Organspendeskandal: "Das wird viele Menschen das Leben kosten"

Der Patientenbeauftragte der Bundesregierung warnt vor den Spätfolgen des Transplantationsskandals in Göttingen und Regensburg. Es werde Jahre dauern, das Vertrauen in die Organspende wieder herzustellen.

Hinweistafel in Göttingen: Vertrauen in die Organspende zerstört Zur Großansicht
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Hinweistafel in Göttingen: Vertrauen in die Organspende zerstört

Hamburg - Seit wenigen Tagen ist das neue Transplantationsgesetz in Kraft, es soll die Spendenbereitschaft der Deutschen erhöhen und damit zahlreiche Menschenleben retten. Doch ausgerechnet jetzt erschüttert der Skandal an den Universitätskliniken Göttingen und Regensburg das Vertrauen in die Organspende. "Was hier gemacht wurde, wird in Zukunft viele Menschen leider das Leben kosten", prognostiziert der Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Wolfgang Zöller.

Es werde garantiert Monate, wenn nicht Jahre dauern, um das Vertrauen in die Organspende wiederherzustellen, sagte der CSU-Politiker den Zeitungen der "WAZ"-Gruppe. Er forderte eine "hohe Strafe" für den verantwortlichen Arzt, wenn dessen Schuld bewiesen werde. Als Beispiel nannte Zöller einen Entzug der Zulassung als Mediziner. Eine staatliche Überwachung von Organspenden lehne er hingegen ab, stattdessen sei vor allem Transparenz notwendig.

Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr schloss Gesetzesänderungen nicht aus. "Wenn wir zu dem Schluss kommen, dass Lücken im Gesetz die Manipulationen in Regensburg und Göttingen erleichtert oder begünstigt haben, müssen wir handeln", sagte der FDP-Politiker den "Ruhr Nachrichten".

In Göttingen stehen der frühere Oberarzt sowie ein weiterer leitender Arzt im Verdacht, Akten manipuliert zu haben, um bestimmten Patienten eine schnellere Lebertransplantation zu ermöglichen. Geprüft wird auch, ob dies zum Tod anderer Menschen geführt haben könnte, die nicht zum Zuge kamen. Die Staatsanwaltschaften Braunschweig und Göttingen ermitteln in Dutzenden Fällen wegen Bestechlichkeit beziehungsweise wegen des Anfangsverdachts auf Tötungsdelikte.

Verdächtige kannten sich offenbar seit Jahren

Der Organspendeskandal berührt auch das Universitätsklinikum Regensburg (UKR), wo der 45 Jahre alte Ex-Oberarzt vor seiner Anstellung in Göttingen gearbeitet hatte. Nach UKR-Angaben waren 2005 jordanische Patienten illegal auf eine Warteliste für europäische Transplantationspatienten gelangt. Außerdem hatte der als hauptverdächtig geltende Oberarzt ohne Genehmigung eine Leber in Jordanien verpflanzt. Der Mediziner, der seit November vom Dienst suspendiert ist, bestreitet nach Angaben der Göttinger Klinik die Vorwürfe.

Inzwischen ist auch der Chef der Regensburger Chirurgie beurlaubt worden. Er soll als Vorgesetzter des beschuldigten Ex-Oberarztes möglicherweise seine Kontrollpflicht nicht ausreichend erfüllt haben. Wie die "Süddeutsche Zeitung" berichtet, kannten sich die beiden Männer schon lange: Sie hatten sich demnach bereits Mitte der neunziger Jahre an der Medizinischen Hochschule Hannover kennengelernt.

Als der Chefarzt in Regensburg den Lehrstuhl für Chirurgie übernahm, habe er den Ex-Oberarzt in seine Abteilung geholt. Beide seien von da an häufiger ins arabische Ausland geflogen, um dort zu transplantieren, heißt es in dem Bericht. Auch nachdem der 45-Jährige nach Göttingen wechselte, hätten die beiden gemeinsam noch zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten publiziert.

