Obdachlose in Hollywood Walk of Shame

Glamour trifft auf Armut: Rund 58.000 Menschen leben in Los Angeles unter freiem Himmel. Vor den Oscars versucht die Stadt, die Obdachlosen zu verdrängen. Was sagen die Betroffenen?

Sandra Sperber

Eine Multimedia-Reportage von und , Los Angeles


Daniel Moore weiß genau, was er will. Ein Drittel Kaffee, ein Drittel weiße Schokolade, ein Drittel Cappuccino. Sahne oben drauf, viel Zucker und Zimt, verrührt mit einem Bund schmaler Strohhalme.

Moore, 43, steht in einem Tankstellen-Shop in Hollywood, Ecke Fontain und Highland. Hier isst er, wenn ihm die Leute Geld geben. Zum Cappuccino nimmt er einen Enchilada Burger aus der Mikrowelle.

"Ich habe das Leben auf der Straße schon als Kind gelernt", sagt er.

Seit Jahren ist er obdachlos, einer von mehr als 58.000 in Los Angeles. Abgesehen von New York ist in keiner US-Stadt der Anteil von Obdachlosen an der Gesamtbevölkerung so hoch wie hier.

Die Behörden sehen in Männern wie Daniel Moore einen Imageschaden für die Stadt, gerade jetzt, wo die Welt auf Hollywood schaut. Seit Jahren versucht der Stadtrat, die Obdachlosen wenigstens während der Oscar-Woche loszuwerden, sie zu verjagen, umzuquartieren. Kosmetische Sozialarbeit als globale Imagepflege.

Daniel Moore im Video: "Die Polizei drangsaliert uns"

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In Hollywood ist der Kontrast dieser Tage am krassesten: Nur wenige Meter jenseits des roten Teppichs, über den die Stars am Sonntagabend zur Oscar-Gala staksen, hocken sie in Hauseingängen, an Straßenecken, im Schatten von Fikushecken.

Daniel Moore hat mit seinem Jugendfreund Chris Holmes unter einem Baustellengerüst Quartier bezogen. Ringsum ihre Habseligkeiten: Mülltüten, Koffer, Rucksäcke, ein alter Einkaufswagen.

Ein neuer Erlass des Stadtrats soll es nun der Polizei erlauben, den Besitz von Obdachlosen zu konfiszieren, sollte er offen herumliegen. Es soll eine Warnung ausgesprochen werden, danach blieben 24 Stunden Zeit, die Gegenstände wegzuräumen. Bisher sind es 72 Stunden. Konfiszierte Sachen, die in 90 Tagen nicht abgeholt würden, kämen in den Müll.

Chris Holmes im Video: "Vor den Oscars verschärfen sie die Regeln"

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"Hätte ich Geld, würde ich mein Zeug ins Lager tun", sagt Holmes, der früher eine Straße weiter auf die Hollywood High School ging, in eine Klasse mit dem Schauspieler Lawrence Fishburne. Doch so muss er alles mitschleppen.

Die "Lebensqualität" der Anwohner müsse gegen "die Rechte und Bedürfnisse der Obdachlosen" aufgewogen werden, sagte der städtische Staatsanwalt Mike Feuer, ein Demokrat, der den Erlass initiiert hat.

Travis Eberhard wurde bereits vertrieben. Der Abschnitt des Hollywood Boulevard an dem er gewöhnlich bettelt, ist wegen der Oscars gesperrt. Nun sitzt er in seinem elektrischen Rollstuhl auf der gegenüberliegenden Straßenseite. "Arbeitslos" steht auf dem Schild in seiner Hand.

Die Initiative der Stadtverwaltung richtet sich auch gegen Bittsteller wie ihn, trotzdem findet er die Idee gut.

Travis Eberhard im Video: "Es ist richtig, für Ordnung zu sorgen"

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Ein altes Reizthema: Das Hollywood & Highland Center, in dessen Dolby Theatre die Oscars stattfinden, wurde 2001 gebaut - ausgerechnet um die heruntergekommene Gegend zu aufzuwerten.

Trotz all der Touristenmassen und des Souvenirrummels hat das kitschig-kommerzielle Einkaufszentrum am Ende aber nicht viel verbessert.

Garry Mungeon, der mit einem Schild "Starving Artist" ("Hungernder Künstler") auf einer Mauer hockt, bleibt der "heißen Zone" am Hollywood Boulevard freiwillig fern. "Die wollen Geld verdienen", sagt der 53-Jährige. "Die wollen keine Obdachlosen vor ihrer Tür."

Garry Mungeon im Video: "Der Hollywood Boulevard ist ihr Baby"

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Gerade zu den Oscars sei die Polizei besonders aktiv: Er habe schon Festnahmen gesehen, "die kommen übers Wochenende woanders hin", vermutet er. "Und am Montag sind sie wieder da."



insgesamt 36 Beiträge
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mitverlaub 22.02.2015
1. Es ist eine Schande
für Amerika, ein Land, das sich in aller Welt einmischt, um dort seine "Demokratie" aufzudrängen und im eigenen Land verhungern Menschen oder müssen, weil sie arbeitslos sind, auf der Straße leben.
question2001 22.02.2015
2. System of shame
Man fragt sich immer wieder was eigentlich das vornehmste Ziel von Politik ist, ist es nicht da Zustände zu verbessern wo am meisten Leiden gelindert werden kann? Statt dessen werden die Bedingungen dort wo sie am angenehmsten sind noch angenehmer gemacht. Ein US-Milliardär hat mal kopfschüttelnd bemerkt dass er und seinesgleichen "wie Orchideen behandelt werden". Die dummdreiste Legitimation ist dass so indirekt auch am besten für die Ärmsten gesorgt wird, der "Trickle-Down-Effekt". Nur passiert es eben nie dass die Obdachlosen oder Verzweifelten die nur mit zwei Drecksjobs gleichzeitig einen Rest bürgerlichen Lebens aufrecht erhalten, verschwinden. Auch hierzulande ist Mutti ja die Mutti der "Leistungsträger", während die Armut zunimmt. Und die Weichen werden so gestellt dass sich daran auch demokratisch nichts mehr ändern lässt, siehe Griechenland.
karend 22.02.2015
3. Auch hier
Zitat von mitverlaubfür Amerika, ein Land, das sich in aller Welt einmischt, um dort seine "Demokratie" aufzudrängen und im eigenen Land verhungern Menschen oder müssen, weil sie arbeitslos sind, auf der Straße leben.
Auch in Deutschland leben zu viele Menschen auf der Straße - ganz zentral unter der S-Bahnbrücke Friedrichstraße z.B.
crazy_swayze 22.02.2015
4.
Zitat von karendAuch in Deutschland leben zu viele Menschen auf der Straße - ganz zentral unter der S-Bahnbrücke Friedrichstraße z.B.
Der Unterschied ist, dass in Deutschland keiner auf der Straße leben MUSS. Es gibt Sozialämter, jeder hat Anspruch auf Hartz 4 und ein Dach über dem Kopf.
Pfaffenwinkel 22.02.2015
5. Die Armut verstecken
Das ist nicht nur in den USA so. Sollte sich die Kluft zwischen Arm und Reich noch weiter vertiefen, wird es mit dem "Verstecken" der Armen aber schwierig.
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