Pädophiler Peter H. "Er predigte Wasser und trank Wein"

Ein Missbrauchskandal verstört ein Dorf: Peter H. predigte lange im bayerischen Garching - obwohl er ein verurteilter Kinderschänder ist. Viele erinnern nun an Verdachtsmomente gegen den Pfarrer, der unter Joseph Ratzinger ins Erzbistum versetzt wurde. Wirklich verfolgt wurden sie nie.

Franziskanerkirche in Bad Tölz: Hier predigte Pfarrer Peter H. seit Herbst 2008
DDP

Franziskanerkirche in Bad Tölz: Hier predigte Pfarrer Peter H. seit Herbst 2008

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Hamburg - Seine Eltern wollten, dass er Ministrant wird. Weil sich das einfach gehört in einer Gemeinde wie Garching an der Alz in Oberbayern mit gerade mal 8500 Einwohnern. Wer hier katholisch ist, geht traditionell sonntags in die Kirche, zur Kommunion und zur Beichte, lässt sich firmen. Besonders stolz sind Eltern, wenn die eigenen Kinder auch noch Messdiener werden. Also wurde auch Stefan Angerer* Ministrant - unter den Fittichen von Pfarrer Peter H.

Seine Cousine Andrea Sorg* erinnert sich, wie er dann eines Tages seiner Mutter sagte: "Immer küsst uns der Pfarrer auf den Mund. Ich will das nicht!"

Christine Unger* erzählt, wie der Sohn ihrer Freundin den Religionsunterricht von H. verlassen und sich mit dem Ärmel seines Pullovers den Mund abgewischt habe. "Pfui Deifi, jetzt hat mich die Sau schon wieder auf den Mund geküsst!", habe der Junge gesagt.

Peter H. ist jener Pfarrer, durch den der Missbrauchskandal in der katholischen Kirche mit dem Namen Joseph Ratzinger in Verbindung kam. Der gebürtige Gelsenkirchener H. war in den achtziger Jahren wegen Missbrauchs ins Erzbistum München-Freising versetzt worden, als der heutige Papst dort noch Erzbischof war - mit offizieller Zustimmung und in Kenntnis der Vorgeschichte. Er verging sich wieder an Kindern, zwischen 1982 und 1985. 1986 wurde er verurteilt. Und dann im November 1987 als Seelsorger nach Garching versetzt.

Dass er vorbestraft war, wurde den Garchingern nicht gesagt. Auch nicht, dass ihm die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen strikt untersagt war. Pfarrer H. hielt sich auch nicht daran. 21 Jahre lang arbeitete er als Religionslehrer, fuhr mit Schülern ins Landschulheim, betreute Ministranten, aktivierte einen Jugendclub. Erst im September 2008 wurde er als Kur- und Tourismuspfarrer eiligst nach Bad Tölz versetzt, weil ihn ein Missbrauchsopfer aufgespürt hatte. Und erst jetzt aufgrund von Recherchen der "Süddeutschen Zeitung" reagierte das Erzbistum München und suspendierte Peter H., weil er sich "nachweislich nicht an die Auflagen gehalten" habe. Das Entsetzen über die Enthüllung war groß - auch in Garching.

Jedoch nicht bei allen.

"Viele wussten von H.s Vorliebe für Kinder"

Seit SPIEGEL ONLINE über den Fall berichtet hat, haben sich in der Redaktion viele Garchinger gemeldet und geschildert, dass sie schon länger einen Verdacht gegen den Pfarrer hegten - in der Gemeinde aber jede Debatte über ihn abgetan wurde.

"Es war bekannt, dass mit dem was nicht ganz koscher ist", sagt Andrea Sorg aus Garching, die Cousine von Stefan Angerer. Nachdem sie erfuhr, dass sich Pfarrer Peter H. weigerte, auf eine sogenannte Kommunionsfahrt - ein Freizeitlager für Kommunionskinder - andere Betreuer mitzunehmen, nahm sie ihre Tochter aus der Kirche. "Ich bin davon überzeugt, dass viele von H.s Vorliebe für Kinder wussten."

Christine Unger sagt, im Bierzelt habe sich Pfarrer H. immer unter die Jugendlichen gemischt. Im Rahmen des Schülergottesdiensts habe er mittwochs Kindern des Öfteren sein Schlafzimmer gezeigt. Einmal solle er einer alleinerziehenden Mutter samt Kindern den Urlaub spendiert haben - Bedingung: Er reist mit. "Er hat Wasser gepredigt und Wein getrunken." Warum schlug sie nicht Alarm? "Ach, das sagt sich so leicht, wenn man gegen Windmühlen kämpft. Es war so frustrierend."

Gespräche besorgter Eltern mit Mitgliedern des Pfarrgemeinderats seien abgeblockt und Vorwürfe abgeschmettert worden, sagt Peter Schramm*, ein alteingesessener Garchinger. Dann habe es bloß geheißen, die alleinerziehende Frau hätte sonst keinen Urlaub machen können. Oder die Kinder sollten sehen, wie der Pfarrer so lebt - und dazu gehöre auch das Schlafzimmer. Einer Frau, die andere Eltern vor H. warnte, sei von Pfarrgemeinderatsmitgliedern mit Anzeige wegen übler Nachrede gedroht worden, sagt Schramm. "Die Frau war enttäuscht, dass so viele in Garching Augen und Ohren zugesperrt haben."

