Organspendeskandal: Bahr fordert harte Strafe für betrügerische Ärzte

Der Transplantationsskandal von Göttingen und Regensburg sorgt für Empörung in der Politik. Gesundheitsminister Bahr fordert nun harte Strafen für Ärzte, die das Vergabeverfahren bei der Organspende manipuliert haben. "Sollte es Gesetzeslücken geben, müssen sie geschlossen werden."

Bundesgesundheitsminister Bahr: "Verhindern, dass Ärzte manipulieren können" Zur Großansicht
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Bundesgesundheitsminister Bahr: "Verhindern, dass Ärzte manipulieren können"

Hamburg - Der Bundesgesundheitsminister will künftig strikter gegen kriminelle Machenschaften bei der Vergabe von Spenderorganen vorgehen. "Die Gesetze in Deutschland sind klar formuliert. Versuche, sie zu umgehen, müssen mit aller Härte bestraft werden", sagte Daniel Bahr der "Bild"-Zeitung. Die Regeln von Bundesärztekammer, Eurotransplant und der Stiftung Organtransplantation seien klar. "Künftig muss aber verhindert werden, dass Ärzte manipulieren können", sagte der FDP-Politiker. Sollte es Gesetzeslücken geben, müssten die geschlossen werden.

Auslöser sind die Skandale um Organspenden an den Uni-Kliniken Göttingen und Regensburg. Die Staatsanwaltschaften ermitteln, ob im Zusammenhang mit Transplantationen Akten manipuliert wurden, um bestimmten Patienten bevorzugt Spenderorgane zu verschaffen - und ob das möglicherweise andere Wartende das Leben kostete.

Außerdem wurde in dieser Woche bekannt, dass bei der Vergabe von Spenderorganen in Deutschland immer häufiger ein Schnellverfahren angewendet wird. So wird mittlerweile etwa jedes vierte Herz und mehr als jede dritte Leber in einem beschleunigten Verfahren vergeben, das eigentlich nur für Sonderfälle gedacht ist.

Dafür gebe es klare Regeln, betonte Bahr. "Ist ein Organ nicht geeignet für den Empfänger, kann es einem anderen Menschen das Leben retten, anstatt ungenutzt zu bleiben." Das entscheide jedoch kein Arzt allein. "Es sind mehrere Kliniken und Eurotransplant eingebunden und alle Empfänger stehen auf der Liste."

Erstes Spitzentreffen in Berlin

Ärzte, Vertreter von Kliniken und Krankenkassen sowie weitere Experten kommen am heutigen Donnerstag auf Einladung der Bundesärztekammer zu einer Beratung über Konsequenzen aus dem Organspendeskandal zusammen.

"Was soll neu gemacht werden, was muss geändert werden?" Das ist nach Einschätzung der Deutschen Stiftung Organtransplantation die zentrale Frage des ersten Treffens. Der Medizinische Vorstand Günter Kirste sprach sich dafür aus, bei der Aufnahme eines Patienten auf die Warteliste für Spenderorgane verpflichtend einen zweiten unabhängigen Arzt einzuschalten.

Der Vereins BioSkop, der sich die kritische Beobachtung von Wissenschaft und Medizin zur Aufgabe gemacht hat, äußerte vor dem Treffen Zweifel am Reformwillen der beteiligten Akteure. "Im Transplantationswesen bleibt vieles im Dunkeln, denn hier herrscht das Prinzip einer sehr diskreten Selbstkontrolle", sagte Vereins BioSkop-Geschäftsführerin Erika Feyerabend. In den Prüfungs- und Überwachungskommissionen säßen Akteure mit eigenen Interessen bei der Transplantation. "Das ganze System ist völlig intransparent", kritisierte Feyerabend. Unabhängigkeit und Öffentlichkeit bei den Kontrollen müssten gesteigert werden.

Ärzte-Präsident Frank Ulrich Montgomery wirft dem Staat Versagen bei der Verfolgung von Regelverstößen vor. "In Regensburg hat ganz eindeutig die staatliche Ebene versagt", sagte er dem Deutschlandfunk. Es gebe einen Bericht, in dem alle Fehler und Verstöße gegen das Transplantationsgesetz benannt worden seien, die Ärzte selbst hätten aber keine Möglichkeit, dies zu ahnden. "Wenn wir also einen Straftatbestand beschreiben und dann der Staat hinterher nichts tut, aus welchen Gründen auch immer, dann läuft jede Kontrolle ins Leere", sagte der Ärzte-Präsident und plädierte für maximale Transparenz.

