Onlinedating im Alter Wie späte Liebe funktioniert

Monika, 71, und Günter, 76, aus Bayern lernten sich vor zweieinhalb Jahren im Internet kennen - und versuchen es nun noch mal mit der Zweisamkeit. Klappt das?

Janek Stroisch/DER SPIEGEL

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Und die Liebe? Was ist mit der Liebe? Für Monika aus München kam sie als Mail. "Ich finde Ihr Bild sympathisch", schrieb Günter. "Wie können Sie mein Bild sympathisch finden, wenn es gepixelt ist?", antwortete sie.

Sie war jetzt schon eine ganze Weile bei Parship, der Onlinedating-Seite, bei der Fotos erst sichtbar werden, wenn man es dem anderen freigibt. Jetzt also Günter. Sie liest in seinem Profil: Schaut gern ins Gebirge, liebt Volksmusik und Kabarett. Alles schrecklich, dachte sie. Sie mochte Philosophie, Kunst, Reisen. Sie hatte sowieso schon die Hoffnung so gut wie aufgegeben mit 68, dachte, sie könnte sich ohnehin niemandem mehr zeigen im Badeanzug. Las dann doch weiter, sah sein Bild und entdecke hinter dem Motorradhelm zwei strahlende Augen.

Als er ihr geschrieben hatte, war er gerade aus dem Wirtshaus gekommen. Seine Frau ist seit zehn Jahren verstorben, und die drei geschiedenen Frauen vom Stammtisch hatten wieder nicht reagiert auf seine Offerten. Also hatte er spontan genug vom Alleinsein, setzte sich an den Rechner, googelte "Partnersuche", legte sein Profil kurz an und fand Monika, noch am selben Abend.

Liebe im Alter, gefunden im Internet: Geht das überhaupt?

Zwei Wochen später hatten sie sich das erste Mal getroffen, das war vor zweieinhalb Jahren, sie saßen sich in einem Wirtshaus gegenüber. Inzwischen waren sie schon in Indien, in Wien, in Paris, haben ihre Lieblingsbäume an der Isar und sprechen darüber, welch großes Glück sie hatten mit ihrer Alten-Liebe aus dem Netz.

Eine Studie sagt: Mehr als die Hälfte der Menschen über 50 sucht im Internet einen Partner. Zwei Drittel der über 65-Jährigen sind jeden Tag im Netz, schreiben Mails, recherchieren Dinge, oder sie finden eben jemanden, der auch allein war.

An diesem Tag ist Günter aus dem Landkreis in die Stadt gekommen, Monika wohnt zentral in München in einer Altbauwohnung mit hohen Decken und Kabeln, die noch auf der Wand liegen. Sie serviert Melone, geschnitten, und kleine silberne Gabeln. Er sitzt im Sessel im Wohnzimmer und sagt, er sei mittlerweile nur noch "halber Gast".

Er ist 76 jetzt, arbeitet noch ab und zu als Vermessungstechniker, er hat schon überall auf der Welt Straßen gebaut, in Afrika und in Arabien. Er ist ein ruhiger Typ, der sich gern anpasst, schick noch, mit vollem weißen Bart und Haar, dunkle Brille, kariertes Hemd. Er war 45 Jahre verheiratet, bis seine Frau plötzlich starb. Er hat eine Tochter. Er kam zurecht, war eh oft allein gewesen durch die Arbeit, aber er spürte auch, dass er wieder jemanden brauchte. Zum ersten Treffen mit Monika hatte er gleich die Zahnbürste dabei. Das ist einer der Vorteile einer Alten-Liebe. Sie ist ehrlicher.

"Es geht nicht mehr um Äußerlichkeiten, nicht mehr um Materialismus, um Status, dieser ganze Stress ist raus", sagt sie. Sie unternehmen auch nicht viel. Theater? Ausstellung? Gott sei Dank ist das vorbei. Sie sind froh, dass sie nichts mehr müssen, gehen spazieren, an den Fluss, in die Natur, zum Essen.

Sie ist eine große Frau, ihr Vater war Kulissenmaler, sie ist kreativ, trägt indischen Schmuck, einen Leinenblazer, ihre Haare sind grau und noch ein bisschen wild. Sie ist 71 Jahre, mit ihrem Mann, einem Inder, war sie 18 Jahre zusammen. Nach ihm suchte sie nach einer Weile des Verdauens überall einen neuen Mann, mit Mitte 40 noch auf der Straße, mit 50 im Internet und Kino, ab 60 im Netz.

Sie verabredete sich auch, aber einer der Männer wollte immer nur ins Museum, sonst nichts. Ein anderer gefiel ihr, sie sagte es ihm auch. Sie fand ihn sympathisch. "Sympathisch reicht nicht", erwiderte er. Das machte sie nachdenklich, und sie suchte von nun an anders. "Du brauchst doch gar keinen Mann. Du hast doch alles", sagten ihre Freundinnen. Klar hatte sie alles. Aber sie wollte auch Wärme. Sie wollte noch einmal mit einem Mann auf einer Bank sitzen und Händchen halten.

Janek Stroisch/DER SPIEGEL

Sie und Günter halten oft Händchen, küssen auf der Straße, an der Ampel, dass die Leute hupen und winken, und tun alles andere auch.

"Mir war Körperlichkeit wichtig", sagt er.

"Das wollte ich ja gar nicht, dass ich da noch mal einsteige! ", sagt sie. "Und jetzt bin ich überrascht, was noch alles machbar ist", sagt sie und lacht. "Wir haben Spaß."

Sie ziehen jetzt zusammen in die kleine Küche um, sie wollen einen Salat machen. Sie macht den Salat, er die Soße. Das ist der Deal. Er schneidet das Brot, behutsam Scheibe für Scheibe.

