Roadtrip durch den Osten Wie im Traum

Was bewegt Menschen im Osten Deutschlands? Ein Fotograf und ein Reporter sind dieser Frage auf einem Roadtrip nachgegangen. Was sie erfahren haben, hat ihren Blick auf die Region zwischen Sachsen und Sassnitz verändert.

Thomas Victor

Von und Thomas Victor (Fotos)


An der südlichsten Spitze von Sachsen stiegen der Fotograf Thomas Victor und ich in unseren alten Kombi und reisten auf der Bundesstraße 96 Richtung Norden. Wenn es uns danach war, legten wir einen Stopp ein und fragten die Menschen, wovon sie träumen. Wir wollten Ostdeutschland noch mal ganz neu kennenlernen.

Jetzt, einige Hundert Kilometer und viele Tage später, erreichen wir die Ostseeküste und schweben auf einer Hängebrücke über die Meerenge bei Stralsund rüber auf die Insel Rügen. Bald durchqueren wir den malerischen Ortskern von Sassnitz, der Hafenstadt im Nordosten. Im Schatten hoher Baumkronen finden wir das Ende der B96.

Wir parken, folgen einem Trampelpfad, springen eine Holztreppe hinab, hören die anbrandenden Wellen und erreichen den Strand. Vor uns liegt die Weite der Ostsee. Kurz stellen wir uns an die Wasserlinie. Dann lege ich mich auf die Steine, schaue in den Himmel.

Wie schön diese Recherche im oft verschrienen Ostdeutschland war. Und das nur, weil wir andere Fragen stellten, als die meisten anderen Journalisten, die herkommen. Auch, wenn das nicht immer so war.

Ihren Anfang nahm diese Reise vor zweieinhalb Jahren auf dem Dresdener Theaterplatz. Ich war aus Neugier da, denn dort trafen sich die Anhänger von Pegida jeden Montag. Ich mischte mich unter die zwanzigtausend Menschen, die schwarz-rot-goldene Fahnen schwenkten und skandierten: "Wir sind das Volk!" Und hetzte ein Redner gegen ein Mitglied der Bundesregierung, schrien sie: "Volksverräter!"

Als ich meine Kamera zückte, spuckte mir jemand in den Rücken.

Etwas später ging ich eine nahegelegene Straße entlang. Dort standen ein paar Typen, Studentengesichter, umklammerten Pappschilder, auf denen stand: "No Pegida!" Ich blieb stehen.

Plötzlich stürmte ein massiger Glatzkopf schreiend auf uns zu, drosch die rechte Faust dem Demonstranten neben mir ins Gesicht. Ich sah, wie der Junge mit dem Rücken auf den Asphalt schlug. Noch mehr Nazis preschten heran. Bullige Typen. Fleischgesichter. Kampfschreie. Ich drehte mich um und rannte in eine Seitengasse. An ihrem Ende sah ich einen Mann auf dem Bürgersteig kauern. Blut rann ihm von der Stirn. Er war Tunesier und nur deshalb niedergeschlagen worden.

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Auf der Rückfahrt zu meinem Wohnort Leipzig begriff ich: Die Menschen, die sich Montag für Montag auf dem Theaterplatz versammeln, hassen nicht nur Flüchtlinge und die Bundesregierung, sondern auch mich und meine Freunde und alles, wofür wir stehen: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.

Bis zu dieser Begegnung waren Sachsen und Pegida für mich nur ein fernes Rauschen gewesen. Ich wurde im westdeutsch behüteten Bonn geboren, war unpolitisch, bis die USA im Jahr 2003 in den Irak einmarschierten. Zum ersten Mal lief ich auf einer Demonstration mit. Später studierte ich Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt Naher Osten.

Nach meinem Abschluss 2011 zog ich nach Kairo und schrieb darüber, wie ägyptische Polizisten auf dem Tahrir-Platz mit Tränengasgranaten und Schrotgewehren auf Demonstranten schossen. Später berichtete ich über die Kriege in Syrien und Afghanistan und begleitete Flüchtlinge auf ihrem Weg über den Balkan. Nach einem Zwischenstopp in Deutschland wollte ich 2015 nach Athen und darüber berichten, wie das rigide Spardiktat die dortige Gesellschaft zerstörte.

Dresden änderte alles. Plötzlich schien es mir abwegig, in anderen Ländern zu recherchieren, ehe ich nicht begriffen hatte, warum es in meinem eigenen Land brannte. Also verwarf ich meine Athen-Pläne und zog nach Leipzig. Bei meinen Recherchen lernte ich Thomas, den Fotografen, kennen.