Der Pfarrgemeinderat weist alle Vorwürfe zurück

Peter H. hatte eine beeindruckende Art, das sagen alle. Seine Gottesdienste waren gut besucht wie nie, sagen Garchinger, und dass der Pfarrverband gut 5000 Mitglieder habe, sei sein Verdienst. Tatsächlich gab es im September 2008, als H. gehen musste, Tränen und Briefe an das Bistum, man möge den Mann in Garching lassen. Noch heute hängen im Gemeindehaus Fotos, die den Pfarrer inmitten seiner Messdiener zeigen.

Was sagt der Pfarrgemeinderat zu den Vorwürfen, den Mann wegen dieser Erfolge geschont zu haben? Klaus Mittermeier war 16 Jahre lang Mitglied des Gremiums, zwölf davon Vorsitzender. Ja, Gerüchte über "pädophile Neigungen" habe es gegeben, das sagt auch er. "Aber Neigungen und ein Urteil wegen mehrfachen Kindesmissbrauchs, das ist ein Riesenunterschied!"

Er habe "keine Informationen über H.s Vergangenheit" gehabt - "bis zum vergangenen Samstag, als ich es in der Zeitung las", sagt er. "Wir wussten nicht, ob es Auflagen gegen ihn gab und wer diese kontrolliert hat. Das ist ja das Fatale, dass uns keiner darüber informiert hat, dass unser Pfarrer ein vorbestrafter Pädophiler ist." Er sei "bestürzt über das Vorgehen des Ordinariats": "Damit sind auch wir missbraucht worden. Man hat über die Köpfe einer Gemeinde hinweg entschieden und mit der heimlichen Resozialisierung eines verurteilten Sexualstraftäters ein Experiment gestartet nach dem Motto: Entweder es klappt - oder nicht."

Er habe das Thema im Pfarrgemeinderat durchaus offensiv angesprochen. Aber es seien Gerüchte gewesen, keine Informationen oder konkrete Hinweise. "Bei mir hat sich in all den Jahren niemand mit verwertbaren Vorwürfen gemeldet."

"Eine ganze Gemeinde hat mitgeschwiegen und sich mitschuldig gemacht"

Ja, der Pfarrer sei "ein Charismatiker und brillanter Prediger" gewesen, der "Schwung in die Pfarrei" gebracht habe. "Aber ich hätte selbstverständlich für Aufklärung gekämpft, wenn es Anhaltspunkte gegeben hätte", sagt Mittermeier.

Der Fall Peter H. zeigt, wie schwierig die Abgrenzung zwischen üblen Gerüchten und echten Verdachtsmomenten ist, wie groß das Spannungsverhältnis zwischen dem guten Ruf eines Mannes, der Angst vor einem Rufmord und der fatalen Verschwiegenheit von Kirchenführern, die einen Verurteilten decken. Jeder in Garching zieht daraus jetzt seine eigenen Schlüsse, sortiert seine eigenen Erinnerungen an den Fall Peter H.

Michael Heinrich*, der bis 2006 in Garching lebte, will durchaus gewusst haben, dass Pfarrer H. wegen Missbrauchs an Kindern nach Garching strafversetzt wurde. Das sei auch kein Geheimnis gewesen, an der Kirche habe es Schmierereien gegeben, die darauf angespielt hätten. Einmal habe er mitbekommen, wie eine Frau den Pfarrer offensiv gefragt habe, ob er wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt worden sei. Heinrich: "Das hat er hartnäckig abgestritten."

Daniela Rettermayr*, die in Garching aufgewachsen ist, wirft der ganzen Stadt kollektive Verdrängung vor. "Wir wussten, was im Argen lag. Wir haben es aber nicht weiter verfolgt - und somit hat eine ganze Gemeinde mitgeschwiegen und sich mitschuldig gemacht." Ein beliebter Pfarrer sei offenbar wichtiger gewesen.

"Meinst nicht, dass der Trieb im Alter nachlässt?"

Das Bistum hat keine Hinweise darauf, dass Peter H. während seiner Zeit in Garching noch einmal rückfällig wurde. Für die Zeit in Bad Tölz soll eine eidesstattliche Versicherung des Pfarrers vorliegen, dass er sich an niemandem vergangen hat. Auch Andrea Sorg glaubt nicht, dass sich H. in den vergangenen 25 Jahren "mehr als Küssen" zuschulden hat kommen lassen. "Schlimm genug ist es trotzdem", sagt sie.

Garchings Bürgermeister Wolfgang Reichenwallner bleibt bei seiner Haltung: "Ich wusste von nichts. An mich wurde auch nichts herangetragen - vielleicht wegen meiner freundschaftlichen Nähe zum Pfarrer." Es wäre jedoch "verwerflich" gewesen, dass "diejenigen, die eventuell in dieser Richtung etwas mitbekommen hatten, nichts unternommen haben". Eine besorgte Mutter wirft Reichenwallner vor, er habe ihr auf eine Beschwerde über Pfarrer H. einmal gesagt: "Meinst nicht, dass der Trieb im Alter nachlässt?" Der Bürgermeister weist das von sich.

Peter H. selbst war für SPIEGEL ONLINE nicht erreichbar. Reichenwallner zufolge hat sich der Pfarrer "in diesem Fall" eine bayerische Verhaltensweise angewöhnt: Der 62-Jährige wolle die Situation "schweigend aussitzen".

Der ehemalige Pfarrgemeinderatsvorsitzende Mittermeier sieht das dagegen ganz unbayerisch. "Wenn in den zwei Jahrzehnten in Garching tatsächlich etwas vorgefallen ist, wird das ein harter Prozess - für uns alle."

* Namen von der Redaktion geändert

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