Organspendeskandal in Göttingen: "Dafür ist kriminelle Energie nötig"

Von Anna-Lena Roth und Simone Utler

Es ist einer der größten Organspendeskandale in der deutschen Geschichte: Am Uni-Klinikum Göttingen sollen in mindestens 25 Fällen Akten manipuliert worden sein, damit Patienten schneller operiert wurden. Im Zentrum steht der frühere Leiter der Transplantationschirurgie.

Universitätsmedizin Göttingen: Vorwurf der Bestechlichkeit gegen Ex-Oberarzt Zur Großansicht
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Universitätsmedizin Göttingen: Vorwurf der Bestechlichkeit gegen Ex-Oberarzt

Hamburg - Die Vorwürfe klingen unglaublich, doch sie scheinen sich zu bestätigen: Der frühere Leiter der Transplantationschirurgie am Uni-Klinikum Göttingen soll im großen Stil Krankenakten manipuliert haben. Er soll entscheidende Laborwerte dahingehend gefälscht haben, dass sie einen schlechteren Gesundheitszustand seiner Patienten belegten - damit diese bei der Organspende bevorzugt wurden.

Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt infolge eines anonymen Hinweises wegen Bestechlichkeit gegen den Mediziner, der seit November 2011 nicht mehr am Göttinger Uni-Klinikum arbeitet. Die Behörde ermittelt außerdem gegen drei Personen wegen des Vorwurfs der Bestechung: einen ausländischen Patienten sowie zwei Mitarbeiter einer Vermittlungsfirma für medizinische Dienste aus Nordrhein-Westfalen. Ingesamt überprüft die Staatsanwaltschaft 25 Fälle mit Unregelmäßigkeiten.

"Theoretisch wären die Akten von einer Person manipulierbar gewesen", sagte Martin Siess, der Leiter der Universitätsmedizin Göttingen. Dies sei allerdings höchst unwahrscheinlich, Zahl und Umfang der Manipulationen seien dafür zu groß gewesen. Ob in Göttingen Patienten gestorben sind, die auf der Empfängerliste weit vorn standen, aber wegen möglicher Manipulationen später oder überhaupt kein Spenderorgan erhalten haben, sei unklar.

Die "Auffälligkeiten" wurden laut Siess zunächst von der Bundesärztekammer festgestellt. Die Kammer habe in Göttingen die Warteliste von Patienten sowie die Liste der 2010 und 2011 erfolgten Transplantationen überprüft.

Nähere Einzelheiten zu den Patienten sind noch nicht bekannt. In einem Fall soll es sich nach Informationen der "Süddeutschen Zeitung" um einen ausländischen Patienten handeln, der bei einer Lebertransplantation bevorzugt worden sein soll. Einem Krankenhaussprecher zufolge hat der Mediziner gegenüber der Klinikleitung alle Vorwürfe bestritten. Die "SZ" berichtet, dass er für eine Stellungnahme nicht zu erreichen gewesen sei.

Laut Hans Lilie, dem Vorsitzenden der Ständigen Kommission Organtransplantation der Bundesärztekammer (BÄK), gibt es bislang keine Hinweise, dass der Mediziner Geld genommen und sich persönlich bereichert habe. Möglicherweise habe ein überzogenes Helfermotiv eine Rolle gespielt, denn die Bevorzugten seien teilweise normale Kassenpatienten gewesen, sagte Lilie NDR 1 Niedersachsen. Die BÄK habe eine Task-Force eingerichtet, um die Fälle aufzuklären.

"Lebertransplantationen finden nicht im Geheimen statt"

Die Deutsche Transplantationsgesellschaft (DTG) zeigte sich bestürzt über die Machenschaften in Göttingen, betonte aber, dass das Verfahren prinzipiell sicher sei. "Wir haben im Bereich der Organverteilung eine größtmögliche Transparenz", sagte Wolf Bechstein, Direktor der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie am Universitätsklinikum Frankfurt und DTG-Präsident. Die Organe würden nach Dringlichkeit und Erfolgsaussicht verteilt, Grundlage dafür sei der sogenannte Meld-Score, der aus nachvollziehbaren Laborwerten bestehe und mit dem Organantrag eingereicht werden müsse.

Nach Informationen der "Süddeutschen Zeitung" soll der Göttinger Arzt Laborwerte gefälscht haben, die für den Meld-Score ausschlaggebend sind. "Dafür ist schon kriminelle Energie nötig", sagte Bechstein. Er könne sich nicht vorstellen, wie das genau abgelaufen sein könnte. "Lebertransplantationen finden nicht im Geheimen statt, sondern in einem großen Team."

Zwar werde das Anmeldeformular von einer einzelnen Person ausgefüllt, aber im Allgemeinen im Team entschieden. Am Uni-Klinikum Frankfurt sei es beispielsweise im Falle einer Lebertransplantation üblich, dass die Chirurgen sich mit den Internisten abstimmen.

Organhandel und Transplantationstourismus

Der DTG-Präsident sprach sich deutlich gegen Organhandel und Transplantationstourismus aus. Damit seien Fälle von Patienten gemeint, die nie in Deutschland gelebt haben und nur zu dem Zweck kommen, hier ein neues Organ zu bekommen, und sich mit der Adresse eines Hotels oder einer Klinik auf die Organspendeliste setzen lassen.