Reporter Raphael Thelen und Fotograf Thomas Victor
Thomas Victor

Reporter Raphael Thelen und Fotograf Thomas Victor

Wir wurden schnell Freunde, reisten gemeinsam durch Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern und suchten Antworten auf die Frage: "Woher kommt all die Angst, all die Wut und all der Hass?"

Wir hatten gut zu tun. Viele Redaktionen verlangten nach Reportagen, die das Klischee vom dumpfen, abgehängten Osten bedienten. Lange dachten wir: "Recht so!"

Doch immer wieder begegneten wir Menschen, die nicht in dieses Klischee passten. Ich fand diesen Widerspruch auch, wenn ich die regionale mit der überregionalen Presse verglich. In der "Sächsischen Zeitung", den "Potsdamer Neuesten Nachrichten" oder der "Freien Presse" entdeckte ich regelmäßig Berichte über kürzlich eingeweihte Produktionsstraßen, über neu erschlossene Baugebiete, über Unternehmen, deren Auftragsbücher überquollen und die auf Messen um Rückkehrer warben. Die überregionale Presse dagegen reproduzierte die ewig gleichen Stereotype und riss schale Witze über "blühende Landschaften".

Wir überlegten: Was würde passieren, wenn wir die Perspektive wechselten und die Menschen mal nicht nach ihrer Wut, ihrem Hass befragten, sondern nach ihren Träumen?

In der "Superillu", dem Klatschblatt mit Gespür für Ostdeutschland, hatte ich von der Bundesstraße 96 gelesen. "Große Freiheit Ost" wurde sie da genannt. Also pinnten Thomas und ich in unserem Büro in Leipzig eine Straßenkarte an die Wand und zeichneten die 520 Kilometer lange Strecke mit einem dicken Filzstift nach: Sie startet im Dreiländereck bei Zittau, führt durch die Lausitz, vorbei an den Plattenbauten von Hoyerswerda, durch die Weiten des Spreewalds ins pulsierende Berlin, wo sie sich kurzzeitig teilt und anschließend die langgezogenen Dörfer Brandenburgs durchquert, sich durch die Mecklenburgische Seenplatte und an Neubrandenburg vorbeischlängelt, bevor sie die Ostsee erreicht und vor Rügens Kreidefelsen mit ihren traumhaften Ausblicken endet.

Wir entschieden, dass wir diese Strecke abfahren werden, um die Menschen nach ihren Träumen zu fragen. Dies sollte eine Reise quer durchs Land und zugleich eine Expedition in den Nahbereich, in die Seelen der Menschen werden.

Doch gehen Träume über das hinaus, was möglich ist, und darin liegt ihre Ambivalenz. Wenn große Träume platzen, führt das nicht selten in den Albtraum. In der DDR drückte sich die große gesellschaftliche Hoffnung in dem Lied "Brüder, zur Sonne, zur Freiheit" aus. Wer jedoch im Schatten der Mauer von Sonne und Freiheit träumte, wachte zuweilen in finsteren Gefängniszellen auf. Die friedliche Revolution sollte dann eigentlich den Traum von Freiheit erfüllen. Stattdessen entfesselte sie den freien Markt, der Fabriken verschlang, Arbeitsplätze zerstörte und Lebenspläne vernichtete.

Doch dieses Trauma lag über ein Vierteljahrhundert zurück und so vertrauten wir unserem Reporterinstinkt, brachen mit der Unsitte, Geschichten am Schreibtisch zu recherchieren, notierten uns nur ein paar Namen, Orte, Termine, packten Kameras und Notizbücher in unsere Taschen, und an einem sonnigen Morgen starteten wir von Leipzig aus in Richtung Süden.

Zweifel überkamen mich: War unsere Fragestellung in Zeiten wie diesen nicht zu leichtgewichtig? Durfte man im Schein brennender Flüchtlingsunterkünfte über Träume plaudern? Aber auch: Unterstützen wir Journalisten mit unserer Faszination für die dunklen Seiten Ostdeutschlands dann nicht rechtsgesinnte Demokratiefeinde? Erschaffen wir mit unseren Berichten nicht vielleicht eine Realität, die es so gar nicht gibt?

