Oxfam-Skandal "Es gibt nichts Würdeloseres und Unehrlicheres"

Orgien mit Prostituierten, Erpressung Hilfsbedürftiger: Oxfam-Mitarbeitern werden schwere Verfehlungen vorgeworfen. Der Druck auf die Hilfsorganisation wächst, Unterstützer - auch prominente - wenden sich ab.

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Von Sascha Zastiral, London


Fällt dieser Tage in England der Name Oxfam, denkt wohl kaum jemand mehr an humanitäre Hilfe, Bildungsprogramme in Entwicklungsländern oder den Kampf gegen Armut. Eher schon an Orgien mit Prostituierten in Krisengebieten oder Erpressung von Menschen, denen eigentlich geholfen werden sollte. Ständig werden im Zuge eines Sexskandals neue Vorwürfe gegen die Organisation und ihre Vertreter bekannt. Die Folgen sind schon jetzt verheerend - zumal sich immer mehr Unterstützer lossagen.

Als erste prominente Oxfam-Unterstützerin legte nun Schauspielerin Minnie Driver ihren Posten als "Botschafterin" der Organisation nieder. Sie sei traurig und entsetzt, weil Menschen, die entsandt worden seien, um Betroffenen zu helfen, Frauen benutzt hätten, schrieb Driver. "Und ich bin entsetzt angesichts der Reaktion der Organisation, die ich unterstützt habe, seit ich neun Jahre alt war."

So sehr wie die Unterstützung Prominenter dürfte der Organisation das Geld enttäuschter Spender fehlen. Mehr als 1200 Personen haben mittlerweile ihre monatlichen Zahlungen an die Organisation eingestellt. Mehrere Firmen, die Oxfam unterstützen, ließen wissen, dass sie ihre Zusammenarbeit mit der Organisation überprüfen.

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Oxfam-Skandal: Hilfsorganisation in der Krise

Die Vorwürfe wiegen schwer: Berichten zufolge kam Oxfam 2011 in einer Untersuchung zu dem Schluss, dass einige Mitarbeiter nach dem schweren Erdbeben auf Haiti Sex mit möglicherweise minderjährigen Prostituierten hatten und weitere Mitarbeiter mobbten und bedrohten.

Doch anstatt die Vorwürfe öffentlich zu machen, hat Oxfam offenbar versucht, sie zu vertuschen, was die Organisation bestreitet. Vier der Beschuldigen wurden entlassen, drei weitere durften kündigen. Was den Männern konkret vorgeworfen wurde, behielt die Organisation für sich. Haitis Behörden ließ Oxfam ebenfalls im Dunkeln.

Einer der Beschuldigten, der damalige Landesdirektor Roland van H., hat dem Bericht zufolge zugegeben, dass er in einer von Oxfam angemieteten Villa Sex mit Prostituierten hatte. Die damalige Oxfam-Geschäftsführerin Barbara Stocking bot van H. Berichten zufolge damals einen "ehrenvollen Rücktritt" an, weil eine Entlassung das Ansehen und die Arbeit der Organisation hätte beschädigen können.

Regierung und EU drohen mit Streichung von Fördergeld

Nun ist der Schaden für Ansehen und Arbeit von Oxfam erst recht da. Die Vergangenheit hat die Organisation eingeholt, der Skandal die Führungsriege erfasst. Oxfam-Geschäftsführer Mark Goldring wird sich vor einem Parlamentsausschuss zu den Vorwürfen äußern müssen. Seine Stellvertreterin, Penny Lawrence, ist zurückgetreten. Die britische Regierung und die EU drohen damit, Fördergelder zu streichen. Die Charity Commission, die Hilfs- und Entwicklungsorganisationen überwacht und reguliert, hat Ermittlungen gegen Oxfam eingeleitet.

Entwicklungsministerin Penny Mordaunt kündigte rechtliche Konsequenzen an. Sie werde sich am Donnerstag mit Vertretern der Strafverfolgungsbehörde National Crime Agency treffen, um die weiteren Schritte zu besprechen, sagte die Ministerin. "Während die Ermittlungen abgeschlossen werden und mutmaßliche Kriminelle strafrechtlich verfolgt werden müssen, ist klar: Die Kultur, die es erlaubt hat, dass das passieren konnte, muss sich wandeln."

Und auch die haitianische Regierung fordert Konsequenzen. Präsident Jovenel Moise bezeichnete die Vorwürfe als "ernsthafte Verletzung der Menschenwürde": "Es gibt nichts Würdeloseres und Unehrlicheres", sagte er, als wenn ein Sextäter während einer humanitären Krise Hilfsbedürftige in einem Moment ausnutze, in dem sie schutzlos seien. Tatsächlich sollen Oxfam-Mitarbeiter in Krisengebieten Sex als Gegenleistung für Hilfe gefordert haben.

"Es herrscht Angst, dass das Ansehen der Organisationen beschädigt wird"

Mit diesen Worten dürfte auch Roland van H. gemeint sein. Wie der "Guardian" berichtet, soll er schon früher wegen ähnlichen Fehlverhaltens einen Posten verloren haben. Bereits 2004 habe van H. eine Stelle bei der britischen Organisation Merlin aufgeben müssen, weil er während seiner Arbeit im westafrikanischen Liberia Dienstleistungen von Prostituierten in Anspruch genommen haben soll. Van H. arbeitete anschließend im Tschad und in Haiti.

Die Organisation Action Against Hunger, die van H. nach dessen De-facto-Herauswurf bei Oxfam beschäftigte, erhob schwere Vorwürfe: Oxfam habe auch sie darüber im Dunkeln gelassen, was dem früheren Mitarbeiter zur Last gelegt wurde.

Die Stand-up-Komikerin Shaista Aziz äußert in einem "Guardian"-Artikel ebenfalls schwere Kritik. Aziz arbeitete 15 Jahre lang für Hilfsorganisationen, auch für Oxfam. Sie schreibt, die jüngsten Enthüllungen hätten sie nicht überrascht. "Unter Organisationen weltweit grassiert eine Kultur von Mobbing, Belästigungen und Rassismus."

Aziz beschwerte sich nach eigenen Angaben bei mehreren Organisationen über das Fehlverhalten von Kollegen - und musste zusehen, wie nichts geschah. Die schwerwiegenden Probleme innerhalb von Hilfs- und Entwicklungsorganisationen seien bekannt, schreibt Aziz weiter, würden aber totgeschwiegen. "Es herrscht Angst, dass - wenn wir die Wahrheit sagen - das Ansehen der Organisationen beschädigt wird."

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