aar/dpa/AFP/Reuters

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1. Stichwort: "Fürst von Thurn und Taxis"
Ludwigsburger 06.08.2012
Zitat von sysopDer Patientenbeauftragte der Bundesregierung warnt vor den Spätfolgen des Transplantationsskandals in Göttingen und Regensburg. Es werde Jahre dauern, das Vertrauen in die Organspende wieder herzustellen. Organspendeskandal in Göttingen und Regensburg: Viele Opfer befürchtet - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,848384,00.html)
Spätestens, seit ein alter Promi innerhalb weniger Tage zweimal ein Spenderherz bekam, glaube ich sowieso nicht mehr an die Gerechtigkeit bei der Organvergabe.
2. ja, das war der Hammer, damals...
j.cotton 06.08.2012
Zitat von LudwigsburgerSpätestens, seit ein alter Promi innerhalb weniger Tage zweimal ein Spenderherz bekam, glaube ich sowieso nicht mehr an die Gerechtigkeit bei der Organvergabe.
...wurde von keinem der Medien wohl hinterfragt, zusätzliches Trauerspiel. Aber - war das nicht auch Regensburg? Die beiden Organe hätte man auch gleich durch den Wolf drehen können! - Ein Hohn für die (edlen) Spender zudem.
3. der Zorn trifft die Falschen
friedet 06.08.2012
Die Dummen bei diesem Skandal sind natürlich diejenigen, die auf ein Spenderorgan warten. Leider wird die Justiz wahrscheinlich die Schuldigen, die Ärzte, verschonen. Statt solche Verbrecher aus dem Verkehr zu ziehen wird es bei ein paar Geldstrafen bleiben. Den Patienten, die sich die Organe gekauft haben, kann ich nicht wirklich einen Vorwurf machgen. Auch sie warteten ja tatsächlich auf ein Organ, sie wurden von Ärzten ausgenutzt und verführt. Ich kann mich gut in deren Situation hineindenken und verstehen, wie schwer es ist, dieser Versuchung zu widerstehen. Leider trifft es die ganze Organspende, dabei sollte man vielleicht mal klarmachen, dass keine Organe verschwendet wurden. Alle Empfänger brauchten das Organ wirklich, sowas macht man nicht nur zum Spass. Das Vordrängen ist zwar moralisch sicher falsch, aber wie gesagt vielleicht verständlich.
4. Dann treiben sie halt ihr Unwesen weiter im Ausland
wortmannin 06.08.2012
Belangt wird von diesen Ärzten doch sowieso keiner. Beurlaubt? Vermutlich bei vollen Bezügen! Zu dumm, dass das aufgeflogen ist, gelt.
5. So ein Zufall!
efka 06.08.2012
Zitat von sysopDer Patientenbeauftragte der Bundesregierung warnt vor den Spätfolgen des Transplantationsskandals in Göttingen und Regensburg. Es werde Jahre dauern, das Vertrauen in die Organspende wieder herzustellen. Organspendeskandal in Göttingen und Regensburg: Viele Opfer befürchtet - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,848384,00.html)
Was meinen denn die Treudeutschen um was es denn geht beim ORGANHANDEL? Um praktizierte Menschlichkeit? Um Nächstenliebe? Es geht wie im ganzen Medizinsektor um GELD! Nicht um Gesundheit, denn das würde unser gesamtes System ad absurdum führen, wenn alle immer gesünder werden würden, dann würden sich die Pharma- und die Medizinindustrie ihre eigenen Gräber schaufeln. Wer zahlt am meisten - der ist der Chef. Die Tränendrüsen drückenden Aufschluchzer der Medizinlobbyisten und Ärztevertreter sind doch so was von lachhaft, genau so, wie die Verlautbarungen von der radikalen Aufklärung der Taten und der vehementen Forderung nach Schaffung von Gesetzen und Verordnungen um das Unrecht zu bekämpfen. In was für einer Welt lebt ihr denn alle? Und das doch bitte nicht erst seit ein paar Wochen? Die Schacherei geht doch schon immer so zu - ich erinnere nur an den RK (Rostes Kreuz) Skandal! Oder die 2000 jährige Geschichte der Kirche, die im Nahmen von Nächstenliebe und Christus mehr Menschen umgebracht hat in hunderten von Kriegen und Eroberungen … … und jetzt bitte nicht den Satz: "Schwarze Schafe gibt es doch immer und überall!" Das System stimmt nicht und fordert Lug und Trug! Ändern heißt die Devise - nicht Verschleiern! efka
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Organspende-Gesetze in Europa
Erweiterte Zustimmungsregelung
Der Verstorbene muss zu Lebzeiten, z.B. per Organspendeausweis, einer Organentnahme zugestimmt haben. Liegt keine Zustimmung vor, können die Angehörigen über eine Entnahme entscheiden. Entscheidungsgrundlage ist der ihnen bekannte oder der mutmaßliche Wille des Verstorbenen. Dieses Recht gilt in Deutschland, Dänemark, Griechenland, Großbritannien, Irland, der Schweiz und in den Niederlanden.
Widerspruchsregelung
Hat der Verstorbene einer Organentnahme zu Lebzeiten nicht ausdrücklich widersprochen, z.B. in einem Widerspruchsregister, so können Organe zur Transplantation entnommen werden. In einigen Ländern (Belgien, Finnland, Norwegen) haben die Angehörigen ein Widerspruchsrecht. Dieses Recht gilt in Belgien, Finnland, Italien, Luxemburg, Norwegen, Österreich, Portugal, Slowenien, Spanien, Tschechien und Ungarn.
Informationsregelung
Auch hier geht der Gesetzgeber grundsätzlich von einer Bereitschaft zur Organspende bei fehlendem Widerspruch zu Lebzeiten aus. Allerdings müssen die Angehörigen in jedem Fall über die geplante Entnahme unterrichtet werden. Ein Einspruchsrecht steht ihnen jedoch nicht zu. Dieses Recht gilt in Frankreich und Schweden.

quelle: deutsche stiftung für organtransplantation (dso); bundesministerium für gesundheit und soziale sicherung