Nach zweieinhalb Stunden Fahrt parkten wir den Wagen und stiegen aus. Bienenkorbförmig ragte vor uns der Berg Oybin empor. Auf dem Hochplateau stand eine Klosterruine, ihre gotischen Fensterbögen schauten aufs Land. Caspar David Friedrich hatte hier sein Gemälde "Der Träumer" gemalt. Wir wollten uns diese Aussicht nicht entgehen lassen, stiegen die 124 Stufen des Kirchturms hinauf, sahen ein malerisches Dorf und bewaldete Täler, die sich bis zum Horizont zogen, und wussten: Dahinter lagen noch mehr Dörfer und Städte, da lebten Menschen und ihre Geschichten, alles verbunden durch die B96. Sie wartete auf uns.

So wie bei jedem guten Roadtrip sollte es uns nicht darum gehen anzukommen, sondern darum, unterwegs zu sein und unsere Neugier zu befriedigen: Wird diese Reise unseren Blick auf Ostdeutschland verändern?

Auf Rügen am Strand weiß ich die Antwort. Es war vielleicht klar, dass sich unser Blick verändern würde. Aber wie, das hat uns doch überrascht und das liegt an den Menschen, denen wir begegneten. Einige dieser Begegnungen gehen mir durch den Kopf.

Am ersten Tag unseres Roadtrips fuhren wir zu einer Gedenkfeier anlässlich der Befreiung vom Nationalsozialismus in Zittau. Ein kleiner Ort in Südsachsen, in dem früher Neonazis ihren Judenhass feierten. Wir trafen Oberbürgermeister Thomas Zenker. Während ich mich mit ihm unterhielt, sagte er, dass er eine Träne verdrücken werde, wenn am Dreiländereck zwischen Deutschland, Tschechien und Polen eine Brücke gebaut wird.

Fotostrecke

25  Bilder
Foto-Reportage: Unterwegs in Zittau

Er sagte auch, dass die Brücke keinen verkehrstechnischen Nutzen haben werde, wofür er sich nicht schämte, denn er hat begriffen: Angst, Wut und Hass sind irrational, man kommt ihnen selten mit Argumenten bei. Deshalb setzt er diesen Emotionen die Brücke als Symbol für den Traum von einem vereinten Europa entgegen. Das klingt in der Theorie hochtrabend. Er gewann damit ganz praktisch seinen Wahlkampf.

Ich muss an den Tagebauort Welzow denken, den wir besuchten: Das Zusammenleben dort wird in dem Maße zerstört, wie die Kohlebagger das Erdreich zerpflügen und der Bergbaukonzern sich bereichert, ohne die Menschen wirklich teilhaben zu lassen. Viele verlassen den Ort. Ich wäre wahrscheinlich auch schon weg. Nicht so Gundi Jentsch, die ein Hotel in der Ortsmitte betreibt, und Michael Stranz, der seinen Fußballverein am Leben erhält. Sie kämpften für ihren Ort und sorgten so dafür, dass Menschen sich trafen, sich austauschten, gemeinsam in Erinnerungen schwelgten und Ziele verfolgten.

Dabei ist Welzow wirklich kaputt. Es gibt nicht viel Grund zu hoffen, dass das Morgen besser wird als das Heute. Man könnte die beiden also für naiv halten. Ich bewunderte, dass sie durchhielten und auf ihre Art Brücken bauten.

Unterdessen arbeitet der Unternehmer Hagen Rösch daran, dass Welzow über die Kohle hinaus eine Zukunft hat. Und das auch noch, indem er der zerstörerischen Kohle ein Gaskraftwerk und Solarzellen entgegensetzt. Klar, er mag das Geld, das er damit verdient, seinen glänzenden Audi TT. Aber besonders stolz ist er auf etwas anderes: darauf, dass er achtzig Menschen eine Arbeit gibt.

"Individualität ist alles"

Eine inspirierende Begegnung war Werner Karma, der die Lieder für Silly, die erfolgreichste Rockband der DDR, schrieb. Er erzählte, wie er in der DDR unter Menschen gelebt habe, die soffen und sich prügelten wie zu allen Zeiten, die aber auch sanft und stolz waren, weil sie in einer solidarischen Gesellschaft lebten, die gemeinsam vorangekommen sei, wie ein großes Rad. Für mich klang das verheißungsvoll.

Werner Karma
Thomas Victor

Werner Karma

Dass unter dem Rad auch einige Menschen zermalmt wurden, das tat Karma ab. So sei das halt gewesen. Es fiel mir schwer, sein Schulterzucken zu akzeptieren. Zu viele Menschen wurden im vergangenen Jahrhundert für große Ideologien geopfert.

