Paintball-Debatte: "Wir sind keine Verrückten"

Von Zacharias Zacharakis

Die Regierung hat den Kampf gegen Freiluft-Ballerspiele aufgenommen: Paintball soll verboten werden. Ausrüster und Spielflächenbetreiber klagen über eine völlig überzogene Maßnahme - und fürchten um ihre Existenz.

Berlin - Der kleine Farbball zerplatzt auf den Gehwegplatten wie eine faule Tomate. Orangefarbene Flüssigkeit spritzt aus der Kugel, Kaliber 68, etwa 1,7 Zentimeter Durchmesser. Robert Koplin, 33, hat einmal ausgeholt und das Geschoss mit einem kräftigen Ruck auf den Bürgersteig vor sein Geschäft geschleudert. "Bei Turnieren ist Rot nicht zugelassen", sagt der junge Mann, der im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg einen Laden für Paintball-Bedarf betreibt. "Man möchte keine Assoziationen mit dem Thema Krieg haben."

Bei "Paint-Supply" kauft ein, wer sich in einer von drei speziellen Hallen in Berlin oder auf einem Spielfeld im Brandenburger Umland mit Druckluftgewehren und Farbkugeln beschießen möchte. Paintball oder Gotcha nennt sich dieses inzwischen in Deutschland recht weit verbreitete Spiel, das die Große Koalition nun verbieten will.

Als Reaktion auf den Amoklauf in Winnenden, bei dem Tim K. 15 Menschen und sich selbst erschoss, will die Regierung das Waffenrecht verschärfen. Zur Begründung sagt etwa Unionsfraktionsvize Wolfgang Bosbach: Das Spiel mit dem Farbbällen simuliere das Töten. Paintball ist derzeit noch ab 18 Jahren erlaubt. Das Kabinett hat nun beschlossen, das Freiluft-Ballerspiel und ähnliche Varianten zu untersagen und einen Verstoß mit einer Geldbuße von bis zu 5000 Euro zu belegen.

Oppositionspolitiker und Polizeigewerkschafter halten eine solche Maßnahme allerdings für wenig sinnvoll und wirkungslos.

Robert Koplin sieht sich angesichts dieser Ankündigung in seiner Existenz bedroht. Vor einem Jahr hat er den Laden zusammen mit Freunden eröffnet. "An Sportarten wie Fechten, Boxen oder Biathlon stört sich kein Mensch", sagt er. Dabei sei das Ziel einer Paintball-Partie gerade nicht, jeden einzelnen Kontrahenten zu treffen und auszuschalten. Die drei bis sieben Spieler eines Teams versuchen eine Fahne aus der gegnerischen Hälfte des Spielfeldes zu erobern.

Den Weg zur Flagge müssen sich die Spieler dennoch freischießen - mit Druckluftgewehren, die unter Paintballern auch Markierer heißen. In den Vitrinen von Koplins Geschäft stehen unterschiedliche Modelle davon. Manche sehen realen Maschinenpistolen sehr ähnlich. "Das ist dann eher etwas für den Abenteuergedanken", sagt Koplin.

Turnierspieler greifen dagegen zu kompakteren Exemplaren. Koplin holt ein schlankes Modell aus dem Schrank und schraubt es zusammen. Am Griff sitzt der Drucklufttank. Die Farbkugeln gelangen aus einem Behälter über dem Abzug in den Lauf. "Man kann damit eine Reichweite von etwa 50 bis 60 Metern erzielen", sagt Koplin. Und mehrere Schuss in einer Sekunde abfeuern. Die Preise für die Markierer liegen zwischen 120 und 2000 Euro.

Um Verletzungen besonders im Gesicht zu vermeiden, tragen die Spieler Schutzmasken. Sie wirken wie ein Hybrid aus Skibrille und dem Kieferschutz eines Motorradhelms. Auch die Schutzhosen und Trikots in knalligen Farben muten eher wie Motorradkleidung mit leichter Polsterung an. "Wir werden oft mit irgendwelchen Nazis oder anderen Verrückten in einen Topf geworfen", sagt Koplin. Die meisten Paintballer verstünden ihr Hobby aber als einen Sport.

Als erste Kunden betreten an diesem Donnerstagmorgen die jungen Eheleute Ramona und Marco Ruth den Laden, er in Polohemd und Baseballkappe, sie in Caprihosen und mit lackierten Fingernägeln. Es fehlt nur ein Kinderwagen zum perfekten Bild einer Durchschnittsfamilie. Zusammen haben sie erst vor einem Monat ein Spielfeld für Paintball nördlich von Berlin eröffnet. "Für mich ist das einfach eine Fun-Sportart für jedermann", sagt Ramona Ruth. "Zu uns kommen auch 20 bis 30 Prozent Frauen." Neulich habe sich sogar eine Gruppe von CDU-Mitgliedern auf ihrem Gelände eingemietet.

Ehemann Marco Ruth berichtet, dass er lange um eine Genehmigung ringen musste. Den Stadträten im brandenburgischen Angermünde war die Sache nicht ganz geheuer. Das Bauamt allerdings hatte schließlich nichts an den Plänen zu beanstanden. Jetzt tummeln sich hier besonders an Wochenenden Freundeskreise, Firmengruppen und eben auch Politiker. Für 35 Euro pro Personen erhalten die Spieler Waffen und Ausrüstung.

Sollte das Paintball-Verbot der Regierung tatsächlich durchgesetzt werden, weiß Marco Ruth nicht, wie er seine Kredite zurückzahlen soll. Auch Robert Koplin hat dann ein Problem.

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Schüsse mit Farbbeuteln: Umstrittenes Paintball-Spiel