Bahr will mit allen Parteien beraten

Ende August sollen die Verantwortlichen bei Bahr zu einem weiteren Spitzentreffen zusammenkommen. Darüber hinaus kündigte der Minister für die Zeit nach der politischen Sommerpause einen Runden Tisch mit allen Parteien an. "Der Ruf nach staatlicher Organvergabe ist aber keine Lösung", sagte der Gesundheitsminister.

Der Grünen-Gesundheitsexperte Harald Terpe fordert eine Aussetzung der Organspendereform. "Die im Herbst in Kraft tretende Neuregelung der Organspende sollte ausgesetzt werden, bis wir den rechtlichen Rahmen für die Organisation der Organspende in Deutschland reformiert haben", sagte er der "Frankfurter Rundschau".

Nach langen Debatten war die Entscheidungslösung eingeführt worden. Bald sollen alle Bundesbürger nach ihrer Spendebereitschaft befragt werden.

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) fordert eine Reform der Finanzierung der Transplantationszentren. Statt wie bisher pro Fall abzurechnen, sollten die Zentren ein Jahresbudget bekommen, sagte Hauptgeschäftsführer Georg Baum der "Frankfurter Allgemeine Zeitung". Finanzielle Anreize fielen dann weg.

siu/dpa/dapd

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1. optional
matonaleh 09.08.2012
leider ist das ja kein wirklicher artikel zur sache, sondern wieder nur eine mixtur aus agenturmeldungen. hofberichterstattung kann man es wohl, wegen fehlendem autoren, nicht nennen. aber diese gespielte geschäftigkeit in allen artikeln im zusammenhang mit dem organspendeskandal, wo die ärztevertreter und gesundheitsminister als große helden im chaos konstruiert werden - gerne mit dem passenden bildmaterial - und die geradezu panische aufeinanderfolge von artikeln dieser machart, das ist sicher kein zufall
2. Pseudobetroffenheit
bert1966 09.08.2012
Die Rolle der Politik wäre es gewesen, geltende Bestimmungen zu überwachen und nach geltendem Recht zu beurteilen. Wo waren BMG und Staatsanwaltschaft im Regensburger Fall ?
3. Einzelfälle!
FunBaer 09.08.2012
Bevor die Ärztehetze jetzt hier wieder los geht: Ich bin fest davon überzeugt, dass es sich hier um ganz wenige Einzelfälle handelt. Bis jetzt ist von ZWEI Ärzten die Rede und viel mehr werden es auch nicht werden. In vielen Kommentaren hier wird immer von DEN Ärzten gesprochen, ohne zu beachten, dass es sich hier um Einzelfälle handelt. Jetzt deshalb auf das Spenden von Organen zu verzichten, seine Spendenbereitschaft zurück zu ziehen ist so ähnlich, als ob man nicht in den Badman-Film geht, weil in den USA ein Spinner bei ner Vorstellung Amok gelaufen ist.
4. Eid des Hippokrates? lol
Highfreq 09.08.2012
Zitat von sysopDer Transplantationsskandal von Göttingen und Regensburg sorgt für Empörung in der Politik. Gesundheitsminister Bahr fordert nun harte Strafen für Ärzte, die das Vergabeverfahren bei der Organspende manipuliert haben. "Sollte es Gesetzeslücken geben, müssen sie geschlossen werden." Organspendeskandal: Gesundheitsminister Bahr will harte Strafen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,849030,00.html)
Bahr hatte gestern noch an den Eid des Hippokrates erinnert, dem die Ärzte unterliegen. Vielleicht sollte man Herrn Bahr die augen öffnen und darüber informieren das 90% der Ärzte nur Arzt geworden sind wegen der Kohle, dem Ansehen und um vielleicht ein oder zwei Frauen mehr als der Durchschnitt aufzureissen. Der Eid...na ja, seht selbst.
5. einen direkten Nachweis
einsteinalbert 09.08.2012