Der Leitsatz unserer Zeit, "Individualität ist alles", war einst als Gegenmittel dazu gedacht. Jedem Einzelnen sollte Toleranz entgegengebracht werden.

Karma meint, der Kapitalismus habe dieses Prinzip gekapert und die Solidarität der Menschen untereinander zerstört. Heute gelte: Jeder ist seines Unglücks Schmied. Das vernichte genauso viele Menschen wie einst die Stasi in der DDR. Die Opfer des Systems würden heute bloß nicht im Knast in Hohenschönhausen landen, sondern unter der Brücke. Hinfällig, zerlumpt, hohlwangig. Ich glaube, damit hat er Recht.

Eine traumlose Gesellschaft?

Die Toleranz gegenüber anderen ist zur Sucht nach Distinktion und Individualität verkommen. Manchmal macht uns das einsam, oft gleichgültig gegenüber dem Leid anderer.

Ich glaube aber auch, dass Karma Unrecht hatte, als er zum Abschied sagte: "Diese Gesellschaft ist traumlos." Viele meiner Freunde stoßen sich an der gesellschaftlichen Gleichgültigkeit und träumen von einem besseren Zusammenleben. Und viele Menschen, die wir unterwegs trafen, für die an dieser Stelle leider der Platz fehlt, um sie alle zu beschreiben, machen bereits Schritte in diese Richtung. Vielleicht schlummert am Schnittpunkt zwischen Solidarität und Toleranz also noch ein neuer gesellschaftlicher Traum und wir müssen uns bloß trauen, ihn zu träumen.

Und noch etwas habe ich gelernt auf dieser Reise: dass Ostdeutschland weit besser ist, als sein Ruf, dass es einen frischen Blick braucht, dass es dort nur so wimmelt von inspirierenden Menschen, von Machern und Träumern, die sich für unsere Gesellschaft einsetzen und sie bereichern. Ich jedenfalls hätte diese Wochen nirgendwo sonst verbringen wollen.



insgesamt 28 Beiträge
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Seite 1
toninotorino 31.03.2018
1. Klasse !
Deswegen schmökere ich gerne im Spiegel bzw. SPON, weil es immer wieder Berichte wie diesen gibt, die einen überraschen und neue Perspektiven auf scheinbar feststehende Tatsachen geben. Toll.
only4tom1 31.03.2018
2. Danke
für einen unvoreingenommenen Artikel über den östlichen Teil Deutschlands.
Bernie74 31.03.2018
3.
Wenn sie eine Gegend kennenlernen wollen, kratzen sie per Strasse und Auto nur etwas an der Oberfläche. Wenn sie tiefer eintauchen wollen, geht das nur zu Fuss oder mit dem Fahrrad. Da lernen sie die wirklich schönen und schrägen Seiten kennen und die Menschen beginnen zu erzählen. Ich sage nur: "Die DDR lebt noch - und ich bin dort jeden Sommer mit dem Fahrrad dort unterwegs."
ichbinsdiesusi 31.03.2018
4. Nett geschrieben...
...aber was soll ich diesem Artikel entnehmen? Dass es zwischen der medialen Sicht und der Realität Grautöne gibt, nicht alle gleich sind, dass es DEN ostdeutschen Nazi nicht gibt, nichtmal in Sachsen und McPomm? Jeder halbwegs normale Mensch sollte das eigentlich wissen und jeder, der beide Seiten kennt (erst recht Nachwende-Geborene) weiß es sowieso. Nur gibt es neben DEM ostdeutschen Nazi auch den typischen "Ich war zwar noch nie im Osten, aber..."-Wessi und vielleicht ist är den letztgenannten gerade dieser Artikel hilfreich. Allerdings wohl auch nicht wesentlich. Insofern: Danke für diesen Artikel! Nur bitte dann auch mehr davon und nicht morgen wieder den üblichen DER Osten -Artikel.
ptb29 31.03.2018
5. Es zeigt sich,
dass man, bevor man eine Region beurteilt, auch einmal dort gewesen sein sollte. Ich habe beruflich oft mit Menschen zu tun, die glauben, den Osten beurteilen zu können, obwohl sie noch nie dort waren. Und eine Klassenfahrt nach Berlin ist kein Besuch im Osten. Die Mauer ist vor 29 Jahren gefallen, die Mauer in den Köpfen noch nicht.
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