Also, was ist noch der Unterschied?

"Man will nicht mehr so viel", sagt er. "Früher waren mehr Vorstellungen, die eigentlich nicht real waren. Trautes Heim, Glück allein und so etwas. Es reicht heute, wenn es einfach schön ist."

Sie nickt.

Ihr war es wichtig, dass er auch "denkt". Dass sie nicht nur kochen und weiße Hemden bügeln sollte, denn das hätte sie auch nicht getan. Sie sagt, sie habe sich schon in der Ehe zu sehr nach dem gerichtet, was die Ehe verlangte, und nicht nach dem, was ihr Inneres verlangte.

Damals im Wirtshaus gaben sie sich zur Begrüßung direkt ein Bussi, umarmten sich, sie hatten ja schon viel Spaß gehabt mit den Mails und am Telefon. Dann redeten sie.

Um ihn zu prüfen, gingen sie später, also nur als Test, doch in eine Ausstellung, die eines spanischen Malers. Sie wollte wissen, ob er das Licht in den Bildern entdeckt. Er entdeckte das Licht nicht, aber die Büffel und ihre Kraft und die Gewalt der Natur. So hatte sie das Gemälde noch nicht gesehen. Das gefiel ihr. Sie sieht den Schmetterling im Baum, er das Blatt am Baum, das krank ist. Es gibt Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten.

Sie haben beide keine Enkel, sie waren beide in der Welt unterwegs, sie haben keine Angst vorm Älterwerden. Sie sehen sich an vier oder fünf von sieben Tagen in der Woche, an den anderen Tagen macht jeder seins. Sie wollen beide ihre Wohnungen behalten.

"Obwohl du schon gern hättest, dass wir einen Wohnsitz haben", sagt sie.

"Ja, aber ich gewöhne mich daran", sagt er.

Janek Stroisch/DER SPIEGEL

Wenn einer der beiden etwas nicht möchte, möchte es keiner. Sie haben das Wort "müssen" gestrichen aus ihrem Leben.

"Ich schwimme gern, er nicht. Muss er deshalb schwimmen? Nein!", sagt sie.

"Darin liegt jetzt die neue Herausforderung, dass wir aber dennoch zusammen Zeit verbringen", sagt er.

"Es ist ein tolles Experiment, dass ich nicht allein leben muss, um zu machen, was ich will", sagt sie.

Als sie das erste Mal zu ihm nach Hause fuhren, wollte sie zuerst an das Grab seiner Frau gehen. Sie wollte Guten Tag sagen und sich eine Genehmigung einholen. In seiner Wohnung stand sie plötzlich in seinem alten Leben. Die Pflanzen, die Möbel, die Tischdecken, die Fotos. Das war alles sie, seine frühere Frau. Sie setzte sich auf das Sofa und heulte, nicht, weil es sie verletzte, das alles zu sehen, sondern, weil es sie berührte, wie sehr alles nach einem glücklichen Leben aussah. Macht es einen Unterschied, ob jemand verwitwet ist oder geschieden?

"Eigentlich nicht", sagt er.

"Ich mag, dass er mich nicht mit ihr vergleicht. Er erzählt mir nichts, wo ich in Konkurrenz treten müsste. Und ich finde schön, dass er eine gute Ehe hatte. Das sind gute Energien."

Trotzdem wollte sie Veränderung. So hätte sie in der Wohnung nicht bleiben wollen. Sie räumten um, dekorierten neu. Das neue große Bett der beiden steht im früheren Büro. An den Wänden hängen jetzt auch Fotos von Monika.

Gibt es Ängste?

"Ängste kenne ich grundsätzlich nicht, aber Bedenken hätte ich, wenn diese Beziehung scheitern würde", sagt er.

Und sie?

"Weniger. Heute habe ich keine Existenzängste mehr. Ich frage mich auch nicht mehr: Wie komme ich an? Wer hat mich lieb? Meine persönliche Angst ist die körperliche Angst."

Wenn sie spazieren gehen, fällt ihr seit einiger Zeit das Laufen immer schwerer. Die beiden haben noch nicht darüber geredet, wie es wäre, wenn einer pflegebedürftig wäre. Sie dachte immer, sie ginge dann nach Indien und ließe sich pflegen. Es gibt jetzt neue, offene Fragen. Er dachte, er würde eines Tages neben seiner Frau im Grab liegen. Und jetzt? Jetzt wissen sie zumindest schon mal, dass sie durch dick und dünn gehen wollen. So viel haben sie beschlossen.

Kann das überhaupt noch mal Liebe sein im Alter?

"Dieses 'Ich kann ohne dich nicht leben', das ist nicht mehr. Es ist einfach schön, ein großes Glück. Ich hatte wieder Glück", sagt er.

"Es ist eine andere Liebe, eine, die ich noch nicht kenne. Sie ist wie alles im Alter, aber nicht mehr so aufregend", sagt sie.

"Es gibt mehr Ruhe, diese Liebe ist nicht fordernd. Dass es das gibt, konnte ich mir nicht vorstellen, das hat wohl auch mit dem Alter zu tun", sagt er.

Sie sitzen jetzt in der Küche am kleinen Tisch und halten wieder Händchen. Sie haben den Salat gegessen, räumen dann gemeinsam ab, er brüht einen Kaffee auf. Das kleine Fenster in der Ecke steht offen. Würde jemand von außen hindurchsehen und den beiden zusehen, müsste er denken, sie wären ein altes Paar.

Ist die Liebe im Alter zu empfehlen?

"Was hat man zu verlieren?", sagt er und küsst sie.

Sie sagt: "Jeder hat seine eigenen Erfahrungen gemacht, jeder sollte sich aber zumindest fragen, ganz generell: Was ist meine Freiheit? Was ist mit mir noch möglich?"



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