darüber, dass ein Patient deswegen verstarb, weil ein Arzt ihn auf der Empfängerliste " zurücksetzte " ist kaum zu führen. Gleichwohl müssen alle Beteiligten Ärzte ohne wenn und aber mit sofortigem und lebenslangem Entzug der Approbation bestraft werden. Ärzte, welche aus rein monetären Gründen Gott spielen wollen, braucht niemand, weder hier in Deutschland noch sonstwo. Weg mit ihnen.
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Fragen und Antworten zur Organvergabe in Deutschland
Welche Organisationen sind an der Organvermittlung beteiligt?
1997 wurde ein Gesetz verabschiedet, das die Transplantationsmedizin in drei finanziell und organisatorisch unabhängige Bereiche aufteilt: Für die Organisation der Organspende ist die Deutsche Stiftung für Organtransplantation (DSO) zuständig. Die Vermittlung der Organe übernimmt die Stiftung Eurotransplant. Die eigentliche Übertragung des Organs auf den Empfänger findet in den bundesweit rund 50 Transplantationszentren statt.
Wie läuft die Zusammenarbeit?
Besteht bei einem Patienten der Verdacht auf Hirntod, vermittelt ein regionales DSO-Zentrum bei Bedarf unabhängige Neurologen für die Abklärung. Die Stiftung unterstützt die Ärzte außerdem bei der Klärung der Frage, ob der Patient einer Organspende zugestimmt hat oder ob seine Angehörigen dies tun. Dann werden die Daten des gespendeten Organs von der DSO an die Stiftung Eurotransplant übermittelt.
Was ist die Aufgabe von Eurotransplant?
Die Stiftung vermittelt gespendete Organe in sieben europäische Länder mit insgesamt 124 Millionen Einwohnern: Belgien, Deutschland, Kroatien, Luxemburg, Niederlande, Österreich und Slowenien. Eurotransplant sitzt in Leiden in Südholland und führt in ihren Wartelisten rund 15.000 Menschen. Zum Vergleich: 2010 wurden in Zuständigkeitsbereich von Eurotransplant knapp 7000 Lebern, Herzen, Lungen, Nieren und Bauchspeicheldrüsen gespendet und eingepflanzt.
Woher bekommt Eurotransplant seine Informationen?
Bei Eurotransplant läuft alles zusammen: die Daten der Menschen, die auf eine Transplantation warten, und die Daten der gespendeten Organe. Die Informationen über die Wartenden kommen von den Transplantationszentren, die Daten über die Organe von der DSO.
Hängt es vom behandelten Arzt ab, welche Informationen zu Eurotransplant gelangen?
Die Ärzte sind an die "Richtlinien für die Wartelistenführung" der Bundesärztekammer gebunden. Danach ist eine Organtransplantation medizinisch geboten, wenn Erkrankungen "nicht rückbildungsfähig fortschreiten oder durch einen genetischen Defekt bedingt sind und das Leben gefährden oder die Lebensqualität hochgradig einschränken". Weiter heißt es in den Richtlinien: "Die Gründe für oder gegen die Aufnahme in die Warteliste sind von dem darüber zu entscheidenden Arzt zu dokumentieren."
Was hat das mit Eurotransplant zu tun?
Entscheidend bei der Auswahl des geeigneten Empfängers sind die Dringlichkeit der Transplantation und die Erfolgsaussichten. Dafür wird etwa bei Lebertransplantationen aus Laborwerten der sogenannte MELD-Score berechnet. Er ist ein Maß für die Wahrscheinlichkeit des erkrankten Menschen, ohne Transplantation innerhalb der nächsten drei Monate zu sterben.
Wie ist es möglich, dass dabei geschummelt wird?
Dazu sagte der Präsident von Eurotransplant, Bruno Meiser, die Zuordnung der Organe sei jederzeit komplett nachvollziehbar. "Werden die Daten aber gefälscht übermittelt, ist auch Eurotransplant hilflos." Aus seiner Sicht kann aber ein Mensch allein nicht betrügen. "Irgendeinem Kollegen muss zumindest aufgefallen seien, dass Laborwerte unrealistische Schwankungen aufwiesen oder Werte nicht zueinanderpassten."

dapd
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