An der Frankfurter Uni-Klinik beispielsweise würden solche Patienten nur dann operiert, wenn sie mit einem eigenen Lebendspender anreisten. Allerdings könnten fünf Prozent aller Transplantationen bei sogenannten Nicht-Residenten erfolgen, dies erlaube eine Regel von Eurotransplant. Die Stiftung ist für die Zuteilung von Spenderorganen in mehreren europäischen Ländern zuständig, darunter Deutschland. Erst im Juni hat der Bundesrat in Berlin das neue Transplantationsgesetz gebilligt. So soll die Zahl der Spender erhöht werden.

Die DTG kündigte bereits Konsequenzen aus den Fällen in Göttingen an. Künftig soll es eine Zusatzbezeichnung "Transplantationsmedizin" geben, für die Ärzte Nachweise über Kenntnisse und Fähigkeiten erbringen sollen. "Das schließt auch Kenntnisse über ethische Fragen ein", sagte Bechstein.

Auch die Göttinger Universitätsmedizin hat Konsequenzen gezogen. Die Transplantationsabteilung sei ganz neu strukturiert worden, sagte Sebastian Freytag aus dem Vorstand der Krankenhausleitung. "Wir haben das so ausgerichtet, dass eine Wiederholung undenkbar ist", sagte Freytag.

Mit Material von dpa und AFP

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insgesamt 47 Beiträge
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1. optional
firlefanzus 20.07.2012
Genau aus diesem Grund habe ich noch keinen Spendeausweis. Man setzt immer die ( oft nicht vorhandene ) ärztliche Ethik voraus. Dabei geht es meist nur um Kohle. Das erinnert mich an die Krankengeschichte von Herrn von Thurn und Taxis. Innerhalb kurzer Zeit ein zweites Spenderherz, wo andere ein halbes Jahr und länger warten. Zufall ?
2. überzogenes Helfermotiv eine Rolle gespielt, denn die Bevorzugten seien teilweise normale Kassenpatienten gewes
ossian 20.07.2012
lächerlich - und das bei unseren Ärzten...
3. Das ist doch ein normaler Vorgang,
gurrungu 20.07.2012
daß soetwas passiert!Denn seit Unikliniken ein Wirtschaftsbetrieb sind,muß den dort Tätigen etwas einfallen,um die Wirtschaftlichkeit zu sichern. Da werden auch schon mal Patientenverfügungen mißachtet(passiert an der Uni Duisburg-Essen),um die Maschinen länger laufen zu lassen. Der Nachteil solcher Vorgänge:Es passt nicht in die derzeitige Aktion,den Menschen klar zu machen,daß Organe gespendet werden sollen.
4. Angeblich
ossian 20.07.2012
Sei das doch gar nicht möglich. Bei einem Transplantationsbeauftragen, mehreren Ärzten die gegenzeichnen müssen und auch dem Pflegepersonal das die Blutwerte aufnimmt und überwacht.. Das scheint mir die Spitze des Eisberges zu sein. Und alle anderen Ärzte wollen nichts mitbekommen haben. Wo leben wir langsam...
5. Schön wärs ja ...
waldemar 20.07.2012
Zitat von firlefanzus... wo andere ein halbes Jahr und länger warten...
Jahrelang wäre wohl richtiger. Bei der Gelegenheit: Wer bis jetzt gezweifelt hat, ob er Organspender sein möchte: Jetzt weiss er warum (nicht) ...
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Organspende-Gesetze in Europa
Erweiterte Zustimmungsregelung
Der Verstorbene muss zu Lebzeiten, z.B. per Organspendeausweis, einer Organentnahme zugestimmt haben. Liegt keine Zustimmung vor, können die Angehörigen über eine Entnahme entscheiden. Entscheidungsgrundlage ist der ihnen bekannte oder der mutmaßliche Wille des Verstorbenen. Dieses Recht gilt in Deutschland, Dänemark, Griechenland, Großbritannien, Irland, der Schweiz und in den Niederlanden.
Widerspruchsregelung
Hat der Verstorbene einer Organentnahme zu Lebzeiten nicht ausdrücklich widersprochen, z.B. in einem Widerspruchsregister, so können Organe zur Transplantation entnommen werden. In einigen Ländern (Belgien, Finnland, Norwegen) haben die Angehörigen ein Widerspruchsrecht. Dieses Recht gilt in Belgien, Finnland, Italien, Luxemburg, Norwegen, Österreich, Portugal, Slowenien, Spanien, Tschechien und Ungarn.
Informationsregelung
Auch hier geht der Gesetzgeber grundsätzlich von einer Bereitschaft zur Organspende bei fehlendem Widerspruch zu Lebzeiten aus. Allerdings müssen die Angehörigen in jedem Fall über die geplante Entnahme unterrichtet werden. Ein Einspruchsrecht steht ihnen jedoch nicht zu. Dieses Recht gilt in Frankreich und Schweden.

quelle: deutsche stiftung für organtransplantation (dso); bundesministerium für gesundheit und soziale sicherung


DER SPIEGEL: Organspende