Benedikt XVI.: Kuba feiert den Papst

Von Jens Glüsing, Santiago de Cuba

Papst Benedikt XVI. hat zum Auftakt seiner Kuba-Reise eine Messe mit 200.000 Menschen gefeiert - und deren Einsatz für eine offene Gesellschaft gefordert. Staatschef Raúl Castro hörte die Worte ebenso wie zahlreiche Exil-Kubaner, die dafür allerdings große Strapazen auf sich nehmen müssen.

Nur eine Flugstunde ist Kuba von den USA entfernt, aber für Maria Luisa Través, 68, ist dieser Trip eine halbe Weltreise. Morgens um sechs hat sie am Flughafen von Miami eingecheckt, drei Stunden später landete die Boeing in Santiago de Cuba im Osten von Kuba. In der Nacht fliegt die alte Dame zurück nach Miami, am Mittwoch früh um vier steht sie wieder am Flughafen, dann geht es für einen Tag nach Havanna, in der Nacht zum Donnerstag ist sie zurück in Florida. "Wir machen vier Tage in zweien", sagt sie lachend.

Und das alles, um den deutschen Papst Benedikt XVI. in ihrer alten Heimat zu sehen. Vor 53 Jahren, kurz vor der kubanischen Revolution, war die damals 15-Jährige zusammen mit ihren Eltern vor Fidel Castros Guerillatruppe aus ihrer Heimatprovinz Matanzas im Westen von Kuba geflüchtet. Sie ließen Haus und Hof zurück. In St. Augustin in Florida bauten sie ein neues Leben auf, nie wieder betrat sie kubanischen Boden - bis heute.

Zusammen mit ein paar Freundinnen aus ihrer katholischen Gemeinde steht die zierliche Frau jetzt auf dem Platz der Revolution und wartet auf den Papst. 600 Pilger sind mit zwei Charterflügen aus den USA gekommen. Um das Wirtschaftsembargo nicht zu verletzen, dürfen die Flugzeuge nicht auf der Insel bleiben, also werden die Pilger hin und her geshuttelt. 2000 Dollar habe der Trip gekostet, sagt Través. In ihrem Hosenbund steckt eine amerikanische Flagge, in der Hand trägt sie eine Wasserflasche.

"Wie Polen vor dem Ende der kommunistischen Herrschaft"

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Papst in Kuba: Messe mit 200.000 Menschen
Um sie herum drängen sich 200.000 schwitzende Kubaner, aus allen Teilen der Inseln sind sie gekommen, viele kampieren auf dem Boden, Cola und Sandwiches in Plastiktüten dabei, nicht alle sind Katholiken. Viele sind einfach nur neugierig auf diesen deutschen Kirchenmann, der angekündigt hat, dass er den Wandel auf ihrer Insel voranbringen will.

"Kuba kommt mir vor wie Polen vor dem Ende der kommunistischen Herrschaft", sagt Través. Dort war es auch die Kirche, die beim Wandel zur Seite stand, ein Pole wurde Papst, er reiste als erster Pontifex 1998 ins kommunistische Kuba und brach das Eis zwischen Kirche und Kommunisten. An diesen historischen Besuch möchte Benedikt anknüpfen, das macht er gleich bei der Begrüßung deutlich: Die Visite seines Vorgängers habe einen "frischen Lufthauch" nach Kuba gebracht, sagt er.

Mit einer halben Stunde Verspätung ist die Alitalia-Maschine unter einem strahlend blauen Himmel in Santiago eingeschwebt. Staatschef Raúl Castro begrüßt Benedikt in schwarzem Anzug und rotem Schlips. Er spricht von den Opfern, die Kuba im Kampf gegen das Imperium im Norden gebracht habe, kritisiert das Embargo, das die Sozialisten "Blockade" nennen. Er beklagt die Folgen der Finanzkrise, die Reichen würden immer reicher und die Armen immer ärmer. Zum Schluss warnt er vor einem drohenden Atomkrieg.

Raúls Duktus ist höflich, seine Stimme klar und fest. Seine Rede ist nationalistisch, das Wort Sozialismus nimmt er nicht in den Mund, aber er erinnert an die Leistungen der Revolution: die Alphabetisierung, die Ärzteausbildung, die internationale Hilfe für arme Nationen. Seine Herrschaft stehe nicht vor dem Zusammenbruch, das macht er deutlich. Aber er sagt auch: "Wir ändern alles, was geändert werden muss."

Benedikt XVI. lauscht aufmerksam, sein Gesicht ist gerötet, er ist sichtlich erschöpft von der Reise. Die Ehrengarde marschiert im Stechschritt auf, Kanonenschüsse wummern, der Papst lässt das Spektakel regungslos über sich ergehen. Er spricht leise und mit brüchiger Stimme, jedes Wort ist genau abgewogen. Von einer "neuen Epoche in der Beziehung zwischen Kirche und Staat" schwärmt er.

Wolkenbruch während der Messe

Die Dissidenten erwähnt er nicht namentlich, aber er schließt "alle Gefangenen und ihre Angehörigen" in seine Würdigung ein. Zahlreiche Regimekritiker sind in den vergangenen Wochen kurzfristig festgenommen worden, Kundgebungen während des Papstbesuchs will die Regierung um jeden Preis verhindern.

Polizisten haben den Platz der Revolution in Santiago abgeriegelt, an jeder Straßenecke stehen Agenten der Staatssicherheit in Zivil, sie tragen Kärtchen am Revers, die sie als "Schutzbeamte" ausweisen. Waffen sind nicht zu sehen, aber die Pilger senken ihre Stimme, wenn sie an ihnen vorbeilaufen.

