlebnisse wie diese, weswegen Tank sich jetzt über die Bewerbung freut. Die Spiele am Wasser, der Schub für die Stadt. Einmal ziehen alle an einem Strang. "Es tut Hamburg gut, für bestimmte Zeit mal der Nabel der Welt zu sein." In den Köpfen, glaubt er, würden die Spiele etwas hinterlassen. Ein neues Selbstvertrauen, die Gewissheit: "Wir können doch!" Mit der Betonung auf doch.

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Können ist momentan noch nicht die Frage, sondern: Wie viel Unterstützung gibt es für die Bewerbung, wenn im Herbst bei einem Referendum die Hamburger Bürger befragt werden? Wenn für den Traum von Olympia ein Kostenvoranschlag vorliegt?

"Was soll das alles kosten?"

Aus Sicht von Olympia-Gegner Dirk Seifert wird spätestens dann Ernüchterung einkehren. Seifert ist Chef der Hamburger (N)Olympia-Kampagne, die gegen die Bewerbung wettert. Bisher sei Hamburg 2024 ein abstraktes Thema für die Menschen in der Stadt gewesen, Lichtjahre entfernt. Das ändere sich mit der Zusage des DOSB.

"Der Senat muss jetzt konkrete Angaben machen: Wie wird sich die Stadt verändern? Was soll das alles kosten?" Seifert will nicht als Sport-Hasser gelten, nicht als Miesmacher. Bei der Hamburger Bewerbung geht es aus seiner Sicht aber nicht um Sport, sondern um wirtschaftliche Interessen. Er fürchtet massive Umbauten, steigende Mieten, die Verdrängung von Bürgern und Gewerbe. Seifert will kämpfen: "Wenn der Senat unsere Sorgen nicht entkräftet, werden viele beim Volksentscheid nein sagen."

Selbst wenn Hamburg sich jetzt bewirbt, stehen die Chancen schlecht. Mitbewerber Boston gilt als Favorit, auch Teamarzt Tank will sich da keinen Illusionen hingeben: "Im Viertelfinale ist noch niemand Weltmeister geworden." Schade, sagt er. "Die Amerikaner können keine Stimmung, kein Flair, weil sie in Bezug auf Sicherheit paranoid erscheinen." Die vielen Kontrollen, die Überwachungskameras, die Zäune.

Beim Italiener in Winterhude bestellt Tank einen doppelten Espresso. "Wir sind Papst, wir sind Weltmeister. Die Leute wollen immer den großen Wurf - und das ohne Risiko. Aber man muss irgendwann mal 'ne Kröte schlucken, wenn man ankommen will."

Der Berliner Flughafen, die Elbphilharmonie - alle Großprojekte seien schwierig. "Aber bei Olympia gibt es eine Deadline." Das ist der Vorteil. Bis 2024 muss alles stehen.



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insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
seid-kritisch 17.03.2015
1. Was werden 99,9 % der Hamburger von Olympia haben?
Nichts! Und dieses Nichts können sie auch als TV-Konsumenten via Boston bekommen. Aber die restlichen 0,1% würden richtig Kohle machen. Dafür müssen sie nur die nützlichen "Idioten" mobilisieren. Olympia ist ein Dinosaurier der Unterhaltung. Mittlererweile gibt es bessere Formate. Ich schaue Olympia nur noch am Rande.
jiujoe 17.03.2015
2. Wie bitte?
Der Herr scheint in seiner Schulzeit stecken geblieben zu sein. Milliarden für die Erstellung der Sportstätten und weitere hunderte Millionen dann für die Unterhaltung einer Infrastruktur, die für zwei Wochen genutzt wurde dafür dass sich einige hundert Sportler treffen können? Das wäre angesichts der Probleme, die die Bundesländer und der Bund heute zu stemmen haben eine Unverschämtheit, vor allem, weil diese Milliarden wieder über den Finanzausgleich finanziert werden müssten. Olympia ist seit einigen Ausgaben reiner Kommerz, mit dem das IOC sich Milliarden in die Taschen schaufelt. Auf den Kosten belieben die Ausrichter sitzen. Die Leute (DOSB/Senat), die mit dem Geld anderer diese Veranstaltung ausrichten wollen, sollten sich z.B, einmal bei Montreal erkundigen, die Jahrzehnte rür die Ausrichtung der Spiele in 1976 abgezahlt haben.
dirk van appeldorn 17.03.2015
3. Lasst uns doch bitteschön einfach ein paar Mrd. verbrennen!
...sagt dieser Experte und zeigt uns ja auch gleich den Vorteil auf: wie toll es doch war, wenn Serena Williams sich im Olympischen Dorf am Nebentisch den Salzstreuer leiht. Und er gibt auch gleich das Rezept, wie man den Berliner Grossflughafen oder die Elbphilharmonie pünktlich fertiggestellt hätte. "Bei Olympia gibt es eine deadline. Da muss alles bis 2024 fertig sein." SO einfach ist das also... Man hätte bei den beiden Grossprojekten einfach eine deadline setzen müssen. ))) Na ja...und eines Tages muss eine Kalkulation vorgelegt werden (Aha: siehe London, das den Zuschlag auf der Basis einer 2.4 Mrd. Kalkiulation erhalten hat. Dass es am Ende dann 10 Mrd. waren, ist ja unerheblich. Und so werden wir auch in Zukunft betrogen werden, weil keiner der "Kalkulatoren" jemals zur Rechenschaft gezogen wird. Jeder NOlymia Mensch schaut nun gespannt auf Rio de Janeiro. Sieht man die momentane und sich täglich verstärkende Krise in Brasilien, so kann man davon ausgehen, dass die Wahrscheinlichkeit einer a) Absage oder b) einer extrem abgespeckten Version von Olympia doch recht hoch ist. Ich glaube daran, dass Hamburg DAGEGEN stimmen wird, auch wenn die dort ansässigen Medien (inkl. Spiegel) alles tun werden, damit Olympia nach Hamburg kommt... denn es wird ja die Zeit der Fettlebe für Journalisten.
storchentante 17.03.2015
4.
Hat Hamburg wirklich so viele Kapazitäten übrig? Gibt es keine andere Baustelle, die da bedient werden sollte? Von mir aus kann der ganze Zirkus Deutschland fern bleiben. Das gesparte Geld könnte man in die Bildung stecken...
nullneunelf 17.03.2015
5. Selten so gelacht
Der Homestory-Stil mit Weißbrot in Aioli und doppeltem Espresso wäre in der Z-Promi-Spalte der Bildzeitung bestens aufgehoben. Was soll der Blödsinn?
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