Gegen 18 Uhr trifft das Papamobil auf dem Platz ein, die Zuschauer recken Handys und Digitalkameras, alle wollen einen Blick auf Benedikts weißen Schopf erhaschen. Kurz bevor die Messe beginnt, stürmt ein Mann in blauem Hemd und weißen Turnschuhen Richtung Bühne, er ruft "Nieder mit dem Kommunismus!", die überraschten Polizisten reagieren mit ein paar Minuten Verspätung, dann führen sie ihn ab - so dicht war der Kordon um den Platz offenbar doch nicht.

Die Musik setzt ein, ab jetzt verläuft die Messe ohne Zwischenfälle. In seiner Predigt ruft Benedikt die kubanischen Katholiken dazu auf, "eurem Glauben neue Kraft zu geben." Sie sollen "mit den Waffen des Friedens, der Vergebung und des Verständnisses für den Aufbau einer offenen und erneuerten Gesellschaft, einer besseren, menschenwürdigeren Welt kämpfen". Er wisse, wie viel Anstrengung, Mut und Verzicht sie unter den konkreten Umständen ihres Landes brauchten.

Nach knapp einer Stunde entlädt sich ein Wolkenbruch über dem Platz, ein Helfer hält schützend einen Schirm, während der Papst Hostien verteilt. Präsident Raúl Castro, jetzt in weißer Guayabera, der Nationaltracht der Kubaner, ergreift seine Hände, deutet eine respektvolle Verbeugung an. Dann steigt der Papst ins Papamobil, bei strömendem Regen rollt er in die Nacht.

In einer Ecke des Platzes flackert ein riesiges Neon-Plakat: Es zeigt den jungen Fidel Castro nach dem Sieg der Revolution, er reckt siegreich sein Gewehr. Benedikt XVI. hatte es während der Messe im Blick. Das Wort Versöhnung habe eine zentrale Rolle in der Botschaft des Papstes, sagt sein Sprecher später vor der Presse, das sei ihm besonders wichtig.

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insgesamt 41 Beiträge
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1. "Aufbau einer offenen Gesellschaft"
manni-two 27.03.2012
davon ist der Vatikan noch Jahrhunderte entfernt, siehe Bericht über Kündigung einer Erzieherin.
2. der pabst
maki1961 27.03.2012
Zitat von sysopPapst Benedikt XVI. hat zum Auftakt seiner Kuba-Reise eine Messe mit 200.000 Menschen gefeiert - und deren Einsatz für eine offene Gesellschaft gefordert. Staatschef Raúl Castro hörte die Worte ebenso wie zahlreiche Exil-Kubaner, die dafür allerdings große Strapazen auf sich nehmen müssen. Benedikt XVI.: Kuba feiert den Papst - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,823906,00.html)
sollte sich mal in süd, und mittelamerika umsehen und schauen wem es schlechter geht. wer hat 50 jahre cuba blockiert?
3. Warum der Aufriss …
wika 27.03.2012
… würde es der Vatikan ernst meinem mit dem was da so gepredigt wird, dann wäre es sicherlich gut mal zu den Wurzeln zurückzukehren … ein Umzug beispielsweise nach Niger läge da im Bereich der vertrauensbildenden Maßnahmen, wie an dieser Stelle etwas ketzerisch beschrieben: Vatikan zieht um nach Niger (http://qpress.de/2010/10/20/vatikan-zieht-um-nach-niger/) … und ohne solche Maßnahmen bleibt es eben bei der Scheinheiligkeit und der eher traditionellen Verlogenheit. Tut mir nicht leid diesem Mann nicht mehr Ehre zu erweisen und den Hype darum verstehe ich allemal nicht … (°!°)
4. Offene Gesellschaft
hubertrudnick1 27.03.2012
Zitat von sysopPapst Benedikt XVI. hat zum Auftakt seiner Kuba-Reise eine Messe mit 200.000 Menschen gefeiert - und deren Einsatz für eine offene Gesellschaft gefordert. Staatschef Raúl Castro hörte die Worte ebenso wie zahlreiche Exil-Kubaner, die dafür allerdings große Strapazen auf sich nehmen müssen. Benedikt XVI.: Kuba feiert den Papst - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,823906,00.html)
Es ist schon sehr seltsam das gerade der Chef eine Organisation die alles unterdrückt und sich an verlogenen Dogmen festhält in fremden Ländern für eine offene Gesellschaft einsetzen will. Herr Papst kehren sie mal zu erst vor ihrere eigenen Haustür. HR
5. Grimms Märchen
diwoccs 27.03.2012
Zitat von maki1961sollte sich mal in süd, und mittelamerika umsehen und schauen wem es schlechter geht. wer hat 50 jahre cuba blockiert?
Ich lebe seit 35 Jahren in Lateinamerika und kenne es von MExico bis nach Argentinien. Die Armut in Kuba hat nichts mit dem Embargo zu tun. Kuba lebt seit 50 Jahren auf Kosten anderer: zuerst auf Kosten der alten SU, und seit Jahren - mit weitaus höheren Zahlen , auf Kosten Venezuelas. Glauben Sie auch nicht immer die Märchen der ärztl. Versorgung und der Abschaffung der Analphabeten. Das ist Medizin des vorigen Jahrhunderts , und die Zahlen sind die, die die Cubanische Regierung zur Veröffentlichung freigibt, Noch immer haben sie keine Reisefreiheit, sie werden praktisch als Sklaven verkauft oder vermietet ( siehe angebliche Ärzte aus Kuba in Venezuela ). Ich kenne in KEINEM anderen Land Süd- oder Mittelamerikas eine vergleichbare Situation. Was ist mit dem gewaltigen Privatvermögen der Castros ? saludos aus Venezuela
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